Deutscher Gewerkschaftsbund

14.03.2012

Der gute Mensch von Marseille

hafen

Arsenalfilm

Ein Gewerkschafter als Titelfigur eines populären Kinofilms? Das kriegt derzeit nur Frankreich oder Italien hin. Als role model scheidet der Arbeitnehmervertreter doch weitgehend beim Publikum aus, scheint doch Gewerkschaftsarbeit für die Bonbon-Welt der Kultur viel zu unsexy.... Oder?

Nicht unbedingt. Wenn man genau hinschaut, finden sich sogar in den meisten nationalen Kinokulturen zumindest Spurenelemente der Arbeitnehmerorganisationen. Selbst in den Filmen Arnold Schwarzeneggers („Eraser“, USA 1996) waren schon ihre Vertreter zu sehen. Und noch vor kurzem trat ein italienischer Gewerkschafter im deutschen Kino in Erscheinung, und zwar als Wärter einer Irren-WG in dem Film „Wir schaffen das schon“ (I 2008). Nello (Claudio Bisio), der sich selbst für einen großen Arbeiterführer hält, von seiner Organisation aber nur belächelt wird, avanciert zum Leiter einer Genossenschaft von Gemütskranken, die im Italien der achtziger Jahre im Zuge der Psychiatriereform aus der geschlossenen Anstalt entlassen werden - und zwar auf den Arbeitsmarkt. Nello gründet mit ihnen eine Parkettlegerfirma. Und spätestens als die Verrückten unter seiner milden Anleitung das Tattoo am Bein ihrer Auftraggeberin mit schönem Holz in den Fußboden einlegen, ist klar: Dies ist ein in Film voller anrührender Szenen, in denen der Gewerkschafter als großer, engagierter Menschenfreund dargestellt wird.

Und aus Deutschland? Fällt einem zunächst mal der Tatort „Um jeden Preis“ ein (D 2009). Der handelt vom Gewerkschaftsführer Leo Greedinger (Thomas Sarbacher). Und es geht, na? Um einen Korruptionsfall, bei dem Greedinger und andere Funktionäre eine ganz schlechte Figur abgeben. Korrupte Gewerkschaftsmänner - wo gibt’s denn sowas? Das riecht nach Amerika in den dreißiger Jahren. Den Arbeitervertrauensmann auf Betriebsebene hingegen, der ein positives Bild abgibt, den erlebt man eben selten in deutschen Kinoproduktionen.

Und deshalb leistet Europa jetzt erneut Amtshilfe: Der französische Film „Der Schnee am Kilimandscharo“ erhebt den Homo tradiunius ein weiteres Mal zum einsichtig-weisen Mildtäter. Und das geht so: Hafenarbeiter Michel (Jean-Pierre Darroussin) lebt glücklich mit Marie-Claire (Ariane Ascaride) in Marseille. Kinder und Enkel wohnen um die Ecke. Marseille, der Hafen, die Leute, einmal im Monat Regen - in Michels Existenz herrscht Friede, Freude, Eierkuchen, dass man es nicht glauben kann.

So bleibt es natürlich nicht: Eines Tages sagt die Geschäftsleitung, dass 20 Leute rausgeschmissen werden. Grund genug für Michel, sich nachhaltig beliebt zu machen. Die Auswahl der Gekündigten fällt gnädigerweise ihm zu. Michel hält sich für die ganz große Nummer, da er sich als erstes selbst entlässt. Arbeitet er doch schon mehrere Jahrzehnte. Er glaubt, er kann sich ohne große Abschläge in die Frührente verabschieden. Für die anderen gibt es weniger Sozialauswahl. Michel lost einfach aus, wer gefeuert werden soll. Freunde macht er sich sowieso nicht, denkt er - Lose ziehen ist wenigstens gerecht.

Nun steht auch noch sein Hochzeitsjubiläum mit Marie-Claire an, es wird gefeiert. Was gibt’s als Geschenk? Schnee am Kilimandscharo! Der Filmtitel geht auf einen Chanson von Pascal Danel aus dem Jahr 1966 zurück - das Hochzeitslied der beiden. Logisch ist: Die Festtagsgäste haben fleißig Geld gesammelt, um Michael und Marie-Claire eine Reise nach Tansania zu schenken: zum Kilimandscharo. Mit sich selbst zufrieden sitzen die Protagonisten beim Abendessen, als es an der Tür klingelt. Zwei Maskierte überfallen die Gesellschaft, schlagen Michel und seine Frau zusammen und fesseln sie. Die Kreditkarte ist weg und auch die Kiste mit dem Reisegeld. Die stundenlange Geiselnahme lässt die Opfer traumatisiert zurück. Doch Michel und Marie-Claire kommen den Tätern schnell auf die Spur. Und finden heraus, dass es ein Mitarbeiter aus Michels Betrieb war, den er selbst für die Kündigung vorgeschlagen hat.

