Deutscher Gewerkschaftsbund

04.02.2021

Game over für kleine Player

Kleinanleger hatten dafür gesorgt, dass der Kurs von GameStop unerwartet in die Höhe schnellte. Onlinebroker wie Robinhood schränkten daraufhin den Handel mit GameStop ein – und retteten so ein paar Hedgefonds. Ein kleines Lehrstück über die Machtverhältnisse am Finanzmarkt, aus dem kaum einer lernen will.

 

Von Peter Kern

Zeichnung mit Robin Hood in einem Wald mit einer Sprechblase, in der steht: Ich bin kein Retter für Kleinanleger.

Viele Kleinanleger kauften beim Online-Broker Robinhood, der allerdings keiner ist, der den Reichen nimmt und den Armen gibt, sondern einer, der am Finanzmarkt auch Geld verdienen will. DGB/dah/123rf.com

Als zeitgemäße Form, das Monatseinkommen anzuheben, auf ein höheres Konsumniveau zu kommen und für das Alter finanziell vorzusorgen, gilt der Besitz eines Aktiendepots. Der Mehrheitsgesellschaft wird der Aktienbesitz sehr angeraten. Diejenigen, die diesen Rat gern erteilen, befürworten einen schlanken Staat. Denn: Wären alle Gesellschaftsmitglieder an der Börse engagiert, bräuchte es keinen aufwendigen Sozialetat. Die Steuerlast, vor allem die der Unternehmen, sei doch viel zu hoch. Auch der die Mehrheit der Gesellschaft umfassende Mittelstand leide unter den hohen Abgaben.

Das Geschäft mit Leerverkäufen versteht der Laie kaum

Sorge jeder mehr an der Börse für sich selbst, seien alle besser bedacht. Allen bliebe mehr Netto vom Brutto. Die Aktienquote in Deutschland sei zu niedrig. Viele sind engagiert, die Quote anzuheben: Der Broker, die Fondsgesellschaft, das Online-Banking, der Wirtschaftsflügel der CDU, die Zeitung für Deutschland, BWL-Professoren. Hielt früher der Opa vielleicht die internationale Solidarität hoch, der soll der Enkel heute lieber Anteile des MSCI World halten.

Was, bitte, bedeutet MSCI World? Dass der Aktionär bald 1.600 Aktien aus 23 Industrienationen besitzt, darunter die ganz großen goldenen Eier, die jeder in seinem Korb haben will. Über ein Jahrzehnt haben die Telebörse und die auf den Wirtschaftsseiten tätigen Journalisten gebraucht, um die Kürzel ETF, MSCI World und S&P 500 geläufig zu machen. Solange ist der letzte Börsencrash her.

Nicht erst seitdem gibt es da ein Misstrauen: Die Börse, das Eldorado der Zocker. Die Großen machen Kasse, die Kleinen schauen in die Röhre. Jetzt wieder. Erst Wirecard, jetzt die Aufregung um Gamestop. Was ist passiert? Nichts Außergewöhnliches, Leerverkäufe sind passiert. Die gehören zum Auf und Ab an der Börse wie das Auf und Ab bei den Inzidenzwerten in der Corona-Krise. Das Geschäft mit dem Leerverkauf ist ein bisschen kompliziert, weil der Alltagsverstand sich schwertut, zu begreifen, dass man etwas verkaufen kann, was man nicht besitzt. Aber das geht, man muss nur ein wenig um die Ecke denken.

Grafik mit dem Kurs von Gamestop, der kurzzeitig auf über 275 Euro stieg und dann rapide fiel.

Kurz sah es so aus, als könnten die Kleinanleger den Hedgefonds Paroli bieten. Am Ende verlieren dann aber wieder die Kleinen. So ist der Finanzmarkt. DGB/dah

Ein Hedgefonds entleiht bei einem Unternehmen gegen Gebühr ein Aktienpaket und verkauft es portioniert an die Kleinaktionäre. Läuft die Verleihfrist ab, kauft er die Päckchen wieder auf und gibt dem Verleiher das Paket wieder zurück. Ist der Einstandskurs höher als der Endkurs, streicht er die Differenz ein. Er hat vielleicht 100.000 Aktien zum Wert von je 100,- Euro geliehen und an hunderte von Kleinaktionären verkauft; er kauft dann 100.000 Aktien im Wert von, sagen wir, 20 Euro zurück und übergibt das Paket dem Unternehmen zurück. Dem Aktienkurs hilft er mit Gerüchten beim Sinkflug nach. Das Unternehmen, mit dessen Misserfolg er erfolgreich rechnet, geht meistens Hopps, und den Kleinanlegern, denen er die Aktie als Geheimtipp angedreht hat, geht ihr Geld auch über die Wupper. All das ist nicht schön, aber börsen- und regelkonform.

Eine Maus versuchte einen Elefanten aufs Kreuz zu legen

Nach diesem Drehbuch ist das Geschäft mit Gamestop gelaufen. Melvin Capital und andere Hedgefonds haben auf fallende Kurse der Einzelhandelskette gewettet. Deren Geschäftsmodell, Amazon mit dem Verkauf von Videogames Paroli bieten, klang, so ein Wirtschaftsfachmann, etwa so überzeugend, wie die Ankündigung einer Maus, einen Elefanten im Ringkampf aufs Kreuz zu legen.

