Deutscher Gewerkschaftsbund

04.04.2014

Der Massenmörder und seine Parallelwelt

Über: Åsne Seierstad: Einer von uns. Eine Erzählung über Norwegen. Original: En av oss. En fortelling om Norge, Kagge forlag, Oslo 2013, 533 Seiten

„Nach dem ersten Schuss wurde alles leichter. Nur der erste Schuss kostete Überwindung.“ Es sind makabre Gedanken von Anders Behring Breivik, aufgefangen und wiedergegeben im ersten Kapitel des Buches „En av oss“ der norwegischen Journalistin und Erfolgsautorin Åsne Seierstad. Sie schreibt das Porträt eines Massenmörders, der immer wieder schießt - gnadenlos und ohne Empathie. Er trifft und tötet. Schauplatz seines Massakers im Juli 2011 ist das Sommerlager des sozialdemokratischen Jugendverbandes AUF (Arbeidernes Ungdomsfylking) auf der Insel Utøya im Tyrifjord. Er tötet dort innerhalb kurzer Zeit 69 Menschen. Es ist der dramatische Schlussakt einer lange geplanten Tat. Zum Auftakt gehört eine Autobombe, die zuvor im Osloer Regierungsviertel acht Menschen das Leben kostet und eine Vielzahl weiterer Personen verletzt.

Schonungslos, im Stil einer Kriegsreportage, führt die Autorin ihre Leser an die Brutalität des Täters heran. Viele blutige Details sind genauso schwer auszuhalten, wie die verquere politische Motivation Breiviks. Es ist aber auch ein Buch über Veränderungen der norwegischen Gesellschaft und den psycho-sozialen Hintergrund eines Massenmörders. Åsne Seierstads Ansatz ist breit gefächert. Durch Lebensbeschreibungen einiger Opfer gehört „En av oss“ zur notwendigen Trauer- und Gedenkkultur.

Für den Täter lief alles nach Plan. Für die Behörden nicht. Zur Analyse des schwersten Verbrechens der norwegischen Nachkriegsgeschichte gehören fatale Fehler in der Fahndung. Sie bloßzulegen ist mit Sicherheit Salz auf die Wunden Überlebender und den Familien der Toten. Sie schmerzen.

Anatomie eines Massenmörders

Das absolut Böse gab es zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Unter den Tätern befinden sich diktatorische Machthaber genauso wie „normale“ Bürger, die unter bestimmten Voraussetzungen zu brutalen Rechtsbrechern mutieren. Die Verbrechen der Nazis gegen unsere zivilisatorischen Grundwerte gehören genauso dazu wie das 9/11-Attentat von Al Qaida. Und jedes Mal lautet die bohrende Frage: Warum? Natürlich sind die Fakten breit interpretierbar, aber einfache Antworten gibt es selten.

Nun hat sich Åsne Seierstad mit Hilfe umfangreicher Recherchen auf die Suche bei Anders Behring Breivik gemacht. Sie hat Mosaiksteine gefunden, deren Zusammenwirken zu einer brisanten mentalen Mischung heranreifte, die der Täter selbst zur Explosion brachte. Die Autorin liefert uns ein Bild von schwierigsten Familienverhältnissen. Die Mutter Wenche Behring Breivik ist alleinerziehend mit zwei Kindern aus zwei geschiedenen Ehen. Als Mutter, insbesondere für den jungen Anders, ist sie überfordert. Mehrfach sucht sie freiwillig oder nach Anzeigen von Nachbarn, Hilfe bei der Familien- und Kinderfürsorge. Aktenvermerke über den vierjährigen Jungen lauteten „Aggressiv auf infame Weise“. Die Mutter beschrieben Mitarbeiter als „Verwirrt und gehetzt“. Versuche, ihr die Erziehungsverantwortung zu entziehen, scheitern.

Die Rolle des Vaters, Jens Breivik, ist ebenfalls zweifelhaft. Als Diplomat arbeitet er u.a. in London. Anerkennung, die Anders zeitweilig bei ihm sucht, bekommt er nicht. Als sein Sohn fünfzehn Jahre alt ist, bricht der Vater den Kontakt ab. Als Jugendlicher sucht Anders neue Herausforderungen und taucht in die Graffiti-Szene Oslos ein. Er will Aufsteigen, gesehen werden und zu den „Kings“ der Sprayer gehören. Ohne Erfolg. Die Insider verachten und mobben ihn als „wannabe“.

In den 80er und 90er Jahren stiegen in Norwegen die Zahlen der Asylbewerber und Arbeitskraftmigranten. Insbesondere Pakistaner prägten das multikulturelle Milieu in einigen Stadtteilen Oslos. Als junger Erwachsener mit achtzehn Jahren erfindet sich Anders Behring Breivik neu: weg von der Straße und den „coolen“ Sprayern hin zur rechtsradikalen und ausländerfeindlichen „Fremskrittspartiet“ (Fortschrittspartei). Er wird stellvertretender Vorsitzender des Jugendverbandes Oslo-West. Die angestrebte Parteikarriere bleibt ihm verschlossen. „Er ist ehrgeizig aber irgendwie vollständig leer“, zitiert Åsne Seierstad einen ehemaligen Parteifreund Breiviks. Es ist eine gefährliche Leere. Er wird erneut abgelehnt und füllt die Leere mehr und mehr mit islamophoben Inhalten. Er wendet sich von der Gesellschaft ab und kommt zu seiner persönlichen „Einsicht“, dass sie auf demokratischem Weg nicht zu verändern sei. Seinen Hass fokussiert er insbesondere auf die „Arbeiderpartiet“. Deren vorderste Repräsentanten wie z.B. Gro Harlem Brundtland hätten die „muslimische Okkupation“ Norwegens zugelassen.

