Deutscher Gewerkschaftsbund

31.05.2019

Unsere Zukunft ohne Emissionen

Eine wichtige neue Studie zeigt: Alle Regionen der Welt haben das nötige Potenzial, ihre Energiesysteme durch Wind-, Solar- und Wasserkraft von Kohlenstoff zu befreien. Jetzt müssen nur noch die Regierungen entsprechend handeln. Das ist nicht illusionär, weil es auch ökonomisch sinnvoll ist.

 

Von Jeffrey D. Sachs

Windkraftanlage in Coachella Valley in Kalifornien.

Wind- und Sonnenenergie können und müssen noch weit mehr ausgebaut werden, um die Klimaziele zu erreichen. DGB/welcomia/123rf.com

Die Lösung gegen den vom Menschen verursachten Klimawandel ist endlich klar erkennbar: Dank schneller Fortschritte bei den kohlenstofffreien Energietechnologien und nachhaltigen Ernährungssystemen ist es realistisch, den Ausstoß von Treibhausgasen bis Mitte des Jahrhunderts auf Null zu reduzieren. Dies würde wenig oder gar keine Mehrkosten erfordern und erhebliche Vorteile für Sicherheit und Gesundheit bringen. Das größte Hindernis ist die Trägheit der Politiker, die weiterhin fossile Energien und traditionelle Landwirtschaft unterstützen, weil sie es nicht besser wissen oder gar davon profitieren.

Der größte Teil der globalen Erwärmung und ein großer Teil der Luftverschmutzung lässt sich auf fossile Brennstoffe zurückführen: Kohle, Öl und Gas. Die andere große Ursache für Umweltzerstörung ist die Landwirtschaft – durch Abholzung, übermäßige Düngung und den Ausstoß von Methan durch Nutztiere. In der Energiewirtschaft muss es einen Wandel von schmutzigen fossilen Brennstoffen hin zu kohlenstofffreien Energiequellen wie Wind oder Sonnenenergie geben, und bei der Lebensmittelversorgung von Futtermitteln und Viehhaltung hin zu Produkten, die gesünder und nahrhafter sind. Durch diese Veränderungen im Energie- und Lebensmittelsektor könnte der Nettoausstoß an Treibhausgasen bis Mitte des Jahrhunderts auf Null fallen und danach negativ werden, da atmosphärisches Kohlendioxid von Wäldern und Böden absorbiert wird.

Noch immer subventionieren Regierungen fossile Energien

Gelingt dies, könnte das Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius oberhalb der vorindustriellen Erdtemperatur zu begrenzen, erreicht werden. Allerdings läuten die Alarmglocken: Die Erwärmung hat bereits jetzt 1,1 Grad C erreicht, und die globale Temperatur steigt in jedem Jahrzehnt um etwa 0,2 Grad C. Daher darf die Welt spätestens bis 2050 netto kein Kohlendioxid mehr emittieren. Der Übergang hin zu sauberer Energie kann verhindern, dass jedes Jahr Hunderttausende an Luftverschmutzung sterben, und eine gesunde, ökologisch nachhaltige Ernährungsweise kann dazu beitragen, etwa zehn Millionen Todesfälle pro Jahr zu vermeiden.

Da die Kosten für Solar- und Windenergie schnell sinken und es bei der Energiespeicherung neue Durchbrüche gibt, können nun weltweit alle Regionen günstig auf erneuerbare Energiequellen umsteigen. Die Gesamtsystemkosten erneuerbarer Energie einschließlich Übertragung und Speicherung liegen nun etwa auf dem Niveau der fossilen Energien. Aber die fossilen Energien werden immer noch von den Regierungen subventioniert, was an der intensiven Lobbyarbeit der großen Kohle- und Ölkonzerne und fehlenden Plänen für erneuerbare Alternativen liegt.

Ein mordernes Wasserkraftwerk in Thailand.

Moderne Wasserkraftwerke werden weltweit gebaut, vor allem in China, aber auch in Thailand, wo diese Anlage in der Pronzing Rayong steht. DGB/ Virojt Changyencham/123rf.com

Da die Kosten für Solar- und Windenergie schnell sinken und es bei der Energiespeicherung neue Durchbrüche gibt, können nun weltweit alle Regionen günstig auf erneuerbare Energiequellen umsteigen. Die Gesamtsystemkosten erneuerbarer Energie einschließlich Übertragung und Speicherung liegen nun etwa auf dem Niveau der fossilen Energien. Aber die fossilen Energien werden immer noch von den Regierungen subventioniert, was an der intensiven Lobbyarbeit der großen Kohle- und Ölkonzerne und fehlenden Plänen für erneuerbare Alternativen liegt.

Der entscheidende Schritt wird sein, die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarkraft massiv auszuweiten. Endverbraucher wie Raumheizungen und Autos werden so schnell wie möglich elektrifiziert. Andere Verbraucher – in Industrie, Schifffahrt, Flug- und Güterverkehr – werden auf saubere Kraftstoffe umgestellt, die mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen hergestellt werden. Zu solchen sauberen (emissionsfreien) Kraftstoffen gehören Wasserstoff, synthetische Flüssigkraftstoffe und synthetisches Methan. Gleichzeitig müssen die Landwirte auf pflanzliche Nahrung umstellen.

