Deutscher Gewerkschaftsbund

27.02.2019

Ein Kampf gegen den vermeidbaren Tod

Schutzimpfungen sind die kostengünstigste Methode in der Gesundheitsvorsorge. Das ist weithin bekannt. Dennoch stagniert die Impfquote weltweit. Das hat auch soziale Ursachen, die wir bekämpfen müssen, um den unnötigen Tod von Millionen Menschen zu verhindern.

 

Von Radhika Batra

Eine Ärztin impft ein Kind

Eine Impfung kann Leben retten. DGB/choreograph/123rf.com

Als ich kürzlich als Ärztin in der Notaufnahme arbeitete, wurde dort ein vierjähriges Mädchen eingeliefert. Sie krümmte sich vor Schmerzen und ihr Körper wand sich in Krämpfen. Mein Team und ich aktivierten schnell das Krampfprotokoll, befestigten den intravenösen Tropf und gaben ihr alle nötigen Medikamente. Und dann führten wir einen Test durch: Ich blies sie mit Luft an, und sie brach vor Schmerzen zusammen. Ich bot ihr Wasser an, und ihre Qual verschlimmerte sich noch. Die Diagnose war klar: Sie hatte Tollwut – und es war zu spät, um sie noch zu retten.

Die Familie des Mädchens wusste, dass sie von einem Hund gebissen worden war. Sie hatten aber gehört, die Krankheit könne durch traditionelle Kräuter geheilt werden, also hatten sie ihr Kind nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht. Nach weniger als einem Tag bei uns starb das Mädchen. Wäre sie von ihren Eltern direkt ins Krankenhaus gebracht worden, hätten wir ihr das Gegenmittel und eine Impfung gegen Tollwut geben können – und sie wäre noch am Leben. Die qualvollen Schreie ihrer trauernden Mutter hallen in meiner Erinnerung immer noch wider.

Bessere Immunisierung könnte 1,5 Millionen Leben im Jahr retten

Als Ärztin für Kinderheilkunde ist mir der Tod nicht fremd. Aber zu sehen, wie ein unschuldiges Kind an einer Krankheit stirbt, die so leicht vermeidbar gewesen wäre, belastet mich zutiefst. Denn das kleine Mädchen, das ich an diesem Tag sterben sah, ist bei weitem kein Einzelfall.

Trotz erheblicher Fortschritte bei der weltweiten Verbreitung der Immunisierung berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Impfquote in den letzten Jahren bei etwa 85 Prozent stagniert. Laut Unicef erhielten 2017 fast 20 Millionen Kinder bis zum Alter von einem Jahr nicht die drei empfohlenen Dosen von DPT (des Impfstoffs gegen Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus), und fast 21 Millionen bekamen noch nicht einmal eine einzige Impfung gegen Masern. Die WHO schätzt, mit einer Verbesserung der weltweiten Immunisierungsquote könnten jährlich 1,5 Millionen Todesfälle verhindert werden.

Indische Kinder auf dem Schulweg, einer schiebt ein Fahrrad.

Kinder werden nicht nur in Ländern wie Indien oft nicht geimpft, weil die Eltern uninformiert sind oder es sich nicht leisten können. DGB/Aliaksandr Mazurkevich/123rf.com

Darüber hinaus gab es in der Vergangenheit erhebliche Mängel bei der Versorgung mit Vitamin-A-Ergänzungsmitteln – einer wichtigen Komponente des Immunisierungsprotokolls, die oft gemeinsam mit den Routineimpfungen verabreicht wird. Dies hat dazu geführt, dass 1,4 Millionen Menschen erblindeten – davon 75 Prozent in Asien und Afrika.

Die Entwicklung in Indien, meinem Land, entspricht genau diesem globalen Muster. Indien verfügt über ein starkes Gesundheitssystem. Und 1985 führte die Regierung einen universellen Immunisierungsplan ein – ein hoch gelobtes Programm, das darauf abzielt, mindestens 85 Prozent Abdeckung zu erreichen. Laut Unicef stagniert der nationale Immunisierungsdurchschnitt in Indien aber bei lediglich 62 Prozent, und in den letzten Jahren wurden kaum Fortschritte gemacht. In Indien gibt es mehr nichtimmunisierte Kinder – 7,4 Millionen – als in jedem anderen Land.

