Deutscher Gewerkschaftsbund

17.01.2023

Long Covid und die Folgen: Vor allem Frauen auf dem Abstellgleis

Etwa jede 10. mit Corona infizierte Person leidet unter Long Covid - also unter Symptomen, die länger als 4 bzw. 12 Wochen anhalten. Viele klagen über eine umfassende chronische Erschöpfung, die eine Rückkehr in das vormalige Leben unmöglich macht. Frauen im erwerbsfähigen Alter sind doppelt so oft betroffen wie Männer. Es ist höchste Zeit, die Krankheit auf die politische Agenda zu setzen.

Long Covid

pexels

Von Franziska Jahn, Christine Wimbauer, Mona Motakef

Long Covid betrifft in Europa, so die WHO, allein in den ersten beiden Pandemiejahren 17 Millionen Menschen. Etwa jede 10. mit SARS-CoV-2 infizierte Person leidet unter Long oder auch Post Covid (also unter Symptomen, die länger als 4 bzw. 12 Wochen anhalten), Frauen im erwerbsfähigen Alter doppelt so oft wie Männer. Die Folgen für die Erkrankten wie auch für das Erwerbs- und Sozialversicherungssystem werden aber bisher kaum gesellschaftlich beachtet.

Die Symptome reichen von Kurzatmigkeit, Rücken-, Kopf- und Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Geruchseinschränkungen, Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems oder Magen-Darm-Trakts über Ängste und depressive Symptome bis zu chronischer Erschöpfung (Fatigue). Kognitive Beeinträchtigungen und Fatigue hängen am stärksten mit einer reduzierten Arbeitsfähigkeit bei Long Covid zusammen, so eine aktuelle Studie. Die daraus folgenden Arbeitsunfähigkeiten sind oft lang: 2021 im Durchschnitt 105 Tage, zeigt der TK-Gesundheitsreport anhand der TK-versicherten Erwerbstätigen. Lang sind ebenfalls die Wartezeiten für Long Covid-Ambulanzen und Reha-Einrichtungen. Auch die Diagnose ist zeitaufwendig, kompliziert und zehrend für die oft ohnehin erschöpften Patient*innen.

Long Covid und ME/CFS: Versäumnisse der Vergangenheit und eingeschränkte Absicherung bei Erwerbsunfähigkeiten

Das Chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) tritt bei ungefähr der Hälfte der Long Covid Betroffenen auf. Frauen sind davon dreimal häufiger betroffen als Männer. ME/CFS ist seit etwa 80 Jahren bekannt. Von ihm erbt Long Covid langjährige Versäumnisse bei der Erforschung der Ursachen postinfektiöser Erschöpfung. Vor dem Covid-19 Ausbruch wurde es kaum erforscht, ebenso wurde bislang keine ursächlich wirkende Therapie entwickelt. Die Psychosomatik hat seit Jahrzehnten die Deutungshoheit über die Erkrankung. Symptombeschreibungen der Erkrankten werden nicht selten (auch in sexistischer Weise) als hysterisch abgetan. Betroffene – oft Frauen – und ihre Selbstorganisationen kritisieren dies seit Jahrzehnten.

Zudem ist der Bedarf an sozialstaatlicher Unterstützung bei erkrankten Arbeitnehmer*innen gestiegen, um wieder arbeitsfähig zu werden und den Lebensunterhalt zu sichern. Erkrankte stoßen dabei jedoch häufig auf Hürden und dies auch schon vor der Pandemie. Zugänge zu Unterstützung und Ressourcen prägen die Lebenssituation der Erkrankten jedoch entscheidend. Ob Long Covid als Berufskrankheit, Arbeitsunfall oder zumindest erwerbsmindernd anerkannt wird, hängt von vielen Faktoren und Akteur*innen ab, wie Unfallversicherung, Rentenversicherung und Gesundheitspersonal.

500.000 Covid-19 Infektionen als Berufskrankheit oder Arbeitsunfall gemeldet

Bis Ende 2022 wurden rund 500.000 Covid-19 Infektionen als Berufskrankheit oder Arbeitsunfall gemeldet – ein enormer Anstieg, insbesondere in Frauentätigkeiten. Eine Covid-Infektion kann derzeit nur für Beschäftigte im Gesundheitsdienst, der Wohlfahrtspflege, einem Laboratorium oder in Berufen mit ähnlicher Infektionsgefahr als Berufskrankheit anerkannt werden. Hiervon wurden bis Ende 2022 63 % der Verdachtsanzeigen bestätigt, bei anderen Berufsgruppen sind es mit 35 % deutlich weniger. Die Ermittlungen, die zu diesen Entscheidungen führen, seien jedoch häufig zu ungenau und die Versicherten hätten wenig Möglichkeiten, Beweise miteinfließen zu lassen, kritisierten die einzigen drei unabhängigen Beratungsstellen in einem internen Brandbrief an das Bundesarbeitsministerium.

