Deutscher Gewerkschaftsbund

08.01.2020

Streit ums Klima vor brennendem Land

Die letzte Weltklimakonferenz in Madrid ist kläglich gescheitert. Das ist peinlich und kann verheerende Katastrophen zur Folge haben. Doch schon die nächste Weltklimakonferenz Ende 2020 bietet die Chance für eine Wende. Gelingt sie, könnten die 2020er das erste Jahrzehnt werden, in dem wir den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen.

 

Von Adair Turner

Schwarzweiß wirkendes Bild von kahlen Baumstämmen, die nach einem Waldbrand von Asche bedeckt sind.

Die Folgen des Klimawandels zeigen sich unter anderem bei den Buschfeuern in Australien, aber auch anderen Waldbränden weltweit. Übrig bleiben aschebedeckt Bäume und Wiesen. DGB/photodee/123rf.com

Die 2010er-Jahre könnten als das Jahrzehnt in Erinnerung bleiben, in dem der Kampf gegen den schädlichen Klimawandel verloren wurde. Bei der Weltklimakonferenz 2015 in Paris, einigten sich 196 Länder darauf, die globale Erwärmung auf deutlich weniger als zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Doch die weltweiten Treibhausgasemissionen stiegen danach weiter: Die Konzentration von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre ist auf dem höchsten Niveau seit 800.000 Jahren. Bei der aktuellen Politik wird es bis 2100 wahrscheinlich zu einer Erwärmung von etwa drei Grad kommen. Darüber hinaus sind die jüngsten Klima-Verhandlungen in Madrid gerade gescheitert, weil die Regierungen über den Wert und die Zuweisung von "Kohlenstoff-Zertifikaten" stritten, die noch aus einer überkommenen früheren Politikperiode stammen.

Technischer Fortschritt macht es einfacher und billiger klimaneutral zu werden

Gleichzeitig sind in den 2010er-Jahren enorme technische Fortschritte gemacht worden. Heute können die Treibhausgasemissionen viel kostengünstiger verringert werden, als wir es vor einem Jahrzehnt für möglich gehalten haben. Der Preis für Solar- und Windkraft ist um über 70 bis 80 Prozent gefallen; die Kosten für Lithium-Ionen-Batterien gingen von 1.000 Dollar pro Kilowattstunde im Jahr 2010 auf aktuell 160 Dollar zurück. Aufgrund dieser und weiterer Durchbrüche können nun Energiesysteme, die zu bis zu 85 Prozent auf variablen erneuerbaren Energien beruhen, kohlenstofffreien Strom ebenso günstig oder sogar günstiger erzeugen als fossile Systeme.

Außerdem ist heute klar: Selbst "schwerer anpassbare" Sektoren wie Schwerindustrie (darunter Stahl, Zement- und chemische Industrie) und Langstreckentransport (wie Schiffs-, Flug- und Lastwagenverkehr) können zu einem Preis entkarbonisiert werden, der für einzelne Unternehmen zwar erheblich ist, aber kaum Einfluss auf den Lebensstandard der Menschen hat. Im Mai 2019 schätzte das britische Klimawandelkomitee, eine kohlenstofffreie britische Wirtschaft bis 2050 werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) jährlich um nicht mehr als ein bis zwei Prozent verringern.

Ein Plakat der Feuerwehr-Gewerkschaft mit der Aufschrift (übersetzt): Am besten ausgebildet, am zweitschlechtesten bezahlt.

Feuerwehrleute protestierten in Australien schon öfter für bessere Bezahlung. Vielleicht finden sie nach der aktuellen Krise mehr Gehör. DGB/David Jackmanson/Flickr/CC BY 2.0

Die immer geringeren Entkarbonisierungskosten und das wachsende Bewusstseins für die Klimagefahren zeigen, dass es möglich und notwendig ist, bis 2050 kein Kohlendioxid mehr zu emittieren. Im Juli verpflichtete sich Großbritannien gesetzlich bindend dazu, dieses Ziel zu erreichen. Anfang dieses Monats einigte sich auch die Europäische Union darauf. Darüber hinaus verpflichten sich auch immer mehr führende Unternehmen, bis 2050 oder bereits vorher kohlenstofffrei zu arbeiten; darunter die weltgrößte Containerschiffsrederei Maersk, der schwedische Stahlproduzent SSAB und der indische Zementhersteller Dalmia.

