Deutscher Gewerkschaftsbund

05.02.2020

Megatrend Coworking Spaces

Die Idee ist nicht ganz neu, aber sie boomt ungeheuer: Coworking Spaces. Immer mehr Unternehmen lagern für Projekte nicht nur die Arbeit aus, sondern auch den Arbeitsplatz. Zudem nutzen viele Freiberufler solche Gemeinschaftsbüros. Erstaunlicherweise sind die Folgen dieses Trends noch recht unerforscht. Und an Arbeitsschutz denkt hier auch kaum einer.

 

Von Stefan Sauer

Lang nach hinten sich ziehendes Büro mit Schreibtischen für mehrere Personen auf der rechten Seite. Links stehen Sessel an der Wand.

So schick sind ein Büro eines neuen Coworking Spaces des Anbieters Rent24 in Berlin-Schöneberg aus. DGB/rent24

Das Wachstum der Branche ist atemberaubend. 2005 konnte man die Zahl der Unternehmen, die einzelne Büroarbeitsplätze vermieten, noch an einer Hand abzählen, weltweit wohlgemerkt.2010 waren es immerhin schon knapp 500, bis 2015 war die Zahl auf 7800 gestiegen, 2020 dürften es um die 20000 sein, für 2022 prognostiziert der Branchendienst Global Coworking Unconference Conference (GCUC) bereits 26.000 "Coworking Spaces" (CWS) weltweit und fünf Millionen Nutzer.

Espresso, grüner Tee, Konferenzräume oder Büros wie Turnhallen - alles dabei

Hinter den Anglizismen verbirgt sich eine simple Geschäftsidee: CWS-Unternehmen vermieten Büroarbeitsplätze, an Freiberufler, Kleinunternehmer, Mittelständler, Großkonzerne, für Tage, Wochen, Monate, manchmal auch nur stundenweise, mitunter sogar auf Jahre. Das Angebot umfasst schmucklose Schreibtische mit PC und Internetanschluss, die aneinandergereiht Großraumbüros im Turnhallenformat füllen, ebenso kleine, von Sicht- und Schallschutzwänden begrenzte Arbeitsparzellen, die ein wenig mehr Abgeschiedenheit versprechen. Auch baulich getrennte, abgeschlossene Arbeitsräume für eine oder mehrere Personen sind zu haben. An größeren Standorten können sogar ganze Etagen angemietet werden.

Gemeinsam genutzte Drucker und Aktenvernichter gehören zum Standard Zusätzlich können Kunden Konferenzzonen buchen oder kleinere Besprechungsräume. Es gibt gemeinschaftliche Aufenthalts- und Begegnungsbereiche, in denen - zumeist ohne gesonderte Berechnung - Espresso, grüner Tee, stilles Wasser und Latte Macchiato kredenzt wird. Viele Anbieter halten Ruheräume vor, in manchen Coworking Spaces stehen Ergometer oder Billardtische. Größere Niederlassungen bieten Kinderbetreuung an, sogar Vierbeiner sind in einigen zugelassen. Das klingt nach Rundumsorglos-Paket.

Jedenfalls mühen sich die Marketingabteilungen der Anbieter nach Kräften, diesen Eindruck zu erwecken. "Egal, ob du ein etabliertes Unternehmen oder ein wachsendes Startup besitzt, bei uns kannst du Räumlichkeiten entdecken, die dein Team zu einer wirkungsvollen Arbeitsweise inspirieren", heißt es auf der Willkommensseite der 2010 in New York gegründeten CWS-Firma WeWork. Allein in Berlin unterhält das Unternehmen mittlerweile 10 Standorte, vertreten ist WeWork zudem in München, Frankfurt, Hamburg, Köln und in weiteren 100 Städten rund um den Globus. Eigener Darstellung zufolge geht es um nicht weniger, als eine "Mission" zu erfüllen, nämlich: "Eine Welt errichten, in der Menschen ihrem Lebenswerk nachgehen können."

Ein etwa 8 Meter langer langer Tisch, an dem rechts und links Drehstühle stehen.

Ein ganz früher Coworking-Raum in Berlin war das St. Oberholz in Mitte. Es gilt als Trendsetter. DGB/St. Oberholz

Die Wirklichkeit kommt weniger pathetisch daher: Den allermeisten Menschen, die sich in einen CWS einmieten, geht zunächst einmal ums Geld. Man geht dem Broterwerb nach, zu möglichst geringen Kosten. Das Lebenswerk spielt eine eher nachgeordnete Rolle. In einer Umfrage des Immobilienberaters Colliers gaben zwei Drittel der CWS-Mieter an, Ausschlag gebendes Motiv für die Inanspruchnahme eines Coworking Spaces seien die vergleichsweise geringen Kosten, die frei wählbaren Zeiträume der Anmietung sowie die zumeist exzellenten Innenstadtlagen. So verfügt WeWork in Berlin über Büroräume am Kudamm, dem Potsdamer Platz und dem Gendarmenmarkt: Standorte, die für die allermeisten seiner Kunden ansonsten unbezahlbar wären.

Vor allem Freiberufler und Soloselbstständige nutzen Coworking Spaces

Schließlich handelt es sich in der Mehrzahl gerade nicht um "etablierte Unternehmen" oder "wachsende Startups", die Arbeitsplätze für Mitarbeitende suchen, sondern um Einzelkämpfer. Nach einer Erhebung des CWS-Branchenmagazins Deskmag bilden Soloselbstständige und Freiberufler die Hauptklientel der CWS. Ihr Anteil liegt bei gut 50 Prozent. Ein Fünftel sind Kleinunternehmer mit wenigen Angestellten, ein weiteres Fünftel ist in ebensolchen Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitern beschäftigt.

Das rasante Branchenwachstum ist denn auch weniger den paradiesischen Arbeitsbedingungen der CWS geschuldet. Es reflektiert vielmehr Entwicklungen, die immer weitere Bereiche der Arbeitswelt erfassen und prägen: Die Entkopplung der Erwerbstätigkeit von festen betrieblichen Arbeitsorten und Arbeitszeiten; das zeitlich begrenzte Nutzen von technischer Infrastruktur als Merkmal der Shared Economy; die schwindenden Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit; der Trend zu befristeten Arbeitsverhältnissen, zu denen sich mit Coworking Spaces befristete Arbeitsplätze gesellen; das Auslagern von Aufgaben und Tätigkeiten, mit denen Unternehmen Kosten sparen, Tarifverträge umgehen und betriebliche Mitbestimmung ausschalten können.

Die Frage, in welchem Umfang all dies kennzeichnend für CWS ist und ob die Branche solche Entwicklungen noch beschleunigt oder ihnen im Gegenteil entgegenwirkt, diese Frage ist bisher nicht beantwortet, ja, nicht einmal gestellt. Wesentlicher Grund ist zum einen die Zusammensetzung der Kundschaft: Soloselbstständige sind selten kollektiv organisiert, und selbst die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die rund 30 000 Freiberufler zu ihrer Mitgliedschaft zählt, hat kaum Möglichkeiten, die Arbeitsbedingungen in den CWS zu begutachten oder gar Forderungen der Mieter gegenüber WeWork und Co. durchzusetzen. „Wir würden gern, aber uns fehlt der Zugriff“, sagt Veronika Mirschel, Verdi-Referatsleiterin für Selbstständige.

Büro mit Glasfenstern links und hinten, die vom Boden bis zur Decke reichen. Draußen ist die Silhouette einer Großstadt zu sehen. Drinnen stehen rechts und links je zwei Schreibtische

WeWork wirbt mit solch schönen Bildern für eine Coworking Spaces. Dieses Büro blickt auf die Skyline von Seoul. DGB/WeWork

Sofern es sich bei den CWS-Nutzern um Angestellte externer Unternehmen handelt , sind diese Arbeitgeber für den Gesundheits- und Arbeitsschutz in den CWS  verantwortlich , etwa für die Einhaltung der Arbeitsstättenverordnung. Ob und inwieweit dies geschieht, ist schwer nachprüfbar. Die für Arbeitssicherheit und  Unfallversicherung zuständige Verwaltungsberufsgenossenschaft (VGB) hat eigenen Angaben zufolge "die Möglichkeit, die CWS-Unternehmen in Sachen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zu beraten und auch zu überprüfen". In welchem Umfang dies geschieht und welche Ergebnisse besagte Prüfungen zutage gefördert haben oder noch fördern könnten, bleibt offen. Die renommierte Düsseldorfer Arbeitsrechtskanzlei Kliemt weist darauf hin, das CWS "das klassische Arbeitsrecht vor Herausforderungen" stelle: "Neben Mitbestimmungsrechten des Betriebsrates bei der Ausgestaltung sind vor allem Fragen des Datenschutzes und des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zu bedenken."

