Deutscher Gewerkschaftsbund

17.09.2013

Was mache ich hier eigentlich?

Arbeit im Film: „Abseitsfalle“ zeigt die krassen Interessengegensätze von Mitarbeitern angesichts der Zumutungen der Marktwirtschaft. Der DGB würdigt den Film am 19. September in Jena mit einer Sondervorführung und Podiumsdiskussion.

Werksmannschaft

Alpha Mediencontor

So hat sich Karin (Bernadette Heerwagen), Protagonistin in Stefan Herings Film „Abseitsfalle“, ihren beruflichen Aufstieg nicht vorgestellt: Die graue Maus mit abgeschlossenem BWL-Fernstudium in der leicht verkalkten Personalabteilung - die Firma stellt schließlich Waschmaschinen her - hat sich daran gewöhnt, dass der Chef ihre Konzeptpapiere zur Effektivierung der Prozessabläufe grundsätzlich nicht liest. Darauf angesprochen reagiert er unwirsch - vielleicht hätte ihn die junge Mitarbeiterin nicht gerade auf der Betriebsfeier und vor den Kunden danach fragen sollen („Frau Wegmann, doch nicht jetzt. Ein Bier, bitte“).

Der Durchbruch kommt dann recht unverhofft und auch eher ungewollt, in Gestalt des Unternehmensberaters Dr. Kruger (Christoph Bach). Der smarte Umstrukturierer braucht jemanden, der den Betrieb von innen kennt und in Excel-Listen und Powerpoint-Präsentationen verpacken kann. Ganz klar: Diese Fabrik steht unzweifelhaft vor dem Relaunch. Man ahnt schnell, wie es mit dem leicht eingestaubten Waschmaschinenhersteller namens Perla weitergeht. Das ist weniger der Dramaturgie geschuldet, als der Tatsache, dass solch ein Umbau in der Wirtschaft meist für eine Betriebsschließung steht.

Arbeitswelt im deutschen Film

Dass ein solcher Stoff ins deutsche Kino findet, ist schon eine große Leistung. Während das Thema Arbeit und Arbeitskampf in allen erdenklichen Formen in anderen europäischen Filmkulturen einen festen Bestandteil bildet, ist man hierzulande zu intelligenten cineastischen Reflexionen des Themas selten fähig. Und so gibt es kaum ernsthafte Versuche, die deutsche Arbeitswelt in Spielfilme zu übersetzen. Von Ausnahmen wie Dirk Lütters „Die Ausbildung“ mal abgesehen, dient sie in der Regel als folkloristisches Prospekt, vor dem drittklassige Liebesgeschichten erzählt werden können. Lang lebe das Komödiengenre.

Hier ist es anders: Der Regisseur Stefan Hering versucht in der „Abseitsfalle“ Prozesse der Arbeitswelt zwar oft mit Mitteln des Humors, aber auch mit einer gewissen ernsthaften Tiefe zu erzählen. Das dürfte dann auch der Grund dafür sein, dass der DGB-Kreis Jena - Saale Holzland anlässlich des bundesweiten Filmstarts von „Abseitsfalle“ gemeinsam mit der IG Metall eine Sondervorführung samt Podiumsdiskussion am 19. September 2013 in Jena veranstaltet. Der DGB-Kreisvorsitzende Sandro Witt wird mit Kandidatinnen und Kandidaten für die Bundestagswahl über den Film diskutieren. Dabei wird es auch um die im Dezember 2013 drohende Schließung des Bosch-Solar-Werkes in Arnstadt gehen, wo 2.000 Arbeitsplätze bedroht sind.

General Machines

In der „Abseitsfalle“ schreibt man das Jahr 2012 und es ist Bochum. Das Perla-Werk steht in mehreren Ausfertigungen in verschiedenen europäischen Ländern; die Konzernzentrale ist in den USA. Parallelen zu den Entwicklungen bei Opel sind augenfällig: Auch dort treibt der Mutterkonzern General Motors die an sich rentablen Filialen in die Konkurrenz untereinander. Bei Perla heißt die Eigentümerholding General Machines. Und so gilt auch im Film-Bochum: Mal schauen, welche Zahlen ihr generiert, und dann werden wir sehen, wer zum Arbeitsamt geht. 400 Arbeitsplätze müssen eingespart werden, so die Ansage, sonst macht der Laden komplett dicht. Auch dies eine Methode, die Belegschaften auf Trab zu halten. Denn unterm Strich ist das Aus für alle Standorte schon beschlossen. Das Verfahren mit Kruger und Konsorten soll lediglich eine einschläfernde Wirkung auf die Belegschaft haben.

Sozialplan, Auffanggesellschaft, international verständlicher Protest („Yes we wash“) - für die Konzeption und Dämpfung all dieser Business-Nebenwirkungen soll Karin verantwortlich zeichnen. Die Firmenleitung hat sich da rausgezogen. Nun versucht die junge Angestellte, die Kollegen, die auch ihre Freunde sind, sozialverträglich zu entlassen. Ein Amt, in dem sie einerseits erstaunlich gut wirkt, wie ihr der White-Collar-Dandy Kruger bestätigt. Andererseits fragt sie sich des Nachts unter Tränen: Was mache ich hier eigentlich?

Liebe und Tradition

Um der ganzen Geschichte mehr Dramatik zu verleihen, spielt natürlich die Liebe eine Rolle. Der romantische Fabrik-Proll Mike (Sebastian Ströbel) ist Karin zugetan. Der reichlich flotte Typ und seine Kollegen schwelgen heftig im alten Arbeiterparadies, von dem sie nicht wahrhaben wollen, dass es demnächst nicht mehr existiert. Sie liefern „gute“ Arbeit ab, also Produktion, die sich ihrer Meinung von der raffgierigen Geschäftswelt absetzt. Man ist darüber froh, was man tut („Der will nicht in Rente, der liebt sein Band“) und wird sauer, wenn nicht alles bleibt, wie es ist. Auch in der freien Zeit frönt man dem angeblich traditionellen Ruhrpott-Ambiente.