Eine niedrige Impfquote spiegelt auch die soziale Benachteiligung

Wie es so oft der Fall ist, spiegelt die Immunisierungsquote tiefe Ungleichheiten wider. Kinder im ländlichen Raum haben eine geringere Chance, vollständig geimpft zu werden, als solche in den Städten. Mädchen werden seltener geimpft als Jungen, und arme Kinder viel seltener als reichere.

Das Krankenhaus, in dem ich arbeite, liegt in den Slums der indischen Stadt Ghaziabad, wo viele Migranten leben, die auf der Suche nach Arbeit ihre Dörfer verlassen haben. Die Bedingungen sind schwierig: Überbevölkerung, schlechte hygienische Verhältnisse sowie eine mangelnde und unzuverlässige Wasserversorgung untergraben die Gesundheit aller Bewohner – und besonders die der Kinder. Auch Drogenmissbrauch ist weit verbreitet.

Forscher mit Mundschutz und Schutzbrille arbeitet mit Reagenzgläsern in einem Labor.

Bei Impfstoffen haben Forscher große Fortschritte gemacht. So gibt es neue Schutzstoffe gegen das Dengue-Fieber und den Impfstoff gegen Malaria für Kinder.
DGB/Anawat Sudchanham/123rf.com

In vielen Fällen müssen beide Elternteile lange Tage arbeiten, um über die Runden zu kommen. Sie haben nicht genug Geld für gesundes und abwechslungsreiches Essen, und ihre Kinder müssen sich oft von Reis der niedrigsten Qualität ernähren. Dabei überrascht es auch nicht, dass sie kaum Zeit oder Ressourcen haben, um sich regelmäßig um die Gesundheitsbedürfnisse ihrer Kinder zu kümmern, wozu auch Impfungen gehören.

Diese Ungerechtigkeit ist untragbar. Dass Kinder krank und behindert werden oder allzu häufig an vermeidbaren Ursachen sterben, gehört zu den beschämenden Übeln der Menschheit – insbesondere wenn man berücksichtigt, dass laut WHO keine andere gesundheitliche Vorbeugemaßnahme so kosteneffektiv ist wie die Immunisierung.

Regierung und Zivilgesellschaft zusammen müssen Impfungen fördern

Die Verbesserung der Impfquoten ist zweifellos eine Herausforderung. Doch es gibt keine Entschuldigung dafür, dass wir bei den kostengünstigen, skalierbaren und nachhaltigen Lösungen in diesem Bereich keine Fortschritte machen. Um zentral organisierte Immunisierungsprogramme in die Häuser der Unterprivilegierten zu bringen, müssen Regierungen und Zivilgesellschaft zusammenwirken. Dabei müssen Barrieren für die Impfungen überwunden werden, die von mangelnder Aufklärung bis hin zu finanzieller Selbstbeteiligung reichen.

Wäre das vierjährige Mädchen gegen Tollwut geimpft worden, hätte sie überleben, zur Schule gehen, Freundschaften schließen, sich verlieben, Liebeskummer haben und sich erneut verlieben können. Vielleicht hätte sie sich sogar dafür entschieden, Medizin zu studieren und wie ich Ärztin zu werden. Stattdessen ist sie, die kaum gelebt hat, qualvoll gestorben.

Den bestehenden Lücken bei der Impfversorgung müssen wir regelrecht den Krieg erklären. Wenn wir diesen Kampf nicht führen, werden weiterhin Kinder leiden und sterben – und am Boden zerstörte Mütter werden weiterhin um sie weinen. Dies sind Schicksale, vor denen wir nicht länger die Augen verschließen dürfen.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate


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Kurzprofil

Radhika Batra
Radhika Batra arbeitet als Ärztin in den Slums der indischen Stadt Ghaziabad. Sie hat die Organisation "Every Infant matters" gegründet.
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