In der Absicherung von Erwerbsunfähigkeiten bestehen insgesamt (Geschlechter-)Ungleichheiten und Lücken fort. Es sind vor allem Männerberufe, in denen überhaupt Berufskrankheiten angezeigt werden können. Dies hängt mit der Entstehungsgeschichte des Arbeitsschutzes zusammen, der auf den männlichen Industriearbeiter zielte und bis heute Frauentätigkeiten vernachlässigt. Auch bei der Erwerbsminderungsrente der gesetzlichen Rentenversicherung wird insgesamt die Hälfte der Anträge abgelehnt. Werden die Renten doch bewilligt, sind sie vor allem für ostdeutsche Männer, westdeutsche Frauen und nichtdeutsche Staatsbürger*innen oft nicht armutsvermeidend. Am Ende bleibt häufig nur die Grundsicherung.

Krise des Arbeits- und Sorgevermögens, oft von Frauen

Der gesellschaftliche und sozialstaatliche Umgang mit Long Covid steigert die Versäumnisse der Vergangenheit und verschärft oft die prekäre Lebenslage der Erkrankten. Die Einschränkungen des Arbeitsvermögens und der soziale Abstieg, der oft damit einhergeht, werden gesellschaftlich sehenden Auges in Kauf genommen. Gerade die am meisten Betroffenen – Frauen zwischen 20 und 50 Jahren – tragen neben Erwerbsarbeit häufig auch die Hauptverantwortung für Familien- und Sorgearbeit, der sie ebenfalls nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr nachkommen können.

Leben und arbeiten mit Long Covid: Der schmale Grat zwischen Wiedereingliederung und Überbelastung

Wenn Belastungsprobleme nach einer Covid 19-Infektion auftreten, sollen die Erkrankten ihre eigenen Energiereserven erspüren und strikt im (Arbeits-)Alltag einteilen („Pacing“). Dies zielt darauf, weitere Überlastungssituationen zu vermeiden. Denn auf eine Überbelastung folgt mit einem sogenannten Crash, fachsprachlich: eine Postexertional Malaise (PEM), eine Tage bis Wochen anhaltende starke Zustandsverschlechterung, oft mit Bettlägrigkeit.

Ist die erkrankte Person grundsätzlich noch arbeitsfähig, müssen die betroffenen Arbeitnehmenden an vielen Stellen Grenzen setzen, um sich und ihren Körper vor Überlastung zu schützen. Genauso ist das Arbeitsumfeld gefordert: Notwendig sind die Bereitschaft und Möglichkeiten, sich im Einzelfall an die Fähigkeiten der Betroffenen anzupassen. Ob das gelingt, hängt auch vom Verhalten und der Unterstützung der Vorgesetzten ab. Wie der Preprint einer Studie aus den USA zeigt, haben Personen mit covidbedingten Langzeitfolgen aufgrund der Einschränkung ihrer Arbeitszeit Angst vor Jobverlust sowie finanzielle Sorgen und fühlen sich dadurch belastet. Ähnliche Studien fehlen in Deuschland noch.

Long Covid und die Prekarisierung des Lebenszusammenhangs

Da es kaum Behandlungsmöglichkeiten gibt und die medizinische Versorgungslage insgesamt schlecht ist, sind die Erkrankten oft erst einmal auf sich selbst und auf ihr persönliches Umfeld verwiesen. Auch schon vor Corona konnten chronische Erkrankungen prekäre Lebenzusammenhänge begünstigen.

Frauen tragen weiterhin die Hauptverantwortung für die Sorge- und Hausarbeit und sind daher oft doppelt, auch in Erwerbsarbeit eingebunden. Wenn Frauen erkranken, ist das nicht nur für sie, sondern für das gesamte Umfeld – Partner*in, Kinder, Eltern, Nahestehende – oft sehr belastend. Long Covid betrifft zudem nicht nur die Teilhabe an Erwerbsarbeit, sondern den gesamten Lebenszusammenhang. Nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz berichten Betroffene, dass sie keine Energie mehr für andere Tätigkeiten aufbringen können.

