Deutscher Gewerkschaftsbund

03.04.2019

Alter Rassismus neu verpackt

Formal unterscheiden sich die neuen Rechten von den alten Braunen vor allem dadurch, dass sich die neuen Rechten selbst nicht als Rechte begreifen. Was sie dennoch wirklich verbindet, enthüllen Christian Fuchs und Paul Middelhoff.

 

Von Rudolf Walther

Kundgebung der Identirären Bewegung, bei der ein man ein kleines Plakat hochhält, auf dem steht: "Pro Nation! Grenzen schützen leben!"

Bei einer Kundgebung der rechtsextremen Identitären, wie hier in München, sind auch gerne Vertreter von AfD oder NPD dabei. DGB/Igor Netz/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

In ihrem Buch "Das Netzwerk der Neuen Rechten" belegen Christian Fuchs und Paul Middelhoff, in welchem Ausmaß rechte sowie rechtsradikale Parteien und Bewegungen gemeinsam mit ihren publizistischen Helfern und Vordenkern die politische und mediale Agenda bestimmen. In stiller Kooperation mit der konservativen Presse ist es den neuen Rechten in den letzten fünf Jahren gelungen, alle anderen politischen Probleme außer Migration und Asyl aus der Debatte ganz oder teilweise herauszuhalten. Migration und Asyl sind so zu den alles überragenden Themen buchstäblich hochgeschrieben und –gesendet worden.

Sarrazin hat den Rechten den Weg geebnet

Am Anfang der Erfolgswelle der neuen Rechten stand 2010 der Bestseller von Thilo Sarrazin "Deutschland schafft sich ab", Auflage 1,5 Millionen Exemplare. Das räumt selbst Götz Kubitschek ein, der mediale Tausendsassa der Rechten: Sarrazin habe ihre Themen "nach oben gezogen". Das gilt über die rechten Publikationen und Bewegungen hinaus bis weit ins konservative Lager hinein. Dort hat man Migration und Asyl ebenfalls zum vermeintlich wichtigsten Problem erklärt. Und bis heute verteidigen rechtskonservative Publizisten den neurechten Eiferer Sarrazin gegen den fundierten Vorwurf der Islamophobie und des Rassismus – so wie Jasper von Altenbockum gerade noch in der FAZ vom 2.4.2019.

Obwohl es zwischen alten Neonazis und neuen Rechten eine Vielzahl von thematischen Beziehungen und personellen Verbindungen gibt, ist eine Unterscheidung richtig und wichtig. Alte Rechte und Neonazis betrachten das „Rassenproblem“ als Dreh- und Angelpunkt ihrer politischen Ideologie betrachteten. Neue Rechte operieren mit den Begriffen „Fremdheit“ und „Identität“ beim erneuten Durchdeklinieren und Propagieren der ganz alten Überzeugungen von der „natürlichen Ungleichheit“ zwischen Menschen und Geschlechtern oder dem nicht zu beseitigenden „Gefälle zwischen den Kulturen“. Daher werten sie auch den Islam und die repräsentative Demokratie ab und favorisieren eine ethnopluralistisch ausgrenzende Raumideologie als Ersatz für einen universalistisch-integrativen Multikulturalismus.

Götz Kubischek hält einem Fotografen die Hand vor das Objektiv.

Der rechte Vordenker Götz Kubitschek stachelt seine Gesinnungsgenossen gern auf, so auch am 1.9.2018 in Chemnitz. Ein Freund der Presse ist er eher nicht. DGB/Karl-Ludwig Poggemann/Flickr/CC BY 2.0

Formal unterscheiden sich die neuen Rechten von den alten Braunen vor allem dadurch, dass sich die neuen Rechten selbst nicht als Rechte begreifen – und sich auch nicht als solche bezeichnet wissen wollen. Sie kostümieren sich à la mode und je nach Bedarf christlich-jüdisch, abendländisch-ethnozentrisch, männlich-autoritär oder wohlstandschauvinistisch. In diesen Weltsichten erscheint der Rechtsstaat als Luxus, die pluralistische Demokratie als Diktatur und Kritik als Denunziation. Kein Wunder, dass sich Roland Tichy und Hendrik M. Broder von dem Buch und der Kritik an den Kostümierungen der neuen Rechten direkt angesprochen fühlten und die beiden Autoren – typisch neurechten Reflexen folgend – der Denunziation bezichtigten. Andere drohten gleich mit juristischen Mitteln, wie der Rowohlt Verlag meldet.

Die Reaktionen der Neurechten auf Kritik zeugen von elementarer Leseschwäche

Auf den Portalen "Achse des Guten" und "Sichtplatz" drechselte jüngst ein Autor aus dem obenstehenden Satz über die vier perspektivischen Kostümierungen der neuen Rechten die Behauptung, der Rezensent hätte in der Besprechung des Buches von Christian Fuchs und Paul Middelhoff das Wort "christlich-jüdisch" pauschal als "verdächtig" und "rechts" eingestuft. Von gar nichts wird die abstruse Lesart gestützt, „christlich-jüdisch“ gelte dem Rezensenten als „Indiz für rechte Gesinnung“. Diese Unterstellung zeugt nicht gerade von "unabhängigem Denken", das die neuen rechten Achsenschreiber für sich reklamieren, sondern vielmehr von elementarer Leseschwäche. In den rund fünf Dutzend wütenden Kommentaren finden sich viele Belege für die vier gängigen Varianten an Kostümen, in denen die neuen Rechten auftreten, um nicht gleich als neue Rechte identifiziert zu werden.  

