Deutscher Gewerkschaftsbund

26.01.2012

Industrie -und Dienstleistungspolitik als integrierte Wirtschaftspolitik

rohr

kallejipp / photocase.com

Die wirtschaftspolitischen Diskussionen in Deutschland bewegen sich seit geraumer Zeit um die Frage, ob Industrie oder Dienstleistung die Priorität in der Förderpolitik besitzen sollen. Diese Unterscheidung wirkt vor dem Hintergrund der ökonomischen Realität zunehmend überholt. Industrielle Produktion ist immer stärker mit Dienstleistungsarbeit verwoben. Sie kommt ohne Forschungsdienstleistungen, aber auch soziale Dienstleistungen nicht mehr aus. Zudem entstehen immer mehr „hybride“ Produkte, die ohne spezifische Dienstleistungen nicht marktfähig wären (bestes Bsp. sind die Apple-Produkte). Industrie und Dienstleistung müssen in wirtschaftspolitischen Maßnahmen eine gleichwertige Stellung einnehmen. Der Trend zu einer Dienstleistungsgesellschaft ist keinesfalls mit De-Industrialisierung gleichzusetzen – ganz im Gegenteil.

Die Industrie wird bei Fragen nach der volkswirtschaftlichen Produktivität und dem Wachstum häufig als ausschlaggebender Wirtschaftszweig genannt. Deutschland ist gewiss eine der stärksten Industrienationen der Welt. Der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung ist seit annähernd 20 Jahren relativ konstant und liegt bei 23,7 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch, wie in Frankreich[1]. 7,7 Millionen Menschen arbeiten hierzulande auf Industriearbeitsplätzen. Diese Zahlen belegen zwar die volkswirtschaftliche Bedeutung der Industrie im Vergleich zu anderen Ländern, sagen aber noch nicht exakt etwas über industrielle Wertschöpfungsketten aus, denn schwache Dienstleistungssektoren können statistisch den Industrieanteil (wie in Deutschland) immens erhöhen. Zudem sind inzwischen die industriellen Wertschöpfungsketten stark von ausgelagerten Dienstleistungsbetrieben geprägt. Der Anteil der industrienahen Dienstleistungen wird in Deutschland auf ca. 25 Prozent an der Bruttowertschöpfung geschätzt – also knapp mehr als der klassische Industriesektor.

Dienstleistungen können aber auch unabhängig von der Industrie Wachstum und Beschäftigung generieren. In Schweden, den Niederlanden und den USA ist von 1995 bis heute die Dienstleistungsproduktivität im Gegensatz zu Deutschland deutlich gestiegen –unabhängig von der Finanzbranche. Welche Rolle hierbei den Informationstechnologien zukommt, hat uns das Skype-Beispiel aus Estland gezeigt. Die Entwicklung dieses Computerprogramms hat der estnischen Wirtschaft einen gewaltigen Impuls gegeben. Die Zunahme von wissensintensiven Tätigkeiten im Dienstleistungsbereich ist durch die Durchdringung aller Wirtschaftsbereiche mit IuK-Technologie enorm gestiegen. In Deutschland wurde die Bedeutung dieses Dienstleistungssektors nach dem Platzen der „Dot.com“-Blase in 2000 stark vernachlässigt.

Die klassische Industriepolitik ist in Deutschland an regionale und branchenspezifische Institutionen der Wirtschaftsförderung gebunden. Sie ist in diesem Kontext eine selektive Politik, die sich auf förderungswürdige Produkte und Branchen stützt (Cluster und Leitmärkte sind der neue industriepolitische Sprech). Hierbei stehen die Forschungs- und Entwicklungspotentiale im Vordergrund. Die Förderpolitik sollte jedoch stets mit den zu erwartenden Arbeitsplätzen aufgerechnet werden. Auch Dienstleistungspolitik und Dienstleistungsforschung beschreiten seit ca. 10 Jahren ähnliche Wege, um Branchen und Leistungen zu bewerten. Der Vergleich dieser selektiven Förderprogramme macht aber deutlich, dass sich die innovationspolitischen Potentiale häufig nicht mehr zwischen Industrie und Dienstleistung trennen lassen. Deshalb sollten gesamtwirtschaftliche Maßnahmen einer integrierten Industrie- und Dienstleistungspolitik folgen.

