Deutscher Gewerkschaftsbund

18.02.2019

Mit offenen Augen in den Abgrund

Großbritanniens Einfluss in Europa und der Welt wird nach dem Brexit enorm schwinden, seine Wirtschaft schrumpfen, und den meisten Menschen wird es schlechter gehen. Schuld daran sind nicht nur die Brexit-Anhänger, sondern auch diejenigen, die den EU-Austritt nicht verhindert haben.

 

Von Ian Buruma

Königin Elizabeth II. und Prinz Philip in einer herrschaftlichen Kutsche.

Der royale Glanz ist noch da, das Empire nicht mehr. Doch viele Briten, zumal Konservative, wollen das nicht wahrhaben. DGB/Lorna Roberts/123rf.com

Es ist eine seltene und erschreckende Erfahrung: Eine hoch entwickelte demokratische Gesellschaft geht sehenden Auges einer vorhersehbaren und vermeidbaren nationalen Katastrophe entgegen. Den meisten britischen Politikern ist sehr wohl bewusst, dass der Austritt aus der Europäischen Union ihrem Land großen Schaden zufügen wird, wenn keine Regelungen für die Zeit nach dem Brexit existieren. Sie bewegen sich nicht schlafwandelnd Richtung den Abgrund; sie sind hellwach.

Zusammenspiel von verblendeten rechten Ideologen und Neo-Trotzkisten

Einer Minderheit verblendeter Ideologen macht es nichts aus, dass Großbritannien ohne Abkommen aus der EU fallen könnte. Ein paar chauvinistische rechte Träumer glauben – angestiftet von Teilen der Presse –, dass man wie im Zweiten Weltkrieg mit eiserner Entschlossenheit erste Rückschläge überwinden kann und Großbritannien bald darauf als quasi-imperiale Macht, wenngleich ohne Imperium, und als Herrscher der Weltmeere zurückkehren wird. Neo-Trotzkisten bei den Linken, darunter auch der Chef der oppositionellen Labour Party Jeremy Corbyn, scheinen der Ansicht zu sein, die Katastrophe werde die Briten endlich dazu bringen, den echten Sozialismus zu fordern.

Natürlich wissen es die meisten Politiker auf der linken und auf der rechten Seite eigentlich besser – unter ihnen Premierministerin Theresa May, die vor dem Brexit-Referendum für einen Verbleib Großbritanniens in der EU war. Doch weigern sie sich, etwas gegen das Abgleiten in einen katastrophalen ungeregelten Austritts zu tun. So wurden Parlamentsanträge abgelehnt, die eingebracht wurden, um den Austritt zu verschieben oder Alternativen zu Mays unbeliebter Austrittsstrategie zu prüfen. Parteipolitik, hurrapatriotische Medien und eine merkwürdige Vergessenheit gegenüber allem außerhalb der britischen Inseln lähmen offenbar den kollektiven Willen britischer Politiker. Anstatt aktiv zu werden, um das Schlimmste zu verhindern, geben sie sich der Illusion hin, weitere Gespräche und weitere Zugeständnisse aus Brüssel würden Großbritannien irgendwie in letzter Minute retten.

Wachsoldat der königlichen Garde mit Grenadiermütze.

Was wird der schicke Soldat mit Grenadiermütze wohl künftig bewachen: die Grenze von dann Kleinbritannien? DGB/lachris77/123rf.com

Dieses eigentümliche Schauspiel eines nationalen Selbstmordes ist zwar ungewöhnlich, aber nicht neu. Ein historisches Beispiel ist Japans Abgleiten in einen verhängnisvollen Krieg mit den USA im Jahr 1941. Freilich bestehen offenkundige Unterschiede: Trotz des ganzen nostalgischen Unsinns über Weltkriegsmythen wie das Spitfire-Jagdflugzeug und die Schlacht von Dünkirchen droht Großbritannien nicht, gegen jemanden in den Krieg zu ziehen. Zudem war die japanische Demokratie, wie sie sich damals präsentierte, zu großen Teilen im Würgegriff militärischer Gruppierungen und einer autoritären staatlichen Kontrolle.

Dennoch sind einige Ähnlichkeiten bemerkenswert. In Japan wollte eine relativ kleine Zahl militaristischer Fanatiker einen Krieg gegen den Westen. Sie waren von quasi-faschistischen Ideologen und Offizieren aufgestachelt worden waren. Die meisten Politiker, darunter auch Generäle und Admirale, waren sich jedoch im Klaren darüber, dass es Wahnsinn wäre, sich mit einer weit überlegenen Militär- und Industriemacht anzulegen. Doch irgendwie waren diese Politiker nicht in der Lage oder nicht willens, die Entwicklung zu stoppen. Manche plapperten sogar die extremistischen Sprüche der  Fanatiker nach, ohne selbst daran zu glauben – ein bisschen so wie sich May den rigorosen Austrittsbefürwortern anbiedert.

