Deutscher Gewerkschaftsbund

30.04.2021

Formen des Zusammenhaltens

Solidarität verlangt die Bereitschaft zu dauerhafter wechselseitiger Hilfsbereitschaft, die über Barmherzigkeit hinausgeht. Das geht nicht ohne Konflikte, ist aber für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unabdingbar. Nicht erst die Corona-Krise offenbart die Brüche der individualisierten Gesellschaft.

 

Von Jürgen Prott

Bergwanderer helfen einander beim Steigen auf einen Felsen. Aufnahme im Gegenlicht

Auch beim Bergwandern muss man sich gegenseitig immer wieder beistehen. DGB/crazymedia/123rf.com

Um einen Ecktisch in der Bierstube einer gewerkschaftlichen Bildungsstätte herum haben sich im Frühjahr 2020 ein halbes Dutzend Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter versammelt. Als Teilnehmer eines Seminars zur Nachwuchsförderung ihrer Organisation wollen sie den Tag gemütlich ausklingen lassen. Eine Kollegin hat ihre Stirn kraus gezogen. Ihr geht etwas im Kopf herum, was einer der Referenten vor wenigen Stunden eher beiläufig erzählt hat, um zu unterstreichen, wie wichtig eine solidarische Grundhaltung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch heute noch ist. Zu diesem Zweck griff er ganz tief in die historische Kiste.

Solidarität fängt im Alltäglichen an

Er rief als Kronzeugen für seine These deutsche Handwerksburschen auf. Nach der Überlieferung hatten sie vor mehr als 150 Jahren an manchen Orten ihre knappen Spargroschen zusammengelegt, damit sie einen als Flugschrift kursierenden Aufsatz des Arbeiterführers Wilhelm Weitling drucken lassen konnten (vgl. Mehring 1960, S. 206f.). Um ihren Wissensdurst zu stillen, waren sie zu erheblichen Opfern bereit. Die Kollegin meldet Zweifel an, ob derartige Zeichen von Zusammengehörigkeitsgefühl heute noch denkbar wären. Keiner widersprach, aber es schlossen sich Mutmaßungen darüber an, in welcher Form und bei welcher Gelegenheit gegenwärtig überhaupt noch von Solidarität die Rede sein kann. Eine 38-jährige Angestellte, erzählt schließlich (Die folgenden Zitate entstammen Protokollen von Interviews, die veröffentlicht sind in Prott 2021):

"Wie erlebe ich Solidarität ganz alltäglich? Ja, das ist nicht so einfach zu beantworten. Ich will es mal so sagen: Mein Mann und ich sind in so einem privaten Billardverein. Da hatten wir ein Fest vorzubereiten. Getränke besorgen, Brötchen schmieren, das Lokal bestellen, was eben so anfällt. Erst dachte ich, das bleibt jetzt an uns beiden hängen, aber dann haben alle mitgemacht. Das ist für mich Solidarität."

Das fände er ziemlich weit hergeholt, widerspricht ein Gesprächspartner. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf den Arbeitsalltag:

"Bei uns gehen im Betrieb Gerüchte um, dass Entlassungen anstehen. Da war neulich so eine komische Nachricht am Schwarzen Brett der Firma. Die Kollegen standen davor, immer mehr kamen zusammen und haben getuschelt. Man vermutete, dass es bestimmte Leute treffen könnte, die wenige Sozialpunkte haben. Einer von diesen Leuten stand vor dem Schwarzen Brett. Ein junger Kollege, der noch nicht lange bei uns ist. Da sind einige zu dem  hingegangen und haben gesagt, dass die Firma das mit ihm nicht machen kann. Die wollten dem moralisch unter die Arme greifen. Das habe ich als Solidarität empfunden."

Graffiti mit dem Text "Solidarität ist Zukunft" auf schwarzem Grund. Links regt eine Zeichentrickfigur in rot zwei Finger zum Victoryzeichen.

DGB/Archiv

Ein 43jähriger Bergmann aus dem rheinischen Braunkohlerevier verlagert das Gespräch auf ein etwas anderes Gleis.

