Deutscher Gewerkschaftsbund

17.03.2014

Die Dopinggesellschaft

Pillen und Pulver

markusspiske / photocase.com

Das olympische Feuer in Sotchi ist erloschen. Wie bei allen Spielen gab es Favoritensieger und Favoritenkiller, und Athleten, die beim Dopen erwischt wurden. Der italienische Bobfahrer William Frullani wurde ebenso überführt wie die deutsche Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle. Ungeachtet des Entsetzens über „diese Dummheit und Leichtfertigkeit” – wie es der deutsche Bundestrainer Uwe Müßiggang nannte -, machte sich nach der IOC-Mitteilung lediglich ein Gefühl des déjà vu Luft. Wirklich überrascht hat es keinen, und neu war es auch nicht.

Was neu war in Sotchi, war die augenfällige Dominanz der Niederländer beim olympischen Eisschnelllauf. Man wusste, dass sie schnell waren. Sie sind es seit Jahrzehnten. Aber ihre Überlegenheit in Sotchi hatte eine andere Qualität. Die niederländischen Eisschnellläufer begnügten sich nicht damit, ihre Gegner zu besiegen. Sie liefen sie in Grund und Boden und demoralisierten sie geradezu. Von 27 möglichen Medaillen gingen 19 an das Oranje-Team. Viermal räumten die Athleten aus den Niederlanden den kompletten Medaillensatz ab, über 1500-Meter belegten gleich vier Niederländerinnen die ersten vier Plätze.

Die Dominanz war geradezu erdrückend, manche empfanden sie gar als unheimlich. Der Trainer des norwegischen Teams sprach letztlich aus, was viele Beobachter munkelten. Er vermutet, dass Doping im Spiel war. Missgunst der Unterlegenen? Möglich. Beweise für den Verdacht konnte er nicht liefern. Gleichwohl ist die Siegerserie der Niederländer auffällig. Aber sie ist nicht einzigartig. Der spanische Tennisspieler Rafael Nadal hat inzwischen auch alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Und auch hier war es nicht der Umstand, dass er in der Regel nach drei, vier oder fünf Sätzen routinemäßig den Platz als Sieger verließ. Es war die Art, wie er im Regelfall seine Gegner in ihre unvermeintliche Niederlage schickte.

Was ist ihr Geheimnis?

Dass auch Nadal jetzt im Verdacht steht, sich durch Doping die Dominanz auf dem Platz gesichert zu haben, kann niemanden überraschen. Was Nadal seit Jahren serienmäßig dem Publikum bietet, sind Matches von einem anderen Stern. Wer in mehrstündigen, hart umkämpften und auf höchstem Niveau stehenden Fünfsatzspielen jedem Ball wie ein Sprinter hinterherlaufen und präzise retournieren kann, der muss sich Fragen nach ‘seinem Geheimnis’ gefallen lassen.

Andre Agassi hat in seiner Autobiographie sein Geheimnis gelüftet. Er hat sich mit Crystal-Meth aufgeputscht. Andere Spitzenspieler waren bisher weniger auskunftsfreudig. Gesprächiger wurden sie erst nach eindeutigen Dopinganalysen. Petr Korda musste zugeben, mit Nandrolon Muskulatur und Erythrozyten gestärkt und vermehrt zu haben. Und Marin Cilic ließ kleinlaut verlauten, mit Nikethamid sein flatterndes Nervenkostüm in kritischen Momenten beruhigt zu haben.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) wird sich die Schluck- und Spritzpraktiken im weißen Sport genauer anschauen. Bereits heute signalisiert ihr einstiger Chef, der Kanadier Richard Pond, dass ihn nicht überraschen würde, wenn im Tennis ebenso wie im Radsport und der Leichtathletik, und hier insbesondere bei den Schnellkraft- und Kraftdisziplinen Sprint, Kugelstoßen und Hammerwerfen neben Epo die ganze Breite leistungsfördernder Substanzen geschluckt und gespritzt wird – mitunter bis zu hundertfache Mengen nach dem Motto: “Viel hilft viel”.

Nur ein bisschen nachhelfen….

