Deutscher Gewerkschaftsbund

15.04.2011

NACHGEFRAGT bei Volker Ippig

Die Jagd nach der Beute

„Vom Torwart zum Tagelöhner“ betitelte die FAZ vor zwei Jahren einen Artikel über Volker Ippig, dem ehemaligen Torwart vom 1. FC St. Pauli. Ippig stand Ende der achtziger/Anfang der Neunziger Jahre im Tor des Hamburger Vereins, bis er sich beim Training eine schwere Rückenverletzung zuzog, die abrupt seine Karriere beendete.

Ippig lebte dann erstmal von der Berufsunfähigkeitsrente und konnte später als Torwarttrainer in verschiedenen kleineren Vereinen, aber auch beim VFL Wolfsburg seiner alten Tätigkeit nachkommen. Seit einigen Jahren ist er nun unständiger Lascher (Be-und Entladung von Schiffen und Festmacher) im Hamburger Hafen. Ein Knochenjob, der unmittelbar vom Verkehr im Hafen abhängt.

Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Hamburg. Ippig hat in Nicaragua Aufbauarbeit geleistet, in der Hamburger Hafenstraße gelebt und passte mit diesem politischen Hintergrund wunderbar zum Profil des 1. FC St. Pauli. Zugleich ist sein beruflicher Weg ein düsterer Beweis für die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

 

GEGENBLENDE: Es gibt in Deutschland wohl kaum einen Job, der soviel Anerkennung genießt, wie der des Bundesligaprofis. Warum musstest du deinen Traumberuf aufgeben?

Ippig: Es war zu diesem Zeitpunkt das, was ich am besten konnte. Ich hatte mich dazu entschieden, hiermit mein Geld zu verdienen. Wie jeder Job hat auch er seine guten und schlechten Seiten. Fußball ist genial – er leidet nur im „Brot und Spiele-System“ unter totaler Überschätzung und damit auch an Überbezahlung.

GEGENBLENDE: Du hast Familie und Haus. Ist mit deinem Job als unständiger Lascher überhaupt eine Familienplanung möglich?

Ippig: Momentan bin ich derjenige, der in die Außenwelt zieht und Beute macht. Im Hamburger Hafen am Waldkai bin ich zurzeit "Lenker PKW" und für das Entladen der Schiffe zuständig. Ich habe meine regelmäßigen Schichten und im Gegensatz zur Zeit nach der Krise gestaltet sich die Familienplanung optimistischer. Ich sehe meine Kinder wachsen und gedeihen und freue mich zusammen mit meiner Frau darüber. Schön ist es in dieser innigen Verbindung zu stehen.

GEGENBLENDE: Gibt es in deinem derzeitigen Job eine Perspektive auf Festeinstellung?

Ippig: Es werden ja laufend unständige Lascher fest eingestellt. Es gibt Mindeststandards (wie Betriebszugehörigkeit), die man erfüllen muss um zum Kandidatenkreis dazu zugehören. Bedingt durch den hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad werden einem hier hervorragende Möglichkeiten geboten, zum Beispiel ein guter Lohn von Anfang an und gute Angebote der Aus- und Weiterbildung. Schönen Dank an die Ahnen der Bewegung für das was sie hier erkämpft und verwirklicht haben. Mit Blut und Schweiß allein – machen sie dich ein. You never walk alone!

GEGENBLENDE: Was für Perspektiven siehst du für dich noch auf dem Arbeitsmarkt?

Ippig: Die Hafenarbeit hält fit. Ich mach das, was ich kann und mit der Crew haben wir eine Menge Spaß und Freude trotz aller gelegentlichen Tiefschläge. Ich gehe hier erstmal meinen Weg weiter. Es gibt ja noch jede Menge Möglichkeiten.Doch dafür muss ich erstmal zum Pool der Festeinstellungskandidaten gehören, einen festen Arbeitsvertrag bekommen und dann stehen einem hier im Hafen wirklich die vielfältigsten Berufsfelder offen.

GEGENBLENDE: Du warst in Nicaragua zur Aufbauarbeit, hast in den besetzten Häusern der Hafenstraße gelebt und warst beim 1. FC. St. Pauli eine politische Ikone. Was bewegt dich heute? Was muss sich ändern in Deutschland, Europa und weltweit?

Ippig: Darüber könnte man endlos schwadronieren – wie wäre es z.B. mit gleicher Lohn für Alle weltweit! Es ist ja jede Menge in Bewegung; die Machteliten zappeln sich kräftig ab, weil sie die Deutungshoheit verloren haben. Die menschliche Hybris treibt ja momentan ihr bizarrstes Blütenwachstum. Der Kampf geht weiter!

Vielen Dank für das Interview!


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Kurzprofil

Dr. Kai Lindemann
Politischer Referent in der Grundsatzabteilung des Deutschen Gewerkschaftsbunds,
geboren 1968 in Bremen
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