Deutscher Gewerkschaftsbund

19.05.2021

Es wird nicht gerecht geimpft

Die Weltbank hat 12 Milliarden Dollar zugesagt, um armen Ländern beim Kauf und der Verteilung von Corona-Tests, Covid-19-Impfstoffen und Behandlungen zu helfen. Doch mit Geld allein lässt sich das Problem nicht lösen. Das kann nur eine transparente, inklusive und durchdachte Strategie, die am stärkste gefährdete Gruppen zuerst schützt.

 

Von Rosalind McKenna

Eine schwarze Frau wird geimpft. Um sie herum beobachten Frauen und Männer das Geschehen und machen Fotos davon.

Im April gehörte die Gesundheitsministerin des Südsudan Elizabeth Achuei zu den ersten Menschen, die in dem afrikanischen Land eine Impfung gegen Covid-19 erhielten. DGB/Unicef/Chol

Im März erhielt der Südsudan seine erste Charge Corona-Impfstoff. Das war eine gute Nachricht. Nur: Sie kam erst vier Monate, nachdem in Großbritannien die ersten Menschen geimpft worden waren. Dies allein zeigt schon, wie ungleich die Impfstoffe weltweit verteilt sind. Wenn diese Kluft nicht bald geschlossen wird und internationale Organisationen für eine transparente und faire globale Impfkampagne sorgen, kann die gesamte Pandemiebekämpfung scheitern.

Die Impfkampagne in armen Ländern stockt. Das ist fatal

Der Südsudan bekam die Impfdosen dank der Initiative Covax (kurz für: Covid-19 Vaccine Global Access), die sich an vorderster Front für einen weltweit gleichberechtigten Zugang zu Corona-Tests, Medikamenten und Corona-Impfstoffen einsetzt. Unterstützt wird die Initiative von der Weltgesundheitsorganisation, der Weltbank, Unicef und anderen internationalen Institutionen.

Leider verhindern reiche Länder bisher weitere Fortschritte, indem sie Impfstoffe horten. In den Vereinigten Staaten werden pro Tag über zwei Millionen Dosen verabreicht, der Südsudan hatte bisher insgesamt 1.000 Dosen. Insgesamt haben die Einwohner von Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen 83 Prozent der bisher gelieferten 1,2 Milliarden Impfdosen erhalten.

Da manche Länder die Ausfuhr von Impfstoff verbieten oder Impfstoffe horten und nicht genug Dosen produziert werden, konnte Covax bisher nur ein Fünftel der AstraZeneca-Impfdosen bereitstellen, die eigentlich bis Ende diesen Monats an die Länder geliefert werden sollten. Jetzt verschiebt zudem Indien seine Lieferungen, um angesichts der rasant steigenden Opferzahlen zuerst die eigene Bevölkerung zu impfen. Wenn das so weitergeht, werden bald entwickelte Volkswirtschaften die Impfwilligen in ihren Ländern geimpft haben, bevor die Impfkampagne in Ländern mit niedrigem Lebensstandard überhaupt angelaufen ist.

Zwei Frauen stehen vor einem Tor, an dem das Schild "closed" hängt. Ein Wachmann macht eine abweisende Geste.

In Indien soll der meiste Impfstoff für das Covax-Programm hergestellt werden. Doch die Regierung will nun zuerst mehr im eigenen Land impfen und dann ab Jahresende erst wieder Corona-Impfstoff in arme Länder liefern. DGB/Reuers/Francis Mascarenhas

Für schnellere Fortschritte haben internationale Entwicklungsbanken umfangreiche Mittel versprochen, um arme Länder bei Kauf und Verteilung von Impfstoffen, Tests und Arzneimitteln zu unterstützen. Allein die Weltbank hat dafür12 Milliarden US-Dollar zugesagt. Allerdings gibt es noch keine Details zu dieser Zusicherung, sodass die Gefahr besteht, dass die so dringend benötigten Gelder verschwendet werden, weil Kontrollverfahren fehlen.

Zu oft werden Impfprogramme ohne die Betroffenen geplant

Zunächst einmal hat die Weltbank noch nicht erklärt, wie sie mit Hilfe ihrer Marktmacht dafür sorgen will, dass sich die Impfdosen nicht massiv verteuern. Weil Johnson & Johnson und andere Hersteller inzwischen von ihrer Zusicherung abrücken, Impfstoffe zum Selbstkostenpreis zur Verfügung zu stellen, ist ihr Eingreifen aber dringend erforderlich. Die drei US-Pharmaunternehmen mit zugelassenen Impfstoffen – Pfizer, Moderna und Johnson & Johnson – haben ihre Pläne, die Impfstoffpreise in naher Zukunft zu erhöhen, schon Investoren vorgestellt. So hat die Weltbank zwar 12 Milliarden US-Dollar für Beschaffung und Abgabe von Impfstoff zugesagt, macht aber nicht klar, mit welchen Maßnahmen sie die Hersteller dazu bringen will, die Technologien und das Knowhow offen zu legen, die für die Steigerung der globalen Produktion benötigt werden.

