Deutscher Gewerkschaftsbund

18.12.2018

Die großen Risiken für 2019

Die Wirtschaftsprognosen für nächstes Jahr sind noch ganz erfreulich. Doch die Zuversicht der Ökononomen sinkt von Monat zu Monat. Die Gefahren für das Wirtschaftswachstum überwiegen, findet mittlerweile Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Was ist derart bedrohlich? Ein Blick voraus.

 

Von Stephan Kaufmann

Ein Mann sitzt vor etlichen Computerbildschirmen und Telefonen in der Börse Frankfurt.

Nicht die Realwirtschaft ist das Problem, sondern die Spekulation an den Finanzmärkten, weil auf eine Rezession gewettet wird. In dieser Woche bereits sind die Kurse an der Wall Street auf einen Tiefststand für 2018 gefallen. DGB/Tobias Leeger/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Das Jahresende nähert sich und mit ihm kommen die Wirtschaftsprognosen für 2019. Als größte Risiken für die globale Konjunktur gelten derzeit ein starker Anstieg des Ölpreises, die Modalitäten des EU-Austritts Großbritanniens, eine Schuldenkrise in Italien und die Instabilität einiger Schwellenländer. So unterschiedlich diese potenziellen Krisenherde sein mögen, sie alle haben etwas gemeinsam: Wovor hier gewarnt wird, das sind die Finanzmärkte. Denn sie sind es, die aus bloßen wirtschaftspolitischen Gegebenheiten eine echte Krise machen können.

Risiko 1: Ölpreis

Ein drastisch steigender Ölpreis ist eine Belastung für alle Länder, die auf den Ölimport angewiesen sind. Energie macht einen großen Teil des Budgets von Unternehmen und privaten Haushalten aus. Dementsprechend erhöht ein steigender Ölpreis die Inflationsrate und lässt Mittel, die für Investitionen oder Konsum dienen könnten, zu den Ölproduzenten abfließen. Für die Importländer wirkt der Ölpreisanstieg wie eine Steuer – alle werden ärmer.

Es heißt zwar immer, der Ölpreis bewege sich gemäß der Verschiebungen von Angebot und Nachfrage. Tatsächlich aber sind Angebot und Nachfrage lediglich Daten, die den wahren Mechanismus der Ölpreisbildung beeinflussen: die Spekulation an den Märkten. Und diese Spekulation hat mit fundamentalen Faktoren wie Fördermengen, Lagerhaltung und Ölverbrauch nur am Rande zu tun. "Für einen Wertpapierhändler", so der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister, "ist die reale Welt von Wirtschaft und Politik nur eine Quelle von Daten und Informationen, die Trends an den Märkten auslösen, denen er folgen und die er vorausahnen muss."

Kurz: Das Risiko Ölpreisanstieg besteht darin, dass die Angebots- und Nachfragerelationen die Finanzanleger dazu animieren könnten, auf steigende Ölnotierungen zu spekulieren, wodurch der Ölpreis tatsächlich steigen würde.

Risiko 2: Brexit

Ein "harter" Ausstieg Großbritanniens aus der EU könnte die Wirtschaft des Landes schwer treffen. Die Bank of England warnt vor einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um bis zu acht Prozent und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 7,5 Prozent.

Wie könnte dies geschehen? Vor allem durch die Finanzmärkte. Sie könnten laut Bank of England "das Vertrauen in die britischen Institutionen verlieren". Sichtbar würde dies an den Immobilien- und Währungsmärkten: Ein Fall der Hauspreise um 30 Prozent würde Immobilieninvestoren wie auch private Hausbesitzer schlagartig ärmer machen, ihre Kredite wären gefährdet. Gleichzeitig droht im Szenario der Zentralbank ein Absturz des britischen Pfunds. Das würde Importe massiv verteuern, die Inflationsrate stiege auf 6,5 Prozent. Die Bank of England wäre gezwungen, die Leitzinsen deutlich zu erhöhen, was die Konjunktur Großbritanniens nach unten reißt.

