Deutscher Gewerkschaftsbund

15.08.2011

Der Sündenfall

film

cineglobal

Mahamat-Saleh Haroun, in Frankreich lebender Regisseur, hat jede Menge Sinn für Humor: Adam (Youssouf Djaoro), Die Hauptfigur seines Films „Un homme qui crie“ - in Deutschland auch unter dem Titel „Ein schreiender Mann“ zu sehen -, ist ein Bademeister und ehemaliger schwarzafrikanischer Schwimmstar. Die Afrika-Meisterschaft soll er gewonnen haben.

Nun sind erstens Menschen aus Afrika für ihre Schwimmleistungen nicht gerade berühmt - da gibt es eher wenig zu berichten. Die andere Sache: Das Südsahel-Land ist nicht gerade für seine üppige Ausstattung mit dem flüssigen Grundbedarf bekannt.

Harouns Film macht jedoch keineswegs den Eindruck, sein Schöpfer habe keine Ahnung, was er tut. Dafür ist „Un homme qui crie“ schlicht und einfach zu sehr Meisterwerk. Warum ich an dieser Stelle auch eindringlich dazu raten möchte, die - wahrscheinlich spärlicher gesäten - Kinos aufzusuchen, in denen er gezeigt wird. Dass Haroun mit diesem ersten Film aus dem Tschad überhaupt, der es in den Wettbewerb von Cannes geschafft hat, 2010 auf Anhieb den Preis der Jury bekam, möchte ich hierbei unterstützend anfügen. Der Film hat ein gutes Drehbuch, gute Schauspieler und ist spartanisch-genial in Szene gesetzt. Zudem lebt er von einer guten Portion suspense, und folgt strukturell dem Aufbau einer Novelle, jener Geschichtenform, die uns von einer unerhörten Begebenheit berichtet. In diesem Fall ist es der Verrat des Sohnes an dem Vater, der Verrat des Vaters am dem Sohn.

„Champ“ Adam, Ende 50, passt in Tschads Hauptstadt N’Djamena auf den Pool einer großen Hotelanlage auf. Zu den Gästen zählen ein paar Touristen und UN-Soldaten. Beinahe um die Ecke spielt sich der Darfur-Konflikt ab. Der Krieg im Sudan ist im Alltag schon spürbar: Immer mehr Menschen werden in die Kämpfe einbezogen, es gibt Plünderungen in der Grenzregion, Waffen werden verschoben, Nachschublinien verlaufen durch das Land. Reiter- und andere Milizen operieren aus dem Grenzgebiet heraus. Alsbald herrscht auch im Tschad Krieg- und Ausnahmezustand. Tschads Armee rekrutiert ihrerseits junge Männer zur Sicherung der Grenzen, es eilt, eigentlich kann man schon von Aushebungen sprechen.

Fühlbar sind diese Vorgänge in Harouns Film in jeder Sekunde, zu sehen sind sie kaum. „Wie ein verletzendes Lüftchen, das ab und zu bläst“, sei der Krieg, sagt Regisseur Haroun: “Der Krieg ist wie ein Geist, der durchs Land jagt und ab und an erscheint.“!

Wie beiläufig reden die Leute auf der Straße von den Kriegshandlungen, sie sind der Alltag. Die Bedrohung ist jederzeit präsent, der erwartete Ausbruch bleibt aus, doch die Gewalt schleicht sich allmählich in den Alltag.

Adams Welt am Pool scheint zu Beginn von der Welt vergessen, man klatscht sich zum Dienstbeginn ab, Adam gibt Schwimmunterricht und passt auf, dass keiner von der Seite reinspringt. Auch sein Sohn Abdel (Douc Koma) ist in dem Hotel beschäftigt, denn Adam ist es gelungen, ihn als Assistenten einstellen zu lassen. Nun schäckert er rum mit den Touristinnen - als Animateur. Einträchtig sieht man die zwei mit dem firmeneigenen Beiwagenmotorrad umherfahren.

Es ist ein einfaches, aber modernes und sehr aufgeräumtes Afrika, in dem sich der schreiende Mann bewegt: Die Leute haben Arbeit, sie halten ihren Laden auf Trab. Man schaut, dass es der Familie gut geht und der Stress minimal bleibt.

