Deutscher Gewerkschaftsbund

02.04.2012

Zur Geschichte der tunesischen Gewerkschaftsbewegung

Teil I

Am 14. Dezember 2010 übergoss sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi mit Benzin und setzte sich aus Protest gegen fortwährende Schikanen und Demütigungen der tunesischen Behörden in Brand. Am 4. Januar 2011 erlag er seinen Verletzungen. Seine Tat löste massive Proteste und Unruhen im ganzen Land aus und bildete den Auftakt zur tunesischen Revolution und damit zum Arabischen Frühling. Am 14. Januar 2011 setzte sich der tunesische Präsident Zine el-Abidine Ben Ali nach 23-jähriger Regentschaft fluchtartig nach Saudi-Arabien ab.

Maßgeblich für den raschen Erfolg der „Jasmin-Revolution“ war nach Ansicht vieler Beobachter nicht zuletzt das Engagement zahlreicher Funktionäre und Kader der in der „Union Générale des Travailleurs Tunisiens“ (UGTT) zusammengeschlossenen Gewerkschaftsbewegung des Landes.[1] Ihre lokalen und regionalen Gliederungen, insbesondere im Süden des Landes, hatte das Regime nie vollständig in den Griff bekommen. Am Tag des Sturzes von Ben Ali beteiligte sich die UGTT an einem zweistündigen Generalstreik, um gegen das gewaltsame Vorgehen der Regierung gegen den Volksaufstand zu protestieren.[2]

 

Der Artikel versucht in zwei Teilen einen Überblick über die bis in die 1920er Jahre zurückreichende Geschichte der tunesischen Gewerkschaftsbewegung zu geben, ohne den ihre Rolle als zivilgesellschaftlicher Akteur im neuen Tunesien nicht verstanden werden kann.

 

Muhammed Ali El Hammi, Tahar Haddad und die erste Gründung einer tunesischen Gewerkschaftsorganisation[3]

Die organisatorischen Anfänge der tunesischen Gewerkschaften reichen bis in die 1920er Jahre zurück und sind aufs engste mit den Namen Muhammed Ali El Hammi (1890-1928) und Tahar Haddad (1899-1935) verknüpft. Der von den tunesischen Gewerkschaften heute noch als ihr „Gründervater“ angesehene Muhammed Ali wurde 1890 in El Hammi im Süden des Landes geboren und hatte seine berufliche Karriere 1908 als persönlicher Chauffeur des ungarischen Botschafters in Tunis begonnen. Zwischen 1911 und 1920 bereiste er die nordafrikanischen Staaten und die Türkei. 1920 kam er nach Berlin, um an der dortigen Friedrich-Wilhelms-Universität ein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften aufzunehmen. Seine Seminare belegte er bei einer Reihe sozialreformerischer, zum Teil der Sozialdemokratie nahestehender Hochschullehrer. Insbesondere mit den verschiedenen Formen der Selbsthilfe der Arbeiterschaft beschäftigte er sich intensiv, und die von August Müller abgehaltenen Kurse über das deutsche Genossenschaftswesen – besonders in der Landwirtschaft – übten einen nachhaltigen Einfluss auf ihn aus.[4]

Nach seiner Rückkehr nach Tunis im März 1924 knüpfte er Kontakte zu führenden Vertretern der tunesischen Unabhängigkeitsbewegung wie Habib Bourguiba und Tahar Sfar. Deren Ideen inspirierten ihn zunächst für die Gründung einer Kreditgenossenschaft. Besonders enge Kontakte verbanden ihn mit dem Religionsgelehrten und Journalisten Tahar Haddad, der in den folgenden Jahren mit bemerkenswert aufgeklärten Publikationen über die tunesische Arbeiterbewegung und über die Rolle der Frau in der tunesischen Gesellschaft in Erscheinung treten sollte.[5] Dem politischen Denken Haddads wird gerade in der 'Frauenfrage' eine erhebliche Fernwirkung zugeschrieben. Der nach der Unabhängigkeit im Jahr 1957 in Kraft getretene „Code du statut personnel (CSP) stellte einen Meilenstein in der juristischen Gleichstellung nicht nur der tunesischen Frauen dar und fußt in weiten Teilen auf den Forderungen, die Haddad 20 Jahre zuvor erhoben hatte.[6]

Noch im Jahr 1924 entstand auf Initiative der Gruppe unter Führung Muhammed Alis mit der „Mutuelle économique tunisienne“ die erste Genossenschaft des Landes.[7] Als im Sommer desselben Jahres die Hafenarbeiter von Tunis in einen Streik traten, um höhere Löhne zu erkämpfen, sahen Muhammed Ali und  Tahar Haddad die Stunde für die Gründung einer nationalen Gewerkschaftsbewegung gekommen. Obwohl Leon Jouhaux, der Generalsekretär der französischen Confédération Générale des Travailleurs (CGT), persönlich bei Muhammed Ali und seinen Freunden intervenierte, um sie von ihrem „separatistischen“ Projekt abzubringen,[8] wurde am 3. Dezember des Jahres die Confédération Générale des Travailleurs Tunisiens (CGTT) gegründet - der erste unabhängige Gewerkschaftsbund im französischen Kolonialreich überhaupt. Der Dachverband wollte die tunesischen Arbeitnehmer nach Branchen und Berufen zusammenfassen. Am 19. Januar 1925 hielt die CGTT ihren ersten Kongress ab, der sich umgehend mit dem zeitgleich ausgebrochenen Streik der Zementarbeiter von Hammam-Lif und einer Revolte der Landarbeiter solidarisierte.[9]

Unterdrückung der CGTT

Die Gründung der CGTT und ihre Unterstützung der Streikbewegungen provozierte allerdings eine umgehende Reaktion der französischen Kolonialverwaltung. Schon am 29. Januar 1925 kündigte der französische Ministerpräsident Herriot Maßnahmen gegen die CGTT und ihre Funktionäre an. Den Initiatoren der neuen Organisation wurden zugleich Spionage für Deutschland und kommunistische Umsturzversuche unterstellt. Wortführende Aktivisten wurden verhaftet, abgeurteilt und des Landes verwiesen. Muhammed Ali wurde zu einem zehnjährigen Exil verurteilt; er emigrierte schließlich nach mehreren Zwischenstationen auf die arabische Halbinsel, wo er 1928 in der Nähe von Dschidda bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen sein soll.[10]

Mit der Zerschlagung der CGTT endet das erste Kapitel der tunesischen Gewerkschaftsgeschichte; die Wiedergründung der Organisation im Jahr 1937 durch Belgacem Guenaoui scheiterte schon im April 1938 an einem neuerlichen Verbot der französischen Regierung. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelang unter veränderten politischen Rahmenbedingungen 1946 die Gründung der heutigen UGTT.

Gründung der UGTT

Nach der Kapitulation Frankreichs 1940 behinderte das Vichy-Regime auch in Tunesien jedwede gewerkschaftliche Betätigung. Erst die Niederlage der Achsenmächte in Nordafrika (nach der Schlacht von Tunesien im März 1943) bot auch den Gewerkschaften neue Entfaltungsmöglichkeiten. Im November 1944 kam es dann auf Initiative Farhat Hacheds[11] – der später zu einer im öffentlichen Bewusstsein der Tunesier fortlebenden Ikone des Unabhängigkeitskampfes avancieren sollte –  im Süden des Landes zur Gründung einer ersten unabhängigen, regionalen „Gewerkschaftsunion von Sfax“ (die Stadt bildet noch heute den wirtschaftlichen Mittelpunkt Südtunesiens). Kurz zuvor waren Hached und andere gewerkschaftliche Aktivisten aus der tunesischen Sektion der französischen CGT ausgetreten. Analog zu der Union von Sfax gründeten Hached und seine Mitstreiter 1945 in Tunis die „Union unabhängiger Gewerkschaften des Nordens“. Am 20. Januar 1946 vollzog der Gründungskongress der UGTT dann den Zusammenschluss dieser beiden Regionalorganisationen. Die versammelten Delegierten wählten Hached zum ersten Generalsekretär.