Völlig verrückt ist, dass Brasiliens Präsident das Amazonasgebiet abholzen lässt

Dass in Asien weiter Kohlekraftwerke gebaut werden und Südostasien, Afrika und Brasilien immer noch Regenwald abgeholzt wird, ist völlig unnötig und setzt unser Klima, unsere Luft und unsere Ernährung großen Gefahren aus. Absurd ist auch die Förderung fossiler Energien durch die Trump-Regierung in den USA, obwohl Amerika enorme Möglichkeiten für die Gewinnung erneuerbarer Energien hat. Noch verrückter ist der wiederholte Aufruf des populistischen brasilianischen Neupräsidenten Jair Bolsonaro, das Amazonasgebiet zu entwickeln – also abzuholzen.

Was können wir also tun? Der wichtigste Schritt ist jetzt, die Regierungen und Unternehmen zu informieren. Die Regierungen müssen die technischen Möglichkeiten ihrer Länder untersuchen, bis Mitte des Jahrhunderts den Ausstoß von Treibhausgasen zu beenden. Auch Unternehmen und Banken müssen sich dringend für saubere und sichere Energie- und Nahrungsmittelsysteme einsetzen.

Die Schornsteine des Braunkohlekraftwerkes Jänschwalde in Brandenburg.

Drecksschleudern wie das Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde (Brandenburg) müssen so schnell wie möglich verschwinden. Nach einer Übereinkunft zwischen der Bundesregierung und den großen Energiekonzernen ist im Oktober 2018 ein Kraftwerksblock abgeschaltet worden, ein weiterer soll im Oktober 2019 folgen. DGB/blackpictures/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Eine wichtige neue Studie zeigt, dass alle Regionen der Welt das nötige Potenzial haben, ihre Energiesysteme durch Wind-, Solar- und Wasserkraft von Kohlenstoff zu befreien. Länder in höheren Breitengraden wie die USA, Kanada, die nordeuropäischen Länder und Russland können – relativ gesehen – mehr Windkraft nutzen als die tropischen Länder. Alle Staaten können auf Elektroautos umstellen und Lastwagen, Schiffe, Flugzeuge und Fabriken mit kohlenstoffneutralen Brennstoffen betreiben.

Durch die Energiewende entstehen Millionen neue Jobs

Diese Energiewende wird Millionen mehr neue Arbeitsplätze schaffen, als im fossilen Energiesektor wegfallen. Und Aktionäre von Unternehmen wie ExxonMobil oder Chevron, die sich der kommenden Energiewende in den Weg stellen, werden letztlich einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Ihre Investitionen in fossile Energien werden sich zu "gestrandeten Vermögenswerten" entwickeln.

Regierungen und Versorgungsbehörden müssen darauf bestehen, dass alle neu geschaffenen Kraftwerkskapazitäten kohlenstoffneutral sind. Alte, mit fossilen Energien betriebene Kraftwerke, die außer Betrieb gehen und abgeschaltet werden, müssen durch saubere Energieträger ersetzt werden. Der dafür nötige Wettbewerb kann beispielsweise über Auktionen für erneuerbare Energien erreicht werden. Insbesondere China und Indien müssen aufhören, in ihren Ländern neue Kohlekraftwerke zu bauen, und kapitalexportierende Länder wie China oder Japan müssen aufhören, im Rest von Asien, etwa in Pakistan oder den Philippinen, neue Kohlekraftwerke zu finanzieren.

Ein Bild von einem veganen Hamburger auf einer Packung von "Beyond Burger".

Vegane Burger, wie hier von "Beyond Burger", schmecken mittlerweile genauso gut wie sie aus Fleisch - und die Ökobilanz ist viel besser. DGB/dah

Unternehmen des privaten Sektors werden dann in einem intensiven Wettbewerb stehen, die Kosten erneuerbarer Energiesysteme weiter zu senken – darunter diejenigen für die Erzeugung und Speicherung von Strom, die neue Wasserstoffwirtschaft und die Endverbraucher in Form von Elektroautos, elektrischem Heizen und Kochen. Die Regierungen müssen die Emissionen begrenzen, und die Konkurrenz im privaten Sektor trägt dazu bei, kostengünstige Lösungen für diese Vorgaben zu finden. Und gemeinsam mit den Unternehmen müssen die Länder die nötige Forschung und Entwicklung finanzieren, um die Kosten noch weiter zu senken.

Für die Landnutzung gilt dasselbe. Sollte Bolsonaro wirklich glauben, er könne die Wirtschaft ankurbeln, indem er das Amazonasgebiet für Sojabohnen oder Rinderfarmen abholzt, sollte er sich das genau überlegen. Damit würde er Brasilien isolieren und die großen Lebensmittelkonzerne dazu zwingen, keine brasilianischen Produkte mehr zu kaufen, da sie sonst weltweit ins Kreuzfeuer der Konsumenten gerieten.

Burgerketten und Supermärkte haben den Trend zum pflanzlichen Burger erkannt

Die Neuausrichtung der Lebensmittelbranche ist bereits erkennbar. Burger King beginnt, sein Angebot gemeinsam mit Impossible Foods auf pflanzliche Burger umzustellen. "Impossible Burgers" schmecken genauso wie solche mit Fleisch, aber durch eine kluge Rezeptur auf pflanzlicher Basis können Burger-Freunde nun ihr Essen genießen und gleichzeitig den Planeten retten.

Indem wir unsere Energie- und Nahrungsmittelsysteme umstellen, können wir günstige Energie und wohlschmeckende Lebensmittel genießen, ohne die Umwelt zu ruinieren. Die Schulkinder, die für Klimaschutz streiken, haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht. Politiker wie Trump oder Bolsonaro müssen jetzt nachziehen oder aus dem Weg gehen.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Jeffrey D. Sachs
ist Ökonom und seit 2002 Sonderberater der Millennium Development Goals. Er ist Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University.
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