Deutscher Gewerkschaftsbund

17.04.2013

Planet der Menschen

Das "Anthropozän-Projekt" in Berlin erkundet eine neue geologische Erdepoche

Garten

leicagirl / photocase.com

Jan Zalasiewicz ist Geologe und erforscht Gesteine, aber er hat ein Faible für Katzen. Als er Anfang des Jahres vom Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) gebeten worden war, ein Symbol für seine Arbeit auf offener Bühne vorzustellen, rief er, frisch aus London angekommen, bei einem Leihservice für professionelle Bühnenkatzen an. Bei der Eröffnung des "Anthropozän-Projekts" am HKW erwiesen sich Zalasiewicz und die Katze als wunderbares Team. Die Katze ließ sich, völlig ungerührt vom großen Publikum, bereitwillig füttern, und der Geologe konnte seine Geschichte erzählen.

Für seinen Auftritt hatte der Wissenschaftler ausgerechnet, dass auf einen einzigen Tiger in freier Wildbahn heute bereits 100 000 Hauskatzen kommen – Geschöpfe, die es von Natur aus so nicht gibt, die vielmehr über Jahrtausende hinweg durch Zucht und menschlichen Geschmack geformt wurden. Diese Katzen, sagte Zalasiewicz, bleiben aber in den seltensten Fällen zuhause. Sie stromern durch die Nachbarschaft oder ziehen sich gleich ganz in den Wald zurück. Ohne den Menschen gäbe es die Hauskatze nicht, aber durch den Menschen werden die großen Raubkatzen, vor allem der Tiger, vielleicht bald von der Erde verschwinden, weil Regenwälder und andere Lebensräume schwinden. Der Mensch, lautete die Botschaft, verändert die Natur tiefgreifend. Zalasiewicz kann sich gut vorstellen, dass aus den Hauskatzen von heute über die kommenden Jahrzehntausende neue wilde Raubkatzen entstehen, vielleicht einmal neue tigerartige Tiere. Biologen der fernen Zukunft würden dann Wildtiere untersuchen, die durch den Menschen entstanden sind. Und Geologen der Zukunft würden Überreste von Hauskatzen und allem, was aus ihnen wird, als Fossilien in den Gesteinsschichten finden, während die wenigen Tiger von heute kaum Chancen haben, dort aufzutauchen.

Die Katzen-Geschichte klingt wie eine Anekdote. Sie führt aber in Wirklichkeit einen monumentalen Prozess vor Augen, um den es beim "Anthropozän-Projekt" geht: Der Mensch ist inzwischen zur dominanten Kraft der Veränderung auf der Erde geworden. Was heute Kultur ist und was Natur, lässt sich gar nicht mehr so genau sagen. Von genetischen Informationen über Landschaften bis zum Weltklima verändert der Mensch so ziemlich alles, was in seinem Einflussbereich liegt. Das haben der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen und der Biologe Eugene Stoermer im Jahr 2000 in einen Begriff gefasst: Anthropozän.

Die Menschen-Epoche

"Anthropos" ist das altgriechische Wort für den Menschen als solchen. Die Endsilbe "-zän" steht für eine neue geologische Erdepoche, wie beim "Holozän", der offiziellen Erdepoche der Gegenwart, das vor 12000 Jahren mit dem Ende der letzten Eiszeit begann. Bei einer Wissenschaftskonferenz in Mexiko stand Paul Crutzen damals auf und rief in den Saal: "Aber wir leben doch gar nicht mehr im Holozän. Wir leben im Anthropozän." Der Begriff Anthropozän bringt zum Ausdruck, dass der Mensch dabei ist, die Erde so tiefgreifend und langfristig umzugestalten, dass dies nicht nur global, sondern auf der langen Zeitskala der Geologie bis in die ferne Zukunft hinein zu spüren sein wird.

Die Anthropozän-Idee ist keine Kopfgeburt eines Nobelpreisträgers. Nach Crutzens Vorstoß hat sich eine offizielle Arbeitsgruppe von Geologen gebildet, die bis 2017 prüft, ob eine Umbenennung von Holozän in Anthropozän angebracht ist. Der Umweltgipfel der Vereinten Nationen in Rio im Sommer 2012 begann mit einem dreiminütigen Videoclip über das Anthropozän. Seither wissen auch 120 Staats- und Regierungschefs, die zur Eröffnung im Saal waren, über das Konzept Bescheid. Führende Medien wie "Time Magazine", "The Economist" und die "New York Times" haben prominent über das Anthropozän berichtet. Vom Autor dieses Beitrags ist 2010 auf Deutsch ein Buch mit dem Titel "Menschenzeit" erschienen. Und am Haus der Kulturen der Welt läuft 2013/14 in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft, dem Deutschen Museum und dem Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) ein kulturell-wissenschaftliches Großprojekt, das vom Haushaltsausschuss des Bundestags finanziert wird.