Neben der Erwerbsfähigkeit kann auch die Sorgefähigkeit der Erkrankten eingeschränkt sein: für sich, für ihre Kinder und andere Angehörige. Eine Mutter eines an Long Covid erkrankten Kindes beschrieb kürzlich in einem Brandbrief an das Schulamt die enormen Belastungen, die sie privat stemmen muss und die Reaktion, die sie in der Regel erhält: „Egal, wen wir kontaktierten, die Schule, die Direktorin, die Beratungslehrerin, das Schulamt, das Landesamt für Schule und Bildung, das Jugendamt, das Sozialamt oder die Amtsärztin: Alle sagen und sagten immer dasselbe. Ein Einzelfall.“

Daneben heißt Long Covid auch oft: Nicht nur Arbeitskraft und Leben der Betroffenen wird prekär, sondern auch die der Partner und Schulkinder. Aus Angst vor Reinfektionen schränken die Familien der Betroffenen häufig ihre Kontakte ein, was wiederum ihre soziale Teilhabe gefährdet. Sie sind oft in einer schwierigen Lage, ihre Arbeits- und Handlungsfähigkeit zu erhalten und weiter alles „am Laufen“ zu halten.

Arbeitskraft gerät unter die Räder

Long Covid ist kein Einzelfall. Vor allem Frauen im erwerbsfähigen Alter sind überproportional von Long Covid betroffen. Viele Erkrankte können nur noch in Teilzeit oder gar nicht mehr arbeiten. Damit ist gerade das Arbeitsvermögen derjenigen eingeschränkt, die besonders dringend gebraucht werden: die Mütter, die Pflegerinnen, die Erzieherinnen, die Lehrerinnen und Sozialarbeiterinnen – diejenigen, die maßgeblich die Reproduktion der Gesellschaft sicherstellen.

Mit Long Covid gerät nun das Arbeitsvermögen derjenigen unter die Räder, die die Arbeitsfähigkeit gesellschaftlich erhalten oder wieder/herstellen: Indem sie sorgen, gebären, bilden und großziehen und die Reproduktion von Arbeitskraft vieler Erwerbstätiger und Heranwachsender durch Sorgearbeit sicherstellen – und das gesellschaftliche Leben sprichtwörtlich am Laufen halten.

Dabei lag die Belastung von Sorgeleistenden, häufig Frauen, auch schon vor der Pandemie nicht selten „am Limit“, wie geschlechtersoziologische Studien vielfach herausstellten. Gesellschaftlich verschärft all dies, zusammen mit anderen Ursachen, die „Sorgekrise“.

Mehr Sichtbarkeit für Long Covid, bessere Versorgung und soziale Absicherung

Insgesamt zeichnen sich große Auswirkungen auf die Betroffenen, die Arbeitsgesellschaft und die Sozialsysteme ab. Die weitreichenden sozialen Folgen von Long Covid werden aber nur von wenigen aufgezeigt (exemplarisch hier eine Betroffene). Das Thema muss daher systematisch auf die Agenda kommen. Notwendig sind, um nur einige Ansatzpunkte zu nennen

  • mehr inter-/disziplinäre Forschung und dafür bereit gestellte finanzielle Mittel
  • eine bessere medizinische Versorgung inkl. Reha- und therapeutischen Maßnahmen
  • die systematische Berücksichtigung von Long Covid bei der Aus- und Weiterbildung medizinischen Personals
  • mehr Sensibilität und geeignete Maßnahmen seitens Gewerkschaften, Arbeitgeber und Branchenverbände (nicht nur angesichts des Fachkräftemangels)
  • eine adäquate Berücksichtigung von Long Covid in der Arbeits-, Gesundheits-, Familien- und Sozialpolitik, sowie seitens der entsprechenden Sozialversicherungsträger und Krankenkassen und damit
  • insgesamt eine bessere soziale Absicherung.

Damit wir den derzeitigen zahlreichen gesellschaftlichen Krisen nicht eine weitere hinzufügen, sollten wir Long Covid als gemeinsame Herausforderung annehmen und gesamtgesellschaftliche Lösungen suchen.


Nach oben

Kurzprofil

Christine Wimbauer
Christine Wimbauer ist Professorin für Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität zu Berlin.
» Zum Kurzprofil
Mona Motakef
Mona Motakef ist Professorin für Soziologie der Geschlechterverhältnisse an der TU Dortmund.
» Zum Kurzprofil
Franziska Jahn
Franziska Jahn ist Sozialwissenschaftlerin.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.