Vor allem die öffentlichen Dienstleistungen sind seit einigen Jahren heftigen Vorurteilen ausgesetzt. Diese Diskriminierung drückte das Lohnniveau in den entsprechenden Bereichen und führte zu einer volkswirtschaftlich fatalen Unterbewertung der Leistungen und Berufe. Der Glaube, sie wären in privater Hand volkswirtschaftlich rentabler, ist inzwischen widerlegt – viele Beispiele im kommunalen Wohnungsbau und bei Private-Public-Partnership-Projekten sprechen für sich. Zudem wird die politische Vernachlässigung der sozialen Dienstleistungen im Pflege-, Erziehungs- und Bildungsbereich dem demographischen und familienstrukturellen Wandel nicht mehr gerecht. Dienstleistungspolitik muss hier den Bedarf an öffentlichen Investitionen herausstellen, denn auch ausländische Investoren schätzen die Zuverlässigkeit, Gründlichkeit und das Niveau des öffentlichen Dienstes in Deutschland. Er ist nicht nur der Garant für Gemeinwohl, sondern auch ein großer Standortvorteil.

Die europäische Dimension

Industriepolitik spielt auch auf europäischer Ebene eine zentrale Rolle, da die industriellen Strukturen auf dem Kontinent inzwischen soweit verflochten sind, dass sie häufig nur noch als Einheit global konkurrieren. Inzwischen nehmen Schwellenländer wie China oder Russland nur noch den europäischen Wirtschaftsraum wahr. Auch Europa muss diese Sicht stärker verinnerlichen und darf sich nicht ständig mit Wettbewerbskriterien und nationalen Egoismen selbst blockieren.

Die „Europa 2020“ - Strategie der Kommission geht zwar von einem europäischen Wirtschaftsraum aus. Aber an anderer Stelle wird wieder der innereuropäische Wettbewerb beschworen, der zu Lohndumping führt und die Abwanderung von Fachleuten begünstigt. Es ist an der Zeit eine einheitliche europäische Wirtschaftspolitik zu konstituieren. Wir brauchen in Europa kein Standorthopping zu Lasten der Beschäftigten (siehe das Bsp. Nokia), denn dadurch wird die industrielle Basis massiv gefährdet. Wir brauchen in Europa eine innovationspolitische Offensive, die den gesamten Wirtschaftsraum betrifft und den Dienstleistungssektor als bedeutenden Faktor mit einbezieht.

Die zukünftigen politischen Herausforderungen

Deutschland steht vor großen Herausforderungen der wirtschaftspolitischen Modernisierung. Dazu zählen:

  • Die Energiewende, die Produktion und Dienstleistung zu ressourceneffizientem Wirtschaften zwingt.
  • Der demographische Wandel, der in den kommenden Jahren eine steigende Nachfrage nach qualitativ-hochwertigen sozialen Dienstleistungen hervorbringt. Hiervon sind zum Beispiel die Gesundheitswirtschaft und das Bildungswesen massiv betroffen.
  • Der Innovationsdruck der sogenannten Grünen Technologien, der Investitionen in Forschung und Bildung erfordert, um die deutsche Wirtschaft weltmarktfähig zu erhalten.

Die Konsequenzen der Energiewende für die deutsche Industrie sind gewaltig. Die Unternehmen müssen nicht nur ihre Produktion, sondern auch ihre Produkte den Kriterien ressourceneffizienten Verbrauchs unterstellen. Die Nachfrage nach umweltschonenden Produkten im Fahrzeug- und Maschinenbau wird in den nächsten Jahren immens steigen. Das Marktvolumen der sogenannten grünen Technologien (Elektromobilität, energetische Gebäudesanierung, Infrastrukturausbau etc.) wird sich bis zum Jahr 2020 verdoppeln. Diese Trends müssen politisch flankiert werden, damit das Beschäftigungsniveau gesichert bleibt.

Die zukünftigen Herausforderungen sind nur zu bewältigen, wenn alle Akteure gemeinsam Industrie und Dienstleistung angemessen fördern. Denn trotz der hohen Exportquote sinkt die Investitionsquote in Deutschland permanent, was ein Zeichen für das innovationspolitische Klima im Land ist. Die größten Potentiale für Investitionen besitzt Deutschland in folgenden Feldern:

  • Den Ausbau der intelligenten Netze (Breitband, Transport und Energie) als zentrales Infrastrukturprojekt.
  • Den Erhalt und Ausbau der führenden Rolle Deutschlands im Bereich der Produktionstechnik. Nanotechnologie, Materialforschung, Informations- und Kommunikationstechnologie und Verfahren der Umwelttechnologie sind hierbei wichtige Bereiche.
  • Die Förderung der Gesundheitswirtschaft als Zukunftsbranche. Dieser Komplex beinhaltet die Forschungspotentiale der Medizintechnik, Pharmaindustrie und Biotechnologie, aber auch deren Anwendungen in sozialen Dienstleistungen.
  • Der deutsche Bildungssektor, der nicht mehr den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist. Das fängt im unterbewerteten frühkindlichen Bereich an, geht über den „prekarisierten“ Weiterbildungsbereich und hört bei der personellen und finanziellen Ausstattung der Hochschulen auf.

Jedes Innovationssystem ist vom Bildungsniveau seiner Fachleute abhängig, deshalb zielt eine integrierte Industrie- und Dienstleistungspolitik primär auf Deutschlands und Europas Stellung in der internationalen Arbeitsteilung. Auf keinem Kontinent der Welt ist das Bildungs- und Spezialisierungsniveau der Beschäftigten so hoch. Das betrifft Bildung in „industrienahen“, technischen Fächern ebenso wie in „dienstleistungsnahen“, sozialen Fachgebieten.

Gute Arbeit für Industrie und Dienstleistung

Der gewerkschaftliche Maßstab für integrierte Industrie- und Dienstleistungspolitik ist nicht nur der Erhalt und Aufbau von Beschäftigung. Die Arbeitsplätze in Industrie und Dienstleistung müssen sich auch an den Kriterien „Guter Arbeit“ messen lassen. Gute Arbeit impliziert nicht nur gesellschaftlichen Fortschritt, sie wird auch dem technischen Niveau der deutschen Wirtschaft gerecht. Gegenwärtig werden viele industrielle Tätigkeiten von angelernten Leiharbeitnehmern betrieben. Die Folgen liegen u.a. in einem erhöhten Berufsunfallrisiko, das letztendlich zu Lasten der Allgemeinheit und der Qualität der Produkte geht. Ebenso werden viele Dienstleistungen mit Mini-Jobs und unter Niedriglöhnen betrieben, die kaum zum Leben reichen.

Die Qualität von Dienstleistungen macht sich unmittelbar an der Qualität der Arbeitsplätze fest. Sie sind Voraussetzung für hochwertige Standards im Sozial- und Bildungsbereich und damit für die Bereitschaft zu privaten Investitionen im Land. Nicht nur das klassische, deutsche Wirtschaftsmodell ist weltmarktfähig, sondern auch das klassische, deutsche Sozialmodell.

Die Lohndrückerei in zentralen Bereichen der deutschen Wirtschaft schwächt das gesamte Innovationssystem. Die Folgen sind Fachleutemangel aufgrund von Abwanderungen und massive Einschränkungen des Hochtechnologiestandorts, weil entsprechende Glieder der zunehmend integrierten Wertschöpfungsketten vernachlässigt werden und damit das Niveau der gesamten Branche (z. B. die Gesundheitswirtschaft) in Frage steht. Schon jetzt wird Deutschland von seinen europäischen Nachbarn als Niedriglohnland kritisiert, z. B. weil es noch keinen allgemeinen Mindestlohn eingeführt hat.

Heute wissen wir, dass wir nicht dauerhaft dort produzieren und leben können, wo wissenschaftliche Forschungstätigkeiten schlecht entlohnt werden, die Infrastruktur unmodern ist, keine oder schlechte Betreuungsplätze für unsere Kinder vorhanden sind, keine oder schlechte Pflegeplätze für unsere Eltern und Großeltern vorhanden sind, und die soziale Balance aufgrund falscher Politik aus den Fugen gerät.

Deutschland benötigt eine aktive Wirtschaftspolitik, die sich den oben beschriebenen Herausforderungen stellt. Die Finanzkrise und die Euro-Schuldenkrise haben uns gezeigt, dass die politisch gewollte Globalisierung der Märkte immense politische und demokratische Defizite aufweist. Wir benötigen eine neue politische Steuerung, die sich den sozialen und ökologischen Aufgaben der Zukunft annimmt. Deshalb ist eine aktive Wirtschaftspolitik als integrierte Industrie- und Dienstleistungspolitik auf deutscher und europäischer Ebene dringend erforderlich.

 


[1] Alle Zahlen von Eurostat/OECD aus 2010


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Kurzprofil

Michael Sommer Gegenlende
Geboren am 17. Januar 1952 in Büderich
Von 2002 bis 2014 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes
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