Deutscher Gewerkschaftsbund

12.11.2018

Die Schulden der anderen

Deutschlands Wirtschaftsexporte steigen und steigen, der Staatshaushalt ist ausgeglichen. Das erscheint so vorbildlich, dass deutsche Politiker diese Erfolge ihren KollegInnen in anderen Ländern immer wieder gern unter die Nase reiben. Das ist nicht nur eitel, sondern übersieht die globalen Zusammenhänge auf fatale Weise. Ein Blick auf die neuesten Daten macht das deutlich.

 

Von Stephan Kaufmann

VW Käfer und ein VW Bus in Grün stehen in der Halle.

Deutsche Autos sind seit den Zeiten von VW Käfer und Bulli Exportschlager. "Kraftwagen und Kraftwagenteile machen 20 Prozent der deutschen Exporte aus" (Bundesamt für Statistik). Colourbox.de

Deutsche Politiker sind enorm stolz auf die hiesigen Exportüberschüsse und den ausgeglichenen Staatshaushalt – und empfehlen anderen Regierungen, dem deutschen Beispiel zu folgen, also Schulden abzubauen und mehr zu exportieren. Dabei wird gern übersehen, dass deutsche "Stabilität" und ausländische Defizite zusammenhängen. Auch Deutschland lebt von Schulden – denen der anderen. Das machen die neuen Exportzahlen wieder deutlich.

Die einen verkaufen, die anderen machen Schulden. Und am Ende gewinnen...

Die deutsche Wirtschaft – insbesondere die Industrie – ist auf den Verkauf ans Ausland angewiesen. 47 Prozent der hier zu Lande produzierten Güter werden exportiert. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren waren es nur 27 Prozent. Die deutschen Unternehmen leben also wesentlich von der ausländischen Nachfrage. Und davon leben sie gut: Vergangenes Jahr betrug das Ausfuhrvolumen fast 1.300 Milliarden Euro, das waren 800 Milliarden mehr als 1998.

Der Erfolg der hiesigen Wirtschaft steht und fällt daher mit der Konjunktur jenseits der deutschen Grenzen. Gleichzeitig klagen Ökonomen und Politiker hier zu Lande gern über die unsolide Haushaltsführung anderer Regierungen. Allerdings zeigt ein Blick auf die diesjährigen Exportzahlen: Die größten Abnehmer deutscher Güter sind im Wesentlichen jene Länder, die durch höhere Verschuldung ihre Konjunktur anheizen – und damit die Nachfrage nach deutschen Maschinen und Autos hoch halten.

AEG-Turbinenhalle von oben

Innovativ ist die deutsche Industrie schon seit langem. Hier ist die berühmte AEG-Turbinenhalle in Berlin-Moabit zu sehen, die der Architekt Peter Behrens entworfen hat. apfelauge/Flickr/Public Domain

Beispiel USA: Die Vereinigten Staaten sind Deutschlands bester Kunde. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres importierten sie deutsche Güter über 85 Milliarden Euro. Die US-Konjunktur läuft gut, vor allem dank der kräftigen Steuersenkungen der Trump-Regierung. Das aber  bedeutet: Der amerikanische Boom basiert auf Pump. Die Einnahmeverluste auf Grund der Steuersenkung führen  dieses Fiskaljahr zu einer Neuverschuldung von 780 Milliarden Dollar, das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr.  Bis 2028 kommen voraussichtlich zusätzliche Schulden über 2 Billionen Dollar zusammen.

Ökonomen warnen vor Chinas dramatischer Verschuldung

Beispiel China: Die Volksrepublik ist Deutschland drittbester Kunde mit Importen über bislang knapp 70 Milliarden. Um das Wirtschaftswachstum über sechs Prozent zu halten, erlässt Peking den Unternehmen Steuern und gibt ihnen freihändig Kredite über staatliche Banken. Diese Politik hat die Verschuldung des Privatsektors in den vergangenen acht Jahren um einen Betrag erhöht, der dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes entspricht. Die Warnung vor einer chinesischen Schuldenkrise gehört zu den Dauerbrennern an den Finanzmärkten.

Beispiel Frankreich: Die Staatsschuldenquote von Deutschlands zweitbestem Kunden ist in den vergangenen Jahren auf fast 100 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen, was das Land ins Visier der EU-Kommission gerückt hat. Um Steuersenkungen zu finanzieren, wird das Haushaltsdefizit nächstes Jahr wieder auf drei Prozent des BIP steigen. An sechster Stelle der deutschen Exportmärkte rangiert das hochverschuldete Italien, das die EU-Kommission derzeit zu verschärften Sparanstrengungen zwingen will.

Grafik von Yuan-Geldscheine, die in der Luft schweben.

Chinas Geldpolitik hat die Verschuldung des Privatsektors in den vergangenen acht Jahren um einen Betrag erhöht, der dem Bruttoinlandsprodukt des Landes entspricht. DGB/doozydo/123rf.com

In den Niederlanden – Exportmarkt Nummer vier – ist die Staatsverschuldung zwar relativ niedrig, die Verschuldung der Privaten allerdings so hoch wie in fast keinem anderen Industrieland. Und in die wegen ihrer prekären Finanzlage „Fragile Five“ genannte Gruppe von fünf "zerbrechlichen" Schwellenländer (Türkei, Indien, Indonesien, Brasilien, Südafrika) gingen dieses Jahr bislang immerhin deutsche Exporte über 33 Milliarden und damit so viel wie nach Spanien, dessen Neuverschuldung 2019  die EU ebenfalls unter besonderer Beobachtung hat.

Der Erfolg der deutschen Wirtschaft hängt somit erstens stark an ausländischer Verschuldung. Wenn all diese Länder hart sparen würden, sähe es die hiesige Konjunktur alt aus. Zweitens zeigen sowohl der anstehende EU-Austritt Großbritanniens (Deutschlands fünftbester Exportkunde) wie auch der US-Handelskrieg die Risiken einer Wachstumsstrategie, die auf ausländische Nachfrage angewiesen ist – also auf die Bereitschaft, sich laufend bei Deutschland neu zu verschulden. Der deutsche Exportüberschuss (Ausfuhren minus Einfuhren) wird sich dieses Jahr auf rund 265 Milliarden Euro belaufen – und dies entspricht in etwa dem Betrag, den sich das Ausland jährlich von Deutschland leiht, um seinen Exportüberschuss abzunehmen. Zum Vergleich: 1998 betrug dieser Überschuss lediglich 65 Milliarden Euro.

Es ist albern, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu bezweifeln

Angesichts dieser Exporterfolge ist es albern, über eine Schwäche von Deutschlands internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu klagen oder darüber, dass das Ausland so unsolide wirtschaftet, während hier zu Lande alles richtig gemacht wird. Über eine derartige Ignoranz  machte sich bereits vor 160 Jahren Karl Marx in der New York Daily Tribune lustig. Damals beschwerten sich britische Ökonomen über die Krise auf ihrem Exportmarkt USA: "Man sagte, der englische Handel wäre gesund, aber – o weh! - seine Kunden und vor allem die Yankees wären ungesund. Der gesunde Zustand eines Handels, dessen Gesundheit nur auf einer Seite existiert – das ist ein Gedanke, der eines britischen Ökonomen würdig ist."


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Kurzprofil

Stephan Kaufmann
ist Wirtschaftsjournalist und Sachbuchautor. Er arbeitete lange Jahre als Wirtschaftsredakteur für die Berliner Zeitung.
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