Die Beziehung zwischen Karin und Mike ist denn auch gepflastert mit richtigen und falschen Klischees. Womöglich bricht sie sich den Absatz der Stilettos im Schrebergarten ab, Mike reißt vor den Kumpels flotte und weniger korrekte Sprüche über die „scharfe Braut“. Standesgemäß rekelt sich die Produktionsmannschaft halbnackt beim Fußball auf dem Aschenplatz im Dreck – die Arbeit der Werkself sorgt schließlich für den Filmtitel. Würstchen werden auf ausgedienten Waschtrommeln gegrillt; Fortbildung ist ein Fremdwort. Rentabel arbeitet Perla trotzdem. Das Problem ist nur: Es gibt genug Waschmaschinen auf der Welt.

Facettenreiche Inszenierung

Die Gegensätze zwischen denen da oben und den Malochern werden zu Beginn scharf gezeichnet. Dann wieder wendet Filmemacher Stefan Hering viel Mühe auf, die rigide konturierten Hemisphären zu dekonstruieren. Spätestens als Karin die Hinterlassenschaften ihres alkoholkranken Vaters beseitigt, kommt Bewegung in die Vorstellungswelt. So verzweifelt, wie sie ihre Arbeit wahrnimmt, so resolut reinigt sie den von Erbrochenem verstopften Küchenabfluss.

Hering extrapoliert die Gegensätze auch als Bildwelt: Klaustrophobische, holzvertäfelte Wohnzimmer auf der einen Seite, ein lichtgeflutetes nächtliches Bochum auf der anderen - Siebziger-Jahre-Produktion trifft auf iPad-Oberfläche. Die provisorische Zentrale der Firmenabwicklung residiert in einem leeren Fabrikgebäude, ganz wie ein Start-up. Personalgespräche finden am Tapeziertisch statt. Irgendwo in und zwischen diesen Bild-Räumen liegt die Wirklichkeit. „Die Arbeit können sie uns nehmen, aber nicht unsere Würde“, sagen die Fabrikarbeiter. Karin könnte auch kündigen. Aber sie will ja noch mehr „Soziales“ für die Kollegen raushauen, einen „würdigen“ Abschluss. Die Dienstleisterin ist letztendlich Täterin und Opfer zugleich.

Doch deutsch

Das meiste in diesem Film ist leicht vorhersehbar und zu rührselig. Mike kriegt einen Ausraster nach dem anderen; man torkelt, heult, benimmt sich daneben. Anstatt sich weiter herzumachen über die globalen Bedingungen von Produktion, Arbeit und Sozialabbau oder gleich die Politik, die sie hervorbringt, verharrt der Film in gestörten Kussszenen und anderem Preziosen fürs Herz. Manchmal wirkt das ein bisschen peinlich, denn die ganz großen Darsteller sind hier nicht im Ensemble. Da kann man aber auch drüber weggucken: Auf der Zielgeraden folgt dann die transnationale Schlägerei der Werksmannschaften aus Polen und Deutschland - Bilder schrecklich verzerrter Menschen als Ausdruck zerbröselnder Solidarität. Hatten nicht kurz zuvor die Belegschaften einen Solidarpakt verabschiedet? Keiner nimmt die Abfindung? Kollektives Handeln über Ländergrenzen hinweg schien doch möglich.

Die Akteure fangen sich wieder, gehen über zur Illegalität. Eine Managerentführung gibt es zu sehen; Frankreich lässt grüßen. Auch Karin versucht am Gesetz vorbei zu retten, was zu retten ist, und manipuliert die Personalakten. Es ist wohl die stärkste Szene in diesem Film: Karin wird fristlos entlassen. Dann bekommt sie von Firmendekonstruierer Kruger ein Angebot, mit ihm gemeinsam den nächsten Laden abzuwickeln - in Südafrika. Es winkt eine steile internationale Karriere, Motto: Fitte Rausschmeißer kann man immer brauchen. Karin fragt sich abermals: Was mache ich hier eigentlich?

Die besten Momente gibt es im Arbeiterkino, wenn fernab jeglichen Klamauks einfach nur absurde Vorgänge zur Debatte stehen. Bei allem gilt: Dieser Film will positiv sein. Die Lage ist schlimm, aber individuell lässt sich sauber handeln. Und so entscheidet sich die junge Frau ganz folgerrichtig und topmodern am Markt vorbei. Denn sie hat nicht nur die Moral auf ihrer Seite, sondern auch einen beeindruckenden unique selling point: die Firmenakten, die sie hat mitgehen lassen. Und die beweisen, dass es im Werk ausschließlich um Subventionsbetrug ging. Regisseur Hering zeigt sich als echter Visionär: Karin wählt den derzeit angesehensten Weg - als Whistleblowerin. Sie veröffentlicht den ganzen Kram.

 

„Abseitsfalle“. D 2012. Regie: Stefan Hering, Darsteller: Bernadette Heerwagen, Sebastian Ströbel u. a. KINOSTART: 26. September 2013

Die DGB-Veranstaltung ist am Donnerstag, den 19. September 2013 im Kino im Schillerhof, Helmboldstrasse 1, Jena.

Infos unter: www.thueringendgb.de


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Kurzprofil

Jürgen Kiontke
Redakteur des DGB-Jugend-Magazins Soli aktuell und Filmkritiker u.a. für das Amnesty-Journal.
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