Deutscher Gewerkschaftsbund

22.09.2020

Wirkungsvoll gegen Corona

Experten im öffentlichen Gesundheitswesen halten sich oft an starre Regeln, um die Covid-19-Pandemie einzudämmen. Sie blockieren neue Technologien, die uns helfen können, gezielter vorzugehen. Dazu brauchen wir bessere Apps und schnellere Tests.

 

Von Peter Singer

Nächtliche Szene in Israel, bei der ein orthodoxer Jude mit Schläfenlocken ein stählernes Tor öffnet, vor dem zwei Jungen stehen. Alle tragen Gesichtsmasken.

Die Covid-19-Pandemie hat das Leben fast überall auf der Welt verändert. Gerade verbreitet sich das Coronavirus wieder schneller, so auch in Israel, wo jetzt erneut strikte Ausgangsbeschränkungen gelten. DGB/Amir Appel/Flickr

Als die Covid-19-Pandemie sich anfangs verbreitete, waren strenge Quarantänebestimmungen und kurze, strikte Ausgangssperren ein geringer Preis, um sie in Schach zu halten. Jetzt, da die Pandemie über 26 Millionen Menschen in 213 Ländern und Territorien infiziert hat, müssen wir neue Wege zur Bekämpfung der Pandemie finden, die nicht nur wirkungsvoll sind, sondern auch gleichzeitig möglichst wenig Einschränkungen mit sich bringen.

Schnelltests sind unabdingbar für die effiziente Covid19-Bekämpfung

Um zu vermeiden, dass wir mehr Freiheitsrechte als nötig einschränken, sollten wir die Ausgangssperren so genau wie möglich auf diejenigen ausrichten, die am ehesten eine Gefahr für andere darstellen. Dazu müssen wir nicht nur die Kontakte der Infizierten zurückverfolgen, sondern auch unterscheiden, welche ihrer Kontakte wahrscheinlich infiziert sind.

Hier kann die Technologie helfen. Wir sollten die neuen Corona-Apps mit neuen Testmethoden kombinieren, die schnell, einfach und so leicht verfügbar sind wie Schwangerschaftstests. Die Kontaktverfolgung kann ohne Schnelltests nicht funktionieren, aber sie kann wirksam sein, selbst wenn schnellere Tests nicht so genau sind wie die PCR-Tests, die wir jetzt nutzen. Corona-Apps können zudem nicht nur die Reichweite der Kontaktverfolgung verbessern, sondern auch ihre Geschwindigkeit. Das ist besonders wichtig.

Die Kontaktverfolgung, ob manuell oder per App, empfiehlt Quarantäne für diejenigen, die engen Kontakt zu jemand hatten, der positiv getestet wurde. In den Vereinigten Staaten besagen etwa die von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) herausgegebenen Regeln: Quarantäne zu verhängen ist gerechtfertigt, wenn eine Person 15 Minuten in der Nähe eines Infizierten gewesen ist. Andere Länder sind da weniger strikt. Wenn wir gemäß aktueller Daten davon ausgehen, dass heute 2 Prozent der US-Bürger infiziert sind und multiplizieren diesen Wert mit den laut Statistik durchschnittlich möglichen 59 Kontakten pro Person, müssten die meisten Menschen in den USA unter Quarantäne gestellt werden.

Nur: Viren gehorchen nicht diesen vereinfachten Regeln des CDC. Sie sind in viel geringerer Gefahr, wenn Sie 15 Minuten lang weniger als 1,50 Meter von jemandem entfernt sind, der sich am Ende seiner Infektionsperiode befindet, als wenn Sie acht Stunden lang etwas weiter von ihm entfernt sind, wenn er sich auf dem Höhepunkt seiner Infektionsperiode befindet, also in der Regel am Anfang.

Auf einem roten Teppich steht eine Schauspielerin, im Hintergrund fotografieren schwarzgekleidete Menschen mit Abstand zueinander und Gesichtsmasken.

Die neue Normalität wird noch eine Weile bedeuten: Abstand halten, Gesichsmasken tragen, Hände waschen. Auch beim Filmfestival in Venedig gab es kein Gedränge am roten Teppich, keine Schlangen vor den Kinos. DGB/dah

In Arizona testet daher etwa Covid-Watch, ein gemeinnütziger Open-Source-Softwareentwickler, eine neue Anwendung, die versucht, das Infektionsrisiko genau abzuschätzen, statt irgendwelche allgemeinen Regeln einfach zu übernehmen. Die App empfiehlt Quarantäne nur denjenigen, die eine bestimmte Risikoschwelle überschreiten, und wird den Betroffenen individuell sagen, wie lange sie zu Hause bleiben und wann sie sich testen lassen sollen.