Wie Japan vor Pearl Harbor: verwirrende Signale und aussichtslose Hoffnungen

Der Hauptstratege des Angriffs auf Pearl Harbor, Admiral Yamamoto Isoroku, ein hochintelligenter Mann, der in Harvard studiert hatte und die USA sehr gut kannte, war ein entschiedener Gegner des Krieges. In der aussichtslosen Hoffnung, Verhandlungen würden einen umfassenden Krieg verhindern, tat er dennoch seine Pflicht und arbeitete den Angriffsplan aus. Der Premierminister, Prinz Konoe Fumimaro, dessen Sohn in Princeton studierte, wollte einen Krieg mit den USA vermeiden. Immer wieder bat er die Amerikaner um weitere Treffen, sendete verwirrende Signale aus und hoffte auf unmögliche Zugeständnisse, die japanische Hardliner forderten, denen er aber zu schwach und zu unentschlossen gegenübertrat.

Es wurde viel über einzuhaltende oder zu verlängernde Fristen gesprochen. So wie bei den Brexit-Verhandlungen der Briten mit der EU war es auch den Amerikanern nicht ganz klar, was die Japaner wirklich wollten. Tatsächlich war es nicht einmal den Japanern selbst klar. Die letzte Hoffnung der Männer, die die Katastrophe zwar kommen sahen, aber sich weigerten, etwas dagegen zu unternehmen, bestand darin, dass weitere Gespräche mit den Amerikanern sie retten würden. Am Ende hatten die Amerikaner die Gespräche satt. Die Folge waren Millionen Tote und ein beinahe völlig zerstörtes Japan.

Holzschild im Grünen mit der Aufschrift: "Path closed" (Weg gesperrt).

Eigentlich sind sich die Mehrheit der Briten und ihrer Parlamentarier einig, dass sie nicht den Pfad des No-Deal-Brexit beschreiten wollen. Doch wird das reichen? DGB/mendhak/Flickr/CC BY-SA 2.0

Als die Menschen in Japan von dem Angriff auf Pearl Harbour erfuhren, reagierten sie zunächst mit einer Art Erleichterung. Endlich hatte man nun etwas Klarheit. Alles war besser als das endlose Herumlavieren. Nun, da Japan wirklich auf sich allein gestellt war, würde eine Art japanische Version des Bulldog Spirit es ihnen ermöglichen, die Sache irgendwie durchzuziehen. Ebenso wie die Briten verspüren auch die Japaner eine perverse Sehnsucht nach Splendid Isolation. Und der Kampf gegen westliche Imperialisten war zumindest ehrenhafter als der Versuch, die Chinesen mit Massakern gewaltsam zu unterwerfen.

Es ist durchaus möglich, dass ein ungeregelter Brexit ähnliche Auswirkungen auf die Briten hat. Man kann es den Menschen nicht verdenken, dass sie das Gezänk im Parlament und die endlosen und offenbar nie zielführenden Gesprächen mit der EU satt haben. Menschen können nur mit einem gewissen Maß an Ungewissheit umgehen; es ist besser, über das Schlimmste Bescheid zu wissen.

Schuld an allem werden eh auch künftig die Ausländer sein

So wie die japanischen Medien in Kriegszeiten präsentieren sich auch große Teile der britischen Presse hurrapatriotisch, obwohl sie nicht wie in Japan damals den Zwängen einer Zensur unterliegen. Jahrzehntelange Anti-EU-Propaganda könnte viele Briten davon überzeugt haben, sich mit den Entbehrungen abzufinden, die einem harten Brexit folgen könnten. Viele würden zweifellos den verdammten Ausländern die Schuld an nicht verfügbaren Waren, höheren Preisen, langen Warteschlangen bei der Einreise und dem Verlust von Arbeitsplätzen in die Schuhe schieben.

Aber selbst wenn alles so kommen sollte, wird bald Ernüchterung Einzug halten, so wie das auch in Japan der Fall war, als die Euphorie über Pearl Harbor nachgelassen hatte. Es werden keine Bomben auf britische Städte fallen und es wird keinen Einmarsch und keine Besetzung Großbritanniens geben. Aber Großbritanniens Einfluss wird enorm schwinden, seine Wirtschaft wird schrumpfen und den meisten Menschen wird es schlechter gehen. Die Hauptakteure eines harten Brexit – Leute wie Boris Johnson, Nigel Farage und Jacob Rees-Mogg – werden sich wahrscheinlich gut fühlen. Aber es wird nichts nützen, nur ihnen die Schuld zu geben. Am meisten sollten sich diejenigen schämen, die wider besseres Wissen nicht genug getan haben, um die Entwicklung aufzuhalten.

 


Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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