Deutscher Gewerkschaftsbund

12.07.2021

Es fehlt eine koordinierte globale Impfkampagne

Die Welt leidet unter der Selbstsüchtigkeit der impfstoffproduzierenden Länder, der Gier der Unternehmen und dem Zusammenbruch einer grundlegenden staatlichen Zusammenarbeit zwischen den wichtigen Weltregionen. Um die Pandemie global erfolgreich zu bekämpfen, brauchen wir endlich Zeitplan zur Zuteilung der Impfdosen an alle Länder und einen Logistikplan zum Transport der Impfstoffe.

 

Von Jeffrey D. Sachs und Juliana Bartels

Vor einem dunkelhäutigen Kind hält eine Hand in Schutzkleidung eine Spritze hoch.

Gerade im Afrika ist das Impftempo noch immer gering, während sich auch dort die Delta-Variante gefährlich schnell ausbreitet. DGB/borgogniels/123rf.com

Bei ihrem Treffen am 9. und 10. Juli in Venedig sollten die Finanzminister der G20 einen Plan verabschieden, um die Welt gegen Covid-19 zu immunisieren. Alle impfstoffproduzierenden Länder und Gemeinschaften waren dort vertreten: die USA, Großbritannien, die Europäische Union, China, Russland und Indien. Gemeinsam produzieren diese Länder genügend Impfdosen, um den Impfprozess für die gesamte Welt bis Anfang 2022 abzuschließen. Doch noch immer fehlt ein Plan dafür.

Warum haben die USA und Europa nicht mit China oder Russland kooperiert?

Das bisherige globale Bemühen, den armen Ländern einen Impfschutz zu verschaffen – die sogenannte Covax-Fazilität –, bleibt bisher in katastrophaler Weise hinter den Erfordernissen zurück. Die impfstoffproduzierenden Länder haben ihre Produktion bisher dazu genutzt, ihre eigenen Bevölkerungen zu impfen – und haben einen beträchtlichen Überschuss an Impfstoff. Die Impfstoffproduzenten haben geheime Absprachen mit verschiedenen Regierungen getroffen, um Impfstoffe bilateral zu verkaufen statt zu einem geringeren Preis durch Covax.

Die Welt leidet unter der Selbstsüchtigkeit der impfstoffproduzierenden Länder, der Gier der Unternehmen und dem Zusammenbruch einer grundlegenden staatlichen Zusammenarbeit zwischen den wichtigen Weltregionen. Wir bezweifeln, dass sich Experten der US-Regierung oder der EU je (und sei es nur per Zoom) mit ihren Kollegen in China und Russland getroffen haben, um eine globale Impfkampagne zu planen. Die USA waren mehr daran interessiert, Impfstoffe nach Taiwan zu verschiffen (vermutlich, um die Volksrepublik China bloßzustellen), als mit China zusammenzuarbeiten, um die gesamte Welt zu schützen.

Wissenschaftler warnen schon seit langem, dass Verzögerungen beim globalen Impfschutz verheerende Folgen für die gesamte Welt haben könnten, da sich neue Varianten herausbilden, die den bestehenden Impfstoffen ausweichen. Diese verhängnisvolle Entwicklung hat bereits begonnen. Israelische Wissenschaftler vermelden, dass der Pfizer/BioNTech-Impfstoff nur eine 64-prozentige Wirksamkeit gegenüber der Delta-Variante aufweist, verglichen mit 95 Prozent Wirksamkeit gegenüber dem ursprünglichen Virus (obwohl vier andere Studien eine deutlich höhere Wirksamkeit festgestellt haben).

Glasampullen laufen auf einem schmalen Förderband von einer Maschine zur nächsten.

Die Impfstoffproduktion findet vor allem in westlichen Ländern, Russland, Indien und China statt. Dort wird auch zuerst geipmpft. Die anderen Ländern und auch dir Impfinitiative Covax erhalten bislang zu wenig Impfstoff gegen Covid19. DGB/kadmi/123rf.com

Die gute Nachricht ist, dass ein umfassender weltweiter Impfschutz machbar ist. Die globalen Produktionsniveaus sind inzwischen ausreichend hoch, um innerhalb weniger Monate einen umfassenden Impfschutz für die erwachsene Bevölkerung aller Länder zu erreichen. Was wir jetzt brauchen, sind Pläne, um die Impfdosen gleichermaßen unter den armen und reichen Ländern der Welt zu verteilen, unterstützt durch Logistik und Finanzmittel. Nichts davon ist außer Reichweite, sofern die Mitglieder der G20 endlich anfangen, ernsthaft zu planen.

Covax, WHO und G20 haben versäumt, einen Impf-Zeitplan aufzustellen

Schockierenderweise gibt es keine systematischen, umfassenden und aktuellen offiziellen Zahlen über die zu erwartende monatliche Impfstoffproduktion nach Herstellerunternehmen und Land. Wir gründen unsere Schätzungen über die voraussichtliche Impfstoffproduktion der kommenden Monate auf die tatsächlich ausgelieferten Impfdosen und die Ankündigungen der einzelnen Unternehmen (überwiegend in Erklärungen an die Anleger in Pressemitteilungen). Auf Basis dieser Projektion haben wir einen vorläufigen Zeitplan abgeleitet, um ein hohes Maß an globalem Impfschutz zu erreichen. Das Versagen von Covax der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der G20 und der impfstoffproduzierenden Länder, Gleiches zu tun, läuft auf einen dramatischen Zusammenbruch der weltweiten Zusammenarbeit hinaus.

