Deutscher Gewerkschaftsbund

17.11.2011

„Unser täglich Brot....Die Industrialisierung der Ernährung“

frieda

Technoseum / Frieda Saier

Seit seiner Eröffnung im Jahr 1990 widmet sich das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim der Technik- und Sozialgeschichte ab dem späten 18. Jahrhundert. Ergänzt wird seine weitläufige Schau regelmäßig durch Sonderausstellungen zu aktuellen Themen aus Naturwissenschaften, Technik und Gesellschaft, mit denen sich das TECHNOSEUM immer wieder als Forum  aktueller politischer und gesellschaftlicher Debatten präsentiert.

Die am 29. Oktober angelaufene Ausstellung „Unser täglich Brot....Die Industrialisierung der Ernährung“ führt die Besucherinnen und Besucher nun durch die rund 200jährige Geschichte der Lebensmittelindustrie vom Aufkommen der ersten maschinell hergestellten Konserven im frühen 19. Jahrhundert bis zur computergesteuerten, hochrationalisierten und von wenigen multinationalen Konzernen dominierten Nahrungsmittelproduktion heutzutage. Zugleich demonstriert die Schau den Wandel der Ernährungsgewohnheiten in den Industrieländern und problematisiert die Auswirkungen des Essensüberschusses auf Mensch und Natur.

Transparenz der Vertriebswege

Die Ausstellung beginnt mit jenem Produkt, das der Schau seinen Namen gegeben hat und das in Europa seit dem Mittelalter einen zentralen Bestandteil der menschlichen Ernährung ausmacht, dem Brot. Handwerkliche Produktionstechniken nehmen hier – anders als bei vielen anderen Lebensmitteln und trotz des starken Vordringens der Discounter und Selbstbedienungsbäckereien – auch heute noch einen wichtigen Stellenwert ein; Backwaren werden nach wie vor überwiegend in Bäckereien hergestellt (unter Einschluss der Großbäckereien zu 59%). Daran anschließend werden in einem „Supermarkt“ die Handels- und Lebensmittelkonzerne mit ihren Vertriebswegen und Marken in den Blick genommen. Aufgezeigt wird der tief greifende Wandel des Angebots an Lebensmitteln im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts. Meist saison- und regionaltypische, in einer Vielzahl von „Tante-Emma-Läden“ angebotene Lebensmittel wurden nach und nach durch standardisierte, größtenteils verpackte Produkte abgelöst, die in immer größer werdenden Supermärkten erhältlich sind. Aufrechterhalten wird das Angebot durch ein internationales Verteiler- und Zuliefersystem, das einerseits die ganzjährige Verfügbarkeit der Produktpalette garantiert, deren ökologische Folgekosten andererseits jedoch immer offensichtlicher werden.

Künstlichkeit und Technik halten Einzug

Dem „Supermarkt“ folgt das „Lager“, das sich mit der Vorgeschichte und den Anfängen der Nahrungsmittelindustrie beschäftigt und dabei Themen wie „Essen aus der Konserve“, „traditionelle Vorratshaltung“ und die ersten industriell produzierten Lebensmittel vorstellt. 1809 erfand der Franzose François Appert die Aufbewahrung sterilisierter Lebensmittel in Glasbehältern und legte so die Grundlage für die Konservenindustrie. Es bedurfte jedoch einer ganzen Reihe weiterer technischer Innovationen, ehe die fabrikmäßige Herstellung von Konserven – in Deutschland in den 1880er Jahren – beginnen konnte. In der Folgezeit beschäftigten sich Techniker und Tüftler erfolgreich mit der Herstellung von Trockenkonserven wie Suppenpulver (Leguminose-Mehle) oder einem Milch-Zwiebackpulver als Ersatz für Muttermilch („Nestlé Kindermehl“); und die sich entwickelnde Lebensmittelchemie entdeckte die Zusammenhänge zwischen organischer Chemie und Biologie und konnte so die wichtigsten Lebens-, Ernährungs- und Stoffwechselvorgänge, auf denen die Lebensmittelwissenschaft aufbaut, erklären.

Kühltechnik und Angebot

Zeitgleich schritt die Entwicklung der Kühltechnik seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zügig voran und ermöglichte den globalen Transport von Fleischwaren, Fisch, Milchprodukten und empfindlichen Obstsorten. Tiefkühlprodukte fanden sich seit den 1930er Jahren zunächst in den Supermärkten der USA, von hier aus erweiterte und standardisierte die Tiefkühlkost das Nahrungsmittelangebot der Industrie- und zunehmend auch der Schwellenländer.

Neben der historischen Entwicklung der Lebensmittelindustrie widmet sich der von Regalen und Kisten geprägte Lagerraum der Ausstellung den Inhaltsstoffen und dem Design der heutigen Nahrungsmittel. Die Welt der Geschmacksverstärker und Aromen wird an verschiedenen Ausstellungspunkten sinnfällig präsentiert und problematisiert. Dass Hühnersuppen heutzutage völlig hühnerfrei hergestellt werden können, mag dabei selbst kritische Konsumenten überraschen.

Wo bleibt die Gesundheit?

Thematisiert wird ferner der Zusammenhang von Gesundheit und Ernährung und die mit der heutigen Ernährung einher gehenden gesundheitlichen Risiken wie Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck; Verweise auf den hohen Zuckergehalt von Softdrinks oder in Saucen und Panaden versteckte Fette sind aus ernährungspädagogischer Sicht sicherlich begrüßenswert; eine etwas ausgewogenere Darstellung der Risiken und der Chancen des heutigen Nahrungsmittelangebotes wäre hier indes empfehlenswert gewesen.

Der anschließende Ausstellungsbereich „Restaurant“ präsentiert den Wandel der Ernährung mit Hilfe von Filmeinspielungen, die auf drei Esstischen typische Menüs aus den Jahren 1910, 1946 und 1965 präsentieren. Dass man sich auf einem vierten – interaktiven – Tisch sein eigenes virtuelles Lieblingsessen zusammenstellen kann und dass sich dabei zugleich etwa die Kalorienzahl der gewählten Lebensmittel oder der mit ihrer Herstellung einhergehende Verbrauch von Kohlendioxid erfahren lässt, animiert insbesondere die jüngeren Besucher zu betriebsamer Interaktion. Überhaupt können die BesucherInnen der Sonderausstellung wie überall im TECHNOSEUM an zahlreichen Experimentierstationen selbst aktiv werden.

Die Zukunft der Ernährung

Der abschließende Raum der Ausstellung widmet sich der Zukunft der Lebensmittelproduktion und umreißt ihre zahlreichen Herausforderungen und Probleme. Die Themenpalette reicht von den Risiken der Gentechnik über die Herausforderungen des Bevölkerungswachstums bis hin zu den Gefahren des Klimawandels. So willkommen jeder Denkanstoß in dieser Richtung aus der Perspektive politischer Aufklärung und Bildung auch ist: Bei der Darstellung der Zukunftsprobleme und -chancen der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion gerät die insgesamt sehr gelungene und empfehlenswerte Schau an ihre Grenzen, böten die hier angerissenen Themenstränge doch zweifellos hinreichend Stoff für eine eigene Sonderausstellung.

 

Die Ausstellung dauert noch bis zum 29. April 2012.

Öffnungszeiten:
Täglich 9.00 bis 17.00 Uhr
Eintrittspreise:
Erwachsene 6,00 Euro
Ermäßigte 4,00 Euro
für Kinder bis 6 Jahre ist der Eintritt frei

Weitere Informationen:

http://www.technoseum.de/ausstellungen/unser-taeglich-brot/

Katalog:

Der  445 Seiten starke und reich bebilderte Katalog gibt zum Preis von 24,-€ einen sehr lesbaren Überblick über nahezu alle denkbaren Facetten der Geschichte der Ernährung, er kann im Shop des Museums gekauft oder unter paedagogik@technoseum.de bestellt werden.


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Dr. Rainer Fattmann
Historiker und selbständiger wissenschaftlicher Publizist.
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