"Ich finde, man braucht gar nicht solche großen Konflikte heranzuziehen, wenn es um Beispiele von gelebter Solidarität geht. Zu uns in die Abteilung kam neulich einer aus dem Kreis unserer Knappschaftsältesten. Er hatte die Todesanzeige eines alten Kumpels in der Hand. Der war lange Jahre bei uns, aber schon seit einiger Zeit in Rente. Der Älteste wohnte bei ihm gegenüber in der Siedlung. Jetzt erzählte er von seiner Witwe, der es finanziell gar nicht gut ging. Sie wusste kaum, wie sie die Beerdigung finanzieren sollte. Da haben wir natürlich zusammengelegt, um der armen Frau unter die Arme zu greifen. Ich denke, das ist auch Solidarität. Man muss das ja nicht gleich an die große Glocke hängen."

Ohne kollektive Handlungsbereitschaft geht es nicht

Gewerkschafter sind Leute, die zusammenhalten und füreinander einstehen, auch wenn das wahrlich selten leicht fällt. Nicht immer stehen Gleichgesinnte füreinander ein, und wenn sie es tun, geschieht das nicht unbedingt spektakulär; aber wenn Solidarität unter Arbeitnehmern diesen Namen verdient, erschöpft sie sich auch nicht in bloßer Beitragszahlung für eine Organisation oder gar in Lippenbekenntnissen. Ohne kollektive Handlungsbereitschaft geht es nicht. Wo aktive Gemeinschaftlichkeit anfängt und wo sie sich nicht gegen bloße passive Folgebereitschaft zu behaupten versteht, ist kaum auf Anhieb festzustellen. Solidarität ist eine zerbrechliche Angelegenheit, voll von Widersprüchen. Das lässt sich bei näherem Nachdenken an den verschiedenen Formen von Solidarität schnell festmachen.

Nehmen wir das Beispiel von Solidarität als Barmherzigkeit („Da haben wir natürlich zusammengelegt, um der armen Frau unter die Arme zu greifen.“)  Häufig wächst sie aus christlicher Nächstenliebe. Dem Notleidenden ist zu helfen, auch wenn er das nicht „verdient“ oder seine Zwangslage gar selbst verschuldet hat. Den Barmherzigen leitet jene Einfühlsamkeit in fremde Schicksale, die die ganze Person und nicht nur einen Ausschnitt davon, etwa die Rolle des Menschen als Frau oder als Arbeitnehmer, in den Blick nimmt. Ohne ein Minimum dieser Grundhaltung lässt sich Solidarität auch unter Gewerkschaftern kaum vorstellen. Aber gewerkschaftliche Solidarität erschöpft sich nicht in Barmherzigkeit. Sie baut vielmehr auf Gegenseitigkeit des Füreinandereinstehens. Als grenzenlos verstanden, kann Mildtätigkeit in völlig hingebungsvolle Selbstaufgabe münden. Dann droht die Gefahr einer sozialen Schieflage: Der selbstlos Gebende erhöht sich gegenüber dem Nehmenden, der sich wiederum beschämt auf eine Art passiver Opferrolle reduziert sieht.

DGB

Arbeitnehmersolidarität in der Tradition der Gewerkschaften ist als Hilfe auf Gegenseitigkeit zutiefst demokratisch. Mit eitler Selbsterhöhung des Helfenden ist sie nicht vereinbar. Der Philosophin Hannah Arendt verdanken wir wichtige Hinweise auf das Widerspruchspotential dieser Variante von Solidarität. Sie dachte über christliche Güte nach und bezog sich dabei auf Jesus von Nazareth. Wie alles barmherzige Handeln ist auch selbstlose Wohltätigkeit im Kern solidarisch. Aber mit wirklicher Güte ist es kaum vereinbar, es darauf anzulegen, anerkennend bemerkt zu werden: „Wer sich dessen bewusst ist, ein gutes Werk zu tun, ist nicht mehr gut.“ (Arendt 2002, S. 91.)

