Deutscher Gewerkschaftsbund

29.11.2018

Märkte, Marxismus und der Klimawandel

Wer nicht gern will, dass die Regierung interveniert und die Wirtschaft reguliert, der erklärt den Klimawandel kurzerhand zu einem Irrtum. Doch nur wenn die Staaten das Klima retten, bewahren sie auch den Wohlstand ihrer Gesellschaften.

 

Von Adair Turner

Ein Mann hockt auf vertrockneter Erde, die bis zum Horizont reicht.

Der Klimawandel ist in vielen Regionen präsent, mal mit Stürmen, mal mit Dürren wie in Brandenburg oder wie hier in Südostasien. DGB/nitsuki/123rf.com

Brasiliens neuer Außenminister Ernesto Araújo ist davon felsenfest überzeugt: Der Klimawandel ist eine von "kulturellen Marxisten" eingeleitete Verschwörung, um die westlichen Volkswirtschaften abzuwürgen. Das "ökologistische Dogma" dieser verruchten Kräfte sei "genutzt worden, um die Ausweitung der regulatorischen Macht der Staaten über die Wirtschaft zu rechtfertigen".

Angesichts der zentralen Rolle, die Brasilien in vergangenen Debatten zum Klimawandel gespielt hat, darunter beim Abschluss des Pariser Klimaabkommens von 2015, muss die Entscheidung des designierten Präsidenten Jair Bolsonaro für Araújo jeden verstören, der glaubt, dass der Klimawandel der Menschheit schweren Schaden zuzufügen droht. Im Gefolge von US-Präsident Donald Trumps Rückzug aus dem Pariser Abkommen bedroht Aráujos Ernennung den Fortschritt hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft.

Wirtschaftsliberale verstehen nicht, warum der Klimawandel bekämpft werden muss

Ein Teil der Antwort auf derartige Verschwörungstheoretiker muss darin bestehen, weiter die wissenschaftlichen Argumente vorzutragen. Denn der aktuelle Klimawandel wird vor allem Ländern mittleren Einkommens wie Brasilien schweren Schaden zufügen. Doch ist es zugleich wichtig, die Menschen zu überzeugen, dass die Bekämpfung des Klimawandels weder den Wohlstand noch das private Unternehmertum bedroht.

Natürlich ist die notwendige Bekämpfung des Klimawandels eine Herausforderung für einen grob vereinfachenden, extremen Wirtschaftsliberalismus. Freie Märkte allein können jene "externen Effekte" nicht steuern, die auftreten, wenn Wirtschaftsaktivitäten schädliche Folgen haben, die den individuellen Produzenten und Verbrauchern keine direkten Kosten aufbürden. Der Klimawandel ist der größte externe Effekt von allen. Unter seinen schädlichen Folgen werden voraussichtlich künftige Generationen weltweit leiden und nicht in erster Linie jene, die derzeit fossile Brennstoffe produzieren und verbrauchen.

Ayn Rand

Ayn Rand wollte einen reinen Kapitalismus ohne staatliche Einmischung und hat mit diesem radikalen Unfug Generationen von Konservativen infiziert. Deshalb lehnen auch die Republikaner in den USA heute noch jegliche Umweltauflagen ab. DGB/Archiv

Infolgedessen sind erhebliche ordnungspolitische Interventionen erforderlich. Hierzu sollten Anreize für die Emissionssenkung setzende Kohlenstoffpreise gehören, Regeln, die energieeffizientere Gebäude, Haushaltsgeräte und Fahrzeuge vorschreiben, oder Subventionen für neue Technologien, die noch nicht die Skaleneffekte erreicht haben, die für eine kostengünstige Produktion Voraussetzung sind.

Angesichts der Notwendigkeit derartiger Interventionen ist der Glaube, dass der Klimawandel eine Erfindung sei, für alle diejenigen tröstlich, die dem Staat keine Rolle in der Wirtschaft zugestehen wollen. Die Lieblingslektüre dieser Klimawandelleugner ist Ayn Rands Roman Atlas wirft die Welt ab (Originaltitel: Atlas Shrugged), ein Loblied auf ein durch ökologische oder gesellschaftliche Auflagen uneingeschränktes Unternehmertum.

