Deutscher Gewerkschaftsbund

04.04.2019

Wenn Europa persönlich wird

Das Vereinigte Königreich nähert sich dank seiner unfähigen Parlamentarier Tag für Tag ein wenig mehr dem Brexit-Cliff. Doch gleichzeitig wächst der Widerstand in der Bevölkerung, weil die Menschen immer besser verstehen, was der Abschied von der EU bedeutet. Kann die europäische Idee noch über den nationalistischen Unfug obsiegen?

 

Von Mark Leonard

 

Protestierende mit Europa-Flaggen hinter einem von der Polizei bewachten Zaun.

Während sich drinnen die Abgeordneten seit Wochen auf nichts einigen können, protestieren immer mehr Bürger*innen draußen gegen den Brexit. Reuters/Hannah Mckay

Auf Europa wird meist in abstrakter Form Bezug genommen. So sagen Politiker etwa, dass in einer von Großmächten beherrschten Welt die europäische Souveränität der einzige Weg sei in Richtung Sicherheit. Rund um den ursprünglichen Brexit-Termin wurde die Idee einer europäischen Identität kürzlich konkreter; das Politische wurde plötzlich persönlich. Abseits der Kakophonie in den parlamentarischen Auseinandersetzungen über „Backstops” sowie rechtlich bindende und nicht bindende Abstimmungen gibt es etwa 16 Millionen britische Wähler, die sich für einen Verbleib in der EU aussprechen und nun befürchten, ihre EU-Staatsbürgerschaft zu verlieren.

Zweifellos war ein Teil dieser so genannten Remainers bei der Großdemonstration in London im Rahmen der Kampagne „People’s Vote” mit dabei. Mit über einer Million Teilnehmern war diese Veranstaltung die größte öffentliche Bekundung einer proeuropäischen Haltung in den letzten Jahren in Europa. Noch leidenschaftlicher geschwungene EU-Flaggen habe ich nur auf dem Maidan in der Ukraine im Jahr 2014 und in Zentral- und Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus gesehen. Doch während die prodemokratischen Demonstranten von damals von der Rückkehr zu ihrer europäischen Vergangenheit träumten, fürchten die Remainers von heute eine posteuropäische Zukunft.

Großbritanniens Geschichte hat mit "Splendid Isolation" wenig zu tun

Diese Befürchtungen teile ich. Als Kind eines britischen Vaters und einer in Frankreich geborenen deutsch-jüdischen Mutter wuchs ich in Brüssel auf. Meine europäische Identität ist das Ergebnis der Geschichte meiner Familie. Meine Verwandten lebten verstreut in Manchester, Luxemburg, Paris und Bonn. Die prägendste Figur in meiner Kindheit war meine Großmutter – eine Holocaust-Überlebende, die im Alter von zehn Jahren ihre Eltern verloren hat. Um der klaustrophobischen Enge ihrer konservativen Erziehung in Würzburg zu entfliehen, brachte sie sich selbst sieben europäische Sprachen bei. Und am Ende ihres Lebens bekämpfte sie ihre quälenden altersbedingten Schmerzen mit der Rezitation auswendig gelernter Gedichte von Dante, Heine, Keats, Kipling und Wordsworth.

Als ich im Jahr 1992 als Student nach Großbritannien zurückkehrte, lebte ich dort meine britische Identität und tauchte in die Geschichte und Kultur des Landes ein. Durch die Lektüre von Historikern wie Linda Colley, Eric Hobsbawm und Norman Davies lernte ich, dass die britische Geschichte eigentlich wenig mit "Splendid Isolation" zu tun hat. Vielmehr kann sie nur als Teil einer europäischen Geschichte verstanden werden.

Theresa May mit Königin Elisabeth II.

Tag für Tag spricht Premierministerin Theresa May über den Brexit, ohne dass jemand genau wüsste, was sie wirklich will - auch Königin Elisabeth II. nicht. DGB/Flickr/Number 10/CC BY-NC-ND 2.0

Die britische Elite war immer europäisch – sowohl hinsichtlich ihrer Identität als auch ihres Erbes. Als Angehörige des Hauses Windsor ist Königin Elisabeth II. teilweise deutscher Abstammung. Auch die englische Sprache ist von romanischen und germanischen Einflüssen geprägt, ebenso wie einige ihrer bekanntesten literarischen Werke in Italien, Dänemark und Griechenland spielen. Und in der Neuzeit haben sich führende britische Persönlichkeiten, wenn es darauf ankam, immer auf die Seite einer europäischen Identität geschlagen. Sogar der große Imperialist Winston Churchill war bereit, zugunsten Europas die Verlockungen eines weltweiten Imperiums zu opfern, indem er Nazi-Deutschland den Krieg erklärte und eine Union mit Frankreich vorschlug.

In jüngerer Vergangenheit hat sich die Europäisierung von einem Privileg der Elite in ein kulturelles Massenphänomen verwandelt. Dank sinkender Kosten reisen viele Millionen Menschen jedes Jahr von einer auf die andere Seite des Ärmelkanals. Selbst in den entlegensten Gebieten des Vereinigten Königreichs sind in den Supermärkten italienische Pasta, griechisches Olivenöl, französischer Käse, dänische Butter und spanischer Wein erhältlich. Etwa zwei Millionen Briten leben in anderen EU-Ländern, während drei Millionen Europäer im Vereinigten Königreich wohnen.

Vor 20 Jahren hofften wir, Briten könnten auch Europa als Heimat sehen

In den 1990er-Jahren leitete ich eine Initiative, die der Frage nachging, wie sich Großbritannien für die Gegenwart neu erfinden könnte. Die Idee bestand darin, das Britische als zukunftsorientierte bürgerliche Identität zu gestalten - im Gegensatz zu dem von der früheren Premierministerin Margret Thatcher propagierten atavistischen ethnischen Chauvinismus.

Wir betonten Kreativität, Dynamik und die tiefen historischen Verbindungen Großbritanniens zu Europa und der restlichen Welt. Unsere Hoffnung war, dass marginalisierte Briten – die Jugend, ethnische Minderheiten, Londoner, Schotten, Walliser und Nordiren – dazu gebracht werden könnten, vielleicht auch Europa als ihre Heimat zu sehen. Zu meiner Überraschung wurden die Erkenntnisse aus dem Projekt sowohl von der Regierung Tony Blairs als auch David Camerons aufgegriffen. Doch 20 Jahre später fürchten nun genau jene Gruppen britischer Bürger, die verspätet in die nationale Geschichte eingebunden worden waren, dass sie erneut ausgeschlossen werden. Brexit-Britannien ist zu einem Ort eng definierter ausschließender Identitäten geworden

Der Eingang zu Downing Street Number 10, dem Sitz der Premierministerin, getaucht in rotes Licht.

Macht Theresa May bald das Licht aus in der Downing Street Number 10? Gewiss, die Frage ist nur wann. DGB/Flickr/Number 10/CC BY-NC-ND 2.0

Nach der Volksabstimmung des Jahres 2016 beantragte ich aus eigener Angst vor dem Verlust der europäischen Staatsbürgerschaft die deutsche Staatsbürgerschaft. Einige meiner jüdischen Freunde verwiesen auf die Ironie, ausgerechnet in dem Land Zuflucht zu suchen, das versuchte, meine Vorfahren auszulöschen. Doch die Rückforderung eines Geburtsrechts, das meiner Familie gestohlen worden war, erwies sich als eine überaus bewegende Erfahrung. Es war für mich genauso natürlich wie für meine Großmutter, meine Mutter und meine Tante, die in den 1950er-Jahren die außergewöhnliche Entscheidung trafen, nach Deutschland zurückzukehren.

Meine Mutter war Professorin für deutsche Literatur und deshalb erfuhr ich schon früh von der schmerzlichen Abrechnung Deutschlands mit seiner Vergangenheit und seinen Weg zurück zur europäischen Zivilisation. Auch das prägte meine europäische Identität, die nicht nur auf den Säulen der britischen und deutschen Geschichte beruht, sondern auch auf einer Synthese aus Hoffnung und Angst. Als mir meine Großmutter das Ideal der Aufklärung vermittelte, die Vernunft über alles zu stellen, bediente sie sich nicht einer eindeutig britischen oder deutschen Tradition, sondern einer europäischen. Sie brachte mir auch bei, die Idee von Europa als Zuflucht vor der tragischen Geschichte unserer eigenen Familie zu würdigen.

Die EU half Nazismus und Faschismus zu überwinden

Genau das ist ja tatsächlich das Motiv des europäischen Projekts: gemeinsame Ideale zu erzeugen und eine Rückkehr in die mörderische Vergangenheit des Kontinents zu verhindern. Die EU wurde geschaffen, um die nationalen Vergangenheiten des Nazismus, Faschismus und Kommunismus zu überwinden. Doch heute haben viele Menschen derartige Angst vor der Zukunft, dass sie die Wiedererschaffung einer nationalen Vergangenheit anstreben, die es nie gab.

Dennoch besteht die Hoffnung, dass sich die Aufwallung proeuropäischer Gefühle im Vereinigten Königreich als ansteckend erweist. Im Vorfeld der Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai legt eine Rekordzahl an Menschen ihr Bekenntnis zu einer europäischen Identität an den Tag. Da jedoch das Politische mehr Menschen in ihrem persönlichen Bereich betrifft, besteht die Herausforderung darin, diese europäische Identität integrativ und zukunftsorientiert und nicht nostalgisch zu gestalten.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

 


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Kurzprofil

Mark Leonard
ist Direktor des Europäischen Rates für auswärtige Beziehungen (ECFR), einer pan-europäischen Denkfabrik, die er 2007 mitgegründet hat.
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