Unsere Schätzung lautet wie folgt: Die monatliche Produktion aller Unternehmen, die Covid-19-Impfstoffe produzieren, die eine Notzulassung durch die WHO und die nationalen Regulierungsbehörden erhalten haben und zwischen Juli und Dezember 2021 weithin verabreicht werden, wird im Schnitt rund eine Milliarde Dosen betragen.

Die Weltbevölkerung beträgt 7,8 Milliarden, und 5,8 Milliarden sind 15 Jahre oder älter. Wenn wir einen umfassenden Impfschutz als achtzigprozentige Abdeckung der erwachsenen Bevölkerung jedes Landes (15 Jahre und älter) definieren, sollten wir das Ziel verfolgen, 4,6 Milliarden Menschen zu impfen.

Mit Stand 30. Juni waren rund 850 Millionen Menschen vollständig geimpft, und etwa 950 Millionen weitere hatten die erste Dosis des Impfstoffs erhalten. Um weltweit eine Impfquote von 80 Prozent der Erwachsenen zu erreichen, sind also noch rund sechs Milliarden Dosen erforderlich.

Eine Weltkarte. Die Regionen mit mehr Covid-Impfungen sind in einem dunkleren Blau gekennzeichnet, etwa die USA, England und Deutschland; die anderen Regionen in einem helleren Blau, vor allem Afrika.

Die Weltkarte veranschaulicht, wie ungleich die Impfquoten derzeit sind. Doch die Covid19-Pandemie lässt sich nur global besiegen DGB/Our World in Data/CC BY 4.0

Wir haben ein vorläufiges Tabellenmodell erstellt, dass zeigt, dass wir bei Auslieferung von etwa einer Milliarde Impfdosen pro Monat und rund sechs Milliarden benötigten Dosen in etwa sechs Monaten – also Anfang 2022 – einen umfassenden Impfschutz erreichen können. Die genauen Zahlen hängen von der konkreten Kombination der Impfstoffe ab. Doch das wird nur passieren, wenn es einen globalen Plan gibt, der einen Zeitplan zur Zuteilung der Impfdosen an alle Länder, einen Logistikplan zum Transport der Impfstoffe, einen Umsetzungsplan innerhalb jedes Landes und einen Finanzierungsplan umfasst.

Die weltweiten Risiken einer neuen Covid-Welle sind noch immer groß

Besonders dringlich ist die Lage in Afrika, wo derzeit nur rund 16 Millionen Menschen – knapp 2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung – vollständig immunisiert waren. Das ist ein unglaublich niedriger Wert, insbesondere im Vergleich zum Anteil der vollständig Geimpften an der erwachsenen Bevölkerung außerhalb Afrikas von 17 Prozent und den deutlich höheren Impfquoten in den impfstoffproduzierenden Ländern: 48 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in den USA, 51 Prozent in Großbritannien, 39 Prozent in der EU, 42 Prozent in Deutschland, 13 Prozent in Russland und 5 Prozent in Indien (alle Angaben: Stand 11. Juli) sowie 16 Prozent in China (Stand 10. Juni).

Die weltweiten Risiken sind enorm. Die Delta-Variante verbreitet sich in Afrika inzwischen rapide; dies kann eine Katastrophe zur Folge haben, sofern die Impfungen nicht dramatisch beschleunigt werden. Die Arbeitsgruppe Afrika der Covid-19-Kommission der Zeitschrift The Lancet hat daher einen dringenden Appell zur Bereitstellung von 300 Millionen Impfdosen für Afrika veröffentlicht.

Darüber hinaus könnten sich rasch neue Varianten herausbilden, die stärker in der Lage sind, den bestehenden Impfstoffen auszuweichen. Und die globale Impfverweigerer-Bewegung und weltweite Desinformationskampagnen haben Unschlüssigkeit darüber ausgelöst, ob man sich impfen lassen sollte. Dies bedeutet, dass selbst bei ausreichender Verfügbarkeit von Impfstoffen die Impfbereitschaft deutlich unter dem liegen wird, was für einen umfassenden Impfschutz der erwachsenen Bevölkerung erforderlich ist.

Verkürzt gesagt: Wir befinden uns noch immer in einer äußerst gefährlichen Lage – und zwar überall. Die bis dato vier Millionen bestätigten Covid-19-Toten (Zahlen zur Übersterblichkeit legen nahe, dass die tatsächlichen Opferzahlen um ein Vielfaches höher liegen) sind das tragische Ergebnis des Versagens der Welt, entschieden, kooperativ und barmherzig auf Covid-19 zu reagieren. Das G7-Versprechen vor vier Wochen, 870 Millionen Impfdosen zur Verfügung zu stellen, bleibt weit hinter einem globalen Plan zurück. Es ist zwingend erforderlich, dass die G20 zusammenkommen und handeln, um die benötigten Impfstoffe zur Verfügung zu stellen. Die Gesundheit der Welt hängt davon ab.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2021

Juliana Bartels ist persönliche Assistentin des Direktors des Zentrums für nachhaltige Entwicklung der Columbia University Jeffrey D. Sachs.


Nach oben

Kurzprofil

Jeffrey D. Sachs
ist Ökonom und seit 2002 Sonderberater der Millennium Development Goals. Er ist Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten