Deutscher Gewerkschaftsbund

08.06.2020

Mehr Unterricht verhindert soziale Spaltung

Der Ruf nach vollständiger Öffnung von Schulen und Tagesstätten ist Ausdruck von Zermürbung. Doch noch immer sind viele Fragen ungeklärt: Wessen Interessen haben Vorrang? Wer darf wann und wie oft wieder in die Schule? Warum sind Abiturprüfungen wichtiger als die künftigen Bildungschancen migrantischer Kinder?

 

Von Thomas Gesterkamp

Eine Mutter sitzt mit ihrer kleinen Tochter am Küchentisch und erklärt ihr etwas in einem Buch, das vor ihnen liegt.

So kann man sich Home-Schooling unter guten Bedinungen vorstellen. Die Mutter erklärt, ein Tablet liegt bereit, um im Netz zu recherchieren oder Kontakt mit den Lehrer*innen und Mitschüler*innen zu halten. Doch so gut ausgestattet sind keineswegs alle Haushalte. DGB/Cathy Yeulet/123rf

Berg Fidel, ein Hochhausviertel im Süden der Universitätsstadt Münster. Die Blocks aus den 1970er Jahren bewohnen vorwiegend migrantische Familien, darunter Kriegsflüchtlinge vom Balkan und aus dem Nahen Osten. Schulleiter Reinhard Stähling hat dort in den letzten Jahrzehnten ein innovatives Konzept von Inklusion entwickelt: Für ihn und sein Team schließt die "Schule für alle" neben körperlich oder geistig Behinderten auch die besondere Förderung von Roma-Kindern mit ein. Altersgemischte Lerngruppen und mehrere Lehrkräfte pro Klasse sind die Regel. Wurden zunächst nur die ersten vier Jahrgangstufen unterrichtet, startete noch unter der rotgrünen Landesregierung 2014 das Pilotprojekt "Primusschule" bis zur zehnten Klasse.

Schulen vermitteln nicht nur Bildung, sondern dienen auch der Betreuung von Kindern

Mitte März aber schlossen sich wie überall die Türen. Seither sorgt sich Stähling um die Kommunikationswege. Viele Haushalte, in denen seine Schützlinge leben, haben kein Internet, es gibt kaum Computer oder Tablets. Bleibt das omnipräsente Smartphone. Lehrkräfte chatten mit ihren Schülern per WhatsApp, doch so lässt sich nicht richtig arbeiten. Weitere Hürden sind "ständig wechselnde Telefonnummern, weil Rechnungen nicht bezahlt werden konnten". Auf ungewöhnliche Weise bemühen sich Lehrkräfte um Kontakt zu Kindern und Eltern, die oft kaum Deutsch sprechen. "Wir nutzen alle Kanäle, die uns einfallen", berichtet Sonderpädagoge Christian Möwes: "Wir rufen die Cousine an, die früher unsere Schule besucht hat, oder wir bitten einen Klassenkameraden, zur Wohnung des Schülers zu gehen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist". Wo ein halbes Dutzend Menschen auf 50 Quadratmetern zusammenleben, ist Homeschooling unmöglich. Die betroffenen Kinder, betont Möwes, seien angewiesen auf den Ganztagsunterricht. Er warnt: "Die Chancen zwischen denen, die gute und denen, die schlechte Chancen haben, gehen gerade weit auseinander."

Im Brennglas haben die vergangenen Wochen demonstriert, dass Schulen nicht nur dazu dienen, Bildungsziele zu erreichen. Wie die Kitas haben sie auch eine Betreuungsfunktion, die Voll- oder zumindest Teilzeiterwerbsarbeit beider Elternteile überhaupt erst ermöglicht. Als die öffentlichen Bildungseinrichtungen dichtmachten, sollte es wieder die gute alte Kleinfamilie richten, genauer gesagt: meist die Hausfrau. Trotz des schleichenden Abschieds vom männlichen Versorgermodell auch in Westdeutschland leisten überwiegend Mütter die Care-Arbeit. Nun sollen sie auch noch Lehrerin sein.

Die Kombination von Homeoffice und Homeschooling führt zur Überforderung. Weil die viel beschworene Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist, besteht die Gefahr eines abrupten Rückfalls in traditionelle Rollenmuster. Der Ruf nach vollständiger Öffnung von Schulen und Tagesstätten ist Ausdruck von Zermürbung, weil aus ein paar Wochen Zusatzferien ein Dauerzustand zu werden droht. Verstärkt wird die Unsicherheit durch Politiker wie Karl Lauterbach, der sich als warnender Epidemiologe profiliert und trotz SPD-Parteibuch die psychosozialen Folgen des Lockdowns ignoriert. Wenn er ankündigt, es werde ein Jahr lang keinen regulären Schulbetrieb geben, erzeugt er bei Eltern wie Kindern Hoffnungslosigkeit.

Ein Lehrer schreibt an einer Tafel und erklärt, während im Hintergrund Schüler aufmerksam zuhören.

Nicht zu ersetzen sein, wird auch künftg der klassische Schulunterricht, in dem Lehrer*innen auch die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler*innen zumindest auszugleichen versuchen. DGB/Simone M. Neumann

Kontaktverbote lassen sich im Eigenheim leichter aushalten als in einer kleinen Etagenwohnung. Fernunterricht und Homeschooling verschärfen die sozialen Gegensätze. Die Folgen von Corona benachteiligen jene, die ohnehin schon benachteiligt sind. In beengten Verhältnissen fehlt schlicht der Platz zum Erledigen der Schulaufgaben. Ausweichmöglichkeiten wie Stadtbibliotheken waren zeitweise geschlossen oder können zumindest nicht als Treffpunkt zum gemeinsamen Lernen genutzt werden.

