Deutscher Gewerkschaftsbund

21.06.2019

Der griechische Kanarienvogel

Griechenlands Wirtschaft leidet immer noch unter dem Spardiktat, während seine Staatsanleihen hohe Erträge abwerfen. Diese Diskrepanz muss Ökonomen und Politikern zu denken geben. Sie sollten Griechenland so sorgfältig beobachten wie einst Bergleute den Kanarienvogel in der Kohlemine. Wenn der von der Stange fiel, drohte Gefahr.

 

Von Yanis Varoufakis

Gelber Kanarienvogel in einem Käfig.

DGB/Liu Shih-cheng/123rf.com

Vor ein paar Jahren wurde Griechenland in der Eurozone zum Synonym für Insolvenz – derzeit ist es eine Schatztruhe. Jedenfalls für nicht wenige Händler. Sie haben vor einigen Jahren griechische Vermögenswerte gekauft und nun Grund zum Feiern, denn sie erzielten Renditen, die kein anderer Markt hätte bieten können. Wie so oft jedoch dürfte sich eine Gelegenheit, die zu schön scheint, um wahr zu sein, als genau das herausstellen. Obendrein könnte sie ein Hinweis auf die nächste Phase unserer globalen Krise sein.

Der dynamische Finanzmarkt verdeckt die düstere wirtschaftliche Realität

Ein Investor, der 2013 deutsche Staatsanleihen gekauft hat, hat inzwischen eine Rendite von 7 Prozent erzielt, während der Käufer einer griechischen Staatsanleihe, die auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise des Landes im Jahr 2012 begeben wurde, eine enorme Rendite von 231 Prozent erzielt hat. Vor zwei Monaten stieg der Kurs der ersten zehnjährigen Anleihe seit der Rettung Griechenlands im Jahr 2010 an sieben aufeinanderfolgenden Tagen und legte innerhalb von einer Woche um 2,8 Prozent zu – die beste Performance einer Staatsanleihe weltweit. Diese Anleiherallye hat eine psychologische Sogwirkung entfaltet. Vor dem Hintergrund eines europäischen Anlagemarktes, aus dem unaufhaltsam Kapital abgezogen wird, bescherte sie dem Leitindex der Athener Börse in den letzten Monaten ein Plus von 26 Prozent.

Angesichts dieser beeindruckenden Zahlen ist es ebenso verlockend wie falsch, das Ende der griechischen Krise zu verkünden. Die griechische Anleihe- und Aktienrallye verdeckt eine wachsende Diskrepanz zwischen einer düsteren wirtschaftlichen Realität und einem unhaltbar dynamischen Finanzmarktumfeld. Die hohen Gewinnmargen der Händler zeugen nicht von Griechenlands Erholung, sondern vom anhaltenden Deflationsdruck und der Zersplitterung in Europa. Die Zahlen aus Griechenland, die für Investoren von nah und fern hochinteressant sind, könnten sich als Vorbote neuer Probleme für die europäische Wirtschaft und vielleicht für die Welt erweisen.

Containerhafen von Piräus.

Es ist der Hafen mit dem weltweit schnellstem Wachstum, gehört aber seit 2016 mehrheitlich der chinesischen Staatsreederei Cosco: der Containerhafen von Piräus bei Athen. DGB/Milan Gonda/123rf.com

Wie ist es angesichts der gähnenden Kluft zwischen dem nominalen Volkseinkommen Griechenlands und seiner Staatsverschuldung möglich, dass die griechischen Anleihen in die Höhe schnellen? Warum ist die Athener Börse im Aufwind, während die Wirtschaft nach wie vor durch Überbesteuerung geschwächt wird, Banken unter einem Berg von notleidenden Krediten ächzen, die Arbeitslosigkeit lediglich sinkt, weil Menschen auswandern und prekäre Jobs haben. Zudem sind die öffentlichen Nettoinvestitionen negativ, und es fehlt an privaten Investitionen in die Produktion von handelbaren Gütern mit hoher Wertschöpfung.

Ein Grund dafür ist der „Dead-Cat-Bounce“ oder „Hüpfer einer toten Katze“, wie Börsianer eine kurzfristige Erholung nach einem starken, länger andauernden Einbruch nennen. Angesichts der geringen Größe des griechischen Aktienmarktes – die Gesamtkapitalisierung beträgt 52 Milliarden Euro – reichte der bescheidene Kapitalzufluss im Zuge der Anleiherallye aus, um den Anstieg des Index um 26 Prozent zu bewirken. Trotz dieses Anstiegs bleibt der griechische Markt jedoch 81 Prozent unter dem Niveau von 2009. Was die Anleiherallye selbst betrifft, so verschwindet das Paradoxon schnell, wenn wir uns erinnern, wie die ersten beiden Rettungsaktionen die griechische Staatsverschuldung vom privaten Sektor auf die Schultern der europäischen Steuerzahler verlagert haben.