Pond hätte bedenkenlos andere Sportarten hinzufügen können. Im amerikanischen Football und Baseball werden seit Jahrzehnten mit der Einnahme von ‘performance enhancing drugs’ Rekorde der Superlativen aufgestellt. Aber nicht nur in den großen Sportstadien, wo sich Athleten wie Gladiatoren aufführen, werden leistungsfördernde Mittel gnadenlos geschluckt und gespritzt. Auch in eher unverdächtigen Schwimmhallen wird nicht nur Wasser geschluckt. Und das nicht nur in Diktaturen. Deutschlands Weltmeister und Weltrekordschwimmer Walter Kusch ließ wissen, dass im deutschen Schwimmsport mit Anabolika experimentiert wurde nach dem ‘learning-by-doing’-Verfahren. Die Trainer, so Kusch, seien hoch erfreut gewesen, dass es ‘irgendwas gab, um nachzuhelfen’.

Dass heute auch im Fußball gedopt wird, will der Mannschaftskapitän des DFB-Teams Philipp Lahm nicht ausschließen. Als Toni Schumacher 1987 in seinem Buch ‘Anpfiff’ über den weit verbreiteten Gebrauch leistungsfördernder Substanzen im Fußball berichtete, wurde er dafür von seinen Fußballerkollegen als Nestbeschmutzer beschimpft und vom DFB und seinem Club verbannt. Keinen Sturm der Entrüstung entfachte dagegen Franz Beckenbauer mit dem Hinweis, dass Deutschlands Top-Fußballer sicherlich nicht nur Vitaminspritzen bekämen.

Leistung und Lüge

Der Kampf gegen Doping im Sport ist zwar immer noch für Schlagzeilen gut, besonders wenn Superathleten wie Lance Armstrong als Leugner und Lügner überführt werden. Zu gewinnen ist er gleichwohl nicht. Leistungsfördernde Mittel werden seit Jahrzehnten nicht nur im Hochleistungssport geschluckt und gespritzt. Auch die Leistungsträger in Kunst und Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft greifen immer häufiger und regelmäßiger in den häuslichen Medizinschrank. Wo es gilt konkurrenzfähig zu bleiben, wenn der nächste Schauspielauftritt bevorsteht, der vom Publikum erwartete Hit oder Bestseller geschrieben oder Nobelpreise in Chemie oder Physik gewonnen werden wollen, muss das Letzte aus dem bestehenden Leistungs-und Kreativpotential herausgeholt werden. Das geht dann mitunter nur noch mit Hilfe leistungsfördernder Mittel.

Mitunter geht unter diesen Vorzeichen dann auch ein Schuss auf fatale Weise nach hinten los. Philip Seymour Hoffman, Amerikas führender und wohl seit Jahren vielseitigster Charakterdarsteller und Oscarpreisträger (‘Capote’) wurde letztlich ebenso wenig mit dem Erwartungsdruck fertig wie andere vor ihm. Obwohl schon seit Jahren ‘clean’, führte ihn die Einnahme verschreibungspflichtiger pharmazeutischer Opiate wie OxyContin, Vicodin und Percocet zurück zum Heroin. Diese leistungsfördernden und angstnehmenden Opiate sind laut einer Untersuchung des amerikanischen ‘Centers for Disease Control and Prevention’ für fünf Mal so viele Tote verantwortlich wie Heroin. Auch Michael Jackson und John Belushi, der bei ‘Saturday Night Life’ ebenso brillierte wie bei den ‘Blues Brothers’ und in ‘Animal House’, suchten dem ständig steigenden Erwartungsdruck durch das systematische Schlucken und Spritzen einer Kombination dieser Opiate in Verbindung mit Heroin zu entkommen.

Markt mit Nebenwirkungen

Marktgesetze diktieren seit Jahrzehnten bereits, welche Mittel genommen werden. Sie sind auch ein zuverlässiger Indikator für wachsende oder fallende, durch Drogen verursachte Todesraten. Eine Untersuchung im US-Bundesstaat Maryland hat herausgearbeitet, dass in den ersten sieben Monaten des Jahres 2012 die Zahl der an pharmazeutischen Opiaten zu Tode Gekommenen um 15 Prozent gefallen, während die Zahl der an einer Überdosis Heroin Gestorbenen um 41 Prozent gestiegen ist. Der Umstand, dass ein kleines Paket Heroin auf den Straßen des Bundesstaates für 10 US Dollar zu haben ist, während 80 mg OxyContin nicht unter 80 US Dollar zu bekommen sind, hat nicht nur einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Todesraten; er ‘schmiert’ auch den Weg zurück in die Heroinabhängigkeit mit all seinen Folgen. Hoffmans unmittelbarer Tod wird der Wechselwirkung von pharmazeutischen Opiaten und Heroin – der Schauspieler wurde mit einer Heroinnadel im Arm und inmitten herumliegender Opiatpakete in seiner Wohnung in Manhattan aufgefunden – zugeschrieben.

