Deutscher Gewerkschaftsbund

21.03.2022

Klimakrise und Gewerkschaft: Neue Allianzen

Gute Arbeit ist gewerkschaftliches Kerngeschäft. Es ist wichtig, Fragen der Arbeitsgestaltung, den Kampf um faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen zurück auf die Tagesordnung zu holen. Aber angesichts der Klimakrise müssen die Gewerkschaften sich mehr öffnen und Allianzen bilden.

Junge Frau Auf Klima-Demonstration hält Schild mit einer heilen Welt und einer kaputten Welt hoch. Darunter Text: You decide

pixabay / Dominic Wunderlich

Die Weltgesellschaft steht vor einer Herausforderung, die existenzieller ist, als wir es uns vorstellen wollen. Während im Zuge der Digitalisierungs- und Transformationsdebatten noch darüber gestritten wird, wie drohende Arbeitsplatzverluste abzuwenden sind, stellt die Klimakrise uns vor eine viel grundlegendere Aufgabe: Wir brauchen einen nachhaltigen Plan für unsere Zukunft. Sonst hat in absehbarer Zeit niemand mehr eine Zukunft.

Klimakrise: Folgen auch für Beschäftigte in den klimagefährdenden Branchen

Die Wachstumsideologie ist nach wie vor wirkmächtig, hat aber profunde Kritiker*innen gefunden. Dabei geht es im Grunde um die Frage, wie wir es als Gesellschaft schaffen können, Produktion, Zirkulation und Konsum sozial und ökologisch zu gestalten. Die Soziologin Silke van Dyk stellt fest, dass Verzicht allein keine Systemalternative ist. Für eine Postwachstumsgesellschaft seien vor allem eine solidarische Ökonomie und der Abbau sozialer Ungleichheit wichtig. Dazu müssten wir uns fragen: „Was darf wachsen (zum Beispiel soziale Dienstleistungen), und was soll schrumpfen (zum Beispiel Kohleenergie oder Verkehr)?“, so van Dyk.

Im Hinblick auf die Klimakrise gilt, was aktuell in der Corona-Pandemie deutlich geworden ist: Die Krise trifft alle, aber nicht alle gleich. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung sind für 49 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Sie haben zudem weitreichende Möglichkeiten, sich vor den Folgen zu schützen. Zumindest kurzfristig. Direkte Konsequenzen spüren andere – die Menschen im globalen Süden, die bereits heute den verheerenden Folgen der Klimaveränderung ausgeliefert sind. Und perspektivisch jene, auf deren Rücken die anstehende sozial-ökologische Transformation ausgetragen wird: Die Beschäftigten in den klimagefährdenden Branchen.

Es braucht eine sozial-ökologische Umorientierung der gesamten Gesellschaft. Diese Erkenntnis stellt die großen Industriegewerkschaften vor ein Dilemma. Ihre Organisationsmacht beruht in erster Linie auf der Organisierung von Beschäftigten in den bisherigen Schlüsselbranchen – allen voran mit über 870.000 Beschäftigten (inklusive Zulieferer) die der Automobilindustrie. Die IG Metall organisiert in dieser Branche etwa eine halbe Million Menschen, fast ein Fünftel ihrer knapp 2,17 Millionen Mitglieder. Andere Branchen werden aus der Transformation Gewinn ziehen, beispielsweise der Maschinenbau oder die Elektroindustrie.

Arbeit neu denken

Nun kann man in die Auseinandersetzung darüber einsteigen, welche Qualifizierungen für wen sinnvoll sind und wie die restliche Arbeitszeit verteilt wird. Man kann aber auch ein Stück weiter gehen und gemeinsam hinterfragen, ob das Konzept Arbeit, wie wir es heute verfolgen, überhaupt sinnvoll ist. Ist Lohnarbeit, so wie wir sie kennen, tatsächlich das Ende der Geschichte? Oder können wir uns vorstellen, unsere Arbeit radikal anders zu organisieren? Der amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann sieht im Lohnarbeitssystem nur eine von vielen Möglichkeiten, Arbeit zu organisieren. Sein Konzept „New Work“ verspricht den Menschen eine neue Form des Wohlstands und höhere Lebensqualität. Indem die durch Automatisierung und Digitalisierung erzeugten Produktivitätssteigerungen zu ihrem Vorteil genutzt werden: Kürzere Arbeitszeiten für alle, mehr Zeit für Teilhabe, Freund*innen, Familie und „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“.