Griechische Unternehmen müssen 75 Prozent ihrer Gewinne an den Staat zahlen

Da 85 Prozent der griechischen Schulden außerhalb der Märkte liegen, Rückzahlungen auf die Zeit nach 2032 verschoben wurden und weitere 30 Milliarden Euro an offiziellen Krediten an die griechische Regierung vergeben werden, damit ihre Rückzahlungen an alle gedeckt sind, können sich Investoren auf den kleinen Teil der griechischen Schulden konzentrieren, der sich noch in privater Hand befindet. Solange die griechische Regierung den europäischen Behörden unterworfen ist, können Händler kein Geld bei Anleihen verlieren, die Griechenland mit Zinsen von über 3 Prozent ausgibt, zu einer Zeit, in der sich die Renditen deutscher Bundesanleihen um die Null bewegen.

Die meisten Kommentatoren sind entschlossen, optimistisch zu bleiben, und verweisen darauf, dass die durchschnittliche griechische Schuldenlaufzeit 26 Jahre beträgt. Das sei mehr als die sieben Jahre für Italien und Spanien oder zehn Jahre für Portugal. Die griechische Wirtschaft habe somit die Chance, sich richtig zu erholen. Was sie verschweigen, sind die unmöglichen Sparauflagen, die für griechischen Gläubiger verbunden sind: permanente primäre Haushaltsüberschüsse (ohne Schuldentilgung) von 2,2 bis 3,5 Prozent des BIP bis 2060. Mit anderen Worten: griechische Unternehmen müssen weiterhin durchschnittlich 75 Prozent ihrer Gewinne (einschließlich Sozialversicherungsbeiträge) an den Staat zahlen, während die Gesamtsteuerbelastung im benachbarten Bulgarien nicht mehr als 22 Prozent beträgt.

Ein verfallendes Haus in Griechenland.

Die Erholung des Landes geht nur langsam voran und in manchen Ecken des Landes gar nicht. DGB/dah

Kurz gesagt ist Griechenland vom „Ground Zero“ der Eurokrise und dem besten Beispiel für ihr Missmanagement durch die EU-Behörden zu einem perfekten Beispiel dafür geworden, wie finanzielle Überschwänglichkeit auf dem Rücken wirtschaftlichen Elends ausgetragen werden kann. Der beunruhigendste Aspekt dieser Disparität ist, dass gewinnorientierte Händler nicht falsch liegen, wenn sie die Wertpapiere eines untergehenden Landes aufkaufen. Aus ihrer kurzfristigen Perspektive ist es ein unwiderstehliches Spiel – und ihre Gewinnmarge gibt ihnen recht. Doch nur weil Händler mit griechischen Vermögenswerten eine Menge Geld machen, verbessert sich die zugrunde liegende Realität nicht.

Der Rest der Welt täte gut daran, diese Entkopplung als Symptom eines globalen Problems zu betrachten. Im Juni 2017 begab Argentinien eine Anleihe mit 100-jähriger Laufzeit im Wert von 2,75 Milliarden Dollar, die sich wie geschnitten Brot verkaufte, aufgrund der großen und sehr falschen Erwartungen an die Perspektiven der argentinischen Wirtschaft unter einer neuen neoliberalen Regierung. Während sich diese Geschäfte bereits als töricht erwiesen haben, gibt es eindeutige Beweise dafür, dass die durchschnittlichen Gesamtrenditen für Investoren höher sind, wenn sie die Staatsanleihen von Ländern kaufen, die häufiger als Kreditnehmer ausfallen. Besonders gefährlich ist die Vorliebe der Geldgeber, in Anleihen mit geringer Bonität zu investieren und nicht vorhandene Möglichkeiten herbeizureden jedoch, wenn es im Gegensatz zu Staatsanleihen um Unternehmenskredite geht.

In den USA bekommen besonders hoch verschuldete Firmen großzügig Kredite

In den ersten drei Monaten dieses Jahres gingen in den USA erstaunlich viele Kredite an hoch verschuldete Unternehmen mit geringer Liquidität. Nach Angaben der Federal Reserve stieg diese Form der Kreditvergabe im Jahr 2018 um 20,1 Prozent, während andere Quellen von laxen Standards bei der Kreditvergabe berichten. Kredite werden an Unternehmen mit niedrigem Rating und hoher Verschuldung vergeben, was den sichereren Hochzinsanleihenmarkt als Finanzierungsquelle überschattet. Laut LCD, einer Abteilung von S&P Global Market Intelligence, hat das Volumen des Leveraged-Loan-Marktes inzwischen 1,2 Billionen Dollar überschritten, traditionelle Junk-Bonds überholt und weniger riskante gedeckte Schuldverschreibungen geschwächt.

Griechenland steht an der Spitze dieses Trends und zieht Schönwetter- und Spekulationsgeschäfte an, während geduldige Investitionen in die wirtschaftliche Erholung nirgends in Sicht sind. Nach 2008 symbolisierte Griechenland das Versagen des globalen Kapitalismus, ausgewogene Kredit- und Handelsströme zu schaffen. Heute, da das globale Missverhältnis zwischen der wirtschaftlichen Realität und den finanziellen Erträgen wächst, besteht eindeutig die Gefahr, dass das Land erneut zum Vorboten einer neuen Phase der globalen Krise wird. Wo ein Aas ist, sammeln sich die Geier.

 


© Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Yanis Varoufakis
lehrt an der Universität in Athen Wirtschafts- wissenschaften. Er war 2015 Finanzminister in Griechenland. Heute ist er aktiver Blogger und Autor mehrerer Sachbücher. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch "Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment" (Kunstmann Verlag, 2017).
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