Die scheinbar heile Welt kriegt die ersten Macken, als das Hotel den Besitzer wechselt. Die neuen Chefs kommen aus China, und zeigen der Belegschaft gleich mal, was Globalisierung ist: Kostenersparnis minus Belegschaft. Sprich: Den Job von zweien kann auch einer erledigen.

Und da es auch im Tschad Sozialpunkte gibt, wird Adam desweiteren als Pförtner beschäftigt, Abdel hingegen ist nun alleiniger Chef am Pool: „Vater, das ist gut so. Ich hab ja jetzt auch Verantwortung.“

Das Motorrad hat er jetzt auch für sich allein. Adam sieht’s mit Grausen; dass für ihn der bisherige Torwächter gefeuert wurde, daran möchte er lieber gar nicht denken, wenn er dem Mann auf der Straße begegnet.

Nach diesem Exkurs in die weltweite Realität des Prekariats werden Wirtschaftsfragen ganz schnell zu Diskursen des Überlebens. „Nein, wirklich?“, fragt Adam mit gespieltem Erstaunen. „Aber wenn ich es dir doch sage“, antwortet der stolze Nachbar in der Abendsonne: Dessen Sohn ist in die Armee gegangen, und nun ist er Leutnant mit einer schönen Uniform, Nachwuchsplanung okay, Existenz gesichert - sozial und Krieg, schau an: bedingen einander. Das wäre doch auch was für Abdel, denkt der sorgende Adam. Die Arbeit am Pool ist doch was für alte Leute und verspricht auch wenig Renommee.

In der Rekrutierungsstube sehen die das auch so. Ganz unverbindlich hat sich Adam mit dem Distriktkommandanten unterhalten. Und ganz beiläufig weiß die Militärpolizei, wo Adams Sohn abzugreifen ist.

Dass die Polizisten unterwegs sind, hat er dem allerdings nicht gesagt. Als es soweit ist, nehmen die Soldaten Abdel mit, der Vater tut nichts dagegen.

Man ahnt es schon: Das ist wahrscheinlich nicht die beste Idee, die der alte Schwimm-Champ in seinem Leben gehabt hat - der Titel des Films bekommt seinen Sinn, der Betrachter ahnt es schon: Adam wird einiges an Leid herauszuschreien haben.

Regisseur Haroun entwirft in „Un homme qui crie“ eine moderne Tragödie: Der Vater verrät den Sohn und schadet sich selbst. Als er dies erkennt, ist natürlich alles zu spät. Hier müssen einfache Menschen die schwierigen Fragen beantworten, die sich stellen, wenn das eintritt, was der Krieg an der Menschheit anrichtet.

Adam, der erste Mensch von allen, steht hier vor den Scherben seines Sündenfalls: Richtig deutlich wird das Ausmaß der Bescherung erst, als Abdels künftige Frau (Djénéba Koné) auftaucht: Sie ist als Vorbotin der Katastrophe auf der Flucht in Richtung Kamerun unterwegs.

Adam teilt sie mit, dass sie schwanger mit dem Enkel ist. Das war der Grund, warum Abdel den Job im Hotel unbedingt haben wollte.

Aber die Prozesse sind nicht mehr umkehrbar. Zwanghaft handelt das Personal, unter dem Eindruck der Zwänge von Ökonomie und Politik. Ausweglos ist die Situation, und dann macht man sie selbst noch schlimmer - jeder Fehltritt, das ist bei Haroun nicht anders als bei Georg Büchner, hat das Schlimmste zur Folge. Die Tragödie wird zur Farce. Ein strammes Gleichnisspiel präsentiert der Regisseur: Adam, das ist das Subjekt in der Zwickmühle.

Die Umstände bringen Harouns Modellmensch dazu, unmenschlich zu werden, der Regisseur stellt das Schicksal selbst zur - ökonomischen - Diskussion. Und „Un homme qui crie“ ist auch ein Plädoyer für eine Politik, die niemandem in die Ecke drängt, die die Extreme vermeidet. Denn für die Durchschnittsmenschen, die Familie des Alltags, deren Ressourcen schnell erschöpft sind, geht nichts Gutes von ihnen heraus. Mögen die anderen Kriegshelden werden: Wer wenig hat, schaut seinen Kindern beim Sterben zu. Und ist auch noch selbst schuld daran.

 

„Un homme qui crie“. Tschad/F/B 2010. Regie: Mahamat-Saleh Haroun, Darsteller: Youssouf Djaoro, Emile Abossolo M´bo u.a. DVD-Start: 18. August 2011


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Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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