Naturmenschen und Menschennatur

Eine Projektion aktueller Trends in die Zukunft führt zu dem Ergebnis, dass die Erde künftig noch deutlich stärker vom Menschen geprägt sein wird, als es ohnehin schon der Fall ist. Wenn die Zahl der Menschen von heute sieben Milliarden bis zum Jahr 2100 auf zehn Milliarden steigt und diese Menschen die Ressourcen der Erde immer weiter auf die derzeitige Art und Weise nutzen, entsteht eine „Menschen-Erde“, auf der menschliche Bedürfnisse und die menschliche Infrastruktur eine dominante Stellung im Erdsystem einnehmen. Aus der Umwelt wird eine "Unswelt", sagt der Biogeologe Reinhold Leinfelder, der zu den Initiatoren und Leitern des "Anthropozän-Projekts" gehört.

Der Mensch hat das Erdsystem schon seit seinem Entstehen vor rund 250.000 Jahren genutzt und verändert. Während diverser Eis- und Zwischeneiszeiten des Pleistozäns war Homo sapiens als Jäger so effektiv, dass er mehrere Arten ausrottete. Im nacheiszeitlichen Holozän schaffte der Mensch einen steilen Aufstieg zu einer wichtigen Kraft im Erdsystem. Er entwickelte Ackerbau, Viehzucht, Städtebau, Handel und Verkehr. Er begann dabei, Stoffströme zu verändern und seine Umwelt regional grundlegend umzugestalten, etwa durch die Abholzung im Mittelmeerraum und die Kultivierung weiter Landstriche für seine Ernährung.

Menschenlandschaften

Seit Beginn der Industrialisierung vor rund 250 Jahren haben sich die Effekte menschlichen Tuns globalisiert und gegenseitig verstärkt. So ist heute nur noch ein Viertel der eisfreien Landoberfläche in einem menschlich eher unbeeinflussten Zustand. Statt in Biomen, also natürlichen Lebensräumen, leben wir heute hauptsächlich in „Anthromen", wie der US-Geograph Erle Ellis sagt, also menschengemachten Kulturlandschaften. Der Mensch lagert durch Landwirtschaft und Bautätigkeit fast dreißig Mal mehr Sediment und Gestein um, als es im Schnitt der letzten 500 Millionen Jahre ohne sein Zutun der Fall gewesen ist. Er gestaltet ganze Wassersysteme um und trocknet Binnenmeere wie den Aralsee aus.

Die Sedimentfracht der Flüsse wird von zehntausenden menschengemachten Staudämmen abgefangen und gelangt nur noch zu einem geringen Teil in die Meere. Dort ziehen sich die Flussdeltas mangels Sedimenten zurück, was an vielen Orten den Meeresspiegel stark steigen lässt. In manchen Regionen des Pazifiks kommen heute auf ein natürliches Planktonteilchen 50 Plastikteilchen, die von Fischen mit Plankton verwechselt und gefressen werden.

Die Folgen

Die Hälfte des kontinuierlich verfügbaren Süßwassers wird inzwischen in der einen oder anderen Form vom Menschen genutzt. Eine weitere geologische Umgestaltung stellt der menschliche Umgang mit Rohstoffen für die Industrieproduktion dar. Aluminium, seltene Erden, Phosphat und viele andere Stoffe werden aus konzentrierten Lagern extrahiert und über die Entsorgung von Elektroschrott und Abraum global neu verteilt. Mengenmäßig noch mehr ins Gewicht fallen die Abgase aus der Gewinnung und Verbrennung fossiler Energieträger und aus der industrialisierten Landwirtschaft: Der Gehalt von Kohlendioxid und Methan in der Atmosphäre ist so hoch wie seit 400.000 Jahren nicht mehr, der menschengemachte Stickoxid- und Schwefeldioxidausstoß übersteigt nun natürliche Quellen. Selbst wenn ab sofort kein Erdöl, kein Erdgas und keine Kohle mehr verbrannt würden, würde es wegen der langen atmosphärischen Verweildauer von CO2 Tausende bis Zehntausend Jahre dauern, bis wieder vorindustrielle Werte erreicht wären.

Die Ausrottung von Tieren im Pleistozän erweist sich heute nur als Auftakt für ein viel gewaltigeres Geschehen: Die Aussterberate von Tier- und Pflanzenarten ist derzeit 100-1000fach höher als im früheren Mittel. Der Mensch hilft zugleich durch globale Transportvorgänge vielen Arten, sich weltweit über ihre bisherigen Areale auszubreiten. Menschliches Tun verändert massiv die Zusammensetzung von Lebensgemeinschaften und damit langfristig sogar den Fossilienbestand der Zukunft – wie bei den Katzen. Ähnlich langfristig wirken Atombombentests und Unfälle in Kernkraftwerken mit ihrer Signatur von Radionukliden.