Eine kohlenstoffarme Wirtschaft ist mit minimalen Mehrkosten machbar

Doch verantwortungsbewusste private Unternehmen oder Entwicklungsländer sind nicht bedroht, wenn der Klimawandel mit den erforderlichen ordnungspolitischen Interventionen bekämpft wird. Gerade hat die Energy Transitions Commission (ETC) – der eine Menge Großunternehmen und keine offensichtlichen „kulturellen Marxisten“ angehören – einen Bericht veröffentlicht. Er zeigt auf, wie sich bei minimalen wirtschaftlichen Kosten bis 2060 eine kohlenstofffreie Weltwirtschaft aufbauen lässt. Tatsächlich würde eine derartige Wirtschaft ebenso viele Arbeitsplätze und Geschäftschancen schaffen wie die heutige, die von fossilen Brennstoffen abhängig ist.

Dies gilt insbesondere für die Entwicklungsländer. Um den Lebensstandard der entwickelten Welt zu erreichen, müsste Indien seinen Jahresenergieverbrauch pro Kopf – derzeit etwa 30 Gigajoule – verdreifachen. Dank nachhaltiger Technologien könnte es das tun und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen senken sowie die schreckliche Luftverschmutzung drastisch reduzieren: Die kohlenstofffreie Weltwirtschaft des Jahres 2060 würde vermutlich vier- bis fünfmal so viel Strom verbrauchen wie die heutigen 20.000 Terrawatt-Stunden und dabei verbesserte Transportleistungen, Klimatisierung und ein sauberes Heizen für Milliarden von Menschen bieten.

Windräder auf einer günen Wiese.

Anfangs noch teurer, heute konkurrenfähig: erneuerbare Energien. DGB/Chaiyapruk Chanwatthana/123rf.com

Dies wird enorme Gelegenheiten für Investitionen, für die Schaffung von Arbeitsplätzen und für das Einkommenswachstum bieten. Es waren Anschubsubventionen erforderlich, um die drastischen Kostensenkungen zu erreichen, von denen Wind- und Sonnenenergie heute profitieren. Doch sind es überwiegend private Unternehmen, die heute Windräder und Solarzellen bauen, und private Investoren, die bei Stromauktionen konkurrenzfähige Gebote abgeben und die trotz stetig fallender Preise erneuerbare Energien finanzieren und dabei hohe Renditen erzielen. Wagniskapitalgeber – eine nicht für ihre marxistischen Neigungen bekannte Gruppe – spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung neuer Akkutechnologien und Elektrofahrzeuge.

Der Wettbewerb am Markt ist mit einer kohlenstofffreien Wirtschaft nicht nur vereinbar; er ist eine Grundvoraussetzung dafür. Kohlenstoffpreise und angemessene Regulierung können die erforderlichen Anreize setzen, doch ist der Wettbewerb zwischen gewinnmotivierten Unternehmen unverzichtbar, um eine Dekarbonisierung zu geringstmöglichen Kosten zu erreichen. Die vom wirtschaftsliberalen Denker Friedrich Hayek gelobte und von Karl Marx weitgehend ignorierte Fähigkeit des Marktes zur „Preisfindung“ wird dabei entscheidend sein.

Gleichgewicht von staatlicher Intervention und privatem Wettbewerb

Dynamische kapitalistische Volkswirtschaften sind seit eh und je von einem sorgfältig abgestimmten Gleichgewicht zwischen staatlicher Politik und privatem Wettbewerb abhängig. Franklin Delano Roosevelts "New Deal" der 1930er-Jahre weitete die zuvor minimale Rolle der US-Bundesregierung deutlich aus. Und aller Kritik zum Trotz: auf den New Deal folgten 30 Jahre spektakulärer kapitalistischer Entwicklung mit einer breiteren Streuung des Wohlstands als je zuvor, der die amerikanische Mittelschicht gewaltig wachsen ließen.

Ayn Rands bei Klimawandelleugnern so beliebte Utopie des freien Marktes ist von den Komplexitäten der realen Welt losgelöst und dürfte mit gleicher Wahrscheinlichkeit eine gesellschaftliche und ökologische Katastrophe herbeiführen wie ein grob vereinfachender marxistischer Glaube an die unvermeidliche Effizienz und Unbestechlichkeit des Staates.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2018


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Kurzprofil

Adair Turner
Adair Turner ist ein britischer Ökonom, Manager und Hochschullehrer, der seit 2005 Mitglied des House of Lords ist. Zudem sitzt Lord Turner dem Committee on Climate Change vor. Bis zum 31. März 2013 war er Vorsitzender der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde Financial Services Authority.
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