Deutscher Gewerkschaftsbund

28.01.2021

Gute Gründe für Optimismus trotz Corona

Wir können optimistisch sein, weil Spitzentechnologien und wissenschaftliche Erkenntnisse uns befähigen, drängende globale Krisen wie die Covid-19-Pandemie zu lösen. Doch wir müssen auch wachsam sein, um die Kräfte der Gier, der Ignoranz und des Hasses davon abzuhalten, die neuen Technologien zu missbrauchen.

 

Von Jeffrey D. Sachs

Stoppschild, auf dem über dem "Stop" steht "Nothing can" und darunter "me now".

Bei allen Problemen, die es derzeit noch gibt in der Welt - es gibt wenigstens fünf gute Gründe guten Mutes auf das Jahr 2021 zu blicken, sagt Jeffrey Sachs. Also: Auf geht's! DGB/Loozrboy/Flickr

Das Jahr 2020 war ein erschütterndes Jahr: die Covid-19-Pandemie, Wirtschaftskrisen überall in der Welt, weit verbreitete Klimakatastrophen und allgegenwärtige soziale Unruhen. Zu allem Überfluss kamen noch hinzu die falsche Behauptung von US-Präsident Donald Trump, bei der Wahl sei massiv betrogen worden, und sein Versuch, mit Hilfe seiner Anhänger das Kriegsrecht durchzusetzen. Doch trotz der düsteren Nachrichten hielt das letzte Jahr auch einige gute Gründe für Optimismus bereit. In Jahr 2021 können wir den Grundstein für eine neue Ära der nachhaltigen Entwicklung, des Friedens und der Zusammenarbeit legen.

Trotz einiger Unzulänglichkeiten beim Verteilen - der Covid-Impstoff ist da und wirkt

Der erste Grund für Optimismus war der Erfolg vieler Länder bei der Bekämpfung des Virus. Länder im gesamten asiatisch-pazifischen Raum, die kulturell und politisch so unterschiedlich sind wie Australien, China, Südkorea, Laos, Neuseeland und Vietnam, setzten effektive Strategien im Bereich der öffentlichen Gesundheit ein, um die Pandemie zu bekämpfen. Das taten auch einige Länder in anderen Regionen, darunter in Afrika südlich der Sahara. Während die Schlagzeilen von den katastrophalen Unzulänglichkeiten der Pandemiebekämpfung in den USA und Europa dominiert wurden, zeigen uns die Erfolge in der asiatisch-pazifischen Region und anderswo, wie die Kombination aus guter Regierungsführung, einer verantwortungsbewussten Bevölkerung und evidenzbasierten Strategien große und dringende Herausforderungen lösen kann.

Der zweite Grund für Optimismus sind die neuen Impfstoffe. Sie wecken nicht nur große Hoffnungen auf die Rettung von Menschenleben und die Eindämmung des Virus, sondern sind auch ein Zeichen für das Potenzial der modernen Wissenschaft. Schließlich wurden sie in Rekordzeit entwickelt. Dieser technologische Durchbruch war ein Beispiel für zielorientierte Forschung und den Erfolg einer öffentlich-privaten Anstrengung. Der gleiche Ansatz sollte auch bei der Bewältigung anderer globaler Herausforderungen, wie der Förderung erneuerbarer Energien, nachhaltiger Landwirtschaft und der Erhaltung der Artenvielfalt, zum Einsatz kommen.

Der dritte Grund für Optimismus ist, dass Trump die Wahl im November klar verloren hat. Wie viele Demagogen der Vergangenheit und Gegenwart konnte er mit der Unterstützung von Massenpropaganda, insbesondere von Rupert Murdochs Fox News, eine breite öffentliche Anhängerschaft generieren. Doch ein genügend großer Teil der Öffentlichkeit durchschaute die Lügen und Verleumdungen, um den USA nach Trumps katastrophaler Herrschaft der Unfähigkeit, des Hasses und der Lügen einen Neuanfang zu ermöglichen.

Impfstoff gegen SarsCov2 in einer kleinen Glasflache mit einer Spritze, die daneben liegt.

Die Entwicklung des Impfstoffs ging so schnel wie nie zuvor - und eröffnet auch für andere Krankheiten neue Perspektiven, vor allem für die Behandlung von Krebs. DGB/Arne Müseler/Flickr

Trumps Ignoranz und Lügen trugen dazu bei, dass die USA im Jahr 2020 über 330.000 Todesfälle durch COVID-19 zu beklagen hatten. Das entspricht etwa einem Viertel der weltweiten Todesfälle durch das Virus, obwohl die Amerika nur 4 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Trumps katastrophaler Umgang mit Covid-19 führte letztlich zu seiner Wahlniederlage, doch selbst danach versuchte er, seine Macht zu erhalten, indem er verzweifelte und wahnhafte Behauptungen über weit verbreiteten Wählerbetrug aufstellte. Glücklicherweise haben sowohl die Öffentlichkeit als auch die US-Institutionen – Bürgermeister, Gouverneure, Kongress, Gerichte und Militär – Trumps autoritären Impulsen widerstanden, so dass vor einer Woche der gewählte Präsident Joe Biden, ein anständiger, ehrenhafter und rationaler Mann, sein Amt angetreten hat.

