Deutscher Gewerkschaftsbund

02.04.2020

Trautes Heim, Arbeit muss sein

Unternehmer haben lange Zeit verhindert, dass Ihre Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten. Jetzt gilt Heimarbeit plötzlich als Ultima Ratio in Krisenzeiten. Für die Beschäftigten bietet die Arbeit von zu Hause trotz mancher Probleme Chancen - und kann ein Gewinn für die Geschlechtergerechtigkeit sein.

 

Von Thomas Gesterkamp

Schreibtisch mit Computer und Laptop, Taschenkalender und Schreibutensilien, Kaffeetasse und Handy.

Gerade im Homeoffice ist ein aufgeräumter Schreibtisch eine gute Vorraussetzung. So sieht der Tisch einer hervorragend organisierten Kollegin aus. DGB

Ein Vater sitzt auf dem Holzfußboden, vor sich der aufgeklappte Laptop. Mit dem rechten Arm bedient er die Tastatur, im linken hält er einen Säugling. Direkt neben ihm, an die Bettkante gelehnt, hockt ein weiteres, etwas älteres Kleinkind. Büroutensilien wie Papier, Terminkalender, Stift und Smartphone verteilen sich auf dem Parkett – und komplettieren das Ensemble eines überforderten Homeofficers.

Heimarbeit wird zur Lösung in der Not

Mit diesem Foto kündigt das Magazin Focus in Corona-Tagen eine Titelgeschichte über "das Büro der Zukunft" an. In der Vergangenheit waren auf abschreckenden Bildern solcher Machart stets Mütter abgebildet. Sie sollten die Probleme veranschaulichen, die Frauen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, mit der Vermischung von Erwerbs- und Privatleben hatten. Jetzt macht erstmals eine nennenswerte Zahl von Männern ähnliche Erfahrungen, weil ihre Arbeitgeber sie nach Hause geschickt haben.

War Heimarbeit einst mit der Armut aufständiger schlesischer Weber oder prekär beschäftigten Näherinnen assoziiert, ist sie plötzlich geadelt. Sie gilt als die Ultima Ratio in Krisenzeiten, als einzige Möglichkeit, Teile der Wirtschaft angesichts von “Kontaktverboten” überhaupt am Laufen zu halten. So neuartig der Virus, so neuartig ist angeblich auch die Arbeitsform. Zumindest in der Wahrnehmung konservativer Manager oder traditioneller Betriebsleitungen, die bisher dem Präsenzfetisch anhingen. Dieser steht nun im Verdacht, die Ausbreitung einer Seuche zu beschleunigen.

Titelbild der Zeitschrift Focus, das im ersten Absatz des Textes beschrieben wird.

So abschreckend wird die Arbeit daheim in der letzten Ausgabe einer deutschen Zeitschrift auf dem Titel dargestellt. Unterschied zu früher: ein Mann, nicht eine Frau ist zwischen Kindern und Computer eingeklemmt. DGB/Ausriss des Focus

Nur zwölf Prozent der Beschäftigten arbeiteten bisher gelegentlich daheim, obwohl dies bei 40 Prozent möglich wäre. Das hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergeben. Bei der Homeoffice-Nutzung liegt Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt. Als der zuständige Bundesminister Hubertus Heil im letzten Jahr einen Gesetzentwurf vorlegte, der verbindlich ein Recht auf Arbeit von zu Hause aus garantieren sollte, war die Aufregung groß. Bei Unternehmerverbänden wie auch beim Koalitionspartner CDU/CSU stieß der SPD-Politiker auf heftigen Protest. Industrielobbyisten warnten vor einer zu großen Zeitsouveränität der Beschäftigten; Vorgesetzte glauben, dass sie ihre Belegschaft nur im betrieblichen Umfeld effektiv kontrollieren könnten. Und auch im Gewerkschaftslager sind manche skeptisch, wie eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung offenbarte.

Männern passte Homeoffice lange nicht ins Lebenkonzept

Unter der titelgebenden Frage "Weniger Arbeit, mehr Freizeit?" diskutierte Yvonne Lott die Chancen und Risiken der Entgrenzung von Beruf und Privatleben. Die Wissenschaftlerin thematisierte, "wofür Mütter und Väter flexible Arbeitsarrangements nutzen" – und kam dabei zu wenig schmeichelhaften Ergebnissen, was das Verhalten der Männer angeht. Die griffen viele Medien begierig auf: "Heimarbeit kann Müttern schaden" oder "Homeoffice wird zur Falle" lauteten die Schlagzeilen. Die Botschaft: Väter verwenden die selbstbestimmte Zeit zu Hause nicht für private Sorgetätigkeiten, sondern für betriebliche Überstunden. Und auf keinen Fall wollen sie so arbeiten wie auf dem Focus-Titelbild.

Doch mit dem Laptop am Wohnzimmertisch oder in der Küche zu sitzen, umgeben von Kleinkindern oder, zugespitzt in Zeiten von Corona, ausgesperrten Schülerinnen und Schülern, war auch für Frauen nie attraktiv. Es war eine Notlösung: Mütter arrangierten sich damit, weil Chefs ihre Partner für unabkömmlich erklärten. Die Blockade ihres Arbeitgebers passte manchen Männern durchaus ins persönliche Lebenskonzept. Das Büro bildete für sie einen Fluchtpunkt, hier waren sie unbehelligt von privaten Verpflichtungen. Die Anwesenheit der Familie beschränkte sich auf das Foto der Liebsten auf dem Schreibtisch.

Weltkarte mit den aktuellen Zahlen der Corona-Erkrankten, grafisch dargestellt mit unterschiedlich großen roten Kreisen.

Die aktuellen Zahlen der Covid-19-Erkrankten, links und rechts oben die Angaben zu den deutschen Fällen. DGB/Johns Hopkins University

Ähnlich wie in der Elternzeit machen Väter derzeit neue und durchaus inspirierende Erfahrungen. Sie merken, wie viel Zeit und Nerven das aufreibende Pendeln zum Arbeitsplatz schon immer gekostet hat. Sie haben einen engen alltäglichen Kontakt zu ihren Kindern. Viele übernehmen einen Teil der Betreuung oder unterstützen beim Homeschooling. Sie erleben aber auch die Schattenseiten, die Haken der Heimarbeit. Mit Kollegen zu konferieren, während im Hintergrund ein Baby schreit oder ein Kleinkind dazwischenredet, wirkt nicht sonderlich professionell – auch wenn es in der aktuellen Ausnahmesituation meist toleriert wird. Konzentriertes Arbeiten wird immer wieder durch störende familiäre Anforderungen unterbrochen. Es gibt einfach mehr Ablenkung im bunten und turbulenten Zuhause als in der eher ruhigen und sterilen Firma.

Homeoffice ermöglicht mehr Gleichberechtigung

Homeoffice ist ein Privileg, sie ist nur in "digitalisierten" Berufen möglich. Automobilwerker, Pflegekräfte, Busfahrer oder Verkäuferinnen können ihre Schicht nicht einfach nach Hause verlegen. Die Kombination von Beruf und Privatem birgt zudem, darauf haben die Gewerkschaften stets hingewiesen, auch Gefahren: Mehrarbeit, Verstöße gegen die Arbeitszeitordnung, ständige Erreichbarkeit im Standby-Modus rund um die Uhr. Was also folgt aus der Corona-Zeit für die künftige Organisation der Erwerbswelt? Was wird sich ändern danach?

Eine wichtige Erkenntnis lautet: Homeoffice geht also doch! Die Bedenkenträger sind auf dem Rückzug, die alte Präsenzpflicht erodiert. Es spricht sich herum, dass sich so manche quälende Sitzung sehr effektiv per Skype oder Telefonkonferenz erledigen lässt. Wenn Beschäftigte weniger pendeln und seltener Geschäftsreisen machen müssen, ist das auch klimapolitisch zu begrüßen. Nicht zu vergessen die Impulse für ein gerechtes Geschlechterverhältnis: Homeoffice erweitert, trotz aller Schwierigkeiten in der Praxis, die Möglichkeiten einer besseren Balance von Beruf und Privatleben – für Frauen wie Männer.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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