Kurz: Die Gefahr des Brexit besteht in der Reaktion der Finanzmärkte auf ihn.

Protest gegen den Brexit in London mit einem blauen Transparent, auf dem steht: March for Europe.

Eine der größten Gefahren für die ökonomische Stabilität Europas ist ohne Frage der wie auch immer geartetete Brexit 2019. DGB/Michael Spring/123rf

Risiko 3: Italien

Die italienische Regierung sucht seit einer Weile den Streit mit der EU-Kommission. Roms Haushalt sieht ein Defizit von 2,04 Prozent der Wirtschaftsleistung vor. Kürzlich waren es sogar noch 2,4 Prozent, weshalb die EU-Kommission ein Defizit-Verfahren in die Wege geleitet hatte. Einig sind sich die Ökonomen so oder so, dass weder ein Defizit von 2,4 noch eines von 2,04 Prozent außerordentlich hoch ist und Italiens Staatsfinanzen trotz hoher Schuldenquote leicht finanzierbar sind – schließlich liegen die Zinsen niedrig, und das Land hat hohe Ersparnisse. Dennoch wird vor einer italienischen Krise gewarnt.

Woher könnte diese Krise kommen? Antwort: Nicht aus den Schulden selbst, sondern aus dem Streit mit der EU. Eskalierte dieser Streit erneut, könnten die Finanzmärkte das Vertrauen in Italien verlieren. Folge wären steigende Zinsen, die für Rom die Schuldenbedienung teurer machen würden. Dies würde die Situation Italiens verschlechtern, woraufhin seine Anleihen an den Märkten weiter fallen und die Zinsen damit weiter steigen würden: Eine sich selbst verstärkende Bewegung wäre in Gang gesetzt, an deren Ende der Austritt Italiens aus dem Euro droht.

Kurz: Eine Gefahr ist Italiens Defizit, weil die Finanzmärkte es als Anlass nehmen könnten, gegen die Euro-Zone zu spekulieren.

Risiko 4: Schwellenländer

In den USA steigen seit einiger Zeit die Zinsen. Hart trifft dies vor allem eine Reihe von Schwellenländern, die sich in Dollar verschuldet haben. Beispiel Türkei, ein Land, das abhängig ist vom stetigen Zufluss ausländischen Kapitals. Die Zinserhöhung in den USA macht die Vereinigten Staaten als Investitionsstandort für Finanzkapital attraktiver. In der Folge strömt das Kapital aus der Türkei in die USA. Als Konsequenz stürzt die türkische Währung Lira gegenüber dem Dollar ab. Für türkische Unternehmen verteuert dies erstens massiv die Bedienung ihrer Dollar-Schulden. Zweitens macht die Währungsabwertung Importe für das Land teurer und treibt so die Inflation in die Höhe. Um den Kapitalabfluss und den Währungsabsturz zu stoppen, muss die türkische Zentralbank ebenfalls die Zinsen erhöhen, was die Schuldner und die Konjunktur im Land hart trifft.

Kurz: Das Schwellenländer-Risiko besteht darin, dass die Finanzanleger die Schwellenländer nicht länger als lukrative Renditequelle ansehen und ihr Kapital abziehen.

Die Erwartung einer Rezession als sich selbst erfüllende Prognose

Fazit: Die Risiken für 2019 zeigen die Kosten freier Finanzmärkte. Es stellt sich die Frage, wie lange die Gesellschaft und die Politik noch bereit sind, diese Kosten auf sich zu nehmen. "Das einzige reale Risiko besteht unserer Ansicht nicht in einer Rezession 2019, sondern darin, dass die Erwartung einer Rezession die Finanzmärkte abstürzen lässt und dadurch die Rezessions-Erwartung zu einer sich selbst erfüllenden Prognose wird", schreibt zu Recht die Französische Bank Natixis.


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Kurzprofil

Stephan Kaufmann
ist Wirtschaftsjournalist und Sachbuchautor. Er arbeitete lange Jahre als Wirtschaftsredakteur für die Berliner Zeitung.
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