Deutscher Gewerkschaftsbund

26.07.2022

Die Linken und die Künste

Radikale Ideen, progressive Politik und avantgardistische Künste bilden ein Kraftfeld, das gemeinsam auf den Zeitgeist einwirkt. Ohne diese Allianz kann das pessimistische Zeitgefühl nicht überwunden werden.

Ein Bild vom Karl-Marx-Hof im "roten Wien"

Demokratisches Fundament: Der Karl-Marx-Hof im "roten Wien". Ästhetiken, die den Anspruch verfolgen, Schönheit in die Welt der einfachen Leute zu bringen. wikimedia commons / Dreizung / cropped

Linke und progressive Parteien gewinnen auch heute Wahlen, doch nur selten sind es strategische Mehrheiten, die sie erringen, oft richtiggehend überraschende Wahlsiege, und praktisch nie ist es ein progressiver Zeitgeist, der Linksparteien nach oben trägt. Keine linke „Hegemonie“, über die man in früheren Zeiten noch in Anschluss an Antonio Gramsci diskutierte, noch nicht einmal eine gesellschaftliche Atmosphäre der „Modernisierung“ und ein Geist des Optimismus und des fortschrittlichen Veränderungspathos.

Bisweilen repräsentieren Linksparteien beinahe das Gegenteil, sprechen das „Bedürfnis nach Sicherheit“ an. Die zeitgenössischen Gesellschaften sind von einem Grundgefühl des Pessimismus geprägt. Von utopischem Bewusstsein keine Spur, dagegen überall eher ein Geist der Dystopie. Mit Pandemie, Krieg in Europa, besorgniserregenden Aussichten, gefährdeten Versorgungsketten – allen voran für Gas, Strom, Energie generell – frisst sich Angst in unsere Gesellschaften hinein, aber auf diesen Grundton waren sie letztendlich schon vorher gestimmt.

Utopischer „Zeitgeist“: mächtigster Verbündeter progressiver Politik

Dass technologischer Fortschritt, gesellschaftlicher Wandel und der historische Prozess mächtige Potentiale zur Verbesserung des Lebens, zur Hebung der Kultur, zur Befreiung aus Zwängen, Gewohnheiten und Konventionen bietet, dass die Lebenswelten aller Menschen reicher und schöner werden, dass die Aussicht besteht, dass „alle Menschen Brüder“ werden – dieses Bewusstsein war einmal mächtig, aber von ihm ist heute recht wenig zu spürten.

Dabei ist ein solcher „Zeitgeist“ der mächtigste Verbündete progressiver Ideen und progressiver Politik.

Nun sind es selten Parteien, die einen Zeitgeist schaffen. Es ist die Kunst und die Kultur, es sind die gesellschaftlichen Diskurse, das System der Medien, es ist der Wandel in der Alltagskultur, aber auch in den Ideenwelten. Vieles davon geschieht einfach „irgendwie“, als Summe von Kraftfeldern, die niemand steuern kann. Das, was wir gewohnheitsmäßig den Zeitgeist nennen, ist eher eine Atmosphäre, oder gar eine Summe von Atmosphären, die aufeinander einwirken. Dennoch können linke Bewegungen auf ihn Einfluss nehmen, durch Bündnisse mit den Künsten, durch Kulturarbeit, durch Beeinflussung der Ideenwelten.

Geschwungenes Geländer. Ein Foto des Treppenaufgangs im Museum des Kubismus in Prag.

Treppenaufgang im Museum des Kubismus in Prag: Revolution drückte sich in neuen Wahrnehmungs- und Darstellungsformen aus. wikimedia commons / Txllxt TxllxT / cropped

Die Geschichte des Fortschritts, von Demokratisierung, von Modernisierung und Reform ist mit den avancierten Künsten verbunden, aber auch mit den Arbeiterbewegungen. Die frühen Arbeiterbewegungen haben sich nicht nur für höhere Löhne und mehr Arbeiterrechte eingesetzt, sie haben auch Arbeiterbildungsvereine gegründet. Sie waren Kulturbewegungen. Sie waren auch personell eng verbunden mit der künstlerischen Boheme und Avantgarde ihrer Zeit. Die Kritik am Kapitalismus, wie sie die Marxisten übten, war verbunden mit einer antibourgeoisen Ästhetik in der Kunst, denken wir nur an Charles Baudelaire oder Gustave Flaubert, der bestimmt kein Linker war, aber die konservative Bürgerwelt mit einer Gehässigkeit kritisierte wie kaum jemand anders.

Das große Beginnergefühl: ein freieres, besseres und gerechteres Morgen

Die avancierten, radikalen Künste waren von einer Leidenschaft für das Neue erfüllt und bekämpften das Alte, und schufen neue Darstellungsweisen und auch neue Seh- und Wahrnehmungsformen. Eine Revolution jagte die andere, von den Impressionisten über die Fauves bis zu Picasso und die Kubisten und dann den Konstruktivismus und die gänzliche Abstraktion. Der Individualismus mit seinem Paradigma von Kreativität war über weite Strecken der Geschichte eng verbunden mit der Gleichheitsidee der Sozialisten und der Forderung nach Freiheit, denn die Grundidee war, dass alle Menschen die gleiche Chance haben sollen, ihre Talente in Freiheit zu entwickeln, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Kritik an toten Konventionen und Konformismus, aber auch an den Entfremdungserfahrungen des modernen Lebens waren stets tief verankert in der linken Kulturgeschichte. Das „Leben“ selbst war eine Schlüsselvokabel, im Sinne eines reicheren, erfüllteren Lebens. Mit der verstaubten Vergangenheit muss aufgeräumt werden, man braucht die „Tabula Rasa“, sagte Bert Brecht, das große „Beginnergefühl“. Und bis in die sechziger, siebziger Jahre waren progressive Kultur- und Protestbewegungen, Darstellungsrevolutionen in den avantgardistischen Künsten und linke Politik ein Kraftfeld, die den Zeitgeist gemeinsam prägten. Im Hintergrund wirkte so etwas wie ein anthropologischer Optimismus, dass das Morgen freier, besser, gerechter und interessanter sein würde als das Heute.

Die Geschichte progressiver Bewegungen ist eine Geschichte eigentümlicher Wechselwirkungen: Wechselwirkungen zwischen revolutionären Ideen und Theorien, dem neuen Wissen, aber auch dem „Zeitgeist“ im Sinne von verdichteten Atmosphären, großen historischen Epochebrüchen, den Erfolgen linker Parteien und der künstlerischen Produktion, die Sehweisen und Formensprachen revolutioniert und dann allmählich in den Alltag sickert. Erst die Verstärkungen und Feedback-Schleifen zwischen diesen Kraftfeldern und Vektoren sorgen für historischen Schwung.

Betrachten wir die Geschichte der vergangenen zweihundert Jahre, dann ist der Beitrag der modernen, avancierten und radikalen Künste ein Vielfältiger:

Sie setzten die bürgerlichen Lebensweisen, Kapitalismus und Kommerzgeist einer beißenden Kritik aus. Schon ein schonungsloser Realismus unterminierte die herrschenden Lebensweisen, auch, wenn er sie nur nüchtern beschrieb, so wie Flaubert, der vom „Modergeruch dieser Greise“ sprach, wenn er die Welt der „Stützen der Gesellschaft“ beschrieb.

Die Künste, voran die Literatur, entwickelten aber auch eine Sprache für radikale, gesellschaftsverändernde Politik, wie der große Heinrich Heine mit seiner literarischen Wucht.

Radikale Kunst revolutionierte überdies Sprachformen und Formensprachen, Schreibweisen, in der Poesie, vom Symbolismus bis zu den Erzählformen eines James Joyce und bis zu den Textflächen einer Elfriede Jelinek, deren Sprache darauf abzielt, herrschende Diskurse zu „stören“.

„Das Neue“ selbst wird zum Schlachtruf. Die Künste sind eine eigene Art von Seismograph – einer, der die tektonischen Verschiebungen erspürt, aber sie zugleich auch mit verursacht.

Cover von "Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution" von Robert Misik

Robert Misik, Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution, Suhrkamp, Berlin, 2022, 284 Seiten, 18,00 Euro Suhrkamp

Neue Ästhetiken waren von der Idee einer neuen Welt getragen

In diesen Prozessen werden herrschende Konventionen und routinisierte Formensprachen „dekonstruiert“, aber zugleich auch neue Formen geschaffen. In den bildenden Künsten ist es über das impressionistische „Flimmern“, die Abkehr von der Kopie der Wirklichkeit hin zur Darstellung einer „verarbeiteten Wirklichkeit“, also zum Ausdruck dessen, wie der Künstler oder die Künstlerin die Welt wahrnimmt, eine ähnliche Bewegung. Nicht das Objekt wird dargestellt, sondern seine Wirkung. Wie das alles aufeinander einwirkt, ist atemberaubend. Picasso und Freunde entwickeln in einer der größten künstlerischen Revolutionen innerhalb von wenigen Jahren neue Seh- und Darstellungsweisen, den Kubismus, und es geht dann gleich weiter in die vollständige Abstraktion und den Pathos geometrischer Formen und Farbflächen. Architektur und Städtebau entwickeln zeitgleich Bauweisen für die moderne Stadt, die auch von den technischen Fortschritten getragen sind, von Stahl-und-Beton-Konstruktionen, teilweise Spill-Overs des Eisenbahnbaus sind (man denke an den Eifelturm), denen der moderne öffentliche Verkehr neue Möglichkeiten erschafft (durch schnelle Mobilität), die aber nicht nur Technik verarbeiten, sondern sofort eine neue Ästhetik schaffen. Dass die kubistische Revolution zugleich mit dem Wirken von Architekten wie Peter Behrens, Ludwig Mies van der Rohe, Adolf Loos, der Bauhaus-Schule, Frank Lloyd Wright in den USA einher geht und dem konstruktivistischen Schulen in Russland – all das ist keine zufällige zeitliche Koinzidenz. Diese neuen Ästhetiken waren getragen von Ideen einer neuen Welt, von Demokratie, einer egalitären Kultur, dem Anspruch, Schönheit in die Welt der einfachen Leute zu bringen. In den Gemeindebauten des „Roten Wien“ wird das genauso verwirklicht wie in Loos‘ Siedlungsbauten, in den Werkbundsiedlungen und in den großen Bau-Laboratorien wie der Stuttgarter Weissenhofsiedlung. Ästhetiken des „International Style“ sind bis heute mehr als ein Echo einer solchen „Kunst des Volkes für das Volk“.

Natürlich sind das immer große Auf- und Abbewegungen und Wellen, es gibt nicht nur die konservativen Widerstände und Gegenrevolutionen, sondern auch mächtige Tendenzen, den revolutionären Erneuerungen den Zahn zu ziehen. Architektonische Formensprachen, die der Gemeinschaft der Vielen dienen sollten, werden für die Geschmäcker der privilegierten Wenigen ausgebeutet und landen in der Welt von „schöner Wohnen“. Die avantgardistischen Gegenkulturen von Dada über den abstrakten Expressionismus, von Pop-Art bis Hippies werden kommerzialisiert. Theater, das einmal provozierte, landet in der Kunstfalle, wie das Heiner Müller nannte. Auf die Bühne gebracht, sind Kritik und sogar Skandale auch nur mehr ein Bühneneffekt, zu dem die oberen Klassen applaudieren. Das sind Ambiguitäten, die sich teilweise auch als Fluch des Erfolges beschreiben lassen – alles wahr.

Aber radikale neue Ideen und Impulse aus der Kunstwelt haben die ie Geschichte der progressiven politischen Bewegungen geschrieben. Sie haben ihre Spuren in den Kulturen der Alltagswelten hinterlassen. Ohne diese Wechselwirkung ist deren Zukunft nicht denkbar. Linke Politik und radikale Künste müssen ihre Allianz erneuern, um einen pessimistischen Zeitgeist zu überwinden.


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Kurzprofil

Robert Misik
ist ein österreichischer Publizist und Journalist, der sich seit Jahrzehnten mit der Sozialdemokratie in Europa beschäftigt. 1992 bis 1997 war er Korrespondent des Nachrichtenmagazins Profil in Berlin.

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