Der Täter ist Christophe (Grégoire Leprince-Ringuet), ein junger Mann, dem das Wasser bis zum Halse steht. Allerdings hat er es sich allzu leichtfertig in der Kriminalität bequem gemacht, wie bei der Festnahme herauskommt. Als Alibi reichen ihm seine kleinen Brüder - für die müsse er schließlich Geld heranschaffen, da sich die Mutter davon gemacht hat. Es ist eine der bizarrsten Szenen in diesem Film, als der ermittelnde Kommissar Michel anbietet, den festgenommen Täter zusammenzuschlagen. „Ich hätte gewettet, Sie schlagen ihn nicht. Aber um Wetten zu gewinnen, geht man wohl besser zum Pferderennen“, sagt der Polizist.

Nachdem Michel seinen Hass überwunden hat, kommt seine soziale Natur zum Vorschein. Hat der junge Kollege nicht recht, wenn er sagt, dass es Michel einfach fällt, Leute zur Entlassung vorzuschlagen, wo er doch selbst Haus, Auto und Rente hat? „Wieviel haben sie dir bezahlt?“, fragt der hochaggressive Christophe den Gewerkschaftsmann. „Ideen habe ich auch ohne Gewerkschaft: den Betrieb abfackeln, Stunden und Lohn teilen. Wovon soll ich ohne Arbeit leben?“ Der hat ja Nerven, sagen Michels Freunde. Arbeitern ist es immer schon schlecht gegangen, deswegen darf man keine Leute überfallen.

Die Figuren in Guédiguians Film treten nun in eine lebhafte Diskussion darüber ein, ob der Mensch Opfer der Umstände ist, oder ob er für sein Handeln die Verantwortung zu übernehmen hat. Für viel Geschrei sorgen Michels und Marie-Claires Pläne, das geklaute Geld abzuschreiben. Immerhin haben eine Menge Leute dafür gespart. Für Michel stellen sich die Geschehnisse aber so dar, dass der Verbrecher nun ja seine Strafe bekommt. Kriminalität interpretiert er aber auch als Hilferuf. Denn gesellschaftlich betrachtet bleibt unter dem Strich ein Problem: Was ist mit den Kindern, um die sich Christophe zu kümmern hatte?

Je mehr Michel im Leben Christophes recherchiert, desto weniger verspürt er Rachegedanken. Auch Marie-Claire ermittelt, unabhängig von Michel, im Milieu des Täters, kommt aber zu ähnlichen Ergebnissen. Die beiden Jungs werden auf die schiefe Bahn geraten, wenn der große Bruder im Knast sitzt.  Michel kommt zu dem Ergebnis, dass er selbst mit der Welt der Arbeiter nicht mehr so viel zu tun hat. Aber durch die Ereignisse wird er an seine ursprüngliche Motivation erinnert - die Lebensverhältnisse seiner Klientel zu verbessern. Außerdem stellt sich für die Eheleute die Frage, wie sie das geschehene Verbrechen für sich in den Alltag integrieren können - den Rest ihres Lebens wollen sie keinen Hass verspüren. Zudem ist Michel auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Seinen erwachsenen Kindern handwerklich auszuhelfen, ist ihm auf die Dauer nicht genug. So nehmen Michel und Marie-Claire die beiden Kinder in ihr Haus auf. Und das wird sich auch aufs Umfeld auswirken.

Ganz wie es sich im sozialen Drama produit en France gehört, wird der Zuschauer mit positiven Gefühlen und märchenhaften Ausblicken aus der Erziehungsanstalt Kino entlassen, gegen die die „Die fabelhafte Welt der Amélie“ wie der Heimatplanet von Aliens aussieht. Zu fragen bleibt: Ist das nicht zu viel des Guten?

Nun, zunächst einmal vermischen sich hier verschiedene Diskurse, die auf eine zentrale Frage hinauslaufen: Was ist ein gutes Leben? Dabei scheint es nicht so entscheidend zu sein, was die Polizei sagt, sondern was für den Einzelnen sinnhaft ist. Die Problemlagen, für die der Film beinah märchenhafte Lösungen bereithält, sind höchst real - wie die Antworten scheinbar naiv. Guédiguans Appell an den Gemeinsinn, an das Bewusstsein dafür, dass man sich mehr umeinander kümmern muss, weil alles andere doch auf einen zurückfällt, ist aber durchaus diskussionswürdig. Der Regisseur möchte konstruktives Wirken als politisches Prinzip verstanden wissen, als Formel des Zusammenlebens. Die Devise lautet: Eine andere Welt ist möglich. Und zwar vor der Haustür.

Der Gewerkschafter als Protagonist einer positiven sozialen Utopie - naiv oder nicht: Hier ist er ein Typ, den der Kino-Marseiller auf der Straße grüßt. Der italienische Parkettleger würde es auch tun. Wer noch?

Dem deutschen Kino täten solche Charaktere auch mal ganz gut.

 

„Der Schnee am Kilimandscharo“. F 2011. Regie: Robert Guédiguian. Darsteller: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin u. a. Kinostart: 15. März 2012


Nach oben

Leser-Kommentare

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
» Zum Kurzprofil

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten