Deutscher Gewerkschaftsbund

20.03.2020

Eine globale Strategie gegen die Covid-19-Pandemie

Die G20-Finanzminister müssen die Ressourcen bereitstellen, um Covid-19 einzudämmen. Für die Entwicklung und Verteilung eines Impfstoffs braucht es eine globale Strategie. Dies könnte obendrein Basis für einen neuen Multilateralismus sein, der besser auf globale Herausforderungen reagieren kann – vom Klimawandel bis hin zur nächsten Pandemie.

 

Von Erik Berglöf

Menschen mit Atemmasken stehen am Rand einer Straße.

In vielen Ländern ist das Gesundheitssystem noch schlechter vorbereitet für eine Epidemie wie Covid-19 - und die Umweltbedingungen sind dort oft auch schlechter als in Europa. DGB/Dinis Tolipov/123rf.com

Das Corona-Virus beeinträchtigt praktisch jeden Aspekt des Lebens auf der ganzen Welt. Natürlich versuchen die Regierungen, ihre eigene Bevölkerung zuerst zu schützen, indem ihre Grenzen schließen oder Quarantänen und Ausgangssperren verhängen. Doch so gelingt es ihnen oft nicht, die größeren Zusammenhänge zu sehen. Wird dieser entscheidende Bewertungsfehler nicht korrigiert, fällt er auf uns zurück.

Die Covid-19-Pandemie erreicht jetzt Länder mit schwachen Gesundheitssystemen

Das Leid, das Covid-19 hinterlässt – von Todesfällen über zerstörte Immunsysteme bis hin zu geschwächten Volkswirtschaften – wird diejenigen am stärksten betreffen, die sich am schlechtesten dagegen wehren können. Dies gilt sowohl global als auch für unsere örtlichen Gemeinschaften. Trotzdem ist diese Infektionswelle wahrscheinlich nur die erste von vielen. Erreicht Covid-19 erst Länder mit fragilen Institutionen und schwachen Gesundheitssystemen, könnten in kurzer Zeit noch viel mehr Menschen sterben – womöglich sogar Millionen Menschen, die in chaotischen und schlecht ausgestatteten Flüchtlingslagern leben. Darüber hinaus könnte das Virus endemisch werden, also in bestimmten Regionen immer wieder auftreten.

Die chinesische Stadt Wuhan ist momentan in Woche 18 oder 20 einer 20- bis 22-wöchigen Epidemie. Allmählich bessert sich dort die Lage. Norditalien könnte jetzt in Woche elf bis dreizehn sein, während Großbritannien sich in Woche acht oder neun befindet. Die anfälligen Länder Afrikas oder Mittel- und Südamerikas sind allerdings erst in der ersten bis fünften Woche – ganz am Anfang ihres epidemischen Zyklus.

Um eine Pandemie unter Kontrolle zu bringen, müssen die schwächsten Glieder der Kette gestärkt werden – in den einzelnen Krankenhäusern, den örtlichen Gemeinschaften, den Ländern und in der ganzen Welt. Daher liegt es im Interesse aller, die schwachen Gesundheitssysteme schnellstens zu stärken, damit sie nicht nur die anstehende Flut von Fällen bewältigen können, sondern auch auf zukünftige Wellen von Covid-19 und ähnlichen Viren vorbereitet sind.

Solche Bemühungen müssen nicht nur schnell und in großem Umfang stattfinden, sondern auch die schlimmsten Szenarien berücksichtigen. Die Politiker müssen aktuelle Forschungsergebnisse beachten und mit steilen Lernkurven umgehen können. Die Kosten einer entschlossenen Reaktion sind gering im Vergleich mit jenen, die aufgrund von Zögern oder Fehlern auf uns zu kämen.

Graues Feld, auf dem steht: Hände waschen nicht vergessen!

Und natürlich auch Abstand halten, nicht in Gruppen feiern... DGB

Bei der Koordinierung von Maßnahmen müssen die G-20 die Initiative ergreifen, wie sie es bereits nach der weltweiten Finanzkrise von 2008 getan haben. Auf ihrem Londoner Gipfel von 2009 einigten sie sich auf einen gemeinsamen Handlungsplan mit wichtigen Akteuren und stellten sicher, dass das globale System weiterhin funktionsfähig blieb. Ein ähnlicher Ansatz ist auch heute erforderlich.

Wir kämpfen nicht nur gegen eine Epidemie, sondern auch gegen eine Infodemie

Zunächst müssen die Bemühungen um die Entwicklung und Verteilung eines Impfstoffs durch eine globale Strategie unterstützt werden. Bereits heute hat die Covid-19-Pandemie den schnellsten Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse in der menschlichen Geschichte mit sich gebracht, und Fachmagazine haben entsprechende Artikel kostenlos zugänglich gemacht.

