Deutscher Gewerkschaftsbund

24.08.2012

Musikalische Neuerscheinungen im Sommer

Die Toten Hosen

Die Toten Hosen: Ballast der Republik (inkl. Jubiläums-Album Die Geister, die wir riefen), 2012 bei JKP (Warner) erschienen. Warner

Das Jahr 2012 geht fulminant weiter – jedenfalls was die politischen Neuerscheinungen auf dem heimischen CD-Markt betrifft. Ausnahmsweise werden hier fünf CDs mit politischen Inhalten vorgestellt. Fünf statt vier sind es, weil die zwei neuen Alben der TOTEN HOSEN als Doppel-CD verstanden werden sollten.

Seit 30 Jahren Punk

Unter diesem Genre können DIE TOTEN HOSEN immer noch firmieren, obwohl sie in den vergangenen 30 Jahren technisch besser geworden sind. Punkrock ist halt auch Rock! In dem Doppelpack ist eine mit Neuinterpretationen unter dem Titel „DieGeisterDieWirRiefen“ und eine die „BallastDerRepublik“ heißt. Auf letzterer befinden sich 16 neue Lieder, die eine Mischung aus biografischen und gesellschaftskritischen Stücken beinhalten – nur ungleich verteilt. Lassen wir das hymnische „Tage wie diese“ (Videolink) einmal beiseite! Gegen die europäische Flüchtlingspolitik richtet sich das Lied „Europa“, es ist ein politischer Kracher. Es ist schon viel Selbstreflexion auf dieser CD enthalten, vor allem über die Liebe. Bedrückend ist das Stück „Oberhausen“. Vielleicht braucht man nach 30 Jahren soviel Reflexion und Rückschau?

Doch die eigentlichen Kracher befinden sich auf der CD „DieGeisterDieWirRiefen“. Dort finden sich flotte Coverversionen von ABWÄRTS´ „Computerstaat“ und MALE`s „Sirenen“. Schön ist auch die respektvolle Version von „Die Moorsoldaten“, dass ursprünglich von Insassen des KZ Börgermoor 1933 verfasst wurde. Ein Lied, das man nicht aus Spaß singen sollte, sondern eben aus Respekt zum Gedenken! Schön interpretieren die HOSEN auch „Heute hier, morgen dort“ von HANNES WADER, den Schlager „Einen großen Nazi hat sie“ von FRITZ GRÜNBAUM von 1928 sowie „Schrei nach Liebe“ von den ÄRZTEn.

Ein besonderes Augenmerk verdient die Gestaltung des CD-Covers: Auf der Box prangt der Bundesadler mit einem Hammer als Kopf und Zirkel als Kragen in Gold. Drumherum und im Booklet der „Ballast...“-CD sind Collagen der Bandmitglieder mit „deutschen“ Symbolen. Daneben enthält dieses Booklet sämtliche Liedtexte. Im Booklet der „DieGeister...“-CD sind Informationen zu den ursprünglichen InterpretInnen der Lieder enthalten und Farbcollagen mit der Band, die vor allem von rot geprägt sind. Sehr schön ist das gemacht - insgesamt!

Ich empfehle den Kauf der CD vor allem wegen der „DieGeister...“-CD und der Gestaltung des Gesamtwerks – und ja, natürlich wegen „30 Jahre DIE TOTEN Hosen“.

Ministry

Ministry: Relapse, 2012 bei Afm Records (Soulfood) erschienen. Soulfood

Rückfall der Aufgelösten

Eigentlich hatte MINISTRY sich im Jahr 2008 aufgelöst. 2011 verkündete der Sänger Al Jourgensen die Reunion und die Arbeit an einem neuen Album. Das liegt nun vor. es heißt „Relapse“ und die Texte und die Musik sind kompromisslos - wie immer - und gerne auch (selbst-)ironisch und sarkastisch. Die Band bleibt ihrem musikalischen Stil treu: es ist nach wie vor Metal bzw. Industrial-Metal mit elektronisch verzerrtem Gesang. Das Eingangslied „Ghouldiggers“ (Videolink) beschäftigt sich mit dem Musikgeschäft und seinen Regeln. Mit „99 Percenters“ (Videolink) lassen MINISTRY ihre Sympathie für die Occupy-Bewegung erkennen. Gesellschaftskritik durchzieht das ganze Album. Das hymnischste Lied „United Forces“ ruft alle emanzipativen Subkulturen der Vereinigten Staaten zur Vereinigung auf. Der Titelsong „Relapse“ ist das eingängigste Stück– und auch als „Defibrillator Mix“ auf der CD enthalten. Zudem ist „Weekend Warrior“ herrlich sarkastisch. „Bloodlust“ ist für MINISTRYs Verhältnisse geradezu eine Ballade. In den USA wird in diesem Jahr der Präsident gewählt. Folgerichtig fordert MINISTRY zur Teilnahme an den Wahlen auf: „Git Up Get Out `N Vote“.

Das Album-Cover ist außen leicht kitschig, hat es innen aber durchaus in sich, vor allem ist es mit humorvollen Collagen und mit allen Liedtexten in einem herausnehmbaren Booklet versehen.

Musik und Text harmonieren in diesem Album auf wunderbare Weise! Ich empfehle unvoreingenommen den KonsumentInnen und LiebhaberInnen harter Musik den Erwerb dieses Tonträgers.

Killing Joke

Killing Joke: MMXII, 2012 bei Cooperative Music (Universal) erschienen. Universal

Der tödliche Witz schlägt wieder zu

Das neue Werk von KILLING JOKE heißt schlicht 2012 – nur in den römischen Ziffern „MMXII“. Wie bitte, die Band gibt es noch? - wird der ein oder die andere fragen. Ja, seit 2008 sind die auch wieder in der Original-Besetzung. Das Meisterhirn und Sänger der Band Jazz Colemans war zeitweise Dirigent des neuseeländischen Symphonieorchesters. Der Hang zu symphonischer Musik ist auf diesem Album unverkennbar, natürlich ist die Musik mit Rock gepaart und Synthesizern eingespielt. Interessanterweise gelten KILLING JOKE bei vielen als Post-Punk-Band.

Thematisch ist das Album mit den Weltproblemen beschäftigt. „Pole Shift“ beschreibt die Auswirkungen des Klimawandels und „Golony Collapse“ die emotionalen Veränderungen durch die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche. Tanzbar ist „Trance“, wenn auch weit mehr als Joke.

Die schön gestaltete CD-Hülle ist beachtlich. Das gilt ebenso für das Booklet, nicht nur graphisch sehr klar gestaltet ist, sondern alle Texte enthält. Nach jedem Text sind internetlinks mit Belegen für die Aussagen beigefügt.

Insgesamt ist „MMXII“ kein leichtes Album, das man nebenbei hören kann. Wer musikalisch und inhaltlich sehr anspruchsvolle Rockmusik mag, ist hier gut aufgehoben. Party ist anders!

Deichkind

Deichkind: Befehl Von Ganz Unten, 2012 bei Vertigo Berlin (Universal) erschienen. Universal

Elektropunks

DEICHKIND waren mit zwei Single-Auskoppelungen aus „Befehl Von Ganz Unten“ bereits in den Top Twenty der deutschen Charts. Das Album schaffte es auf Platz 2 der Album-Charts. Die wunderbare Kritik an allen KarrieristInnen „Bück Dich Hoch“(Videolink) kam auf Platz 11, eigentlich ist es ein echtes neues ArbeiterInnenlied. „Leider Geil“ kam auf Platz 6 der Single-Charts. Herrschaftskritik äußert die Band mit dem Song „Illegale Fans“ und herrlich humorvoll ist die Beschreibung des „Partnerlook“. Wer kennt sie nicht, die Pärchen mit den gleichen Outdoor-Jacken und Fahrrädern? Der zunehmende Egozentrismus unserer Zeit wird mit „Egolution“ scharf kritisiert. Mit „Die Rote Kiste“ enthält die CD auch einen echten schönen Punkrocksong.

Musikalisch haben wir es hier mit Elektronika und teilweise gerappten Texten zu tun. Leider enthält das Booklet keine Texte, aber merkwürdige Bilder mit Analogien zur letzten Science-Fiction-Saison. Deshalb nur eine zurückhaltende Kaufempfehlung, aber „Leider Geil“!.


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Kurzprofil

Rhett Skai
Geboren 1970 in einem ArbeiterInnenviertel
Arbeitet heute in Schaff-Enspausen
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