Deutscher Gewerkschaftsbund

07.12.2018

"Es fehlt der realistische Blick"

Wirtschaftliche und politische Eliten leben in einer weitgehend geschlossenen Gesellschaft. Ihr mangelnder Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit prägt wichtige Entscheidungen. Die Folgen sind Rechtspopulismus und eine gefährdete Demokratie, warnt der Darmstädter Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann in seinem neuen Buch "Die Abgehobenen".

 

Interview: Thomas Gesterkamp

Flugzeug vom Typ, den Friedrich Merz fliegt

Mit einem bescheidenen Flugzeug wie dieser DA-62 flog Friedrich Merz zu einigen der CDU-Konferenzen, um sich als Kandidat für den Vorsitz der Partei zu präsentieren. Er hält sich dennoch nur für gehobene Mittelklasse - und teilt diese Einschätzung gewiss mit vielen anderen Reichen. Diamond Aircraft

Herr Hartmann, der Politiker Friedrich Merz, Bezieher eines Jahreseinkommens von über einer Million Euro und Eigentümer von zwei Privatflugzeugen, rechnet sich zur Mittelschicht. Was sagt uns das über das Selbstbild unserer Führungskräfte?

Michael Hartmann: Politiker wollen so demonstrieren, dass sie nicht abgehoben sind. Vor allem die Vertreter der Wirtschaft bewegen sich aber durchweg in Kreisen, die sehr gut verdienen. In ihrem Umfeld ist das die Normalität. Reich sind aus ihrer Sicht erst die mit höheren dreistelligen Vermögen oder die Milliardäre. Deshalb war die Äußerung von Merz auch nicht politisch kalkuliert. Er sieht das vermutlich wirklich so.

Wer agiert in Deutschland besonders abgehoben?

Die wirtschaftliche Elite war in puncto Einkommen und Vermögen immer am weitesten vom Durchschnitt entfernt. Das hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten erheblich verstärkt. Wenn das Vorstandsmitglied eines DAX-Konzerns heute das 50- bis 70-fache dessen verdient, was seine Beschäftigten bekommen, so ist die Kluft vier- bis fünfmal so groß wie bis Mitte der 1990er-Jahre, als die Differenz "nur" das 14-fache betrug. Eine ähnliche, nicht ganz so krasse Entwicklung lässt sich bei den Geschäftsführern privater und öffentlicher Unternehmen beobachten, bei den Vorsitzenden von Ärztekammern und Krankenkassen oder bei den Intendanten und Chefredakteuren der großen Medien. Sie alle liegen mit ihren Verdiensten heute zwischen 200.000 und über einer Million Euro. Die politische Elite kommt zwar auch auf monatliche Einkommen von mindestens 10.000 Euro, liegt damit aber deutlich unter den Einkommen in der Wirtschaft.

Sie betonen immer wieder die Bedeutung der eigenen Herkunft für die  Wahrnehmung der Gesellschaft. Warum ist so wichtig?

Die Herkunft prägt den Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wissenschaftlich belegen lässt sich das durch eine Studie, die wir 2012 durchgeführt haben. Damals haben wir die Personen befragt, die die 1.000 wichtigsten Machtpositionen in Deutschland besetzen. Das Resultat war eindeutig. Die wenigen Arbeiterkinder hatten eine erheblich größere Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit als die Bürgerkinder. Je reicher und wohlhabender jemand aufgewachsen war, umso weniger empfand er soziale Ungleichheit als Problem. Am deutlichsten waren die Unterschiede, wenn es um höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen ging. Während Arbeiterkinder selbst unter den Topmanagern mehrheitlich dafür waren, waren die Elitenangehörigen, die in reichen Familien groß geworden waren, mit überwältigender Mehrheit dagegen. Vor diesem Hintergrund ist die Annahme berechtigt, dass die Zusammensetzung der politischen Elite erheblichen Einfluss hat auf das politische Handeln.

Michael Hartmann

Der renommierte Soziologe Michael Hartmann war bis 2014 Professor an der Technischen Universität Darmstadt mit den Schwerpunkten Elitesoziologie, Industrie- und Betriebssoziologie sowie Organisationssoziologie. Er steht für die These, dass Herkunft maßgeblich über den Erfolg entscheidet. Diesen Zusammen hat er schon in seiner Studie "Der Mythos von den Leistungseliten" empirisch belegt. Foto: Sven Ehlers

Auf dem Titel Ihres Buches spielt ein Mann in einer Schneekugel Golf. Wie bedeutsam sind kulturelle Codes, der richtige Habitus?

