Deutscher Gewerkschaftsbund

15.12.2020
Podcast

Ein besonderes Jahr, besondere Weihnachten

Podcast-Dauer: 7 Minuten
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Heute senden wir die letzte Kolumne ABC mit Renée in diesem Seuchenjahr. Unsere Kolumnistin Renée Zucker hat sich dieses Mal den Buchstaben P vorgenommen, P wie privilegiert oder auch P wie prima, denn das beschreibt erstaunlicherweise am besten wie sie sich in Zeiten von Corona und Lockdowns gefühlt hat. Obendrein empfiehlt sie uns noch ein "Manifest für die Tiere", das jeder lesen sollte, bevor er oder sie an den Weihnachtsbraten denkt.

Kolumnentext:

Ganz ehrlich? Es war mein Jahr. Von Anfang bis Ende. Es hat mir an nichts gefehlt, die Zeit hat mich bereichert. Und ich sage das in vollem Bewusstsein davon, dass diese Einschätzung aus einer privilegierten Position heraus entsteht. Die Privilegien sind nicht monetär, sondern einer glücklichen Mischung aus beruflicher Nischenexistenz, Abenteuerlust und günstigen Zeitläuften geschuldet. Ich beobachte gern die Welt und denke darüber nach. Ich bin nicht besonders gesellig, koche gern selbst und alles, was ich zur Unterhaltung brauche, hab ich zuhause. Im Frühling und im Herbst fuhr ich 4000 km mit dem Auto, besuchte den stillen Ruhewald, in dem die Asche meiner Mutter begraben wurde und sagte ihr, dass ich froh bin, dass sie nicht mehr im Pflegeheim ist.

Der kurze Sommer im Olympiabad, eine Wonne

Im Juli überquerte ich den Markusplatz  mehrmals in alle Richtungen, ohne einer anderen Menschenseele zu begegnen und konnte in der Accademia stundenlang vor Tintorettos Gemälde „Wunder des heiligen Markus“ stehen. Es war mein spektakulärster Venedig-Aufenthalt. Der kurze Sommer im Olympiabad mit all den freien Bahnen, die man in aller Ruhe auf dem Rücken durchschwimmen konnte; die stillen Straßen und Parks von Berlin in früher Morgenstunde. Die Zeit, die man hat, um Kochrezepte auszuprobieren; YouTube-Filme über das Fertigen der französischen Naht und von Taschen mit Reißverschluss zu schauen, und es dann Filmbild für Filmbild nachzumachen; Socken zu stopfen und Vorhangstangen anzubringen und endlich dem Typen, der spätabends immer in der Hofecke elendlange telefoniert, dabei isst und trinkt und seinen Müll liegen lässt, aus dem 3. Stock einen kleinen Eimer Wasser auf den Kopf zu schütten...ich muss sagen, das war (mit der französischen Naht) die befriedigendste Erfahrung dieser Zeit.

Als man nicht mehr schwimmen gehen konnte, weil die Hallenbäder schlossen und es draußen zu kalt wurde, hab ich eine QiGong Gruppe gefunden, die bei Wind und Wetter im Park trainiert. Zu Pilates trifft sich die Gruppe auf Zoom und ich entdecke beim Turnen auf der Matte immer neue Wollmäusenester in meinem Arbeitszimmer.

Niemand weiß etwas Rettendes zu dieser Katastrophe

Meine Gefühle in diesem Jahr ähnelten denen, die ich im Frühjahr 1986 beim Nukleargau von Tschernobyl hatte. Ich hörte es im Autoradio auf einer Straße in Worpswede. Vor einem Haus, in dem ich jemanden interviewen sollte. Er hatte einen mannsgroßen Bleistift in einem Raum und sprach vom wichtigen Erlebnis der Irritation. Er meinte damit wohl, dass Bleistifte normalerweise kleiner sind. Auf das Auto prasselte Regen und ein Mann schob stoisch seinen Rasenmäher durch den Garten. Genau davor warnten die Nachrichten: man sollte wegen der Radioaktivität nicht bei Regen rausgehen. Später las ich einen wunderbaren Text der bayerischen Dichterhexe Luisa Francia, die genau bei diesem Regen nackt auf einem Voralpenberg saß, um die radioaktive Macht aufzusaugen. Und es ging ihr offenbar  ähnlich gut wie mir. Mein erster Gedanke war: Gottseidank, nun kann mir kein Mann mehr sagen, wie Leben geht.

Niemand weiß etwas Rettendes zu dieser Katastrophe. Nur die Franzosen natürlich - sie behaupteten, ihr Gemüse sei sauber, die Wolke habe an der Grenze kehrt gemacht. Damals gab es keinen so schönen wie klugen Dr. Drosten. Mein Mann des Jahres, dem ich zwei Dinge verdanke: das Verständnis dafür, dass eine der Grundzüge von Wissenschaft die Fehlbarkeit ist (und dass sich die Demokratie diese Fehlbarkeit leisten kann) und dass man mit der Musik von Martin Kohlstedt wunderbar arbeiten kann. Können Sie mal auf YouTube mit seinem Konzert bei den Hörspieltagen ausprobieren, bevor sie auf martinkohlstedt.com seine wunderbaren CDs bestellen, ich empfehle das Bundle, da hat man sein Gesamtwerk zu einem günstigen Preis.

Und the best is yet to come: Silvester ohne Knallerei. Wie könnte ein so experimentelles, interessantes Jahr adäquater enden als in Stille.

Lektüretipp: "Manifest für die Tiere" von Corine Pelluchon

Was wir lesen sollen? Ich möchte Ihnen das "Manifest für die Tiere" von der klugen, (natürlich französischen) Philosophieprofessorin Corine Pelluchon empfehlen, obwohl ich finde, man muss das Buch nicht lesen, wenn man sich Empathie und Anstand bewahrt hat und einem bewusst ist, dass die Gleichgültigkeit gegenüber dem Tierleid zu unserer Entmenschlichung beiträgt. Fleischfresser allerdings sollten dieses Buch doch lesen. Sie sind es, von denen Pelluchon schreibt, dass sie sich sehr weit von dem kleinen Mädchen oder dem kleinen Jungen entfernt haben, die sie einmal waren, denen es unerträglich gewesen wäre, das Fleisch eines Huhns zu essen, wenn sie gesehen hätten wie es an den Füßen aufgehängt ausbluten musste oder die Milch von einer Kuh zu trinken, die wochenlang nach ihrem Kälbchen schreit, das ihr gleich nach der Geburt weggenommen wurde.

Werden Sie zum Animalisten. Sie müssen dazu nicht mal selbst ein Tier haben. Setzen Sie sich ein für eine Verbesserung des Tierlebens, kämpfen sie für die Liebe zu allen Lebewesen.

Und denken sie dran, wie es schon in der Werbung von Galeria Kaufhof heißt: Dieses Jahr wird Weihnachten ganz besonders.

Buchumschlag, grün, nur mit Text: Corine Pelluchon "Manifest für die Tiere"

C. H. Beck

Corine Pelluchon: Manifest für die Tiere. Aus dem Französischen von Michael Bischoff, 124 Seiten, C. H. Beck Verlag München 2020, 12 Euro.


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Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

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