Deutscher Gewerkschaftsbund

16.04.2021

Die Bedeutung der informellen Wirtschaft

Ein New Deal für informelle Arbeitskräfte ist unabdingbar, um mit den rassistisch motivierten und mit den wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten zu brechen. Die Covid-19-Krise hat deren Diskriminierung mehr denn je offengelegt und verschärft.

 

Von Marty Chen

Dunkelhäutige Frauen in bunten Gewändern sitzen auf einem Tuch, auf dem sie Papaya anbieten.

In vielen Ländern leisten Menschen in der informellen Wirtschaft systemrelevante Arbeit auf Märkten, in der Gesundheitsversorgung oder auch bei Lieferdiensten. DGB/djembe/123rf.com

Anfang der 1930er-Jahre führte US-Präsident Franklin D. Roosevelt den New Deal ein, um die Folgen der Weltwirtschaftskrise zu bekämpfen. Sein Maßnahmenprogramm ruhte auf drei wesentlichen Säulen: Relief (kurzfristig die Not für Arbeitslose lindern), Recovery (die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen) und Reform (u. a. durch Sozialprogramme).

Auch informell Beschäftigte sind systemrelevant

Die Coronakrise birgt die Chance für einen weiteren New Deal – einen, der Arbeiter*innen in der informellen Wirtschaft anerkennt, schützt und unterstützt, die 61 Prozent der weltweiten Erwerbsbevölkerung ausmachen, aber keine Krankenversicherung, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder Renten haben. Die meisten dieser Menschen produzieren lebenswichtige Güter wie Nahrungsmittel, Milch, Kleidung, Schuhe und Wohnraum oder erbringen wichtige Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung, Altenpflege, Reinigung, Lieferung, Transport und Abfallentsorgung.

Die Systemrelevanz dieser Arbeitsplätze, die durch die Pandemie deutlich sichtbar wurde, macht eine Strategie mit denselben drei Säulen erforderlich, für die sich schon Roosevelt einsetzte: Linderung, Wiederaufbau und Reformen. Nun muss das Ziel in allen drei Bereichen zudem sein, den Menschen zu helfen, die in der informellen Wirtschaft arbeiten. Viele Aspekte der aktuellen Maßnahmen zur Erholung von der Coronakrise stellen jedoch eine Bedrohung für informelle Arbeitskräfte dar.

Einer Prognose der Internationalen Arbeitsorganisation von Anfang 2020 zufolge, zerstören oder untergraben die Covid-19-Pandemie und die damit verbundenen Lockdowns die Existenzgrundlage von 80 Prozent der informellen Arbeitskräfte. Im absoluten Zahlen: etwa 1,6 Milliarden Menschen weltweit. Eine Studie der Organisation "Women in Informal Employment: Globalizing and Organizing" (WIEGO) in 12 Städten auf aller Welt ergab: 70 Prozent der befragten informell Beschäftigten hatten während der harten Lockdowns keine Einnahmen. Sie mussten ihre Ausgaben einschränken, Ersparnisse aufbrauchen, Vermögenswerte verpfänden oder verkaufen und sich tiefer verschulden. Das beeinträchtigt ihre Aussicht auf eine wirtschaftliche Erholung.

Eine Fahrrad-Rikschaf mit einem Fahrer und zwei Frauen im Fonds fährt auf einer Straße.

Gerade in Ländern wie Indien spielt die informelle Wirtschaft eine große Rolle. DGB/Pius Lee/123rf.com

Die WIEGO-Studie stellte auch fest, dass die Corona-Hilfsmaßnahmen der Regierungen schwach und ungerecht verteilt waren, was die bereits bestehenden Verwerfungen in der Sozialpolitik und im Sozialschutz widerspiegelt. Eine Heimarbeiterin in Pleven, Bulgarien, wies darauf hin, dass die Regierung viele Hilfsmaßnahmen vorgeschlagen habe, aber nicht für die informelle Wirtschaft: "Eine der wesentlichen Voraussetzungen für eine kurzfristige Linderung der Not ist die Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen. Viele unserer Mitglieder (im HeimarbeiterInnen-Netzwerk Osteuropa) zahlen keine. Deshalb haben wir keine Unterstützung erhalten." Auch dem Sekretär der Vereinigung der Abfallsammler in Kpone (Kpone Landfill Waste Pickers Association) in Accra, Ghana, zufolge "haben wir keinerlei Unterstützung von der Regierung erhalten".

Konjunkturpakete der Regierungen werden wirtschaftlichen Eliten vereinnahmt

Regierungen neigen dazu, Konzerne und formelle Unternehmen gegenüber der informellen Wirtschaft zu bevorzugen, wenn sie Beschränkungen aufheben oder lockern. Aber warum sollten Einkaufszentren wieder öffnen dürfen, Straßenmärkte aber nicht? Warum sollten Restaurants ihre Außenbereiche öffnen dürfen, aber Straßenverkäufer ihr Essen nicht am Straßenrand und in Parkbuchten verkaufen? Schlimmer noch, viele Regierungen nutzen die Coronakrise als Vorwand, um informelle Arbeiter zu verhaften, sie von den Straßen, Mülldeponien und öffentlichen Plätzen zu vertreiben und ihre Gerätschaften zu zerstören. Die politischen Entscheidungsträger setzen auch Maßnahmen durch, die darauf abzielen, informelle Arbeiter und die Aktivitäten, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen, zu unterdrücken.