Während des Lockdowns nimmt die Sprachkompetenz von Nicht-Muttersprachlern ab

Geräte für die digitale Kommunikation sind wenig oder gar nicht verfügbar. Meist gibt es nur Handys, Tastaturen fehlen ebenso wie eine funktionierende Mailadresse, Drucker sind die absolute Ausnahme. Die von der Bundesregierung zugesagte Förderung virtueller Bildung enthält neuerdings auch Zuschüsse von (eher mageren) 150 Euro für bedürftige Schüler*innen. Die meisten Gelder des 2019 vereinbarten Digitalpakts fließen aber erst in den kommenden Jahren, zudem liegt der Schwerpunkt auf Lernprogrammen. Das hilft vor allem Kindern, die zu Hause über Computer, WLAN und ein eigenes Zimmer verfügen.

Noch schwerer wiegt das "kulturelle Kapital", wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu genannt hat: die Bildungsressourcen der Eltern. Zwar sind Abitur oder Hochschulexamen keine Garantie für eine fachkompetente Pädagogik. Doch wenn Mama und Papa studiert haben, können sie in der Regel besser beim Lernen unterstützen als Eltern mit Hauptschulabschluss. Lehrkräfte in Problemvierteln beobachten, dass schon jetzt die Sprachkompetenz der Kinder von Geflüchteten gesunken ist, weil in den Familien kein Deutsch geredet wird.

Auf die Folgen der Schließungen für Bildungsgerechtigkeit und Qualifikationsdefizite hat zuerst eine Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hingewiesen. Sie ergab, dass nur 15 Prozent der Zwölfjährigen und  27 Prozent der 14-Jährigen aus Hartz-IV-Haushalten einen eigenen Rechner zu Hause nutzen können. Auch mit Büchern oder Software sind die Kinder sehr unterschiedlich versorgt. Studienautor Axel Plünnecke regt an, dass die Schulen Chancenbeauftragte ernennen, die sich speziell um Kinder kümmern, die während des Lockdowns zurückgefallen sind. Wer in der elterlichen Wohnung keine guten Lernmöglichkeiten habe, solle als erste/r an die Schule zurückkehren, forderte der IW-Forscher schon Mitte April.

Zahlreiche Formeln mit Kreide auf eine Schultafel gschrieben.

Gerade in fortgeschrittenen Klassen kann so manches Tafelbild aber auch verwirren. Daheim wäre das Lernen aber gewiss nicht einfacher. DGB/Ivo Schwalbe/Fllickr

Dass neoliberal orientierte Wirtschaftsverbände eher vor einer Verschärfung der gesellschaftlichen Spaltung warnen als ein sozialdemokratischer Mediziner mit Virologenblick, ist bemerkenswert. Mit dem schrittweisen “Re-Schooling” beginnt eine brisante Debatte über verteilungspolitische Fragen: Wessen Interessen haben Vorrang? Wer darf wann und wie oft wieder in die Schule? Warum sind Abiturprüfungen wichtiger als die künftigen Bildungschancen migrantischer Kinder?

Die Wissenslücken nach der Corona-Zwangspause sind "extrem elternhausabhängig"

"Neue Normalität" in Berg Fidel: Ende April kehren die "Zehner" zurück in die Primusschule. Ein Drittel (!) des Lehrkörpers fällt durch Schwangerschaft, Vorerkrankungen oder hohes Alter als Risikogruppe aus. An anderen Schulen ist die Situation teils noch extremer. "Die Abschlussklassen konnten wir räumlich und personell gerade noch stemmen", erzählt Lehrer Christian Möwes. Seit immer mehr Kinder aus dem Homeschooling zurückkommen, ist Präsenzunterricht nur noch alternierend im Schichtbetrieb möglich.

Möwes stellt nach der Zwangspause erhebliche Wissenslücken fest. Die seien "extrem elternhausabhängig": Wo es an technischer Infrastruktur und qualifizierter Begleitung gemangelt habe, gebe es besondere Defizite. Die Schüler/innen aus benachteiligten Familien brauchten jetzt "keine Fortsetzung digitaler Homeschooling-Methoden, sondern direkte Beratung". Das erfordert mehr Personal als derzeit verfügbar ist. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat auf den Lehrkräftemangel in den letzten Jahren ständig hingewiesen, derzeit aber fährt sie einen fragwürdigen Kurs. So protestierte sie in Sachsen dagegen, dass abwesende ältere Lehrkräfte künftig ein ärztliches Attest über ihre “Vorerkrankung” vorlegen sollen - zuvor waren sie auf Wunsch und ohne medizinische Prüfung freigestellt worden. In Nordrhein-Westfalen warnte die GEW gar vor einer Öffnung der Förderschulen: Ausgerechnet die Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf sollten danach weiterhin zu Hause bleiben.

Paradox, dass eine Bildungsgewerkschaft in der legitimen Sorge um die Gesundheit ihrer Mitglieder so zu jener Verschärfung der sozialen Spaltung beiträgt, die sie am Schulsystem stets kritisiert hat. Der Schwerpunkt des "Re-Schooling" sollte auf den Grundschulen und Kindern aus benachteiligten Familien liegen. Denn diese sind besonders angewiesen auf persönlichen Kontakt und ein beziehungsorientiertes Lernen - das im digitalen Fernunterricht nur begrenzt möglich ist.


Nach oben

Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten