Deutscher Gewerkschaftsbund

17.09.2021

Falsche Debatte um Amerika

Geht es nach US-Präsident Joe Biden, werden sich die Vereinigten Staaten künftig mehr um ihre eigenen Angelegenheiten im Land kümmern als um die Probleme in der Welt. Was bedeutet das für die Kritiker des "Amerikanismus" und für jene, die jede Kritik an den USA als Antiamerikanismus verleumden? Ein Essay mit historischer Perspektive.

 

Von Rudolf Walther

Ein Donut liegt in einer Auslage. Darüber steht ein Schild mit der Aufschrift: Anti American Doughnut.

Schon die Rechtschreibung macht klar: Freunde Amerikas sind hier nicht zugange. DGB/AJ Leon/Flickr

Nach dem politisch wie moralisch schäbigen Rückzug der US-Truppen und ihrer Verbündeten aus dem "Krieg gegen den Terror" in Afghanistan kann man auch einen historisch belasteten Begriff beerdigen: Antiamerikanismus. Mit ihm wurde die Kritik am Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten und sowie die Motive und Ziele der Kritiker hierzulande jahrelang diffamiert. Der Begriff gehört zu den obligaten Formeln im propagandistischen Nahkampf gegen Linke seit dem Kalten Krieg. Nur einige ganz Verwegene sprechen noch heute vom "Antiamerikanismus der Linken". Der Begriff hat eine Vorgeschichte, die bis zu den Konservativen in der Weimarer Republik und in die Nazizeit zurückreicht. Allerdings war zu keiner Zeit auch nur ansatzweise klar, was mit ihm eigentlich gemeint ist.

Der Begriff Antiamerikanismus wird oft seltsam begründet

Spätestens im Kalten Kriege der 1950er- und 1960er-Jahre gelangte der Begriff ans Schwungrad der sich "westlich" drapierenden Propaganda. Was er bedeuten sollte, blieb im Nebel. Noch in der 90er-Jahren erklärte ein etwas aufgeregter Autor während des Kosovo-Krieges die These, die indianische Urbevölkerung in Nordamerika sei fast ausgerottet worden, zum „alten Topos des Antiamerikanismus“ und die Benennung von Kampfhubschraubern nach dem Stamm der Apachen als eine gelungene Form von Wiedergutmachung aus "Schuldbewusstsein gegenüber den Erschlagenen". Dagegen konnten sich Nachkommen und Überlebende nur mit dem Risiko wehren, ihre Selbstachtung aufzugeben, denn Niedertracht verdient nur stumme Verachtung.

Nachdem schon der Präsidentschaftskandidat Donald Trump am 22. Juli 2016 bekannt hatte: „Amerikanismus, nicht Globalismus wird unser Credo sein“, konnten selbst neoliberale "Westernizer" auf Antiamerikanismus umschalten, denn Trumps "Amerikanismus" war für sie bedrohlicher als Globalisierungskritik von links.

Wenn man der Geschichte des Begriffs Antiamerikanismus nachgeht, stößt man auf Ungereimtheiten und Peinlichkeiten. Eine akademische Qualifikationsarbeit behandelte auf 250 Seiten „die Entstehung des Antiamerikanismus“, ohne einen Präzisierungsversuch zu unternehmen. Nicht einmal die Existenz des Phänomens hielt der Autor für gesichert: "Ich bin mir bewusst, dass eine strenge Definition des Phänomens Antiamerikanismus auf Schwierigkeiten stoßen würde."

"Antiamerikanismus" wurde so einer Frage des Geschmacks, worauf auch die Definition im OED (Oxford English Dictionary, 1989) hindeutet: "A spirit of hostility towards Americans" (etwa "eine feindselige Stimmung gegenüber Amerikanern"). Stimmungen gibt es so viele wie Menschen und Augenblicke. Aber was hat es mit Feindseligkeit gegenüber Amerika und Amerikanern zu tun, wenn man auf eine historische Tatsache wie die Ausrottung der indianischen Urbevölkerung hinweist?

