Deutscher Gewerkschaftsbund

31.10.2012

Film Glücksgefühle

Filmbild

Brave Hearts International

Unglück kommt schon lange in zahlenmäßigen Ordnungen daher: Massenarbeitslosigkeit, Großchaos bei den Finanzen, Anstieg der globalen Erwärmung - passt alles in die Excel-Listen. Da machen wir eine Gegenrechnung auf, sagen die Macher des Dokumentarfilms „Ökonomie des Glücks“ um die norwegische Umweltaktivistin Helena Norberg-Hodge. Ihnen geht es um die Parameter einer selbstbestimmten Zukunft. Ein gerechtes Weltwirtschaftssystem, Demokratie und Menschenrechte.

Zu Wort kommen in dem Film Wissenschaftler und Aktivisten aus verschiedenen Ländern. Der rote Faden ist relativ offensichtlich: Allen ist klar, dass man so wie bisher diesen Planeten nicht mehr lange wird ausbeuten können. Als Beispiele dienen die Ladakh, eine Volksgruppe im Himalaya-Gebiet Nord-Indiens, bei denen Norberg-Hodge sich ihre Sporen als Entwicklungshelferin verdient hat.

Immer gut drauf ohne Wachstum

Den Ladakh sei es früher immer prima gegangen, sagt Norberg-Hodge. Die Leute sind TOP drauf, immer gute Laune, die Wirtschaft in ruhigen Bahnen und nachhaltig, außerdem fehlte es völlig am Vergleich mit dem Reichtum anderer Leute und Medien waren nicht bekannt. Magersucht? Denkste! Ungleichheit? Fehlanzeige, weil es so etwas wie Wirtschaftswachstum gar nicht gab und auch die Eigentumsfrage nicht im Mittelpunkt stand - wozu auch. Wirtschaft funktionierte weitestgehend auf Tauschbasis, die Güter waren landwirtschaftlich. Ergo: kein Stress, kollektives Arbeiten, seelische Gesundheit. Mitte der siebziger Jahre war damit Schluss. Geldwirtschaft und Fernsehen kamen nach Ladakh und damit die Arbeitslosigkeit und die Depression. Wenige wurden sehr schnell sehr reich, die meisten arm. Von den gesellschaftlichen Beziehungen blieb nicht viel übrig.

Dort sei es nun kaum besser als auf der gesamten Erde, sagt Norberg-Hodge. Ihre Thesen untermauert sie mit den Argumenten der indischen Aktivistin Vandana Shiva, die ihr Umweltinstitut immerhin im Kuhstall ihrer Mutter gegründet hat. Die wettert: „Globalisierung macht einsam.“ Kinder werden heutzutage von Konzernen großgezogen, die Menschen haben nichts mehr mit sich selbst zu tun. An anderer Stelle heißt es gar: „Bildung ist Konsumvorbereitung.“

Und auch der globale Handel ist eine riesige Verschwendung. Wozu soll man Äpfel aus Großbritannien zum Waschen und Polieren nach Südafrika fliegen und dann zum Verzehr wieder zurück in britische Supermarktauslagen verfrachten? Weshalb muss US-amerikanischer Thunfisch in Japan filettiert werden, um ihn dann im Mittleren Westen zu verzehren? Dann fragen Experten vom afrikanischen Kontinent, warum in ihren Ländern Biotreibstoff statt Nahrung angebaut wird. Jeder Durchschnittsindustriestaat exportiert mittlerweile exakt die Menge Milch, die er wieder importiert.

Bad Trade – No Luck

Wenn das Wirtschaftswachstum mit dem Transportvolumen steigt, zeigt dies nur: Der Glaube an die Zahlen ist Ideologie. Ressourcen verschleudern, Großkonzerne und Banken fettfüttern, die Erde zerstören - die Filmemacher stellen klar. Die Gehirne sind vom Konsum völlig abgetötet. Fürs Zusammenleben gibt es kaum Grundlagen, globaler Handel ist der größte Mist auf Erden und für jegliches Übel verantwortlich. Verelendung, Hungerkatastrophen und Massenselbstmord sind die Folge.

Der Film muss schnell auf den Punkt kommen. Er dauert nur knapp eine Stunde und seine antiimperialistischen Botschaften sind ja auch nach relativ kurzer Zeit verständlich. Man wünscht sich schnell einen anderen, einen vernünftigen Kapitalismus.

Fehlt noch das Glück. Man kommt zum konstruktiven Teil. Nun werden eine Vielzahl von guten Ideen und Initiativen vorgestellt. Mit dem Erde retten fängt man vor der eigenen Haustür an. Von der These ausgehend, dass eine Begrenzung des Wirtschaftens im regionalen Umfeld eine strategische Entscheidung für mehr Lebensqualität ist, besucht der Zuschauer die städtischen Gärtner in Detroit, der großen Autostadt, aus der sich die Konzerne zurückgezogen haben. Nun gibt es jede Menge Brachflächen, die sich die zurückgelassenen Bürger erobern. Angebaut wird jegliche Form von Gemüse. Das Gefühl, gemeinsam etwas in der Nachbarschaft zu erwirtschaften, gefällt den Neubauern. Man hat schlichtweg wieder eine Anbindung an die Welt. Jedenfalls mehr, als wenn man zehn Stunden am Tag Autos zusammenschraubt.

Weiter geht’s. Die Gemeinde von San Francisco mit ihrem jungen ökologisch bewusst denkenden Bürgermeister an der Spitze schließt nur noch Verträge mit Firmen und Versorgern, die ortsansässig sind. Ganz im Sinne von „Think global, act local“. Ein Prinzip, das sowohl in Metropolen wie auf dem Land erfolgreich zu sein scheint. Rückbesinnung auf lokal angebaute Lebensmittel und biologische Vielfalt bringt was, das sagen auch die Aktiven von Via Campesina, mit mehr als 400 Millionen Mitgliedern die größte soziale Bewegung der Welt. Detroit, ihr seid nicht allein.

Bad Industry – No Luck

Ansprüche zurückschrauben, Industrie sein lassen: Das ist für Norberg-Hodge und ihre Mitstreiter alternativlos. „Die neue Glücksökonomie stärkt unseren Glauben an die Menschlichkeit und fordert uns heraus, im Glauben daran, dass eine bessere Welt möglich ist“, sagt sie.

Der Film zeigt mit vielen Vereinfachungen, dass sich die Welt derzeit in mindestens zwei große gegensätzliche Richtungen entwickelt - einerseits als Filz aus Regierungen und Großindustrie. Globalisierung wird als Verfestigung der Macht von Eliten interpretiert. Andererseits widersetzen sich dem an vielen Stellen Menschen mit der Forderung die Macht zurückzudrängen. Handel und Finanzen dürfen das tägliche Leben nicht zerstörerisch beeinflussen. Menschlichkeit und Ökologie sollen den Alltag bestimmen.

Back to the future! In Ladakh, so Norberg-Hodge, habe es ja auch geklappt. Bevor der ökonomische Wahnsinn dort begann, hätten Moslems und Buddhisten 500 Jahre friedlich beisammen gelebt. Heute gehen sie sich an den Hals. Fazit: Ökonomie geht alle an. Nicht nur die dubiosen Finanzmärkte. Her mit dem schönen Leben.

Wichtige Themen in piefiger Form

„Die Ökonomie des Glücks“ ist ein furchtbar emphatischer Film. Dass die guten Menschen vor der Kamera vor Engagement nicht anfangen zu weinen, ist erstaunlich. Oft treten die seichten Bekenntnisse in brutalen Widerspruch. Die alternativen Experten, die da in ihren Büros Berechnungen anstellen, sitzen allesamt inmitten von High-end-Maschinen; Computern, die nur mit der Technologie ebenjener kritisierten Großkonzerne entstehen konnten. Fortschrittliche Bereiche - wie etwa die medizinische Versorgung - werden komplett ausgeklammert, Investitionen und Industrieansiedlungen in strukturschwachen Regionen werden nicht weiter thematisiert.

Dagegen fehlen Seitenhiebe auf Menschenrechtsorganisationen mit anderen Interpretationsmustern und Schwerpunkten nicht. Und: Ist eine Fremdsprache lernen wirklich schon Aufgabe der eigenen Identität? Manchmal wird es doch ganz schön piefig. Nichts destotrotz behandelt der Film diskussionswürdige Prozesse. Auch angesichts der hiesigen Wirtschaft sollte man sich das alles Mal genau ansehen. Großprojekte haben regelmäßig Vorfahrt vor dezentralen und sinnvolleren Praktiken. Wenn ich mir das mal genau überlege. Dieser Text entsteht in einer Stadt, die sich gerade einen neuen Autobahnabschnitt von sagenhaften 3,2 Kilometern für noch sagenhaftere 500 Millionen Euro genehmigt. Quer durch Wohngebiete und Schrebergärten.

Bei einem anderen Großprojekt hat die Lokalisierung allerdings schon angefangen: beim missratenen, milliardenschweren Riesenflughafens in Berlin-Schönefeld. Da wachsen schon die Radieschen durch die Landebahn. In der Sprache des Films würde es heißen: Flughafen böse, Radieschen gut. Genau: Es ist zu überlegen, ob man seine Ressourcen dermaßen verschleudern sollte. Und sich mit der Umgestaltung der Wirtschaft nicht mal ein richtig großes Großprojekt vornimmt.

 

„Die Ökonomie des Glücks“. US u.a. 2005-2010. Regie: Helena Norberg-Hodge, Steven Gorelick, John Page. Kinostart: 1. November 2012


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Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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