Deutscher Gewerkschaftsbund

08.08.2022
Sozio-ökologische Transformation

Industrielle Naturverhältnisse

Eine Buchrezension

Die Soziologin Jana Flemming betrachtet in „Industrielle Naturverhältnisse“ Gewerkschaften und Umweltakteur*innen in der sozio-ökologischen Transformation. Ihr kritischer Blick übersieht dabei die Erfolge, meint Peter Kern.

Kraftwerk mit dampfenden Kühltürmen vor Sonnenuntergang

DGB/kodda/123RF.com

Gäbe es ein Ranking der beliebtesten Wörter, läge „nachhaltig“ vermutlich an der Spitze. Die Produktions- und die Konsumtionsformen sollen nachhaltig sein – in dieser Forderung drückt sich ein in die Zukunft gerichteter ökologischer Gesellschaftsvertrag aus. Wer ihm nicht Rechnung trägt, gerät unter Rechtfertigungsdruck.

Klimakrise: Das Dilemma der Gewerkschaften

Diesem Druck sehen sich die Gewerkschaften ausgesetzt. Sie stecken in einem Dilemma, das ein Umweltverband nicht kennt. Dass die ökologische eine für die menschliche Gattung existentielle Frage ist, leugnen sie nicht. Ebenso wenig können sie die Existenznöte leugnen, die dazu zwingen, auch ökologisch zweifelhafte Arbeitsplätze zu verteidigen. Das Job-Umwelt-Dilemma, das es in der Soziologie zum Schlagwort gebracht hat, erleiden die Gewerkschaften. Aber sie erleiden es nicht alleine: Auch die Ampelkoalition muss gegenwärtig, erpresst von Wladimir Putin, eine Energiepolitik betreiben, die ihrer Klimapolitik entgegensteht.

Der spezifisch gewerkschaftlichen Zwickmühle spürt das Buch von Jana Flemming nach und sie tut dies mit großer Sympathie für die Gewerkschaften. Aber bei all ihrer Wertschätzung: Die Kritik überwiegt. Woran macht sie sich fest? Die Gewerkschaften agieren ihr nicht radikal genug. Radikal sein, heißt, die Sache an der Wurzel fassen; so lautet ein berühmtes Zitat. Die Wurzel der erschöpften Natur liegt im rastlosen industriekapitalistischen Produktionsprozess, hält die Autorin fest. In diesem Prozess ist die Produktion von Waren mit der Destruktion natürlicher Ressourcen identisch, schreibt sie. Sie zitiert einen weiteren, weniger populär gewordenen Marxschen Satz. Die am Tauschwert orientierte Produktion untergrabe mit ihrer Technik „die Springquellen allen Reichtums…die Erde und den Arbeiter“, heißt es im Kapital.

Dieser Erkenntnis würden die deutschen Gewerkschaften nicht gerecht. Es mangele ihnen an ökologisch-politischer Sensibilität und Radikalität, so lautet die These des Buchs. Das kurzfristige Interesse am Erhalt industrieller Jobs stehe dem langfristigen Interesse am Erhalt einer intakten Umwelt im Weg. Mit ihrer ewigen Mahnung vor dem Verlust von Arbeitsplätzen hätten sich die Gewerkschaften ins ökologische Abseits manövriert. Sie verspielten damit eine Chance, denn Gute Arbeit, das Motto ihrer Kampagnen, sei doch kompatibel mit der Forderung nach einem veränderten Naturumgang. Eine den Naturverbrauch einschränkende Produktionsweise und eine Reduktion der Erwerbsarbeitszeit, das gehe doch gut zusammen.

Reformismuskritik: „Politik gradueller Veränderung“

Es geht Jana Flemming um die Schnittmenge zwischen Gewerkschafts- und Umweltakteuren. Sie versteht ihr Buch als einen Vermittlungsversuch. Die Gewerkschaften sollen „umweltpolitisch progressiver“ agieren. Die Umweltakteure wiederrum sind aufgefordert, gesellschaftspolitisch zu denken: „In einer Welt voller sozialer Ungleichheit und politischer Unterdrückung wäre eine intakte Natur kein hinreichendes Kriterium für ein gutes Leben.“ Beide Akteursgruppen sollen also umdenken. In langen Passagen hält die Autorin den Gewerkschaften ein reformistisches Politikmuster vor.