Weniger dramatisch, gleichwohl nicht weniger bedenklich ist der Verzehr von Alkohol in der Kunst- und Kulturindustrie. Ernest Hemingway sagte einst, „das moderne Leben ist eine einzige Unterdrückung und der Alkohol sorgt zumindest vorübergehend für Linderung”. Hemingway war nicht allein mit dieser Sicht der Dinge. Seine Schriftstellerkollegen John Cheever, Tennessee Williams, John Berryman, F. Scott Fitzgerald und Raymond Carver waren wie Hemingway auch dem Alkohol sehr zugeneigt. Hemingway und Fitzgerald machten einst Furore mit ihren Sauftouren von Lyon nach Paris, auf der sie sich regelmäßig unter Bäumen und im Regen betranken. Williams selbst war bekannt dafür, täglich in seiner Heimatstadt New Orleans in Victor’s Bar einen Brandy Alexander in sich aufgenommen zu haben. Und John Berryman, glaubt man Saul Bellows Eindruck, war fest davon überzeugt, dass jede Inspiration in sich den Keim der eigenen Vernichtung trägt. Bellow schreibt: “Wenn John nach langem Brüten endlich das schriftstellerisch in den Griff bekam, worauf er lange gewartet und hingearbeitet, ja sogar inständig gebetet hatte, brach er völlig aufgelöst zusammen. Der Alkohol war sein Stabilisator. Er hat die fatale Intensität und Angst, zu versagen, abgemildert”.

Was immer diese großen Schriftsteller trennte, einig waren sie sich, dass nur der Alkohol die in ihnen schlummernde Schaffenskraft und berauschende Prosa zur vollen Entfaltung sowie die ebenso in ihnen wohnende Angst, zu versagen, unter Kontrolle bringen könne. Billy Wilders “The Lost Weekend” hat die beiden Pole Sucht einerseits und Kreativität und Verfall andererseits filmisch zusammengeführt und preisgekrönt auf die Leinwand gebracht, während Tennessee Williams in seinem Roman “Cat on a Hot Tin Roof” die Protagonisten ‘Brick’ und ‘Big Daddy’ über den Katalysator Bourbon in Rage und Ekstase versetzte.

Management by Drugs

Leistungsfördernde Mittel sind jedoch nicht das Prärogativ der Kunst- und Kulturelite. Auch auf den Führungsetagen in der Wirtschaft wird geschluckt und gespritzt. Symptomatisch dafür ist der ‘Werdegang’ des Hedge-Fund-Traders Sam Polk, der auf der Wall Street mit seinen Deals Millionen zusammengescheffelt hat. Auf Touren gebracht hatte Polk sich zu Beginn seiner Karriere mit Alkohol. Als dessen Wirkung verflachte, stieg er auf leistungsfördernde Drogen um. Und als er auch deren Wirksamkeit schwinden sah, stieg er auf die ultimative leistungsfördernde Droge um: Money und Macht. Nun ging es Polk nur noch darum, bei den ganz Großen im Geschäft, den Milliardären, auf Augenhöhe mitzumischen. Money als Mittel zur Macht und Anerkennung.

Das ‘große Ziel’ erreichte Polk ungeachtet all seiner Bemühungen nicht. Eine Unachtsamkeit, ein unbedacht dahingesprochener Hinweis im Kreise einer Handvoll ‘Blue-Chip’-CEOs über die Sinnhaftigkeit bessere Regularien für die Hedge-Fond-Industrie, brach ihm das Genick. “Zuerst durchbohrte mich der stechende Blick eines CEOs. Dann folgte das vernichtende Urteil, dass ich nicht über genügend Hirnmasse verfüge, um mich kompetent zur Gesamtsituation des Systems zu äußern. Der CEO hatte offensichtlich Angst, in Zukunft weniger Geld einzukassieren. Die Tatsache, dass er bereits über eine Milliarde Dollar beiseitegelegt hatte, spielte dabei keine Rolle”.