Der abgebrochene Gymnasiast Breivik sucht berufliche und materielle Erfolge. Nach erfolgreichen Aktienspekulationen gründet er eine dubiose Firma, die mit dem Verkauf falscher akademischer Titel zunächst erfolgreich ist. Aus Angst vor einer Entdeckung durch die Behörden gibt er sie jedoch auf. Wieder sieht er sich in einer Sackgasse. Um Kosten zu sparen, zieht er mit 27Jahren zurück in die Wohnung der Mutter Wenche. Dort beginnt das letzte Kapitel seiner Wandlungen. Er isoliert sich sozial und gleitet in die virtuelle Szene brutaler Internetspiele. Endlich hat er Erfolge! Als „Anders Nordic“ avanciert Breivik zu den Führern bei „World of Warcraft“. Irgendwann nach dem Sommer 2004 beginnt eine verstärkte Phase politischer Selbstindoktrination. Er besucht häufiger rassistische Webseiten wie „Gates of Vienna“, „Stormfront“ oder „Jihad Watch“. Auch dort geht es um „Krieg“. Die Botschaften sind simpel und eindeutig: es gilt den Einfluss des Islams in Europa zu zerstören. „Wir gegen die Eindringlinge“, lautet die Parole, mit der sich Breivik selbst infiziert.

Er diskutiert aktiv in islamfeindlichen Foren und sucht sich Versatzstücke für sein späteres sog. Manifest. Die höchste Wertschätzung genießt bei ihm der rechtsextreme norwegische Blogger „Fjordman“. Nur in einer entscheidenden Frage geht Breivik auf Distanz zu seinem Vorbild. Trotz Ermahnungen schwieg „Fjordman“ über die Strategie der „Deportation“ von Migranten. „Wenn diese Autoren zu viel Angst haben, eine konservative Revolution und bewaffneten Widerstand zu starten, müssen andere es machen“, schreibt er hierzu unter dem Pseudonym Berwick. Vermutlich war das sein psychologischer Dammbruch. Er fühlt sich nun berufen ein Signal zu setzen. Anders Behring Breivik mietet einen kleinen Hof außerhalb Oslos und beginnt mit Hilfe von Ersparnissen und Krediten die Vorbereitungen für das Attentat.

Viljar, Bano, Lara, Simon und viele andere…

Åsne Seierstads Analyse besticht durch den gekonnten Umgang mit Kontrasten. Man liest über die dunklen Abgründe eines Mannes, der ein inhumanes Wertesystem entwickelt. Dann präsentiert sie hoffnungsvolle Jugendliche, die bereits früh soziale Verantwortung übernehmen und gelernt haben, dass gesellschaftliche Konflikte durch Debatten und demokratische Prozesse gelöst werden müssen. Sie strahlen hell durch ihre Lebensfreude. Gerade dadurch entfalten sich Gefühle der Bitterkeit beim Leser, denn ein Happy End kann die Autorin nicht bieten. Da sind zum Beispiel Mustafa und Bayan Rashid. Das Paar flieht 1999 mit ihrer kleinen Tochter Bano vor Saddam Husseins Giftgas und den Überfällen der irakischen Armee. Die Familie erhält Asyl in Norwegen. Sie lernen die Sprache, bekommen nach anfänglichen Schwierigkeiten auch einen Arbeitsplatz. Die zweite Tochter Lara wird geboren. Dann erhalten sie die norwegische Staatsbürgerschaft. Beide Mädchen engagieren sich gesellschaftspolitisch im AUF. Åsne Seierstad berichtet insbesondere über Banos Engagement in der Integrationsdebatte und im Kampf für die Rechte von Frauen. Zu den islamophoben Vorurteilen eines Breivik hätte sie nicht gepasst. Die Schrecken in Kurdistan lagen weit zurück. Als auch das nahe Utøya zum Symbol des Grauens wurde, gehört die fast erwachsene Bano zu den Opfern. Ausführlich schildert die Autorin auch Episoden und Entwicklungslinien aus dem kurzen Leben von Viljar, Simon und anderen. Was alle vereint ist die frühe Bereitschaft zur Mitverantwortung am politischen Geschehen. Auf den Spuren von Gro Harlem Brundtland und Jens Stoltenberg wollen sie die Gesellschaft mitgestalten. Und genau das machte diese Jugendlichen zu erklärten Feinden eines Anders Behring Breivik. Während die jungen Menschen heiße Debatten führten, mischte er Dünger und Chemikalien zu einer Autobombe und trainierte mörderische Zielsicherheit im Osloer Pistolenclub.