Das Buch der beiden Journalisten verdeutlicht, dass es völlig irrig ist, sich die neue Rechte als monolithischen Block vorzustellen. Das gilt zwar für einige der eben erwähnten ganz alten Grundüberzeugungen, aber keinesfalls für die neurechte Szene, ihre Bewegungen und Publikationen. Die Publikationen, Politikstile und Praktiken von zwei herausragenden Exponenten der neuen Rechten – Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek – belegen das. Kubitscheks Antaios-Verlag, seine Zeitschrift "Sezession" sowie die Tagungen und Seminare in seinem "Institut für Staatspolitik" wenden sich an das akademisch gebildete, Bücher lesende Publikum. Das gilt übrigens auch für die Zeitschrift "Cato" von Karl-Heinz Weißmann, dem Biografen Armin Mohlers, der als intellektueller Vater der neuen Rechten gelten kann.

Das Burschenschaftsdenkmal in Eisenach.

Über Eisenach trohnt das Denkmal und Ehrenmal der Deutschen Burschenschaften. Ihr Wahlspruch ist: Ehre, Freiheit, Vaterland. Seit 2014 sind Burschenschaftler zunehmend in der AfD aktiv. DGB/hecke/123rf.com

Dagegen hat Jürgen Elsässers auf Krawall gebürstete, boulevardeske Agitationspostille „Compact“ nach der Auskunft Elsässers eher Friseusen als Kundinnen im Blick. Es gibt unter neuen Rechten  eine Arbeitsteilung wie in der AfD zwischen dem Auftreten und den intellektuellen Ansprüchen des Führungsduos Alice Weidel/Alexander Gauland und den Demagogen um Björn Höcke sowie Pegida, die die Menschen mobilisieren, und der AfD, die deren Wählerstimmen kassiert. Es gibt zwar so etwas wie einen Unvereinbarkeitsbeschluss, der die Kooperation von AfD mit Pegida und Neonazis  unterbinden soll. Doch wie sich zuletzt in Chemnitz  zeigte, demonstrieren Lutz Bachmann von Pegida und Björn Höcke vom Flügel der AfD ganz ungeniert zusammen mit Neonazis, NPD-Leuten und anderen Rechtsradikalen. Sie erhalten dabei sogar noch solidarische Unterstützung von der „Gemeinsamen Erklärung 2018“, die auch ehemalige CDU-Abgeordnete wie Vera Lengsfeld und Martin Hohmann mitunterzeichnet haben, oder von Salon-Nationalisten von Matthias Matussek, Frank Böckelmann und Jörg Baberowski bis zu Uwe Tellkamp, Axel Krause und Neo Rauch.

Die AfD hat sich als Hauptarbeitgeber der neuen Rechten profiliert

Fuchs und Middelhoff tragen eine zuweilen etwas unübersichtliche Fülle von Informationen zusammen über die politische Herkunft und Orientierung sowie die vielfältigen nationalen und internationalen Verbindungen von Exponenten der neuen Rechten. Viele stammen aus den deutschnationalen Burschenschaften und stehen mittlerweile als wissenschaftliche Mitarbeiter, Wahlkreisbüroleiter und Berater in Lohn und Brot der 93-köpfigen AfD-Bundestagsfraktion. Sie hat sich als Hauptarbeitgeber der neuen Rechten profiliert und selbst ehemalige NPD-Funktionäre eingestellt.

Eine zentrale Rolle für die intellektuelle und politische Orientierung der neuen Rechten spielt Dieter Stein, Chefredakteur des Leitorgans "Junge Freiheit". Stein betreibt auch die "Bibliothek des Konservatismus", die ihre Gründung und ihren Betrieb einem rechtsradikalen Mäzen verdankt, der mehrere Millionen spendete.

Trotz unbestreitbarer Verdienste um die Aufklärung über das Netz der neuen Rechten weist das Buch etliche formale Schwächen auf, die den Leser langweilen und den Gebrauchswert der Analysen mindern. Der dokumentarische Anspruch des Buches verlangte etwa, dass die Autoren nicht nur viele wörtliche Zitate anführen, sondern auch präzise bibliographische Nachweise führen. Ärgerlich ist die mittlerweile landläufige Journalistenschulen-Prosa der Autoren. Fast jedes Kapitel beginnt mit einer Storytelling-Passage, in der Salven von Hauptsätzen ohne inhaltlichen Belang abgefeuert werden: "Die Göpelskuppe im Osten von Eisenach. Heroisch thront das Burschenschaftsdenkmal auf dem Berg über dem Talkessel der thüringischen Stadt". Eine Vorliebe haben die beiden Autoren außerdem für das vermeintlich Unmittelbarkeit und Augenzeugenschaft verbürgende historische Präsens und ein Staccato, das ohne Verben auskommt und meist Personen markieren soll: "stahlblaue Augen, kurzgehaltenes Haar"; "Schnurbart, Pomade im Haar". Derlei Marotten beeindrucken niemanden und wären auch nicht nötig, um die akribischen Recherchen zu vermitteln.

 


 

Buchumschlag "Das Netzwerk der Neuen Rechten".

Christian Fuchs/Paul Middelhoff:
Das Netzwerk der neuen Rechten.
Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, 282 Seiten,
17 Euro


In einer Veranstaltung sprach Fuchs kürzlich über die Recherchen zu dem Buch und diskutierte sie mit dem Publikum.


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Kurzprofil

Rudolf Walther
ist Historiker und hat als Redakteur wie Autor des Lexikons "Geschichtliche Grundbegriffe" gearbeitet. Seit 1994 ist er als freier Autor und Publizist tätig.
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