Polk stieg aus als er das wahre Gesicht dieser Geld- und Machtsucht erkannte. Er sah nun die Kommentare seiner ‘fellow traders’, die routinemäßig über neue Boni-Regelwerke schimpften und Steuerpläne aus Prinzip mit den schlimmsten Schmutzwörtern bedachten, in einem anderen Licht. Und dann fragt er: “Haben Sie schon einmal einen Drogensüchtigen gesehen, dem der Stoff ausgegangen ist? Er bewegt Himmel und Hölle, er würde 20 Meilen zu Fuß gehen oder einer Großmutter ihr Gespartes abnehmen, um schnellst möglich an den nächsten Schuss zu kommen. Die Wall Street funktioniert genauso. Die Monate vor der Auszahlung der Boni haben viel gemein mit der Nachbarschaft im Film ‘The Wire’, als den Leuten das Heroin ausgegangen ist und sie einen neuen Schuss brauchen”.

Kopfarbeit ohne Gehirnjogging

Ähnliches gilt auch für große Teile der Wissenschaft und vor allem für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Es gilt, im Wettbewerb zu bestehen und mit herausragenden Beiträgen und Forschungsergebnissen seinen Platz in der Gesellschaft zu finden und zu sichern. Welche Blüten dieser Kampf treibt, zeigt ein Blick in die Lernzimmer der Studenten. “Study drugs” gehören heute ebenso zum Alltagsinventar wie Textbücher und Laborinstrumente. Sie sollen Studenten helfen, effektiver zu lernen, sich länger zu konzentrieren und Prüfungen ohne panische Angst im Nacken zu absolvieren. Die Studierdrogen Adderall, Ritalin, Dexedrine und Concerta, zum Beispiel, sind derzeit die großen Renner auf den Campi der amerikanischen Universitäten. Ihnen gemein ist die Stimulierung von mentalen Gehirnfunktionen. Sie sollen Vorteile im Kampf um die besten Noten bringen und die Erfolgschancen auf die gesuchten Stellen nach Studienschluss erhöhen. Verkauft werden diese Drogen für 10 bis 15 Dollar das Stück.

Dass sich Studenten durch die Einnahme dieser leistungsfördernden Drogen Vorteile gegenüber denen verschaffen, die sie nicht nehmen, scheint einer Umfrage zufolge nicht nachhaltig ihre Entscheidung und ihr Verhalten zu beeinflussen. Von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Auch die bekannten Nebenwirkungen wie innere Unruhe und Ängstlichkeit, Persönlichkeitsveränderungen, extreme Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und Appetitverlust, Kurzatmigkeit, Halluzinationen und epileptische Anfälle werden bewusst in Kauf genommen und dem Ziel, erfolgreich zu sein, untergeordnet. Und die Universitätsverwaltungen schauen bewusst weg. Auch sie wollen offensichtlich Studenten, die vor allem ergebnisorientiert und erfolgreich ihr Studium angehen und bewältigen. Die Reputation der Universitäten und damit auch die von der Privatindustrie und der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellten Mittel hängen unmittelbar von der Performance der Studenten ab.

Deutschlands Studenten befinden sich inzwischen auch auf dem Gehirndopingtrip. Eine Untersuchung der Universität Bielefeld dokumentiert, dass von etwa 3500 zufällig ausgewählten Studenten an vier großen deutschen Universitäten 40 Prozent mindestens einmal in sechs Monaten eine ‘study drug’ geschluckt haben; jeder Vierte gar mehr als dreimal. Und wie in Amerika und Kanada treibt auch deutsche Studenten die Angst vor Prüfungen und die Sorge, mögliche Wettbewerbsvorteile nicht zu nutzen, zur Einnahme von ‘study drugs’. Gleichwohl geben sie an, von einer weiteren Einnahme abzusehen, wenn die Prüfungsordnungen dies ausdrücklich vorschreiben würden.