Die neuen Corona-Apps bedrohen nicht die Privatsphäre

14 Tage Quarantäne sind keine magische Formel. Wenn Sie fünf Tage, nachdem Sie dem Virus ausgesetzt waren, noch keine Symptome haben, halbiert sich Ihr Risiko ungefähr. Ihr Risiko sinkt ebenfalls (aber nicht auf null), wenn Sie negativ getestet werden. Um die Kosten für den Einzelnen und die Wirtschaft zu reduzieren, wäre es sinnvoll, dass wir Menschen aus der Quarantäne entlassen, wenn ihr Risiko unter einen zu definierenden Schwellenwert fällt. Solche Überlegungen stellen Virologen ja schon eine Weile an, auch in Deutschland.

Der Schwellenwert für die Quarantäne kann davon abhängen, wo Sie sich befinden. Australien und Neuseeland haben relativ wenige Fälle und streben an, so bald wie möglich auf Null zu kommen. Sie können strengere Schwellenwerte haben. In Deutschland dürfte man etwas geringere Werte ansetzen. In Ländern, die noch stärker vom Virus betroffen sind, ist die Lage schwieriger. Hier könnten zu viele Quarantäneempfehlungen nicht nur übermäßige wirtschaftliche und psychologische Schäden verursachen, sondern auch die für die Wirksamkeit der Vorschriften erforderliche öffentliche Unterstützung untergraben.

Wann immer von der Technologie zur Ermittlung von Kontaktpersonen die Rede ist, äußern Menschen Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre. Die neuen Apps, die das Google-Apple-Framework verwenden, sollten diese Bedenken zerstreuen, denn sie haben eine Möglichkeit erfunden, die Benutzer*innen vor einer Gefährdung zu warnen, ohne dass Informationen darüber, wen Sie treffen, jemals Ihr Telefon verlassen.

Ein Lkw-Anhänger mit großen Paketen randvoll bepackt steht hinter einem Militärtransportflugzeug.

Solange es noch kein Impfung oder Medikamente für Covid-19 gibt, helfen sich Staaten mit Schutzkleidung und Atemschutzmasken, so wie hier Australien, das eine Lieferung nach Indonesien geschickt hat. DGB/Australian Embassy Jakarta/Flickr

Wir sind wegen Unternehmen wie Apple aber aus anderen Gründen besorgt. Da sie es den Nutzern erschweren wollen, die Ansteckungsquelle zu erkennen, haben aufeinanderfolgende Versionen der von Apple und Google kontrollierten Programmierschnittstelle (API) die maximale aufgezeichnete Kontaktdauer begrenzt. Das jedoch reduziert die verfügbaren Informationen zur Quantifizierung der Infektiösität. Die App kann daher nicht zwischen Kontakten mit geringerem und höherem Risiko unterscheiden.

Wir müssen die Regeln ständig an neue Erkenntnisse und Technik anpassen

So wird der Schutz vor einem möglichen und begrenzten Verlust der Privatsphäre als wichtiger erachtet als die Notwendigkeit, Menschen zum Schutz ihrer Mitbürger*innen gezielt in Quarantäne zu schicken. Es besteht die moralische Verpflichtung, den Schaden der Quarantäne zu begrenzen und die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Wenn er nicht wirksam bekämpft wird, wird die Covid-19-Pandemie Hunderttausende weitere Todesfälle verursachen und erneut die drastischen Ausgangssperren erzwingen, die mit großen Härten für Milliarden von Menschen verbunden sind. Dies wird vor allem dann wahrscheinlicher, wenn die Quarantäne unterschiedslos empfohlen wird und die Vorschriften infolgedessen immer weniger befolgt werden.

In einer sich schnell ausbreitenden Pandemie müssen wir bereit sein, die Regeln entsprechend den jeweiligen Gegebenheiten, den neuesten epidemiologischen Erkenntnissen und der Entwicklung neuer hilfreicher Technologien anzupassen. Nur so können wir eine Pandemie wie Covid-19 eindämmen. Experten des öffentlichen Gesundheitswesens, die sich strikt an veraltete Regeln halten oder, wie in der Schweiz, diese sogar in Gesetze schreiben, stehen neuen flexiblen Technologien im Weg, die uns helfen können. Indem wir uns auf diejenigen konzentrieren, die das höchste Risiko einer Verbreitung des Virus haben, müssen wir das Zusammenleben der Menschen und die Wirtschaft weniger einschränken und können so obendrein die Pandemie wirksamer bekämpfen.

 

Mitarbeit: Joanna Masel

Aus dem Englischen Daniel Haufler / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Peter Singer
ist ein weltweit bekannter australischer Philosoph und Ethiker. Er lehrt am Center for Human Values der Princeton University
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