Fehler, die Leben kosten

Die Statistik von Utøya ist unfassbar grausam. Sie besagt, dass Breivik innerhalb von 75 Minuten 69 Menschen tötete. Seine Opfer sind im Alter von 14 bis 51. 32 Menschen von ihnen sind unter 18 Jahre. Folgt man den Recherchen von Åsne Seierstad, sind auch fatale Fehler der Polizeibehörden mitverantwortlich für diese Dimension des Schreckens. Die Liste ihrer kritischen Anmerkungen und Fragen ist lang. Da gibt es kurz nach dem Bombenanschlag im Regierungsviertel bereits einen Zeugen, der Breivik und sein Fluchtfahrzeug fotografiert hat. Der Hinweis kommt nie in der Operationszentrale an. Man spekuliert über Terroristen von Al Qaida, aber nicht über das Risiko eines Sekundäranschlags. Ein landesweiter Alarm erfolgt erst 78 Minuten nach der Explosion der Autobombe. Ausfallstraßen bleiben ungesperrt. Norwegen besitzt im Juli 2011 nur einen Polizeihubschrauber, deren Besatzung befindet sich jedoch im Urlaub. Eine mögliche Anmietung privater Helikopter oder die Hilfe der Armee wird nicht erwogen. Breivik hatte freie Fahrt, um als Polizist getarnt sein Massaker auf Utøya unbehindert und nach Plan abzuwickeln. Während die „Delta“- Spezialeinheit der Polizei umständlich auf dem Landweg zum Schauplatz des Verbrechens herangeführt werden muss, macht das norwegische Fernsehen NRK bereits Aufnahmen aus einem Hubschrauber. Das Pannenszenario lässt sich lange fortsetzen. Es kostet viele Leben.

Åsne Seierstad berichtet parallel dazu über den Fall eines Busfahrers. In einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit verursacht er einen Unfall und den Tod zweier Menschen. Er wird vom Gericht verurteilt. Die Autorin möchte wissen, ob Polizei und Behörden am 22. Juli 2011 „unaufmerksam“ handelten. Ihre Recherchen dazu sind eindeutig. Mit Sicherheit gibt es zu viele Fehler. Die Frage nach den juristischen Konsequenzen bleibt indessen unbeantwortet. Im Sommer des Attentats hat Jens Stoltenberg die schwere Last ein Land im Schockzustand zusammenzuhalten. Als Ministerpräsident und Vorsitzender der „Arbeiderparti“ übernimmt er die politische Verantwortung. „Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität, aber niemals Naivität“, lautet die vielzitierte Antwort auf die Tragödie.

Lebenslänglich und fünf Jahre und fünf Jahre….

In den ersten Verhören und vor Gericht rechtfertigt Breivik seine Mordtaten damit, dass es keine Unschuldigen getroffen hätte, sondern sich um den „extrem marxistischen Nachwuchs“ handele, der wie die mächtige „Arbeiderparti“ für die „Islamisierung Norwegens“ verantwortlich sei. Als Kommandeur der „Knights Templar“ hätte er politische Hinrichtungen begangen um sein Land zu retten, lautet eine weitere krude Begründung.

Ist jemand, der mit solch paranoiden Aussagen 77 Morde erklärt, im rechtlichen Sinne für seine Taten verantwortlich zu machen? War er unzurechnungsfähig oder ein politischer Terrorist? Diese Frage spaltet die Nation, berichtet Åsne Seierstad. Das Gericht in Oslo tut sich schwer. Zwei psychologische Gutachten kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Breivik selbst hätte es als ungeheure Niederlage verstanden, vor der internationalen Öffentlichkeit zum „Idioten“ erklärt zu werden. Auch Sprecher von Opfern und Angehörigen lehnen eine mögliche Einweisung des Täters zur Behandlung in eine geschlossene Anstalt ab. Er soll bestraft werden. Die Richter in Oslo schließen sich dem Gutachten an, dass eine „dissoziale Persönlichkeitsstörung mit nazistischen Zügen“ diagnostiziert. In der Konsequenz erfolgt somit eine Verurteilung nach Strafrecht. Er bekommt die Höchststrafe mit 21 Jahren Gefängnis sowie einer Sicherheitsverwahrung, die im Rhythmus von fünf Jahren zu überprüfen ist. Bei der Urteilsverkündung lächelt Breivik. Er hat sein Ziel erreicht. Anschlag, Gerichtsverhandlung und Gefängnis sind Elemente seines Plans. Anders Behring Breivik hat sich selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, schreibt Åsne Seierstad. Er ist keiner mehr „von uns“. Lebenslänglich eingesperrt sind indessen wohl kaum sein abstruser Rassismus und seine angelesene Islamophobie.

Åsne Seierstad hat mit ihrem Buch eine tiefgründige und alle Aspekte einschließende Analyse dieser Wahnsinnstat vorgelegt. Es bleibt zu wünschen übrig, dass dieses Buch auch ins Deutsche übersetzt wird.


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Joachim Kasten
Lehrer an der Handelsschule Holstenwall in Hamburg
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