Fünf Männer stehen in dunklen Anzügen ebeneinander im Oval Office, dem Büro des US-Präsidenten: Gerald Ford, Richard Nixon, George W. Bush, Ronald Reagen, Jimmy Carter.

Diese Herren, zumindest vier der fünf, haben es vielen Menschen in Europa und anderswo meist schwer gemacht, die US-Politik zu unterstützen. DGB/Beverly & Pack/Flickr

Maßgebliche Nachschlagewerke enthalten keinen Artikel „Antiamerikanismus“ oder begnügen dich mit einem lapidaren Satz wie der OED oder „Brockhaus. Die Enzyklopädie“ (1996). Der politischen Leitartikel-Liturgie blieb so viel Platz für Improvisationen. Wer in Europa seinerzeit das geplante TTIP-Abkommen ablehnte, das gar nicht zu Trumps Vorstellungen von „Amerikanismus“ passte, huldigte für hiesige Kommentatoren dem „Antiamerikanismus“, wie Majid Sattar in der FAZ vom 20.7.2016 und Eric Gujer in der NZZ vom 23.10.2015 unisono orakelten.

Kritik an der Politik der USA und an Amerika wird vermengt

Als Politik noch im "Begriffebesetzen" (Peter Glotz) bestand, bekamen Linke die Schelle "Antiamerikaner" umgehängt. Da PR-Agenturen im Planen begriffsgestützter Kampagnen agiler operierten, kam man vom Begriffebesetzen bald wieder ab. Dazu trug die Kampagne der CDU bei, die daneben ging. Mit dürftiger Rabulistik wollte Heiner Geißler in der Nach- und Aufrüstungsdebatte in den 80er-Jahren der Öffentlichkeit weismachen, Pazifisten seien schuld an Auschwitz, denn mit der militärischen Schwächung hätten sie den Aufstieg der Nazis begünstigt.

Für den Politikwissenschaftler Dan Diner ist "Antiamerikanismus der projektive Anwurf an die USA, für die Übel aller Welt ursächlich zu sein". Wer behauptet derlei außer Ultrarechte und Verschwörungstheoretiker oder einige daherredende Friedensschwärmer, denen die Differenz zwischen der Kritik an der Politik der USA und an Amerika schlicht entgangen ist? War Nietzsche wegen kerniger Sätzen über Amerika ("Es ist eine indianerhafte, dem Indianer-Blute eigentümliche Wildheit in der Art, wie Amerikaner nach Gold trachten") im gleichen Sinne ein "Antiamerikaner" wie deutschnationale und nationalsozialistische Propagandisten, die "Amerikanisierung" in den 1920er-Jahren als "Verjudung" oder "Vernegerung" denunzierten?

Anhand der im Kontext der Kriege in Ex-Jugoslawien entstandenen Bücher von Dan Diner ("Verkehrte Welt", 1993 und "Das Jahrhundert verstehen", 1999) kann man zeigen, wie der leeren Propagandaformel Antiamerikanismus durch sozialpsychologische Spekulationen nachträglich beliebige Inhalte nachgesagt und Motive untergeschoben werden. Die gegen den Vietnamkrieg Protestierenden waren Diner zufolge antiamerikanisch orientiert. Im Nachhinein stellte er die Ferndiagnose, "die in Vietnam erkannten Verbrechen" hätten sich in den Köpfen und Seelen (!) der studentischen Demonstranten Ende der 60er-Jahre "mit den von den eigenen Vätern" im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen verwoben.

Die Freiheitsstatue in New York vor der Skyline der Stadt.

