Deutscher Gewerkschaftsbund

13.12.2013

Das Stadt- und Industriemuseum in Rüsselsheim zeigt sich in neuem Gewand

Der neugestaltete Ausstellungsabschnitt „Von der Industrialisierung bis 1945“

Industriemuseum

Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim / Frank Möllenberg

Als das Rüsselsheimer Stadt- und Industriemuseum vor fast 40 Jahren seine kompakte Schau über die Sozial-und Technikgeschichte der Opelstadt präsentierte und dabei erstmals die Arbeit und das Leben der Menschen vor Ort in den Mittelpunkt der Darstellung rückte, war dies eine viel beachtete Innovation, die die Ausstellungskonzeption und -praxis in der Welt der Technik-und Industriemuseen nachhaltig verändern und prägen sollte.

Auch im kürzlich neu eröffneten, gründlich überarbeiteten und neu gestalteten Zentralteil der Rüsselsheimer Präsentation steht der Mensch im Fokus; noch stärker als in der ursprünglichen Ausstellung wird die Transformation der zunächst ländlich-dörflichen Gesellschaft der Rhein-Main-Region zur Industriestadt an Hand von Einzelschicksalen erfahrbar gemacht. Die Auswirkungen der „großen“ Politik auf die Rüsselsheimer Stadtgesellschaft und ihre verschiedenen sozialen Gruppen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden eindringlich dokumentiert, auch hier stehen die Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitswelt der Menschen im Fokus.

Die Gliederung der Ausstellung: Vom Dorf zur Stadt und vom Handwerk zur Fabrik

Wie es in einer Ausstellung zur Rüsselsheimer Stadtgeschichte nicht anders sein kann, zeichnet der Ausstellungsparcours die Geschichte der Industrialisierung und der damit verbundenen fundamentalen Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt der Menschen nach. Der parallel dazu geführte Weg führt über die Themeninseln Konsum und Versorgung, Pendler und Verkehr, Bauen und Wohnen bis hin zur Entwicklung der städtischen Infrastruktur und bietet mannigfaltige Einblicke in das Alltagsleben der Rüsselsheimer neben und im Vorfeld der Arbeit.

Im Zentrum der Eingangsinszenierung steht ein Schattenspiel, das einen Schmied in Aktion zeigt und das die handwerklich geprägte Arbeitswelt der Rüsselsheimer Gegend in der Zeit vor der Industrialisierung veranschaulicht. Die ersten Anzeichen der Industrialisierung erreichten Rüsselsheim dann Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst in Form einer bereits 1819 gegründeten Zichorienfabrik. Der Betrieb stellte Kaffeesurrogat aus der Wurzel der Zichorie her und arbeitete bis 1925. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt jedoch bereits in erster Linie durch  die 1862 gegründete Adam Opel AG geprägt, die seit der Wende zum 20. Jahrhundert nicht nur zum mit Abstand größten Arbeitgeber der Region, sondern auch zum führenden deutschen Autohersteller aufstieg.

Industriemuseum

Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim / Frank Möllenberg

Im Takt der Maschinen

Der Weg zur Fabrik führt von den ersten Manufakturen der Stadt über die Anfänge der Nähmaschinen- und Fahrradfabrikation hin zur standardisierten Massenproduktion der Opel-Werke, in denen mit der Einführung der Fließbandfertigung im Jahr 1924 die Automobilproduktion in Deutschland revolutioniert wurde. Der Aufstieg der Firma Opel und die Wandlung ihrer Beschäftigten von zunächst noch handwerklich hochqualifizierten, standesstolzen Arbeitskräften zu einem Heer weitgehend uniformer Lohnarbeiter, die den Überblick über die Fertigung ihrer Produkte weitgehend verloren haben und deren Arbeitsleistung mehr und mehr an die Taktvorgaben der Maschinen gebunden waren, wird im Verlauf des Ausstellungsparcours sichtbar gemacht. Ein zweites Schattenspiel am Ende der Ausstellungsachse zeigt drei Arbeiter am Fließband, die Kolben um Kolben einbringen, Schraube um Schraube fixieren und einen Motorblock nach dem anderen mit immer den gleichen Bewegungen bearbeiten. Gewerkschaftliche Versuche, die Belastungen und Lebensunsicherheiten dieser neuen Arbeitswelt zu bändigen und für die Beschäftigten erträglich zu gestalten, demonstriert die Ausstellung liebevoll an der Person des langjährigen Bevollmächtigten der Mainzer Verwaltungsstelle des Deutschen Metallarbeiterverbands (Vorläufer der IG Metall), Wilhelm Piehler, deren autobiographischer Betrachtung Interessierte nach wie vor viele Informationen über die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse auch in Rüsselsheim und bei Opel entnehmen können.[1]

„Dasselbe in grün“

Das Erfolgsmodell 'Opel Laubfrosch' ließ das Unternehmen dabei zeitweilig zum größten deutschen Automobilhersteller aufsteigen. Die Anzahl der Mitarbeiter wuchs von 2.400 im Jahr 1924 auf 9.400 im Jahr 1928, als Opel mit 42.771 hergestellten Automobilen im Deutschen Reich einen Marktanteil von 27,5 Prozent erreichte. Der nur in grün erhältliche „Laubfrosch“ war dabei im Übrigen eine Kopie des Citroën 5CV, der sich von ihm fast nur in der Farbe unterschied und es ist gut möglich, dass die Redewendung „dasselbe in grün“ hierauf zurückgeht. Die Ausstellung präsentiert den grünen Laubfrosch allerdings nicht und zeigt statt dessen einen blitzblanken (blauen) Opel Torpedo, ein Objekt, das exemplarisch für die leichte Seite der Ausstellung steht, die den Besuchern nicht allein Bildung und Orientierung vermitteln möchte, sondern auch die Schaulust der Betrachter immer wieder anspricht.

Insgesamt hat das kleine Ausstellungsteam um Bärbel Maul den Ruf des Rüsselsheimer Museums als erste Adresse für all diejenigen, die sich nicht nur im Rhein-Main-Gebiet für den Wandel der Arbeitswelt interessieren, eindrucksvoll bestätigt. Gerade angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen ist eine äußerst sehenswerte Schau gelungen, die auch das mehrmalige Anschauen lohnt.

Die das Museum beheimatende frühneuzeitliche Festung, die mit ihren Spazierwegen durch Gräben und über Wälle sowie einem Café schon an sich einen Ausflug wert ist, machen den Besuch zusätzlich empfehlenswert.


Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim
Hauptmann-Scheuermann-Weg 4 (In der Festung)
65428 Rüsselsheim    

Tel.: 06142 83-2950
museum@ruesselsheim.de

Eintritt Dauerausstellung
Erwachsene 1,50 €
Kinder (ab 6 Jahren) und Jugendliche 1,00 €
Schülergruppen (bis max. 25 Pers.) 15,00 €

Führungen
Museumsführung
(zzgl. Gruppeneintritt, max. 25 Pers.) 35,00 €
Festungsführung (max. 25 Pers.) 35,00 €

Öffnungszeiten

Seit dem 12. November 2013 gelten folgende Öffnungszeiten:

Di. bis Fr. 9 – 13 Uhr
und 14 – 17 Uhr
Sa. und So. 10 – 17 Uhr
Montags geschlossen

Homepage: http://www.museum-ruesselsheim.de


[1]    Wilhelm Piehler, Aus sozialer Notzeit. Bilder aus Lebensmühe und Erkennen, geordnet und vollendet im Spätherbst eines Lebens, Mainz 1947.


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Dr. Rainer Fattmann
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