Der Geist der Solidarität in der Gewerkschaft ist recht lebendig

Gewerkschaftliche Solidarität ist gleichzeitig mehr und anders als Barmherzigkeit. Sie wurzelt geschichtlich in buchstäblicher Not-Wendigkeit. Ein weiter Weg führt vom "Büchsenpfennig" der Bergleute als frühe Form einer Unterstützungskasse für in Not geratene Kollegen bis zum modernen Sozialstaat unserer Tage. Nur wenn sie zusammenhielten und sich gegenseitig unterstützten, konnten sie überhaupt ihr dürftiges Leben fristen. Sie übten und üben bis heute soziale Solidarität ("Erst dachte ich, das bleibt jetzt an uns beiden hängen, aber dann haben alle mitgemacht.").  Im betrieblichen Miteinander von Kooperationsprozessen erleben abhängig Beschäftigte beispielsweise jene Kollegialität, die sie für manche Beschädigung ihrer menschlichen Würde durch ewiggestrige Vorgesetzte entschädigen mag (Vgl. Sennett 2012). Auch die Nachbarschaftshilfe nicht nur in den Zechensiedlungen früherer Tage ist ein Sinnbild sozialer Solidarität (Rainer Zoll: Alltagssolidarität). Aber schon die ersten Generationen der Arbeiterbewegung mussten lernen, dass ein genossenschaftliches Miteinander zwar die Not halbwegs wenden mochte, aber keineswegs bürgerliche Rechte hervorbrachte. Der Achtstundentag oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht wurden ihnen nicht geschenkt. Dafür mussten sie kämpfen, politische Solidarität mobilisieren.

Der Geist der Solidarität in der Gewerkschaft kann recht lebendig sein. Das soll die folgende Schilderung unter Beweis stellen (Vgl. ausführlicher: Prott 2019, S. 259f.): Anfang Februar 2019 versammelte sich eine Gruppe von gewerkschaftlichen Vertrauensleuten und Betriebsräten am Rande einer Funktionärskonferenz der IG BCE in einer Arbeitsgruppe. Ihr Thema: „Kollektive Fallberatung“. Was hat es damit auf sich? Vier Betriebsräte aus einem Betrieb der Mineralölindustrie sorgten sich um Massenentlassungen großen Stils. Das Management ließ durchsickern, dass es ungefähr den dritten Teil der Belegschaft an diesem Standort eines Unternehmens treffen könnte, das seine Produktion auf verschiedene Betriebe im In- und Ausland verteilt hatte. Wie sollte man reagieren?

Eine Gruppe von Menschen legt die Hände in der Mitte übereinander.

DGB/Colourbox

Es herrscht knisternde Spannung, konzentrierte Aufmerksamkeit. Fragen schwirren durch den Raum. Seid ihr im Tarifvertrag? Wie hoch ist der Organisationsgrad der Belegschaft? Habt ihr Erfahrungen mit Sozialplänen bei ähnlichen Gelegenheiten? Welches Verhältnis habt ihr zu den Kollegen aus den anderen Betrieben des Konzerns? Was sagen die Kollegen aus der Vorstandsverwaltung der IG BCE zu der Sache? Herrscht in der Belegschaft nackte Angst, eine Stimmung des „Rette sich wer kann“ oder gibt es Anzeichen von Empörung? Die vier Betriebsräte haben alle Hände voll zu tun, die auf sie einströmenden Fragen zu beantworten. Es sind vor allem die Älteren unter den Zuhörern, die die präzisesten Fragen stellen und sich Notizen machen. Erfahrene Betriebsräte melden sich zu Wort. Sie berichten von ähnlichen Vorgängen in ihrem eigenen Betrieb und davon, was sie damals richtig und was sie falsch gemacht haben.

Ratschläge werden gegeben und wieder verworfen. Nicht um Schuld oder um Vorwürfe, fehlerhafte Vorgehensweisen der Arbeitnehmerorgane geht es, sondern um kollegiale Suche nach machbaren Auswegen aus einer bedrohlichen Situation. Der Austausch von Erfahrungen wird begleitet von eher beiläufig übermittelten Aufmunterungen. Keiner stößt bloße Durchhalteparolen aus. Zuversicht ist von Zweifeln überlagert, ob die gewerkschaftliche Kraft in Verbindung mit einem bewährten arbeitsrechtlichen Instrumentarium ausreicht, das Schlimmste abzuwenden. Niemand hier will sich auf Kosten anderer profilieren, alle wollen helfen – so gut es geht. Womöglich hat die "kollektive Fallberatung" nur dazu beigetragen, das Allerschlimmste abzuwenden, aber in jedem Fall haben die vier von Rationalisierungsängsten bedrängten Betriebsräte praktische Anregungen und – wichtiger noch – jene Rückenstärkungen mit nach Hause nehmen können, die den Geist der Arbeitnehmersolidarität ausmachen.

