Deutscher Gewerkschaftsbund

19.03.2010

Problem Nutzmenschhaltung

Die italienische Komödie„Das ganze Leben liegt vor dir“ erzählt von der Arbeit in der kapitalistischen Legebatterie Callcenter.

Der Filmstart war am 18. März 2010.

 „Das ganze Leben liegt vor dir“. I 2008. Regie: Paolo Virzì. Darsteller: Isabella Ragonese, Sabrina Ferilli, Massimi Ghini, Valerio Mastandrea u.a.

„In dieser Schärfe und Gleichmäßigkeit haben wir das in Europa noch nicht gesehen.“ Ingo Kuhnert vom Europäischen Statistikamt Eurostat macht große Augen, weil er staunt, was sich ihm bietet. Nach dem Einbruch der Finanzmärkte hat in Europa vor allem Konjunktur: die Jugendarbeitslosigkeit. Die steigt rasant. Zur Zeit sind rund fünf Millionen Menschen unter 25 Jahren in Europa arbeitslos - gemeldet. In Spanien ist zum Beispiel jeder zweite dieser Altersklasse ohne Job. Und das ist nur die offizielle Zahl.

Okay, es war vorher auch schon schlimm. Aber es ist ein Wirtschaftsgesetz, dass sich negative Schübe auf dem Arbeitsmarkt bei den Berufseinsteigern - oder besser: bei allen, die ohne Absicherung und doppelten Boden am Rand zur Prekarität leben, am deutlichsten äußern.

Und Jugend! Sie ist ohnehin ein Gesellschaftsteil, der per se prekär ist. Und delinquent, sexsüchtig und suizidal. Wofür diese Suada? Die genannten Ingredienzien sind nun für das Kino auf eine so einzigartige Weise neu abgemischt worden, dass Ingo Kuhnert von Eurostat seine Freude hätte: „Tutta La Vita Davanti“ heißt Paolo Virzìs wahnsinnige italienische Variante dieser europäischen Schadensökonomie, die die Verhältnisse südwärts der Alpen so schön abbildet. In Deutschland ist die Komödie unter dem Titel „Das ganze Leben liegt vor dir“ unterwegs.

Italien ist beispielhaft darin, wie außer den Fernsehstationen und Affären des Ministerpräsidenten die schlechten Lebens- und Arbeitsverhältnisse blühen. Locker in der Champion’s League mithaltend: die hohe Jugendarbeitslosigkeit - im Jahr 2008 lag sie bei schönen 21,3 Prozent.

Die Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit, OECD, hat festgestellt, dass die Erwerbseinkommen in Italien zu den niedrigsten unter den industrialisierten Ländern gehören: Auf 19.861 Dollar beläuft sich das durchschnittliche Nettoeinkommen hier, der OECD-Schnitt liegt bei 24.660 Dollar - was freilich auch für das deutsche Prekariat mittlerweile eine erstrebenswerte Summe darstellt. Wie gesagt, Prekarität ist die Geschäftsgrundlage der Europäischen Union.

„Prekariat“ ist eine übergreifende, anerkannte Rechengröße. Der italienische Politologe Alex Foti sagt: „Es ist in der post-industriellen Gesellschaft das, was das Proletariat in der Industriegesellschaft war.“

Zahlen sind schwer zu filmen. „Das ganze Leben liegt vor dir“ fasst dennoch eine Reihe von diesen diversen postindustriellen Bruchlinien zusammen: Berufseinstieg, Lebensplanbarkeit, extrem schlechte Bezahlung, scheußliche Jobaussichten, Sex - und die Ausbildung hat nicht mit dem Leben zu tun.

Im Zentrum steht Marta (Isabella Ragonese), die zu Beginn hocherfreut ins Leben schaut: Sie ist Mitte 20, hat einen tollen Freund und tolle Freunde und einen Superabschluss mit ein paar Lorbeeren („Summa cum laude“) vor ein paar alten Professoren abgelegt. Ihr Spezialgebiet ist Martin Heidegger - und was er mit Hannah Arendt zu schaffen hatte. Die Ausdrucksweise ist gewählt, die Optik der Hochschulabsolventen geht dabei ein bisschen in Richtung Tutti Bianchi und G8-Protestler - die Mädchen gern lesbisch mit Dreadlocks, die Jungs enge Hose und Pornosonnenbrille.

Schon bei der Jobsuche stellt Marta fest, dass Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ eine philosophische Randnotiz darstellt, die der Autor zumindest in einigen Kapiteln stark bearbeitet hätte, wenn er „Big Brother“ gekannt hätte. Der Schrat aus Tübingen ist derzeit nicht richtig gefragt. Dagegen aber scheinen die Darlegungen Hegels immerwahre Dauerzustände beschreiben - z.B. alles im Kapitel „Herrschaft und Knechtschaft“ seiner „Phänomenologie des Geistes“: Und so tourt die junge Sizilianerin durch die Geistesmalocher-Etagen von Rom. Beim Verlag arbeiten? Alles voll. Bei der Zeitung, wo der Studienabbrecher-Kumpel als Klatschkolumnist arbeitet? Ja, warum haben die Studienabbrecher bloß immer die guten Jobs - sie haben ihr Studium eben abgebrochen, weil was Besseres in Sicht war.