Die Kritik am Reformismus ist so alt wie die Gewerkschaften selbst. Bei der Autorin erlebt diese Kritik eine Neuauflage. Statt „eine grundlegend veränderte Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ auf die Tagesordnung zu setzen, betrieben die Gewerkschaften eine Politik der graduellen Veränderung, die als wirkliche Transformation nicht gelten könne. Sehen die Gewerkschaftsleute sich in den von der Autorin formulierten Widerspruch verwickelt? Hintertreibt ein folgenloses realpolitisches Herumwerkeln die notwendige grundlegende Veränderung? Das Buch umfasst einen empirischen, mit qualitativen Interviews bestrittenen Teil. Die interviewten Personen sehen sich keineswegs in der behaupteten Schizophrenie.

Sie werden als die von ihrer Organisation beauftragten Experten für einzelne Branchen oder Betriebe vorgestellt. Ihr Politikfeld ist die Tarif-, die Industrie- oder die Branchenpolitik. Sie haben jede Menge Verantwortung zu schultern; die Distanz der Wissenschaft zum wissenschaftlichen Gegenstand geht ihnen ab. Denn ihr Gegenstand ist gar keiner, sondern es sind zu Belegschaften aggregierte Individuen. Diese wenden sich an ihre Funktionäre und am dringlichsten dann, wenn es um die berufliche Existenz geht. Die interviewten Gewerkschafter versuchen eine „kluge Strategie“ zu verfolgen; so drückt sich einer der Interviewten aus. Der Strukturbruch, in dem sich die deutsche Industriegesellschaft befindet, soll nicht zu Lasten der Industriearbeiter*innen gehen.

Buchcover Industrielle Naturverhältnisse

Jana Flemming, Industrielle Naturverhältnisse, oekom, München 2022, 296 Seiten, 28 Euro oekom Verlag

Die Gewerkschaftsleute, das wird in den Interviews deutlich, sind von den betreuten Branchen und deren Produkten keineswegs nur begeistert. Einer sieht die Autoindustrie als konstitutiv für das Wirtschafts- und Sozialsystem der Republik an und meint dies keineswegs positiv. Er vergleicht das fetischisierte Automobil mit den großen gotischen Kathedralen des Mittelalters. Ihm wäre ein protestantisches Gemeindehaus lieber, fügt er mit dem Humor eines schwäbischen Landpfarrers hinzu. Ihre Rolle im Dreieck von Unternehmerverband, Regierung und Gewerkschaft sehen die Gewerkschafter nüchtern: Sie sehen es als ihren Job an, die großen Worte von der ökologischen Modernisierung ins Kleingedruckte zu übersetzen. Ihnen gilt es als Fortschritt, wenn es zum Beispiel gelingt, energieeffiziente Hausgeräte europarechtlich zur Norm zu erheben.

Sozio-Ökologische Transformation: Kritik sieht Erfolge nicht

In der Logik ihrer Reformismus-Kritik kann die Autorin solche Erfolge nicht gelten lassen. Die industrielle Produktionsweise werde von den sozialpartnerschaftlich agierenden Gewerkschaften gleichsam mitverwaltet statt umgemodelt. Diese würden angesichts der ökologischen Krise „verstummen…da sie keine umfassende Antwort darauf haben, die Widersprüche aus ihrer gewerkschaftlichen Position heraus aufzulösen.“ Das ist an die Adresse der IG Metall gerichtet; ihr gehören die Interviewpartner der Wissenschaftlerin an. Die C02-freie Industrie, das strategische Ziel der IG Metall, ist für Flemming kaum der Rede wert. Dass die sozialverträgliche ökologische Transformation der Wirtschaft bei den Gewerkschaften als eines der zentralsten Themen dieser Zeit steht, scheint die Autorin dabei zu übersehen. Gewerkschaften und Betriebsräte verstummen keineswegs in Fragen der Ökologie, sondern drängen darauf, dass sie nur durch mehr Mitbestimmung und kluger Weiterbildung überhaupt ermöglicht werden kann.

In ihrem theoretischen, dem Naturbegriff gewidmeten Teil bezieht sich Jana Flemming auf die sogenannte Frankfurter Schule. Deren Vertreter gelten ihr als Gewährsleute für die Kritik des gewerkschaftlichen Reformismus. Zu Unrecht, wird man festhalten müssen, schreibt doch ein Gründungsvater dieser Schule: „Es wäre eine schlechte und eine idealistische Abstraktheit, wenn man um der Struktur des Ganzen willen die Möglichkeit von Verbesserungen im Rahmen der bestehenden Verhältnisse bagatellisieren oder gar (…) negativ akzentuieren würde. (…) in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität sollte man (…) mit dem Vorwurf des sogenannten Reformismus sehr viel sparsamer umgehen“. So äußerte sich einmal Theodor Adorno. Sein Einspruch gegen Verbalradikalismus wäre ernst zu nehmen.


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Kurzprofil

Peter Kern
ist Leiter einer Schreibwerkstatt. Davor war langjährig politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall.
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