Bergmann denkt visionär, aber vor dem Hintergrund gesammelter Erfahrungen. Ort seines Wirkens war für viele Jahrzehnte die Gegend um Detroit – dem ehemaligen Herzen der amerikanischen Automobilindustrie. Um die in den 80er-Jahren drohenden Massenentlassungen abzuwenden, entwarf Bergmann für das General Motors-Werk in Flint eine spezielle Art der Teilzeitarbeit: Ein halbes Jahr arbeitete die eine Hälfte der Belegschaft, ein halbes Jahr die andere. In der jeweils freien Zeit erhielten die Arbeiter*innen die Möglichkeit, sich neue Beschäftigungsfelder zu suchen. Was könnte es vor diesem Hintergrund für Gewerkschaften bedeuten, in die Offensive zu gehen? Wäre es denkbar, dass Gewerkschaften sich dazu entscheiden, den Um- und teilweise auch Rückbau der Produktion sogar aktiv voranzutreiben? Dass Beschäftigte in der Automobilindustrie die Konversion ihrer Arbeitsplätze selbst in die Hand nehmen?

Gewerkschaft neu denken

Die Krise der Gewerkschaften ist zentral damit verbunden, dass sie als professionelle Dienstleister*innen verstanden werden. Das steht im Widerspruch zu einer Selbstorganisierung der Beschäftigten. Allerorts werden Innovationen gefordert – aber häufig werden die Expert*innen, die Beschäftigten selbst, unterschätzt.

So steht im Hinblick auf eine stärkere Hinwendung zu sozial-ökologischen Forderungen oft die Befürchtung im Raum, die eigenen Mitglieder vor den Kopf zu stoßen, Austritte zu riskieren und damit die Organisation zu schwächen. Aber ist das tatsächlich der Fall? Haben vielleicht Teile der Belegschaften ein stärkeres Krisen- und Veränderungsbewusstsein ausgebildet, als ihnen zugetraut wird? Existiert unter Umständen ein enormes Potenzial an Noch-Nicht-Mitgliedern, für das die ökologische Transformation eine entscheidende Rolle hinsichtlich des persönlichen Engagements spielt?

Der Datenreport 2021 für die Bundesrepublik Deutschland zeigt: Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung machten sich 2019 große Sorgen um den Schutz der Umwelt und die Folgen des Klimawandels. Mehr als zwei Drittel waren bereit, für den Schutz des Klimas Abstriche beim persönlichen Lebensstandard hinzunehmen. Knapp ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland hat 2019 an Demonstrationen der Fridays-for-Future-Bewegung teilgenommen.

Allianzen neu denken

Zeit also, sich von einer eindimensionalen Vorstellung bezüglich der Interessen von Gewerkschaftsmitgliedern zu verabschieden. Die Wahrnehmungen, Bedürfnisse und Interessen sind vielfältig. Vielleicht ist dagegen die Institutionalisierung der Organisation – Mitgliedschaft, Gremienarbeit, Hierarchien – kritisch zu betrachten. Um mehr Menschen abzuholen, könnten Beteiligung und Partizipation neu gedacht werden – basisdemokratisch, offen und auch in digitalen Räumen. Denn um tatsächlich erfolgreich zu sein, kann es perspektivisch nicht allein um gewerkschaftliche Konzepte gehen. Im Mittelpunkt muss die Allianz mit sozial-ökologischen Bewegungen stehen.

Für Gewerkschaften heißt das: Raus aus der Defensive! Mut zu offenen Diskussionen und Bewegungsnähe. Insofern sollten aktuellen Diskurse um Identitätspolitiken und damit einhergehende Empowerment-Prozesse von den Gewerkschaften nicht ignoriert, sondern aktiv mitgeführt werden. Und vor allem im Hinblick auf ihre sinnvolle und notwendige Verknüpfung mit neuen Konzepten von Klassenpolitiken geprüft, ergänzt und gestaltet werden.

Dieser Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von www.inside-igmetall.de.


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Kurzprofil

Anne Goldenbogen
ist Diplom-Politikwissenschaftlerin und arbeitet als selbstständige Texterin, Konzepterin und Trainerin im Bereich politische Kommunikation und Bildung. Ihre Schwerpunkte sind kritische Gesellschaftstheorien, Antisemitismus und gewerkschaftliche Organisierung.
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