Mutter (Mary Cipolla) ist krank. Zu ihr, nach Palermo zieht es Marta jetzt. Das Kind möge doch in den Schuldienst gehen, das habe sie, die Lehrerin, auch gemacht. Marta ist nicht überzeugt. „Du hast dein ganzes Leben noch vor dir“, sagt Mutter. Und aus dem Munde der Sterbenskranken klingt dies, als sei es eindeutig besser, wenn es schon hinter einem läge. Wer könnte anderes sagen: Das Geheul der Überlebenden ist in jedem Fall entschieden lauter als das der Toten - zum Beispiel bei Streitereien: Zurück in Rom ist das WG-Zimmer Martas schon weitervermietet. Und sie erlebt nun das, was unter dem Stichwort Quarterlife Crisis sein Unwesen treibt: Die Ausbildung ist zu Ende, eine Weiterbeschäftigung nicht in Sicht. Die alte Beziehung geht als befristete Doktorandenstelle in Kanada dahin, Familie ist passé.

Pleite, verlassen, marode - in dieser Situation lernt Marta Lara (Giulia Salerno) kennen. Die junge Frau hat ebenfalls schon ein anstrengendes Leben hinter sich: Sie ist zwar erst sieben, hat aber mit ihrer jungen Mutter Sonia (Micaela Ramazotti) gut zu kämpfen. Denn die ist dort, wo Marta jetzt auch landet: im Call-Center. Sonia könnte man als bildungsfern bezeichnen. Sie sitzt die Nachmittags-Shows ab, saugt die Klatschblätter ab, lässt sich wahllos mit Verrückten ein. Sonia sein bedeutet: Man steht auch ohne Universitätsabschluss am unteren Ende der Gesellschaft. Allenfalls leichte Varianten sind möglich: Die working mom hat die Wahl zwischen Callcenter und Prostitution - und sie entscheidet sich für beides.

Marta zieht als Kindermädchen zu den beiden, damit Sonia ihren Beschäftigungen nachgehen kann. Und referiert Lara Platons Höhlengleichnis als Gute-Nacht-Geschichte. Eines Tages hat das Callcenter eine Schicht frei. Marta steigt in die Leistungsgesellschaft ein - von einem 400-Euro-Job ist die Rede.

Was bisher geschah, war Vorgeplänkel. Marta landet in einem surreal anmutenden Industriegelände, das von modernen Dienstleistern bevölkert wird - irgendwo vor den Toren der Stadt, zwischen Autobahnkreuz und S-Bahn-Anschluss. Eine seltsame Kollektivität herrscht hier, scheinbar so gar nicht passend zur Individualisierung der Arbeit. Regisseur Virzì entwirft eine bizarre Welt, in der schöne und gleichgeschaltete Menschen ihren Telefonverkaufsgesprächen frönen. Mit Erfolgskontrolle und Gesprächsüberwachung wie im Schüler-Sprachlabor.

Dass Zusammengetriebensein macht aber Sinn - es geht um Herr- und Knechtschaft, um Akkumulation. Königin bzw. Einschleiferin der spätkapitalistischen Legebatterie ist das ehemalige Model Daniela (Sabrina Ferilli), die ihre Armee Telefonverkäuferinnen jeden Morgen per Bollywood-Kampfgymnastik hart an der völligen Seelenlosigkeit vorbei in die Spur bringt - wobei diese Einlagen einen Brechtschen Verfremdungseffekt bewirken, die Figuren aber absurderweise nicht aus ihrer Szenerie heraustreten: Jugendliche Energie ist durchaus vorhanden, erstarrt aber in der konzentrierten Nutzmenschhaltung.

Und über allem thront der Chef der Firma Multiple, wie sie im Film heißt, der nur einen Vornamen hat: Claudio (Massimo Ghini), ein distinguierter und durchtrainierter Vollprofi von der Optik Frank Schätzing. Die Philosophie des Unternehmens. Ihr Name: Systemtelefonie. „Welcome to corporate hell“ - mit solchen Sätzen heben die Mitarbeiter dann alle Widersprüche wieder auf.

Der Firmenname spielt auf ein System an, das man Multilevel Marketing nennt: Eine Art Pyramidenspiel, das der Firma vor allem durch die Mitarbeiter Profit erbringt. Deswegen werden häufig junge Leute eingestellt, die zunächst einmal Verwandte und Freunde als Kunden gewinnen. Wenn eine weitere aggressive Ausdehnung des Kundenstamms scheitert, wird der Mitarbeiter entlassen. Daraus entsteht ein vernichtend lächerliches Bild einer neuen Schicht von Dienstleistern, die der totalen Kontrolle ihrer Arbeit unterworfen sind. Es ist dieses Blamable, aus dem der Film seinen Humor bezieht. Die jungen Frauen verticken irgendwelche Geräte, deren Sinn nicht ganz klar ist. Am ehesten dreht es sich noch um Wasserfiltermaschinen für den Haushalt.