Stressbewältigung beim Apotheker

Auch Otto Normalverbraucher nimmt inzwischen Pillen, die die Leistungsfähigkeit erhöhen und das Durchhaltevermögen steigern, die Stimmung heben, Ängste vertreiben und entspannen. Letzten Sommer haben AOK und DAK darauf hingewiesen, dass das ‘Gehirndoping’ in der Bevölkerung in zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen sei. Der Studie zufolge konsumieren etwa 800.000 Menschen in Deutschland mehrmals pro Woche oder gar täglich Psychopharmaka, um am Arbeitsplatz bessere Leistungen zu erzielen oder Stresssituationen besser in den Griff zu bekommen. Frauen bevorzugen vor allem angstlösende Präparate während Männer vorzugsweise zu leistungsfördernden Mitteln greifen. Dazu stellt AOK-Chef Uwe Deh fest, dass die neue Arbeitswelt mit ihren Anforderungen an Flexibilität, Erreichbarkeit und Mobilität den Nährboden für die neuen Süchte bilden.

Von diesem Leitgedanken, durch die Einnahme leistungsfördernder und angsthemmender Substanzen den Platz in der Gesellschaft zu sichern, werden inzwischen selbst die persönlichsten und intimsten Bereiche zwischenmenschlicher Beziehungen nicht mehr ausgespart. Welchen anderen Zweck als den der Platzsicherung sowie der anhaltenden Steigerung der Leistungsfähigkeit verfolgt die Einnahme des Potenzmittels Viagra?

Gewinne, Gewinne, Gewinne…..

In einer globalisierten Markt- und Leistungsgesellschaft, in der nur noch Sieger zählen und diese Ruhm und Reichtum für sich reklamieren können, gelten überall dieselben Gesetzmäßigkeiten. Vom Sport einen anderen Ethos oder anderes Wettbewerbsverhalten zu verlangen als von der industriellen Landwirtschaft zum Beispiel, wo durch Saatgutgenmanipulation oder Verabreichung von Wachstumshormonen gewinnbringende Wettbewerbsvorteile erzielt werden können, wäre im wahrsten Sinne des Wortes verlogen.

Und was der Landwirtschaft recht ist, ist der fossilen Energiewirtschaft natürlich billig. Auch deren Wettbewerbsfähigkeit hängt ab von dem ihm zugestandenen Recht, jedes Jahr Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre zu pumpen, ohne die Kosten für die negativen Externalitäten, die sie damit produzieren, zu tragen. In diesem ‘Wettbewerb’ hat es die organische Landwirtschaft ebenso schwer sich zu behaupten wie die erneuerbare Energiewirtschaft. Ein Zyniker, der hier dem fairen Wettbewerb das Wort redet.

An Versuchen, dieses inzwischen fast alle Bereiche des Lebens durchdringende unselige Rad der Leistungs- und Marktgesellschaft zurückzudrehen, hat es zu keiner Zeit gefehlt, weder im Sport noch in der Gesellschaft schlechthin. Erinnert sei an den Widerstand des einstigen IOC-Granden Avery Brundage gegen die Teilnahme von Profis an Olympischen Spielen. Oder an die Entscheidung von ARD und ZDF, Bandenwerbung bei Sportübertragungen auszublenden oder gar zu untersagen. Beide wurden von den auf Macht und Money fixierten Marktgesetzen letztlich überrollt. IOC und die Öffentlich-Rechtlichen haben sich inzwischen mit den neuen Regeln hervorragend arrangiert.

Mit Ethos alleine ist der Leistungs- und Marktgesellschaft nicht beizukommen, weder im Sport noch in der Gesellschaft. Das kann nur eine neue Kultur, die für die Gesellschaft genauso verbindlich ist wie für den Sport. Es gilt also, die Diskussion vom Kopf wieder auf die Beine zu stellen. Denn der Kampf gegen das Doping ist de facto nicht mehr als eine Scheindebatte, und die vielen kleinen Teilerfolge sind nichts anderes als ein Beruhigungsmittel. Dieser Kampf sollte eingestellt werden. An seine Stelle muss eine offensiv geführte und breit angelegte öffentliche Diskussion über das krankmachende Werte- und Wirtschaftsmodell treten. Der Sport wird nur so fair und sauber sein können wie der Rest der Gesellschaft. Oder genauso schmutzig.


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