Golf spielt keine so große Rolle, nur ungefähr zehn Prozent der Spitzenmanager betreiben diesen Sport. Der Habitus ist ausschlaggebend, vor allem in der Wirtschaft, wo ein kleiner Kreis die Entscheidung trifft, ob jemand dazu gehören wird oder nicht. Im Kern geht es um Ähnlichkeit. Wenn Sie zur Elite gehören wollen, müssen Sie denen, die schon dort sitzen, vermitteln, dass Sie zu ihnen passen. Am leichtesten fällt das allen, die aus dem gleichen Milieu kommen: Wer aus einem einflussreichen Elternhaus stammt, bewegt sich ganz selbstverständlich auf diesem Parkett. Selbst wenn soziale Aufsteiger einen erstklassigen Studienabschluss haben, fehlen ihnen subtile Verhaltensmerkmale, die man kaum nachträglich erlernen kann.

Wieso gefährden abgehobene Eliten die Demokratie? Sehen Sie direkte Verbindungen zum Erstarken des Rechtspopulismus?

Der Rechtspopulismus verdankt seinen Aufschwung ganz eindeutig der neoliberalen Politik, die von den Eliten in den letzten Jahrzehnten betrieben worden ist. Sie hat ihm neue Wählerschichten erschlossen. Erst die Einkommensverluste in der unteren Hälfte der Bevölkerung bei gleichzeitig massivem Einkommenszuwachs am oberen Ende haben den Boden für seine Ausweitung bereitet. In den USA liegt das mittlere Realeinkommen heute unterhalb dessen, was schon in den 1970er Jahren erreicht worden war. In Deutschland haben die unteren 40 Prozent seit Ende der 1990er real an Einkommen verloren, das untere Zehntel um 14 Prozent. Das obere Zehntel hat in der gleichen Zeit 17 Prozent dazu gewonnen. Das schürt Wut und Angst.

Donald Trump präsentiert sich als Anwalt der einfachen Leute, ist aber selbst Milliardär. Warum funktioniert das?

Weil er sich als Gegner des Establishments präsentieren kann. Er ist unter seinesgleichen ein Außenseiter, er spricht nicht wie sie und verhält sich auch nicht so. Das macht ihn populär, obwohl seine Politik vorwiegend zugunsten der Reichen ausfällt. Das interessiert Protestwähler aber erst einmal nicht. Sie wollen den Etablierten einen Denkzettel verpassen.

Buchumschlag von Michael Hartmanns Buch "Die Abgehobenen".

Michael Hartmann: Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden. Campus Verlag, Frankfurt 2018. 280 Seiten, 19,95 Euro. Campus Verlag

Gilt Ihre Kritik an der Abgehobenheit des Führungspersonals auch für linke und linksliberale Parteien?

Für die meisten dieser Parteien gilt das ebenso. Der sozialistische Staatspräsident Hollande zum Beispiel war wie sein Nachfolger Macron ein typischer Vertreter des französischen Systems der Elitebildung. Die Mehrheit der Spitzenpolitiker unter Blair, Clinton oder Obama war bürgerlicher Herkunft und zählte zu den Wohlhabenden oder gar Reichen des Landes. Sieht man sich die SPD an, so stammen aktuell drei ihrer vier Ministerpräsidenten im Westen und drei ihrer sechs Kabinettsmitglieder im Bund aus Akademiker- oder Unternehmerfamilien. Nur der Bremer Bürgermeister kommt noch aus der Arbeiterschaft.

Was muss sich ändern? Was schlagen Sie für Lösungen vor?

Lösungen gehen nur über die Politik, wo die breite Bevölkerung noch am meisten Einfluss nehmen kann. Der Schulz-Hype Anfang 2017 hat gezeigt, wie schnell sich Menschen erreichen lassen, wenn ein wirklicher Wandel winkt. Leider hat sich das als Luftblase erwiesen und die Enttäuschung war nachher umso größer, wie der rapide Niedergang der SPD zeigt. In Großbritannien sieht man, dass eine Partei, die wie Labour ernsthaft bereit ist, das neoliberale Konzept über Bord zu werfen, relativ schnell Erfolge erzielen kann. Es bedarf nur des klaren Signals einer grundlegenden Veränderung und gleichzeitig einer massiv veränderten sozialen Rekrutierung der Spitzenpolitiker: Im Schattenkabinett von Corbyn kommt jeder zweite aus der Arbeiterklasse und nur noch ein Fünftel aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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