Deutscher Gewerkschaftsbund

17.03.2020

Übertriebene Angst vor dem Unbekannten

Wir müssen die Mathematik der Unsicherheit lernen, also statistisches Denken. Nur so können wir Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, verstehen und mit ihnen umgehen. Nur so lässt sich die Angst vor der Covid-19-Pandemie überwinden, die uns wahrscheinlich nicht tötet.

 

Von Gerd Gigerenzer

Karikatur von Politikern in Hampelmann-Pose vor einer Kamera, im Vordergrund Angela Merkel, daneben und dahinter Mitglieder des Kabinetts.

Das Corona-Krisenkabinett gibt alles, um die Bürger zu beruhigen. DGB/Heiko Sakurai

Niemand weiß, wo und wie schnell sich ein neues Virus ausbreitet. Wir können die Risiken nicht zuverlässig berechnen. Nur rückblickend können wir erkennen, ob wir überreagiert oder zu wenig getan haben. Angesichts dieser Unsicherheit ist die Art, wie wir auf den Ausbruch eines Virus reagieren, ebenso wichtig wie die Natur des Krankheitserregers selbst. Was wir gegen das Corona-Virus Covid-19 tun, muss die Lektionen berücksichtigen, die wir bei früheren Virusepidemien gelernt haben.

Politiker treffen auch in der Covid-19-Krise überstürzte und unangemessene Entscheidungen

Danach sieht es allerdings nicht aus. Die Schweinegrippe hat 2009 hunderttausende Opfer gefordert – die meisten davon in Afrika und Südostasien. In Europa jedoch, wo die Gefahr relativ gering war, haben die Medien die Zahl der Toten und der vermuteten Fälle täglich aktualisiert. Wie vorauszusehen war, lösten diese täglichen Berechnungen Ängste aus. In Großbritannien prophezeite die Regierung, an der Krankheit würden bis zu 65.000 Bürger sterben. Am Ende waren es dann weniger als 500.

Politiker trafen aufgrund des schlimmen Szenarios überstürzte, unangemessene Entscheidungen – wie die Bevorratung von Medikamenten –, ohne dass sie vorher die Fakten geprüft hätten. Alle Augen waren auf das neue, unbekannte Virus gerichtet, und nicht darauf, Menschen vor tödlicheren Bedrohungen wie der saisonalen Influenza zu schützen, die 2009 ungleich mehr Menschen getötet hat als die Schweinegrippe. Und dies ist heute ähnlich. Würden uns die Medien mit stündlichen Aktualisierungen der grippebedingten Todesfälle bombardieren, würde das auch jedem klar.

Ebenso sterben jedes Jahr, insbesondere in den Entwicklungsländern, Millionen von Menschen an Malaria und Tuberkulose. Allein in den Vereinigten Staaten fallen jährlich 99.000 Patienten Infektionen zum Opfer, die sie sich im Krankenhaus zugezogen haben. Aber diese unglücklichen Menschen bekommen so gut wie keine Aufmerksamkeit.

Warum haben wir mehr Angst vor dem, was uns mit geringerer Wahrscheinlichkeit umbringt?

Leeres Café mit schicken Möbeln.

Selbst wenn Cafés noch offen sind und bleiben dürfen, kommen kaum noch Kunden. DGB/dah

Das psychologische Prinzip, aufgrund dessen wir die Schweinegrippe oder Covid-19 mehr fürchten als die normale Grippe, nennt sich "Angst vor gefürchteten Gefahren" (fear of dread risks). Es ist leicht, Angst vor Situationen auszulösen, in denen viele Menschen in einem kurzen Zeitraum sterben, also etwa Angst vor Flugzeugunglücken oder Epidemien. Sterben aber genauso viele Menschen über einen längeren Zeitraum – wie bei Autounfällen oder an der saisonalen Grippe – lässt sich die Öffentlichkeit nur schwer dazu bewegen, Sicherheitsgurte zu tragen oder sich impfen zu lassen.

Auch vor Terroristen haben wir unverhältnismäßig viel Angst

Nehmen wir als Beispiel das "Virus" der Jahrtausendwende schlechthin: den Terrorismus. Nach den traumatischen Ereignissen des 11. September 2001 hörten viele Amerikaner auf zu fliegen und nahmen statt dessen das Auto. So verloren in den zwölf Monaten nach dem Anschlag schätzungsweise 1.500 Menschen mehr als sonst ihr Leben auf der Straße, weil sie versuchten, den Gefahren des Fliegens auszuweichen. Das sind weit mehr als die Zahl der Passagiere, die in den vier betroffenen Flugzeugen starben.