Amerika war auch bei vielen Kritikern immer ein Land, das die Ideale der Demokratie verkörpert, und wurde auch gerade deshalb so scharf kritisiert. DGB/bendelf/123rf.com

Das Argument läuft in zwei Richtungen: Da die Väter und Großväter gegen die Nazis nichts unternommen hätten, wollten deren Kinder und Enkel den Makel "generationsverschoben" kompensieren – jetzt gegen die USA. Die zweite Variante: Kinder und Enkel kämpfen wie Väter und Großväter gegen Amerika – jetzt als verblendete Demonstranten, früher als von Hitler verführte Soldatenknechte. Diners Spekulationen über den „generationsverschobenen“ Protest funktioniert wie eine Doppelmühle beim Brettspiel: Anti-Vietnam-Protest ist in jedem Fall "Antiamerikanismus" – entweder als Kompensation für das Nichtstun der Väter oder als Kopie des Handelns der Väter. So entsteht apartes "Wissen", das auf fragwürdigen Konstruktionen wie der eines "kollektiven Unbewussten" beruht, das "generationsverschoben" agiert.

Küchenpsychologie dient gern als Mittel um eine antiamerikanische Mentalität festzustellen

Die Springer-Autoren Richard Herzinger und Hannes Stein ("Endzeitpropheten oder die Offensive der Antiwestler", 1995) wählten einen anderen Weg, um küchenpsychologische Spekulationen über zeitverschobene Motivations- und Mentalitätsstrukturen zu vermeiden. Die beiden Autoren betrachten als "Antiamerikaner", wer "den Westen" kritisiert. Was "der Westen" ist, klären sie mit einem Vergleich: "Wie im Zentrum des jüdischen Monotheismus ein unnennbarer, körperloser und völlig abstrakter Gott steht, ... so klafft auch im Innern der liberalen Demokratie eine Leerstelle. Niemand kann sagen, was den Kern des Westens ausmacht, denn er hat keinen Kern. Genau aus diesem Grund ist der westliche Lebensstil so universal tauglich."

Ist "der Westen schon einmal mit Gott ebenbürtig und gleichursprünglich, fällt der nächste Schritt leichter: Gott ist unfassbar, aber allmächtig. Auch der Westen ist unfassbar, aber noch nicht ganz allmächtig, dafür hat er immerhin schon "verbindliche Werte". Diese sind freilich "nicht inhaltlich bestimmbar" – genau wie die Erwägungen Gottes. Um diese "westlichen Werte", die zwar keiner Analyse zugänglich sind, doch zu fassen, wagen die Autoren den ultimativen Salto mortale aus dieser Welt in jene des Glaubens, in der Gründe und Begründungen verdampfen: Deshalb nennen sie die "westlichen Werte" schlicht "neutrale Werte".

Nun ist jeder denkbare Wert durch die Beziehung bestimmt, die zwischen einem Gegenstand und einem Maßstab, den ein wertender Mensch anlegt, hergestellt wird. Ein "neutraler Wert" ist entweder kein Wert, weil diese wertende Beziehung gar nicht hergestellt wird, oder der neutrale Wert ist glatter Unsinn, weil gewertet wird, auch wenn etwas als neutral gelten soll. In diesem Sinne ist Neutralität kein neutraler Wert.

"Amerikanismus" wurde jedoch immer und überall gleichzeitig an den Pranger gestellt und bejubelt. Meistens formierte sich die Kritik am "Amerikanismus" in Europa auf konservativer, das Lob dagegen auf liberaler und linker Seite. Das gilt für die USA umgekehrt. Der eher linke, schwarze Agitator Malcolm X fühlte sich als "Opfer des Amerikanismus", und auf der andern Seite weigerte sich das „Comittee on Un-American Activities“ unter dem Berufsantikommunisten Joseph McCarthy zwischen 1950 und 1954 beharrlich zu bestimmen, was "unamerikanisch" oder "amerikanisch" bedeutet. Fazit: Antiamerikanismus und Amerikanismus sind für analytische Zwecke, die weiter reichen als das banale ideologische Zurechnungsgeschäft im politischen Handgemenge ebenso untauglich wie die denunziatorisch beliebig verwendbare Parole "politische Korrektheit".


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Kurzprofil

Rudolf Walther
ist Historiker und hat als Redakteur wie Autor des Lexikons "Geschichtliche Grundbegriffe" gearbeitet. Seit 1994 ist er als freier Autor und Publizist tätig.
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