Klappt es mit der Solidarität in der Corona-Krise?

Im Gespräch am Ecktisch in der Bierstube der gewerkschaftlichen Bildungsstätte ist noch keine Ruhe eingekehrt. Mittlerweile ist man beim Bundespräsidenten angelangt. "Der Steinmeier", ereifert sich einer, "der lässt doch keine Gelegenheit aus, um Solidarität in der Coronakrise zu predigen. Das kann man ja schon bald gar nicht mehr hören!" "Aber hat er denn nicht recht?" "Mag ja sein, aber das nützt doch gar nichts! Es denkt ja doch jeder nur an sich!" So geht es hin und her. Die einen führen ins Feld, dass die meisten Menschen durch die Pandemie "enger zusammengerückt sind", andere behaupten das Gegenteil und verweisen auf die jungen Leute, "die vom Feiern gar nicht genug kriegen können".

Solidarität, das ist offenbar nicht nur christliche Nächstenliebe oder gewerkschaftlicher Reformgeist, das ist auch die Forderung nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, wenn das demokratische Ganze, die freiheitliche Ordnung von innen (z.B. durch Nationalsozialisten) oder von außen (durch ein mutationsfähiges Virus) im Kern bedroht ist. Was in der kleinen, überschaubaren Gruppe noch leicht vorstellbar ist, wenn sich Gesprächspartner darauf verständigen, das Trennende hinter das Gemeinsame zurückzustellen, das zerfließt in der Unübersichtlichkeit der Gesamtgesellschaft zu einem verwirrenden Geflecht unterschiedlicher Teilinteressen. Dann stehen nicht nur Sozialdemokraten gegen Konservative, sondern auch Alte gegen Junge, Gesunde gegen Kranke, Einheimische gegen Ausländer und so weiter. Wenn sie am meisten gebraucht wird, so hat es den Anschein, ist Solidarität am schwersten zu bewerkstelligen.

 

Steidl Verlag


Im Text verwendete Literatur:

Arendt, Hannah: Vita Activa oder vom tätigen Leben, München und Zürich 2002.
Bude, Heinz: Solidarität – Die Zukunft einer großen Idee, München 2019.
Mehring, Franz: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Band 1, Berlin 1960.
Negt, Oskar; Kluge, Alexander: Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt am Main 1972.
Prott, Jürgen: Solidarität in zerbrechlicher Gesellschaft, München und Mering 2019.
Prott, Jürgen: Konfliktfall Solidarität – Geschichten und Analysen aus einer erschöpften Lebenswelt, Göttingen 2021.
Sennett, Richard: Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält, München 2012.
Zoll, Rainer: Was ist Solidarität heute? Frankfurt am Main 2000.


Auch der Zukunftsdialog des DGB hat gefragt, was Menschen unter Solidarität verstehen:

"Solidarität ist Zukunft" – so das Mai-Motto des DGB in diesem Jahr. Das nehmen wir zum Anlass, einen genaueren Blick auf die Einsendungen im DGB-Zukunftsdialog zu diesem Thema zu werfen. Über 5.000 Impulse haben die Teilnehmenden aus ganz Deutschland innerhalb von zwei Jahren in dem offenen Beteiligungsprojekt analog und digital eingereicht. Darin haben sie skizziert, wie sie sich eine gute Lebens- und Arbeitswelt in Zukunft vorstellen. Deutlich wurde: ohne Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt ist für die meisten eine gute Zukunft undenkbar.


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Kurzprofil

Jürgen Prott
ist Soziologe. Er forscht über Fragen der Arbeitszufriedenheit und Betriebsorganisation, der Berufs- und Gewerkschaftssoziologie.
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