Plötzlich passiert Seltsames. Kleinanleger schließen sich auf Websites zusammen und kaufen wie verrückt den Ladenhüter nach. Man hat ihnen Gamestop als eine Aktie verkauft, die durch die Decke geht, und von diesem Traum wollen sie partout nicht lassen. Schwarm-Intelligenz zum eigenen Nutzen und Frommen und zum Schaden von Melvin Capital und Co.  Die Kurse steigen bald rasant. Melvin braucht dringend Geld, die Leihfrist läuft ab, sonst ist Melvin insolvent. Die Privatanleger reiben sich die Hände; sie haben es scheinbar dem institutionellen Anleger gezeigt. Bei Robinhood, ihrem bevorzugten Broker, haben sie gekauft.

Doch urplötzlich können die Kleinaktionäre nicht mehr kaufen. Robinhood benachrichtigt seine Kunden: Kaufstopp für Gamestop.  Auch andere Broker stellen den Handel weltweit ein. Von technischen Störungen ist gegenüber der deutschen Finanzaufsicht, der Bafin, die Rede. Wobei der Handel nicht völlig ausgesetzt ist. Verkaufen geht, kaufen nicht. Was ist das für ein Börsenkapitalismus, bei dem man nicht kaufen kann? Dem Hedgefonds hilft eine Finanzspritze von zwei Milliarden Dollar wieder auf die Beine; sein Fondsvermögen hatte sich halbiert.

Menschenschlange vor einem noch geschlossenen Geschäft von Gamestop in einer Einkaufsmall.

2006 standen die Menschen noch Schlange, wenn es neue Games zu kaufen gab. Heute läuft das Geschäft meist online ab. DGB/Discoplio Family/Flickr

Gerüchte machen die Runde. Der Ober-Robinhood habe seine Leute verkauft. Er habe gedealt mit Melvin und Co. Der Kaufstopp lässt den Kurs von 500 auf 200 Dollar runterrauschen. Die bei Gamestop engagierten Hedgefonds bekommen wieder Luft. Die Öffentlichkeit erfährt: Robinhood steckt mit einem Sheriff von Nottingham unter einer Decke. Dem Sheriff gehört ein Teil des sich als Anwalt der kleinen Leute gerierenden Brokergeschäfts, und der Sheriff hat auf Leerverkauf gesetzt. Robin, der Rächer aus dem Silicon Valley verteidigt sich: Der Börsenaufsicht habe er für weitere Gamestop-Orders mit Geld bürgen müssen, das ihm abgehe; deshalb habe er keine Kauforders mehr angenommen. Außerdem hätten seine Kunden sein Geschäftsmodell missverstanden: "Den Leuten ist vielleicht nicht klar, dass Robinhood ein Teilnehmer im Finanzsystem ist."

Selbst Karl-Theodor zu Guttenberg warnte vor Leerverkäufen

In der deutschen Wirtschaftspresse gibt die identische Story Anlass zu völlig unidentischen Interpretationen. Einmal wird Robinhood als die wirksamere Occupy-Wallstreet-Methode gefeiert, einmal wird besorgt, dass die Vorgänge um Gamestop dem üblichen Vorbehalt gegen die Börse Vorschub leisten. Das Projekt Schlanker Staat gerate in Misskredit, und jetzt, zur Unzeit, wo doch sowieso alle nach Staatssubventionen gierten und die Schuldenbremse wackele. Der Kanzleramtsminister sei verrückt geworden, wolle er doch ernsthaft wissen, ob es in Zeiten von Corona nicht sinnvoll sei, angesichts ganz niedriger Zinsen und hoher staatlicher Stützungsmaßnahmen Kredite aufzunehmen.

Soll man Leerverkäufe verbieten? Noch so eine Forderung, die wieder im Raum steht. Freiherr von und zu Guttenberg, mittlerweile einfacher CEO, hat sich vor geraumer Zeit – die Lufthansa war Ziel von Leerverkäufen – zu Wort gemeldet und sprach von Marktmanipulation. "Man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, was in diesen Zeiten eine Wettstrategie auf fallende Kurse … bedeuten kann (…) Ohne zynisch zu klingen: Leerverkäufe können wie ein Virus wirken."

Einzig die FAZ hält noch die Stellung. Leerverkauf untersagen? Wo käme man da hin? Leerverkäufe seien Frühindikatoren für bevorstehendes Marktversagen. Wer hätte ohne Leerverkäufe ahnen können, dass in Zeiten der Pandemie die Lufthansa die Flügel hängen lässt? Wer verlässt sich schon auf das deutsche Aktienrecht, das Publizität einfordert? Droht der Konkurs eines börsennotierten Unternehmens und wird dies nicht öffentlich gemacht, macht sich sein Aufsichtsrat der Konkursverschleppung schuldig. Das kann bis zu drei Jahren Gefängnis bringen. Aufsichtsräte schlafen jedoch regelmäßig, wissen die Verteidiger des Leerverkaufs. Einem solchen Gläubigerschutz – den mutmaßlich alle entwickelten Industrieländer kennen – vertrauen sie nicht.  

Gläubigerschutz hin, Leerverkauf her, Marktwirtschaft kann nicht jeder. Der sie kann, kann sein Können nun nicht mehr unter Beweis stellen. Dabei hat Friedrich Merz dem Branchenprimus unter den Fondsgesellschaften einmal die deutschen Geschäfte geführt. Bei Blackrock ist der Leerverkauf natürlich Teil des diversifizierten Geschäfts. Er firmiert unter "alternative Anlagen". Die Finanzindustrie, schon ihr Name beweist es, hat Sinn für sprachliche Verschönerung. In einer pluralistischen Gesellschaft versteht jede Gesellschaftsschicht etwas anderes unter dem Wort Alternative. Nur eine darf's nicht geben: eine zur kapitalistischen Ökonomie.


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Kurzprofil

Peter Kern
ist Leiter einer Schreibwerkstatt. Davor war langjährig politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

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