Es ist nicht der Bomben-Regieeinfall, aber: Marta googelt die Kundennamen, sammelt Informationen über die Wohnviertel, in denen sich die Adresse der potenziellen Kundschaft befindet und macht bei der Kontaktaufnahme auf Kumpel: „Ja, ich bin um die Ecke zur Schule gegangen.“ Ihre meist ältere Kundschaft, deren Rente hier drauf geht, ist nicht so medienaffin, dass sie den Betrug merken würde. Die zumeist betagten Damen zeigen viel Herz für die jungen Telearbeiterinnen - „ach herrje, ich bin froh, dass ich nicht mehr jung sein muss.“

Vor Ort verkaufen dann ausschließlich - ganz Klischee vom italienischen Liebhaber - junge Männer. Es ist der Begabteste unter ihnen, Lucio 2 (Elio Germano), jung genug, um noch bekloppt zu werden, der irgendwann durchdreht - selbst- und fremdgesteckte Ziele lassen sich nicht mehr verwirklichen.

Statt dessen stellen sich Ausfallerscheinungen ein in der Kragenweite Psychose und manische Depression. In dem sich die Spirale des Wahnsinns schneller dreht, finden erschreckende Massenszenen statt: „Verlierer“ wird demjenigen mit wasserfestem Filzstift auf die Stirn geschrieben, der die Quote nicht bringt. Die Rituale der Vertreter haben denn auch etwas von Sklavenbestrafung und Pennäler-Aggression. Irgendwas zwischen Hinrichtung und In-die-Aktentasche-pissen.

Wie eben das ganze Arbeitsleben in „Das ganze Leben liegt vor dir“ eine operettenhafte Angelegenheit ist. Voll eklig wird es, als Marta zum Dank, dass sie die Topsellerin ist, von Daniela nach Hause eingeladen wird. Und sich herausstellt, dass die Chefin schon völlig irre ist. Marta darf zur Belohnung der Vorgesetzten die Füße massieren.

Italien besitzt einige Gewerkschaften, die exakt für solche Fälle gegründet wurden. Eine heißt NIDIL/CGIL, das steht für Nuovo Identita de Lavoro/Confederazione Generale Italiana del Lavoro. Der Dachverband CGIL ist, Ingo Kuhnert wird es freuen, Mitglied im Trade Union Advisory Committee, einem gewerkschaftlichen Beratungskomitee der OECD. Er hat eigens eine Gewerkschaft für Prekäre gegründet, die NIDIL vertritt Zeitarbeiter und atypisch Beschäftigte, also Scheinselbstständige, Honorarkräfte und anderes.

Auch Giorgio Conforti (Valerio Mastandrea) hat einst Philosophie studiert, jetzt arbeitet er für eben jene Gewerkschaft. Mit seiner Figur kriegt das Ganze einen professionellen Anstrich: Ins Gesicht der Prekären und in die Kamera erklärt er ein ums andere Mal, was am Arbeitsplatz erlaubt ist und was nicht. Welche Rechte ein Arbeitnehmer hat und wie man sie durchsetzt. Wie man die Telefonfabriken organisiert und die Leute anspricht.

Es kommt selten vor, dass Arbeit und vor allem Arbeitsorganisation eine Rolle im Kino spielen. In der letzten Zeit gab es zwar desöfteren Versuche die Transformationen in der Arbeitswelt zu popularisieren. Einen Gewerkschaftssekretär aber als Filmhelden auflaufen lassen, das macht sonst nur Ken Loach.

Virzì setzt noch einen drauf. Nicht nur, dass er Giorgio als sehr ernstzunehmende Größe agieren lässt, macht er ihn ironischerweise zur Zuspitzung jenes italian lover, auf den die Multiple-Vertreter so gerne machen. Giorgio hat zu Hause eine süße Frau und desweiteren mindestens zwei Affären.

Amore, Lavoro, Italia - Irgendwann steht der souveräne Vertreter seiner Zunft im Arbeitszimmer und bügelt die Gewerkschaftsfahne. Und? Bügeleisen Conforti wird sich durchsetzen. Er wird das Callcenter inspizieren dürfen. Er wird mit seinen Forderungen einen Teilerfolg erringen. Es wird eine Katastrophe geben. Marta wird zusammenfassen: „Wenn wir das hier nicht machen, gibt es gar keine Arbeit. Wenn der Laden zumacht, was machen wir dann?“

Je mehr Erzählstränge Virzì zusammenmischt, desto besser. Er operiert hart an der Kante, aber es funktioniert. Dies ist ein schöner zynischer Film, der die Diskurse und Pseudo-Debatten rund um das Thema Arbeit exakt zusammenfasst - nichts von dem, wovon diese Komödie auf ernstem Grund erzählt, ist in irgendeiner Weise witzig. Lachen muss man genau deswegen.


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Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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