Des Weiteren hat die Weltbank Mühe zu erklären, wie sie gewährleisten will, dass ihre Ausgaben transparent sind und die Empfängerländer die Impfstoffe wie geplant Bevölkerungsgruppen mit hoher Priorität verabreichen. Dabei müsste die Weltbank wissen, dass schlecht geplante Programme und Impfkampagnen oft zu exorbitanten Kosten und unfairen Ergebnissen führen. Das erste Projekt der Weltbank zum Ankauf von Corona-Impfstoff, das im Januar im Libanon angelaufen ist, wurde nach einem knappen Monat fast abgebrochen, weil Politiker sich vorgedrängelt hatten und noch vor Mitarbeitern des Gesundheitswesen und anderen Gruppen mit hoher Priorität geimpft wurden.

Gegen solche Probleme hilft vor allem Transparenz. Die Weltbank hat aber anscheinend nichts dazugelernt, sondern vor kurzem ein Projekt in Äthiopien genehmigt, wo ebenfalls das Risiko besteht, dass sich privilegierte Gruppen beim Impfen vordrängeln. Auch in Tunesien hat sie ein Projekt genehmigt, obwohl in dem Land Ängste und Skepsis gegenüber Impfstoffen und Desinformationskampagnen weit verbreitet sind – Faktoren, die die Wirksamkeit von Impfprogrammen mindern, wenn sie nicht rigoros angegangen werden.

Die Projekte werden sehr schnell aufgebaut. Allzu oft entwickeln die Teams der Weltbank – entweder an ihrem Sitz in Washington oder in den Empfängerländern – die Impfprogramme, ohne alle wichtigen Akteure einzubeziehen. Wenn jedoch die Gruppen, die bei Impfkampagnen oft übergangen werden, nicht an Planung und Kontrolle der Projekte beteiligt werden, gehen sie am Ende umso sicherer leer aus.

Grafik mit aufsteigenden Kurven von links nach rechts, die die Zunahme der Impfungen gegen Corona anzeigen.

Die Impferfolge in den USA und Europa können sich sehen lassen, für den Rest der Welt sieht es hingegen nicht so rosig aus. Die Grafik zeigt, wie viel Prozent der Bevölkerung in den jeweiligen Ländern zumindest einmal gegen Covid-19 geimpft sind. DGB/Our World in Data/CC BY

Dazu gehören zum Beispiel Geflüchtete, Häftlinge und Menschen, die in Slums oder sonst in beengten Verhältnissen leben. So wurden beispielsweise in Griechenland mehr als 70.000 Asylsuchende von der Impfkampagne des Landes ausgeschlossen. Aber auch die Rohingya in Myanmar, die Dalit, die im Kastensystem Indiens die unterste Gruppe bilden, und andere verfolgte Minderheiten laufen Gefahren, übersehen zu werden. Ebenso dürfte die Koordination in Krisengebieten, zum Beispiel in Syrien, schwierig werden, weil manche Regierungen die Menschen in diesen Gebieten schlicht ignorieren.

Die globale Impfkampagne wird zeigen, ob die Weltbank ihre Ziele erreicht

Deshalb müssen nationale Impfkampagnen Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Gruppen vorsehen. Die Weltbank sollte ihren Einfluss nutzen, um bei der Umsetzung ihrer Projekte Diskriminierung zu verhindern. Hilfsgelder für Impfstoffe müssen an eine faire und sichere Verteilung geknüpft werden. Außerdem ist eine Kontrolle und Überwachung dieser Projekte unverzichtbar, wie der Vorstand der Bank ja selbst vor kurzem betont hat. Um das zu erreichen, muss die Weltbank direkt mit den benachteiligten Gruppen zusammenarbeiten. Sie braucht deren Perspektive, damit sie die zugesagten Gelder optimal einsetzen kann, Ressourcen und Impfdosen nicht zweckentfremdet, sondern genau dokumentiert werden.

Die globale Impfkampagne ist ein wichtiger Test für die Institution, deren selbstgewählte Mission es ist "die extreme Armut zu beseitigen und sich für Wohlstand für alle einzusetzen". Zum Glück gibt es noch Hoffnung, dass die Weltbank diesen Test besteht. Ihr Präsident, David Malpass, bezeichnete die Corona-Krise eine „Pandemie der Ungleichheit“, die unter anderem durch den ungleichen Zugang zu Impfstoffen gekennzeichnet sei.

Mit Geld allein lässt sich das Problem aber sicher nicht lösen. Das kann nur eine transparente, inklusive und gut durchdachte Strategie, die ausdrücklich die Interessen der am stärksten gefährdeten Gruppen schützt und diesen die Möglichkeit gibt, Alarm zu schlagen, wenn etwas falsch läuft. Dafür würde sich das Geld auch lohnen.

 


Aus dem Englischen Daniel Haufler / © Project Syndicate, 2021


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Kurzprofil

Rosalind McKenna
ist Teammanagerin in der Finanzierungsabteilung des Gesundheitsprogramms der Open Society Foundation.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

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