Deutscher Gewerkschaftsbund

15.09.2020

Der Hit des Sommers: Postkapitalismus

Die Corona-Krise hat eine postkapitalistische Wirtschaft freigelegt, in der die wirtschaftliche Entscheidungsfindung nicht mehr von Märkten für reale Waren und Dienstleistungen koordiniert wird. Das ist nicht nur fatal für die Wirtschaft, sondern auch für die Demokratie.

 

Von Yanis Varoufakis

Blick in die Börse von New York von oben. Auf dem Parkett sind viele Menschen unterwegs, über ihnen hängen Monitore und an der Wand in großen Buchstaben: NYSE.

Die Entwicklung an den Börsen hat sich in den letzten Jahrzehnten so weit von der Realwirtschaft abgekoppelt, dass sie immer wieder Krisen verursachen kann. DGB/skeeze/pixabay

Vor kurzem wurde etwas Außergewöhnliches bekannt: Die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs erlitt in den ersten sieben Monaten des Jahres 2020 den größten Rückgang aller Zeiten: das Nationaleinkommens ist über 20 Prozent abgestürzt. Darauf reagierte die Londoner Börse mit einem Anstieg des FTSE 100 von gut 2 Prozent. Am gleichen Tag erreichte der S&P 500 in den Vereinigten Staaten ein neues Rekordhoch, obwohl das Land nicht nur wirtschaftlich in Schwierigkeiten ist, sondern immer mehr einem gescheiterten Staat ähnelt.

Die Logik des Kapitalismus war nicht schön, aber verständlich

Sicherlich werden Ereignisse, die das menschliche Elend verstärken, schon seit langem von den Finanzmärkten belohnt. Schlechte Nachrichten für die Arbeitnehmer eines Unternehmens – beispielsweise geplante Entlassungen – sind häufig gute Nachrichten für dessen Aktionäre. Aber wenn die schlechten Nachrichten in der Vergangenheit alle Arbeitnehmer gleichzeitig betrafen, gingen die Wertpapiermärkte immer zurück – aufgrund der vernünftigen Erwartung, dass die Menschen ihren Gürtel enger schnallen müssen und dadurch alle Einkommen – und damit auch die durchschnittlichen Gewinne und Dividenden – unter Druck geraten. Die Logik des Kapitalismus war nicht schön, aber verständlich.

Damit ist es einer Weile vorbei. Hinter den Entwicklungen in Großbritannien, die kürzlich ihren Höhepunkt erreichten, steht keinerlei kapitalistische Logik mehr. Erstmals führte die allgemeine Erwartung geringerer Einnahmen und Gewinne in London und New York zu einer anhaltenden Kaufwut – oder stand dieser zumindest nicht im Wege. Und dies liegt nicht an Spekulanten, die eine große Kaufgelegenheit darin sehen könnten, dass die britische oder amerikanische Volkswirtschaft ihren Tiefstand erreicht hat.

Nein, zum ersten Mal in der Geschichte ist den Finanzjongleuren die Realwirtschaft völlig egal. Sie können sehen, dass der Kapitalismus durch Covid-19 in ein künstliches Koma versetzt wurde. Sie können sehen, dass die Gewinnspannen schwinden. Sie können auch den Tsunami der Armut und seine langfristigen Folgen für die Gesamtnachfrage sehen. Und sie können sehen, wie die Pandemie bereits bestehende Spaltungen entlang der Klassen und Rassen sichtbar macht und verstärkt.

In Abendrot und Dunst qualmen Schornsteine, vor den Stromtrassen verlaufen.

In den 1920ern entstanden Konzerne, die großen Finanzbedarf hatte. Das führte letztlich zur Entstehung der gefährlichen Großbanken. DGB/Ralf Vetterle/Pixabay

Die Spekulanten sehen all dies, halten es aber für irrelevant. Und damit liegen sie nicht falsch. Seit Covid-19 auf die enorme Blase geprallt ist, mit der die Regierungen den Finanzsektor seit 2008 wieder aufgeblasen haben, stehen steigende Wertpapiermärkte mit einem beispiellosen wirtschaftlichen Niedergang völlig in Einklang. Dies ist ein historisch bedeutsamer Moment des subtilen, aber erkennbaren Übergangs vom Kapitalismus hin zu einer merkwürdigen Art von Postkapitalismus.

Das frühe Versprechen des Kapitalismus wurde durch Schulden am Leben gehalten

Aber fangen wir am Anfang an: Vor dem Kapitalismus traten Schulden erst ganz am Ende des wirtschaftlichen Zyklus auf. Im Feudalismus stand die Produktion an erster Stelle. Die Landarbeiter mühten sich auf den Feldern, und nach der Ernte folgte die Verteilung, bei der ein Amtmann den Anteil ihres Lehnsherrn einsammelte. Ein Teil dieses Anteils wurde dann von ihm verkauft und damit monetarisiert. Erst dann traten Schulden auf, und zwar dann, wenn der Lehnsherr Geld an Schuldner verlieh (zu denen oft auch der König gehörte).

Diese Reihenfolge wurde im Kapitalismus umgekehrt. Als Arbeit und Land zu einer Handelsware wurden, waren bereits vor Produktionsbeginn Kredite nötig. Landlose Kapitalisten mussten sich Geld leihen, um Land, Arbeiter und Maschinen zu bezahlen. Durch die Bedingungen dieser Investitionen wurde dann die Einkommensverteilung bestimmt. Erst dann konnte die Produktion beginnen und Einnahmen erzielen, deren Überschuss zum Gewinn des Kapitalisten wurde. Also wurde das frühe Versprechen des Kapitalismus durch Schulden am Leben gehalten. Aber erst nach der zweiten Industriellen Revolution konnte der Kapitalismus die Welt völlig nach seinem Bild gestalten.

Der Elektromagnetismus führte zum Aufstieg der ersten vernetzten Unternehmen, die alles herstellen konnten – von Kraftwerken über das Leitungsnetz bis hin zu Glühbirnen für jeden Raum. Der gigantische Finanzierungsbedarf dieser Unternehmen führte zum Entstehen der Großbanken – gemeinsam mit der bemerkenswerten Fähigkeit, aus heißer Luft Geld zu erschaffen. Die Agglomeration riesiger Firmen und Banken erzeugte eine Technostruktur, die die Märkte, die demokratischen Institutionen und die Massenmedien an sich riss. So entstand das Wirtschaftswunder der 1920er, das mit dem Crash von 1929 endete.

Das Bankenviertel von London mit vielen modernen Hochhäusern, deren obere Hälfte noch von der Sonne bestrahlt wird, währen der untere Teil im Schatten liegt.

Während das Nationaleinkommen Großbritanniens 2020 über 20 Prozent abgestürzt ist, verzeichnete die Londoner Börse einen Anstieg des FTSE 100 von gut 2 Prozent. Das hat mit klassischen Kapitalismus nichts mehr zu tun. DGB/irstone/123rf.com

Zwischen 1933 und 1971 wurde der globale Kapitalismus durch immer neue Runden einer Verwaltung im Rahmen des New Deal zentral geplant. Zu dieser Planung gehörten auch die Kriegswirtschaft und das System von Bretton Woods. Als dieser Rahmen Mitte der 1970er weggefegt wurde, zog sich die Technostruktur die Kleider des Neoliberalismus an und konnte so ihre Macht wiedergewinnen. Nun folgte eine an die 1920er Jahre erinnernde Welle "irrationalen Überschwangs", die in der globalen Finanzkrise von 2008 kulminierte.

Zwischen 2009 und 2020 koppelten sich Aktienkurse von der Realwirtschaft ab

Um das Finanzsystem wieder flüssig zu machen, leiteten die Zentralbanken dann eine Flut spottbilliger Liquidität in den Finanzsektor – gegen die Auflage allgemeiner fiskalischer Sparmaßnahmen, die die Ausgaben der Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen bremsten. Die Investoren, die von den zur Sparsamkeit gezwungenen Verbrauchern nicht profitieren konnten, wurden dann von den ständigen Liquiditätsspritzen der Zentralbanken abhängig – eine Sucht mit erheblichen Nebenwirkungen für den Kapitalismus selbst.

Betrachten wir die folgende Kettenreaktion: Die Europäische Zentralbank stellt der Deutschen Bank zu Zinsen nahe Null neue Liquidität zur Verfügung. Um davon zu profitieren, muss die Deutsche Bank das Geld weiter verleihen, aber nicht an die "kleinen Leute", deren Rückzahlungsfähigkeit durch die schlechteren Rahmenbedingungen geschwächt wurde. Also verleiht sie das Geld beispielsweise an Volkswagen. Dieser Konzern hat aber bereits genug Geld, da seine Vorstände aus Angst vor mangelnder Nachfrage nach neuen, hochwertigen Elektroautos wichtige Investitionen in neue Technologien und gut bezahlte Arbeitsplätze aufgeschoben haben. Obwohl die Chefs von Volkswagen das Geld nicht brauchen, bietet ihnen die Deutsche Bank derart niedrige Zinsen, dass sie es trotzdem nehmen und damit sofort Volkswagen-Aktien kaufen. Natürlich gehen die Aktienkurse dann durch die Decke, und damit auch die Bonuszahlungen an die Volkswagen-Chefs (die an die Marktkapitalisierung des Unternehmens gekoppelt sind).

Zwischen 2009 und 2020 trugen solche Praktiken dazu bei, die Aktienkurse von der Realwirtschaft abzukoppeln, was zu einer umfassenden Zombifizierung der Konzerne führte. Dies war der Zustand des Kapitalismus, als Covid-19 kam. Indem die Pandemie gleichzeitig den Konsum und die Produktion lähmte, zwang sie die Regierungen, die Einkommensausfälle zu ersetzen – in einer Zeit, in der die Realwirtschaft am wenigsten dazu in der Lage war, in die Erzeugung nichtfinanziellen Wohlstands zu investieren. Daher wurden die Zentralbanken dazu aufgerufen, die Schuldenblase noch unglaublich viel stärker aufzublasen, obwohl sie bereits zur Zombifizierung der Konzerne geführt hatte.

Die Entwicklung, die den Kapitalismus bereits seit 2008 untergräbt, wurde also durch die Pandemie noch verstärkt: die Verbindung zwischen Gewinnen und der Anhäufung von Kapital. Die momentane Krise hat eine postkapitalistische Wirtschaft freigelegt, in der die wirtschaftliche Entscheidungsfindung nicht mehr von Märkten für reale Waren und Dienstleistungen koordiniert wird. Die aktuelle von Hochtechnologie und der Wall Street bestimmte Technostruktur manipuliert in massivem Maße unser Verhalten, und das Volk (Demos) wird aus der Demokratie verbannt.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Yanis Varoufakis
lehrt an der Universität in Athen Wirtschafts- wissenschaften. Er war 2015 Finanzminister in Griechenland. Heute ist er aktiver Blogger und Autor mehrerer Sachbücher. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment" (Kunstmann Verlag, 2017).
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