Der Lebensstandard sinkt trotz großer Investionen in CO2-Reduktion fast nicht

Wollen wir das Pariser Zwei-Prozent-Ziel erreichen, müssen alle Industriestaaten bis etwa Mitte des Jahrhunderts kohlenstofffrei werden. Das gilt auch für China anschließen. Derzeit versucht das Reich der Mitte, bei den Verhandlungen auf Klimawandelkonferenzen noch als "Entwicklungsland" aufzutreten, da sein aktuelles Pro-Kopf-BIP (kaufkraftbereinigt) nur etwa 18.000 Dollar oder etwa 40 Prozent des EU-Durchschnitts beträgt. Aber die chinesische Regierung will ihr Land bis 2050 zu einer „vollständig entwickelten reichen Volkswirtschaft“ machen – mit einem höheren Pro-Kopf-BIP als jedes europäische Land heute. Dieses Ziel ist absolut erreichbar.

Daher ist es entscheidend, wie schnell China seine Emissionen verringern kann. Das Land ist momentan für fast 30 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich, und seine Pro-Kopf-Emissionen werden den abnehmenden Wert Europas wahrscheinlich innerhalb von wenigen Jahren übersteigen. Reduziert China also seine Emissionen bis 2050 nicht dramatisch, nutzt es wenig, wenn Europa seine Emissionen um 80 oder um 100 Prozent reduziert.

China sollte sich zum Ziel setzen, bis 2050 nicht nur eine vollständig entwickelte, sondern auch eine kohlenstofffreie Volkswirtschaft zu sein. Um dies zu erreichen, sind natürlich enorme Investitionen nötig. Um den chinesischen Lebensstandard zu steigern und den Transport, die Gebäudeheizungen und die Industrie zu versorgen, muss die Stromproduktion von heute 6.700 Terawatt auf 14.000 bis15.000 TWh bis 2050 steigen. Dies erfordert eine Verdreifachung der jährlichen Investitionen in Wind- und Solarenergie bis 2050.

Kleine rote Flecken sind von einer Raumstation aus auf der Erde zu erkennen.

Brände wie in Australien sind sogar von der Raumstation im All zu erkennen. DGB/Nasa

Wie ein aktueller Bericht der Energiewendekommission jedoch betont, müssten die chinesischen Investitionen nur um weniger als ein Prozent des BIP erhöht werden, um solch eine enorme Kapazitätssteigerung und zusätzliche Ausgaben für Übertragung, Verteilung und Speicherung von Energie zu finanzieren. Gewiss machbar in einem Land, das über 40 Prozent seines BIP spart und investiert. Darüber hinaus würde sich diese Entwicklung auf Chinas BIP im Jahr 2050 – und damit auch auf den Lebensstandard der Konsumenten – ebenfalls lediglich um ein Prozent auswirken. Und dieser Wert könnte noch viel geringer sein, da eine Verpflichtung auf Kohlenstofffreiheit den technologischen Fortschritt stimulieren und die Produktivität steigern könnte.

Die Staaten müssen sich auf die ernormen Vorteile einer kohlenstofffreien Weltwirtschaft konzentrieren

Nach dem Scheitern der Weltklimakonferenz in Madrid wird sich die Aufmerksamkeit nun auf die nächste Konferenz im November in Glasgow richten. Dieses Treffen könnte in ebenfalls fruchtlosen Diskussionen enden, bei denen die Klimadiplomaten über kleinliche Kompromisse bei der so genannten "Lastenverteilung" streiten. Stattdessen sollten sich die Regierungen auf die enormen möglichen Vorteile einer kohlenstofffreien Weltwirtschaft konzentrieren.

Die Industriestaaten müssen sich endlich gemeinsam mit einem schnell wachsenden China unilateral dazu verpflichten, bis 2050 Nullemissionen zu erreichen – im Vertrauen darauf, dass die Kosten für ihre Volkswirtschaften sehr niedrig sein werden. Die Entwicklungsländer sollten sich wiederum darauf einigen, dieses Ziel ein Jahrzehnt später zu erreichen – im Vertrauen darauf, dass die Kosten der Dekarbonisierung durch neue Technologien mit der Zeit sinken.

Zusätzlich müssen sich sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer auf die wichtige globale Frage konzentrieren, die die Internationale Energieagentur in ihrem jüngsten World Energy Outlook in den Vordergrund rückt: Wie können in den Ländern mit geringem Einkommen massive Investitionen in erneuerbare Energien ausgelöst werden? Dies trifft besonders auf Afrika zu, den Kontinent mit den weltweit größten Solarressourcen, der aber momentan nur ein Prozent der globalen photovoltaischen Kapazität nutzt. Kann die nächste Weltklimakonferenz diese großen Möglichkeiten und Herausforderungen erfolgreich angehen, könnten die 2020er das erste Jahrzehnt werden, in dem wir den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate, 2020


Nach oben

Kurzprofil

Adair Turner
Adair Turner ist ein britischer Ökonom, Manager und Hochschullehrer, der seit 2005 Mitglied des House of Lords ist. Zudem sitzt Lord Turner dem Committee on Climate Change vor. Bis zum 31. März 2013 war er Vorsitzender der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde Financial Services Authority.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten