Deutscher Gewerkschaftsbund

22.11.2013

Kurswechsel für ein gutes Leben

Der Beitrag der IG Metall

In Umbruchzeiten wie der jetzigen steigt der Bedarf an Leitbildern und Zukunftsvisionen. Die Arbeitswelt, Wirtschaft und Gesellschaft stehen vor Herausforderungen, denen man nicht mit kosmetischen Kurskorrekturen begegnen kann, vielmehr bedarf es eines Kurswechsels. Berthold Huber hat deshalb mit der gesellschaftspolitischen Kampagne „Kurswechsel für ein gutes Leben“ einen äußerst wichtigen Impuls gegeben. 

Im Dezember 2012 diskutierten auf dem Kurswechsel-Kongress in Berlin 800 Frauen und Männer aus Gewerkschaften, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft miteinander über Wege und Leitbilder für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Das 2013 erschienene Buch „Kurswechsel für ein gutes Leben“ bündelt diese Debatte und erweitert sie noch um wichtige, die Zukunft angehende Fragestellungen. Das von Berthold Huber herausgegebene Buch ist eine Aufforderung an seine Leser, sich nicht mit der ersten, der naheliegenden Antwort auf die Fragen unserer Zeit zufrieden zu geben.

Die Rolle der Gewerkschaften wird in dem Kurswechsel-Buch in den Analysen über Arbeit, Leben, Demokratie, Sozialstaat, Klima und Umwelt stets mit hinterfragt. Schließlich haben die Gewerkschaften in den letzten Jahren als gestaltende Kraft hohes Ansehen erlangt. Die Krisenbewältigung in Deutschland, die Sicherung von Arbeitsplätzen und die erkämpften Lohnsteigerungen und Verbesserungen der Beschäftigungsbedingungen sind Ausdruck der Stärke und Verantwortung, die von den Gewerkschaften wahrgenommen werden. Hier ist das Buch eine Mahnung an uns, politisches Handeln nicht mit rhetorischen Volten und verbalen Kraftanstrengungen zu verwechseln.

Huber und seine MitautorInnen erteilen GewerkschafterInnen geradezu den Auftrag, neue Entwicklungspfade zu betreten und entschlossen Reformen zum Besseren aktiv mit zu gestalten und dafür Mehrheiten zu gewinnen. Den Diskurs über ein zukunftsfähiges Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell hat die IG Metall aufgenommen. Kurzfristige Antikrisenprogramme stehen dabei ebenso wenig auf der Agenda wie symbolische Korrekturen einer ansonsten marktliberalen Politik. Es geht der IG Metall um einen politischen Kurswechsel, der in der Lage ist, ein produktives Zusammenspiel von wirtschaftlicher Dynamik, sozialer Gerechtigkeit, Innovationen und ökologischer Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Im Mittelpunkt des Reformmodells stehen die Bedingungen für ein „Gutes Leben“. Die zentrale Frage, die beinahe alle AutorInnen des Buchs bewegt, lautet: Wie können wir qualitatives Wachstum, gute Arbeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe in einer „humanen Ökonomie“ miteinander verbinden?

Jede Gewerkschaftskampagne, die sich dieser Frage annimmt, muss als ein langfristiges strategisches Projekt gesehen werden, das die Ideen Vieler einbezieht und vor allem neue Allianzen schmiedet. Der politische Kurswechsel schließt europäische und internationale Blickrichtungen zwangsläufig mit ein. Es ist klar, dass angesichts der Krisenpolitik in Griechenland oder Portugal eine der entscheidenden Auseinandersetzungen um die Zukunft Deutschlands auch auf europäischer Ebene gewonnen werden muss.

Als zentrale Aufgabe der gewerkschaftlichen Kurswechselpolitik beschreibt Berthold Huber die Stärkung der gesellschaftlichen Anerkennung jeglicher Arbeit und der sozialen Würde der Beschäftigten. Eine wichtige Frage sieht er darin, ob und wenn ja wie es den Gewerkschaften gelingt, den Wert von Arbeit in unserer Gesellschaft zu stärken und damit dem Trend der Prekarisierung entgegentreten zu können. Eine neue Ordnung der Arbeit ist kein Selbstzweck. Es geht darum, dass Menschen von ihrem Lohn leben können und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird.

Die Buchbeiträge verdeutlichen, wie sich in einem kurzen Zeitraum ab Mitte des 20. Jahrhunderts Gesellschaftsbilder, Rollenverhältnisse, Familienbilder und Arbeitsbeziehungen verändert haben; aber auch, wie wichtig es ist, zu handeln statt behandelt zu werden. Die Beiträge diskutieren, welche Folgewirkungen die Einschränkungen der Demokratie und der Abbau des Sozialstaates auf die Arbeitswelt, das soziale Gefüge, das Zusammenleben und die Lebensplanung jedes Einzelnen haben.

Sie sehen übereinstimmend – jeder Beitrag in seiner eigenen Herleitung – die Gewerkschaften als einen der wichtigsten Akteure auf dem Spielfeld, um auch die Menschen zu motivieren und zu mobilisieren. Dies gelingt aber nicht in einem Automatismus. Das Gelingen hängt aus Sicht der AutorInnen davon ab, inwiefern Re-Demokratisierungsstrategien auch zu einer Erneuerung der Gewerkschaften im 21.Jahrhundert beitragen können. Wenn die Gewerkschaften die Vielfalt der Interessen der Menschen zusammenbinden können, dann kann ein Kurswechsel gelingen.

Insgesamt handelt es sich um eine interessante Auswahl an Beiträgen, die nicht nur den Kongress dokumentieren, sondern darüber hinaus die großen Fragen und politischen Ansatzpunkte der gegenwärtigen gesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Situation präzise zusammenfassen.

Der von Berthold Huber und der IG Metall angestoßene Diskurs für eine zukunftsfähige Gesellschaft und Arbeitswelt, für gute Arbeit und ein gelingendes Leben wird weitergeführt und vorangetrieben werden – bis der Kurswechsel erreicht ist. Und darüber hinaus.

Berthold Huber: Kurswechsel für ein gutes Leben – Wege zu einer solidarischen Gesellschaft, Campus Frankfurt 2013, ISBN 978-3-593-39930-0

Mit Beiträgen von: James K. Galbraith, Gustav Horn, Gerhard Bosch, Colin Crouch, Richard Hyman, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Kurt Hübner, Christoph Scherrer, Robert Misik u.a.


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Kurzprofil

Marika Höhn
Geboren 1971 in Freiberg/Sachsen
Referatsleiterin Industrielle Beziehungen und Arbeitspolitik in der Grundsatzabteilung beim DGB Bundesvorstand

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