Terroristen schlagen zunächst mit physischer Gewalt zu, was all unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Ihr zweiter Schlag findet dann aber mithilfe unserer Gehirne statt – unserer Angst vor gefürchteten Gefahren, die uns aus der Bratpfanne ins Feuer springen lässt. Dieser zweite Schlag kann teuer werden: Innerhalb von zwei Jahren nach den Angriffen vom 11. September verlor die US-Wirtschaft über 100 Milliarden Dollar, weil Menschen Reisen absagten, Betriebe weniger verkaufen konnten oder Veranstaltungen mangels Nachfrage abgesagt werden mussten. In dieser Zeit gab die Regierung dort eine halbe Billion Dollar für Sicherheitsmaßnahmen aus – und die Bevölkerung in den USA ließ sich nur zu gern durch mehr staatliche Überwachung beruhigen. Nur: Ein heutiger Amerikaner wird mit größerer Wahrscheinlichkeit aus Versehen von einem Kind erschossen als von einem islamistischen Terroristen in die Luft gejagt.

Es sind nicht nur die Terroristen, vor denen wir unverhältnismäßig viel Angst haben. 2009 ordnete die ägyptische Regierung an, alle Schweine im Land zu schlachten, obwohl dort noch gar keine Fälle von Schweinegrippe bekannt waren. Die Regierung hat einfach die Angst vor den gefürchteten Gefahren dazu genutzt, die kleine christliche Minderheit Ägyptens zu diskriminieren.

Heute bezahlen die asiatischen Minderheiten in den USA und Europa den Preis für Covid-19: Bürger asiatischer Herkunft werden mit Misstrauen betrachtet, und chinesische Restaurants von Berlin bis San Francisco vermelden aufgrund nachlassender Besucherzahlen Geschäftseinbußen von 50 Prozent oder mehr. Natürlich profitieren die Medien davon, dass sie die Alarmglocken läuten und wir an ihren Seiten, Plattformen, Programmen und Podcasts kleben.

Karte mit den aktuellen Zahlen der Corona-Erkrankten auf einer Weltkarte. Rote Punkte markieren je nach Größe die Zahl der Fälle.

Die aktuelle Karte der Johns-Hopkins-Universität zur Verbreitung der Covid-19-Pandemie, mit den Zahlen für Deutschland rechts und links oben. DGB/Johns Hopkins University

Glücklicherweise ist die übertriebene Angst vor Dingen, die uns wahrscheinlich nicht töten, in unseren Gehirnen nicht fest verdrahtet. Deshalb ist Risikokompetenz so wichtig: Wir müssen die Mathematik der Unsicherheit lernen, also statistisches Denken. Genau wie die Fähigkeit zum Lesen den Menschen ermöglicht, Texte zu verstehen, ermöglicht uns das statistische Denken, die Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, zu verstehen und mit ihnen umzugehen.

Wir müssen lernen, warum wir Angst vor dem haben, wovor wir Angst haben

Ein Teil der Risikokompetenz besteht darin zu lernen, warum wir Angst vor dem haben, wovor wir Angst haben. In der Tat gehen ein Verständnis für Unsicherheit und ein Verständnis für Psychologie Hand in Hand. Dies kann dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit die richtigen Fragen stellt – und Politiker die richtigen Entscheidungen treffen.

Beispielsweise haben viele Regierungen beim Ausbruch der Schweinegrippe den Rat der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befolgt, Tamiflu zu horten – ein Medikament, das als Schutz gegen die schweren Folgen der Grippe vermarktet wurde. Aber viele beratende Experten der WHO hatten finanzielle Verbindungen zu Pharmaunternehmen, und es gibt immer noch keinen schlüssigen Beweis dafür, dass Tamiflu überhaupt wirksam ist. Für dieses Medikament verschwendeten die USA über eine Milliarde Dollar – Geld, das stattdessen in die Verbesserung der Gesundheitssysteme hätte investiert werden können.

Sogar wenn sie mehr Risikokompetenz haben, brauchen die meisten Politiker erheblichen Mut, um nicht aus Angst zu handeln, sondern aufgrund gesicherter Erkenntnisse. Genau diese Art von Politikern ist jetzt gefragt. Sie verdienten unseren Respekt.

Globale Risikokompetenz würde uns allen die Chance geben, Ereignissen wie der Covid-19-Pandemie mit einem kühleren Kopf zu begegnen. Der neuartige Virus dieses Jahres wird nicht der letzte sein. Daher müssen wir als erstes mit Blick auf künftige Ausbrüche lernen, mit Unsicherheit zu leben, statt uns von ihr in Geiselhaft nehmen zu lassen.


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Kurzprofil

Gerd Gigerenzer
ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
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