In diesem Jahr wird die UN die nachhaltige Entwicklung vorantreiben

Der vierte Grund für Optimismus ist die starke Leistung der Vereinten Nationen, trotz des starken Gegenwinds im Jahr 2020. Die UNO wurde vor 75 Jahren von Amerikas größtem Präsidenten, Franklin Delano Roosevelt, als Bollwerk gegen zukünftige Kriege ins Leben gerufen. Sie verteidigt die drei Säulen des Multilateralismus: Frieden, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung. Im Jahr 2020 hat sie sich an allen drei Fronten bewundernswert geschlagen, trotz der Provokationen von Trumps Regierung.

Die UN-Organisationen werden heute von Männern und Frauen mit großem Geschick und Integrität geleitet. Generalsekretär António Guterres hat die Organisation mit enormem Geschick und Weitblick durch das schwierigste Jahr seit ihrer Gründung geführt. Im Jahr 2021 werden die Vereinten Nationen Gastgeber sein für mehrere entscheidende globale Konferenzen zu den Themen Ozeane, Biodiversität, Nahrungsmittelsysteme und Klima. Mit ihnen kann der Grundstein für eine jahrzehntelange globale Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung gelegt werden.

Der fünfte Grund für Optimismus ist die digitale Revolution, der wichtigste und oft unerwähnte Protagonist der globalen Pandemiebekämpfung. Online-Aktivitäten hielten die Welt am Laufen. Innerhalb weniger Wochen gingen Unternehmen, Schulen, Finanzwesen, Regierung, Handel, Zahlungen, Gesundheitsdienstleister und das UN-System in einem bis dahin unvorstellbaren Tempo, Umfang und in ungeahnter Tiefe online. Die digitalen Technologien spielten eine direkte Rolle bei der Bekämpfung der Epidemie, bei der Bereitstellung von Informationen, bei der Überwachung von Krankheitsübertragungsmustern und bei der Bereitstellung zahlreicher Dienste des Gesundheitssystems.

Tabelle mit dem Fortschritt beim Impfen gegen SarsCoV2 in etlichen Staaten, gemessen an Geimpften pro 100.000 Einwohner.

Natürlich klappt noch nicht alles so, wie es sich die Politik und die Menschen vorgestellt haben. Doch auch das Impfen dürfte bald schneller vorangehen als bisher. Die Tabelle zeigt, wie viele Impfdosen von BioNtech und Moderna geliefert und verimpft wurden (Stand: 27.01.2020). DGB/RKI/BMG/Zeit

Natürlich ist die neue digitale Welt kein ungetrübtes Paradies. So hat die Hälfte der Welt immer noch keinen Internetzugang. Infolgedessen hat die rasche Verlagerung von Arbeit, Schule, sozialem Leben, Handel und Unterhaltung auf Online-Plattformen zu dramatischen Ungleichheiten zwischen denjenigen geführt, die über Zugang zum Internet verfügen, und denjenigen, die das nicht tun. Darüber hinaus haben die digitalen Technologien weitere neue und schwerwiegende soziale Missstände hervorgebracht, darunter Hackerangriffe im großen Stil, Fake News, Cyberkriegsführung und die ungerechtfertigte Überwachung durch Regierungen und private Unternehmen.

Globale Zusammenarbeit gegen Armut, Ausgrenzung und Umweltzerstörung ist möglich

Die zwei Gesichter des digitalen Zeitalters, positiv und negativ, veranschaulichen die Situation, mit der wir an vielen Fronten konfrontiert sind. Wir können optimistisch sein, weil wir wissen, dass die Spitzentechnologien und wissenschaftlichen Erkenntnisse der Welt uns befähigen, drängende globale Probleme zu lösen. Doch wir müssen auch wachsam sein, um die Kräfte der Gier, der Ignoranz und des Hasses davon abzuhalten, die neuen Technologien für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Die antiken griechischen Philosophen glaubten, dass Politik und Ethik Hand in Hand gehen müssen. Aristoteles schrieb zwei seiner Meisterwerke, die Nikomachische Ethik und die Politik, als begleitende Studien, die erste als Anleitung zum menschlichen Glück und die zweite als Anleitung, wie die Politik das Glück im griechischen Stadtstaat (der Polis) fördern kann. In unserer Zeit hat Papst Franziskus zwei große Enzykliken vorgelegt, Laudato si' im Jahr 2015 und Fratelli tutti im Jahr 2020, um zu zeigen, wie die Ethik helfen kann, die Welt zu ökologischer Nachhaltigkeit und globalem Frieden zu führen. Die neue Enzyklika bietet eine tiefgründige Beschreibung, wie wir über unsere eigenen Familien, Gemeinschaften und Länder hinausgehen können, um Dialog und Vertrauen auf der ganzen Welt aufzubauen.

Gehen wir also mit echtem, aber gleichzeitig vorsichtigem Optimismus in das Jahr 2021. Übertragen wir die Erfolge im Bereich der öffentlichen Gesundheit in der asiatisch-pazifischen Region und die neuen Impfstoffe, die in den USA, Europa, Russland und China entwickelt wurden, auf die ganze Welt. Beschließen wir, den Hass abzulegen, der die globale Zusammenarbeit untergraben hat, und unsere Kräfte zu bündeln, um die Ungleichheit, die Armut, die Ausgrenzung und die Umweltzerstörung zu überwinden, die die Welt bedrohen. Vervielfachen wir unsere Unterstützung für die UN, um eine Zukunft aufzubauen, die auf Frieden, Menschenrechten und nachhaltiger Entwicklung basiert.

 


Aus dem Englischen von Eva Göllner / © Project Syndicate, 2021


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Kurzprofil

Jeffrey D. Sachs
ist Ökonom und seit 2002 Sonderberater der Millennium Development Goals. Er ist Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University.
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