Darüber hinaus verdichten sich die Hinweise, dass die Pandemie-Hilfsgelder und Konjunkturpakete der Regierungen von wirtschaftlichen Eliten vereinnahmt werden. Sie kommen nicht bei den Arbeitslosen oder Kleinunternehmern an, für die sie gedacht waren, geschweige denn bei den informellen Arbeitskräften am Fuß der wirtschaftlichen Pyramide. In den Vereinigten Staaten nahmen große Konzerne die für Kleinunternehmen gedachten Überbrückungskredite in Anspruch. In Indien setzten sich große Firmen erfolgreich dafür ein, die Investitionsschwelle für mittelständische Unternehmen zu erhöhen, damit sie Kredite in Anspruch nehmen konnten, die für Kleinst-, Klein- und mittelständische Unternehmen gedacht waren.

Eine Studie der Weltbank, die gleichzeitig mit dem Ausbruch der Pandemie im Februar 2020 veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass bis zu einem Sechstel der Entwicklungshilfe für die ärmsten Länder auf Bankkonten in Steuerparadiese floss. Internationale Finanzinstitutionen und nationale Regierungen sind jedoch der Meinung, dass die Unterstützung des privaten Unternehmenssektors für die wirtschaftliche Erholung von entscheidender Bedeutung ist, und haben daher Firmen mit Milliarden von Dollar unterstützt, damit sie während der Krise weiterarbeiten und Arbeitsplätze erhalten können.

Müllsammler auf einer Halde, von hinten aufgenommen, gehen auf einen Bagger im Hintergrund zu.

Immer wieder waren informelle Arbeiter*innen wie Müllsammler von Covid-19-Infektionen betroffen, weil es an Schutz fehlte. DGB/Archiv

Die internationale Gemeinschaft muss anerkennen, dass der private und der öffentliche Sektor zusammen weniger als die Hälfte aller Arbeitsplätze weltweit und nur knapp 20 Prozent der Wirtschaftssubjekte ausmachen. Warum pumpen wir die Hilfs- und Wiederaufbaumittel nicht in die breite Basis der Wirtschaftspyramide statt in die Spitze – und bauen eine gerechte Erholung von unten auf?

Regierungen sollten aufhören, informelle Arbeitskräfte zu schikanieren

Die Welt steht vor einer existenziellen Krise, die grundlegende Fragen aufwirft: Sollen Mensch und Natur über die Besitzer von Kapital und Technologie gestellt werden, und sollen die Rechte der Benachteiligten geschützt werden oder die Interessen der politischen und wirtschaftlichen Eliten? Dies ist ein entscheidender Moment: Wird die Weltgemeinschaft dem weltweiten Ruf nach sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit folgen?

Ein New Deal für informelle Arbeitskräfte ist unabdingbar, um mit den rassistisch motivierten und mit den wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten zu brechen, die durch die Covid-19-Krise offengelegt und verschärft wurden. Dieser New Deal muss den vorherrschenden Narrativen entgegentreten, die informelle Arbeitskräfte als Problem stigmatisieren. Und er sollte mit zwei grundlegenden Verpflichtungen beginnen, die keine großen finanziellen Mittel erfordern, sondern eher eine Änderung der Denkweise.

Die erste Verpflichtung besteht darin, keinen Schaden anzurichten. Regierungen sollten aufhören, informelle Arbeitskräfte zu schikanieren, zu vertreiben und zu enteignen, deren Leben in der Krise bedroht ist. Während der harten Lockdowns im Zuge der Covid-19-Pandemie beklagten informelle Arbeitskräfte auf der ganzen Welt: "Wir werden vor Hunger sterben, nicht am Virus."

Die zweite Verpflichtung sollte lauten: "Nichts über uns ohne uns." Regierungen sollten informelle Arbeitskräfte als legitime Wirtschaftsakteure betrachten und ihre Führungsköpfe an den Tisch bitten, wenn sie die kurzfristige Linderung der Not, den Wiederaufbau und Reformen diskutieren und planen.

Wenn alle nationalen Entscheidungsträger und zwischenstaatlichen Organisationen diese Verpflichtungen einhalten, kann die Welt die Coronakrise auf eine Weise überwinden, die eine bessere, gerechtere Zukunft für alle gewährleistet.

 


Aus dem Englischen von Sandra Pontow / © Project Syndicate, 2021


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Kurzprofil

Marty Chen
Marty Chen ist Senior Adviser bei Women in Informal Employment: Globalizing and Organizing (WIEGO) und Dozentin für Public Policy an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

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