Es ist nicht garantiert, dass ein Impfstoff gefunden wird. Selbst für die normale Erkältung haben wir noch keinen. Wird aber eine Corona-Impfstoff entwickelt, muss er in großen Mengen produziert und global verteilt werden. Auf keinen Fall darf ein Land – wie die USA – die Exklusivrechte an Impfstoffen kaufen.

Zu einer effektiven globalen Strategie gehört auch gesundheitliche Aufklärung. Wie es Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im letzten Monat auf der Münchener Sicherheitskonferenz ausdrückte: „Wir kämpfen nicht nur gegen eine Epidemie, sondern auch gegen eine Infodemie“. Sie kann genauso zerstörerisch sein wie das Virus selbst, besonders in Ländern mit schwächeren Institutionen. Der aktuelle Fokus auf die Gesundheit bietet eine seltene Gelegenheit, wirkungsvoll in solche Aufklärungsmaßnahmen zu investieren.

Um Erfolg zu haben, müssen die Regierungen der G-20 auf internationale Organisationen hören und mit ihnen zusammenarbeiten – in erster Linie mit der WHO. Diese wurde jüngst heftig kritisiert, wie bereits während früherer Epidemien, aber ein großer Teil dieser Kritik ist fehlgeleitet, schlecht informiert und kontraproduktiv. Die Weltgesundheitsorganisation bleibt die einzige Einrichtung, die bei globalen Gesundheitsthemen die Führung übernehmen kann und genug Vertrauen genießt, um intervenieren zu können. Wenn wir sie untergraben, tun wir das auf eigene Gefahr.

Karte mit den Zahlen von Corona-Fällen für Deutschland, links in einer Tabelle für Bundesländer aufgeschlüsselt.

Aktuelle Zahlen zu der Covid-19-Pandemie in Deutschland, die das Robert-Koch-Institut veröffentlicht hat. Die Karte wird täglich aktualisiert - und ist auch für Landkreise verfügbar. DGB/RKI

Was die Wirtschaft betrifft, hat der Internationale Währungsfonds (IWF) versprochen, über seine schnell auszahlenden Notfallfinanzierungsmechanismen etwa 50 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen. Bereits während der westafrikanischen Ebola-Epidemie hatte der IWF von 2014-2016 wichtige Mittel bereitgestellt. Die Weltbank, die bei gesundheitspolitischen Unterstützungsmaßnahmen in einer guten Tradition steht, hat ein erstes Paket von bis zu 12 Milliarden Dollar angekündigt, um betroffene Länder sofort unterstützen zu können.

Auch der private Sektor muss in der Covid-19-Krise finanziell helfen

Schließlich muss sich der private und wohltätige Sektor am Kampf beteiligen. Bereits jetzt hat der Wellcome Trust gemeinsam mit der Mastercard-Stiftung und der Stiftung von Bill und Melinda Gates ein Covid-19-Therapiebeschleunigungsprogramm angekündigt. Es geht um eine 125-Millionen-Dollar-Initiative, die Behandlungsmöglichkeiten gegen das Virus finden, ihre Entwicklung beschleunigen und die Herstellung von Millionen Behandlungsdosen für die weltweiten Einsatz vorbereiten soll. Auch öffentlich-private Partnerschaften wie die Koalition für Innovationen zur epidemischen Vorbereitung und die Impfallianz Gavi, die die Entwicklung und Verbreitung von Impfungen unterstützen, müssen aktiviert werden.

Trotzdem bleibt eine massive Finanzierungslücke übrig. Das Global Preparedness Monitoring Board hat mindestens acht Milliarden Dollar an Sofortfinanzierungsmaßnahmen gefordert – darunter eine Milliarde, um die Notfallvorbereitung der WHO zu stärken, 250 Millionen für Überwachung und Kontrollmechanismen, zwei Milliarden zur Entwicklung von Impfstoffen, eine Milliarde für deren dezentrale Herstellung und Bereitstellung sowie 1,5 Milliarden für Medikamente zur Behandlung von Covid-19.

Die Finanzminister der G-20 müssen die nötigen Ressourcen noch vor ihrem nächsten regulären Treffen im April bereitstellen. Verglichen mit den sozialen und wirtschaftlichen Kosten der Untätigkeit sind die erforderlichen Investitionen minimal. Und eine effektive gemeinsame Reaktion könnte die Grundlage für einen neuen, geschickteren Multilateralismus legen, der viel besser dafür gerüstet ist, globale Herausforderungen zu bewältigen – vom Klimawandel bis hin zur nächsten Pandemie.

Wie effektiv wir die Covid-19-Pandemie bekämpfen, wird letztlich von den Historikern der Zukunft bewertet werden. Und ziehen die Politiker aus aller Welt nicht an einem Strang, wird diese Bewertung nicht sehr freundlich ausfallen.

 


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Erik Berglöf
Erik Berglöf ist Direktor des Instituts für Internationale Angelegenheiten an der London School of Economics and Political Science.
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