Von der Umwelt zur Uns-welt

Solche und andere Neuerungen im globalen Stoffkreislauf haben Paul J. Crutzen veranlasst, das Wirken der Menschen nicht mehr nur auf der Skala von Jahren und Jahrzehnten, sondern auf der geologischen Skala zu betrachten. Wissenschaftler debattieren nun darüber, wann der Beginn der „Unswelt“ sinnvoll angesetzt werden kann: bei der sogenannten Neolithischen Revolution vor rund 10.000 Jahren, als die Menschen zu Ackerbau und Viehzucht übergingen; bei der Industriellen Revolution vor rund 250 Jahren, die u.a. den Wandel von einer auf solarer Energie zu einer auf fossiler Energie beruhenden Wirtschaft brachte; oder in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Konsum vor allem in der westlichen Welt geradezu explodierte. Welche dieser Grenzziehungen man auch immer als besonders sinnvoll erachtet, in jedem Fall verändert die Perspektive des Anthropozäns den Blick auf die bisherige und künftige Erd- und Menschheitsgeschichte.

Die prominenten amerikanischen Geologen Charles Langmuir und Wallace Broecker schreiben: "Der Aufstieg der menschlichen Zivilisation ist ein tiefer Einschnitt in der Erdgeschichte. Zum ersten Mal dominiert eine einzelne Spezies die gesamte Oberfläche. Diese Spezies sitzt an der Spitze aller Nahrungsketten an Land und im Meer und hat einen Großteil der Biosphäre unter seine Kontrolle gebracht. Wir verändern die Zusammensetzung der Atmosphäre und der Ozeane, gestalten Wasserkreisläufe um, nutzen Böden ab und schaffen Gemeinschaft in einer Größenordnung, wie es sie nie zuvor gegeben hat. (...) Die Veränderungen sind auch mit Blick auf die gesamte Erdgeschichte monumental."

Ein Begriff hat Konjunktur

In manchen Veröffentlichungen klingt es allerdings so, als handle es sich beim Anthropozän nur um einen neuen Sammelbegriff für alle Umweltprobleme, für die Summe aller ökologischen Frevel oder eine Legitimation dafür, dass der Mensch sich egoistisch ins Zentrum aller Dinge rückt. So verstanden, wäre das Anthropozän eine einzige Katastrophe. Ja es wäre etwas, was es zu verhindern gilt: Zurück ins Holozän! Das müsste logischerweise das Ziel von Umweltschutzbemühungen sein.

Eine solche rein negative Sichtweise des Anthropozäns blendet zum einen die gewaltigen kulturellen, technischen und auch ökologischen Leistungen des Menschen aus. Landwirtschaft, Städtebau, Medizin, und Wissenschaft haben über die Jahrhunderte neben allen krisenhaften und problematischen Seiten aber auch ein extrem positives Potenzial des Menschen vorgeführt, seinen Lebensraum zu gestalten und die Welt zu bereichern. Zum anderen geht es nicht darum, den Menschen zum Maß aller Dinge zu machen, sondern im Gegenteil darum, dass er die Erde als sein langfristiges Zuhause zu gestalten lernt.

Das Anthropozän bietet einen Rahmen, solche offenen Prozesse künftig in einer globalen Gemeinschaft anzugehen. Doch ist das nicht alles sehr abstrakt, abgehoben, lebensfern? Nein, für den einzelnen Menschen können sich aus dem Anthropozän-Konzept konkrete Schlussfolgerungen für das eigene Leben ergeben. Jeder einzelne  wird mit seinem Lebensstil und seinen Konsumentscheidungen zum Mitgestalter der Erde.

Beim "Anthropozän-Projekt" am Haus der Kulturen der Welt in Berlin geht es darum, diese neue Idee vom Platz des Menschen auf der Erde zu erkunden und zu entwickeln. Die bisherige Resonanz ist groß. Zur Eröffnungsveranstaltung im Januar kamen am ersten Abend mehr als 1000 Menschen. Jan Zalasiewiczs Ausblick auf menschlich geformte Tiger war nur einer von vielen geistreichen Beiträgen, die ahnen ließen, dass das Anthropozän eine Erdepoche menschlicher Kreativität werden kann.

 

Christian Schwägerl, Menschenzeit, erschienen bei Goldmann, 2012

 

Zum Anthropozän-Projekt gehört die Ausstellung "The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen", die vom 26. April bis zum 1.Juli am HKW in Berlin zu sehen ist.


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Kurzprofil

Christian Schwägerl
Geboren 1968,
Buchautor, Kurator und freier Journalist u.a. für GEO, Cicero und FAZ
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