Wirksame Kontrollen zum Arbeitsschutz gehen nur mit neuen Befugnissen

Fragen also gibt es genug, belastbare Antworten indessen sind rar. In einem Arbeitspapier der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin BAuA) zu  Folgen der Digitalisierung heißt es, die "radikale Auflösung betrieblicher Strukturen" stelle "neue Anforderungen an die Handlungskompetenzen der Akteure im Arbeits- und Gesundheitsschutz". Soll heißen: Für wirksame Kontrollen bedarf es erweiterter Befugnisse der zuständigen Institutionen. Über Erkenntnisse, ob und in welchem Umfang CWS besondere Belastungen für die dort arbeitende Kundschaft mit sich bringen, verfügt aber auch die BAuA nicht. Der Behörde liegen lediglich Untersuchungen vor, die sich mit Lärmbelastungen und anderen Störungen in Großraumbüros befassen. "Wenn da Schreibtisch an Schreibtisch auf riesigen Flächen stehen, dann erinnert das an Legebatterien", sagt BAuA-Pressereferent Jörg Feldmann. Aber das trifft auf viele Großraumbüros zu, nicht speziell auf CWS. Die sind, im Gegenteil, häufig offener, heller und kommunikativer gestaltet sind als Büroetagen großer Unternehmen.

Gleichwohl finden sich Hinweise auf CWS-typische Arbeitsbedingungen. Nach Angaben des Chicagoer Beratungsunternehmens Cushman & Wakefield umfasste ein nordamerikanischer Büroarbeitsplatz 2018 im Schnitt 18,3 Quadratmeter. Bei WeWork sind es einem Bericht der Financial Times zufolge im weltweiten Durchschnitt aller Standorte lediglich fünf Quadratmeter. Dass eine derartige Verdichtung Nachteile haben kann, liegt auf der Hand.

Bild aus Jacques Tatis Film Playtime, auf dem er von oben in ein Großraumbüro blickt. Alle Schreibtsiche stehen in kleinen Boxen, die in den großen Raum eingebaut sind.

Coworking Spaces sind oft nur schickere Großraumbüros. Jacques Tati hat schon 1967 die ersten solcher Büros als Versuchsanordnung für Menschen verstanden und sie in seinem Film "Playtime" ins Surreale übersteigert. DGB/Screenshot

Konkreter sind die Ergebnisse eines Forschungsprojektes, die die Universität Hamburg im Spätsommer 2018 vorstellte. Danach neigen CWS-Mieter überdurchschnittlich dazu, trotz einer Erkrankung weiter zu arbeiten, etwa um gesetzte Termine einhalten und befristete Projekte abschließen zu können. Neben diesem "Präsentismus" stellten die fünf Autoren fest, dass CWS-Kunden auch ihre Arbeitszeit über das übliche Maß hinaus ausweiten, etwa auf Feiertage, Wochenenden und sogar auf den Urlaub. Zwei Drittel der befragten CWS-Nutzer gaben an, regelmäßig Überstunden abzuleisten, um Termine einhalten und krankheitsbedingte Fehlzeiten kompensieren zu können, ein Viertel arbeitet regelmäßig an Sams- und Sonntagen.

Die Trennung von Beruf und Arbeit gelingt im Coworking Space noch weniger

Auch mit Blick auf die Arbeitsintensität wurden besondere Belastungen festgestellt. Die Hälfte der Befragten verzichtet auf Kurzpausen, fast ebenso viele nehmen selbst Mittagspausen nur unregelmäßig in Anspruch. Und Die Trennung von Beruf und Privatleben gelingt nur einer Minderheit von rund 40 Prozent.

Inwieweit diese Befunde aber tatsächlich speziell den CWS zuzuschreiben sind, lässt auch die Hamburger Studie offen. Zweifellos spielen Megatrends wie Outsourcing, Croudworking und Digitalisierung eine maßgebliche Rolle, die zwar  gebündelt in CWS in Erscheinung treten, für diese aber keine Alleinstellungsmerkmale bilden.

Mittlerweile hat sich immerhin das Bundesministerium für Bildung und Forschung dem Thema Coworking Space angenommen. In Zusammenarbeit mit der Universität Bayreuth soll die Forschungslücke mit dem Projekt "Hierda" geschlossen werden. Neben den mannigfachen Chancen und Vorteilen der CWS gelte es, Tendenzen zur Selbstausbeutung sowie die damit verknüpften sozialen und finanziellen Risiken zu identifizieren und Gegenstrategien zu entwickeln. Ergebnisse liegen bisher nicht vor.


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Kurzprofil

Stefan Sauer
Stefan Sauer ist freier Journalist.
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Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

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