Arbeitskämpfe

In den ersten Jahren sah sich die UGTT vor die  Aufgabe gestellt, konkrete Verbesserungen der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Arbeiterschaft durchzusetzen. Tatsächlich führte bereits im Folgejahr eine ganze Streikserie zu hart erkämpften Lohnerhöhungen in verschiedenen Branchen.  Dann kam es in einigen Orten zu Zusammenstößen mit den französischen Kolonialtruppen. Bei Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und der Armee wurden allein in Sfax 30 Gewerkschafter getötet. Trotz des harten Vorgehens der Protektoratsverwaltung gegen die Arbeitsniederlegungen und der Verhaftung zahlreicher Gewerkschaftsaktivisten führten 1948 und 1950 neuerliche Streiks zu weiteren Lohnerfolgen. Erstmals gelang es dabei der UGTT auch die Lage der gerade im Süden des Landes in den ärmlichsten Verhältnissen lebenden Menschen zu verbessern.[12]Allein im November 1950 waren während der Erntezeit 23 Landarbeiterstreiks erfolgreich und führten zu fühlbaren Einkommenssteigerungen. Damit konnte die UGTT, deren Einfluss sich zunächst hauptsächlich auf die Hafen- und Bergarbeiter erstreckte, ihre Attraktivität auf die mit Abstand größte Gruppe der tunesischen Arbeiterschaft steigern.[13]

Kampf um die Unabhängigkeit

Auf der politischen Ebene entwickelte sich die UGTT parallel zur von Habib Bourguiba geführten Neo-Destour-Partei, dem wichtigsten Protagonisten im tunesischen Unabhängigkeitskampf. Farhat Hached unternahm im Auftrag seiner Organisation mehrere Reisen nach Europa und in die USA, um die Weltöffentlichkeit auf die Anliegen der tunesischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Den Anschluss der UGTT an den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) nutze Hached geschickt, um die Unterstützung der internationalen Gewerkschaftsbewegung für die Sache der Tunesier zu gewinnen. Als stellvertretendes Mitglied des Exekutivausschusses bot ihm der IBFG zudem einen gewissen Schutz vor Repressalien der französischen Besatzungsbehörden. Nach der Internierung Bourguibas und der Verhaftung von rund 150 führenden Mitgliedern der Destour-Partei im Januar 1952 kam es im ganzen Land zu Protesten, Unruhen und bewaffneten Attacken auf die Einrichtungen der Kolonialverwaltung und der Armee, die das ganze Jahr über dauerten. Hached avancierte spätestens jetzt zur unumstrittenen Führungsfigur, zur „Seele“ des tunesischen Unabhängigkeitskampfes.[14]

Am 5. Dezember 1952 wurde Hached bei einer Autofahrt in der Nähe von Tunis von Angehörigen der kolonialistischen Terrorgruppe „Rote Hand“ (Main Rouge) ermordet. Die – bis heute ungesühnte – Tat löste Proteste und Streiks von Kairo bis Casablanca aus.[15] Unterdrücken konnte die französische Regierung den Unabhängigkeitskampf der Tunesier nicht mehr. Am 3. Juni 1955 erhielt das ehemalige Protektorat die innere Autonomie, am 20. März 1956 erkannte Frankreich schließlich die Unabhängigkeit Tunesiens an. In die erste unabhängige Regierung unter Habib Bourguiba trat auch Ahmed ben Salah ein, der die UGTT zuvor beim IBFG in Brüssel vertreten hatte und der 1954 zum Generalsekretär der Organisation gewählt worden war. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Geschichte Tunesiens durch die UGTT in entscheidender Weise mitgeprägt. Dabei fungierten die tunesischen Gewerkschaften in den verschiedenen Phasen nach der Unabhängigkeit sowohl als Gegenmacht wie als Ordnungsfaktor eines schnell in den Autoritarismus abgleitenden Regimes.

Mit der Unabhängigkeit 1956 und im weiteren mit der Rolle der Gewerkschaften in der „Jasmin-Revolution“ geht es in Teil II in Kürze weiter.

 


[1]   Vgl. „UGTT, le syndicat qui a politisé la 'Révolution du jasmin'," in: Jeune Afrique vom 20.01.2011 <http://www.jeuneafrique.com/actu/20110120T150134Z20110120T150  023Z/>.

[2]   Vgl. hierzu z.B. die Nachricht der Internationale Union der Lebensmittel- und LandarbeitnehmerInnen (IUL) vom 18. Januar 2011: „Die UGTT unterstützt die Proteste in Tunesien mit Streiks“ <http://cms.iuf.org/?q=de/node/705>.

[3]   Zu Muhammed Ali vgl. Gerhard Höpp (édité et complété par Joshua Rogers et Kathrin Wittler), Muhammed Ali à Berlin, herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Tunis 2009. Die Broschüre findet sich auch im Internet:

http://festunis.org/media/2010/Publications/10_WEB_Pub_FES_Ali.pdf

[4]   Ebd., S. 23.

[5]   Zu Haddad vgl. die jüngst erschienene Biographie von Iman Hajji, Ein Mann spricht für die Frauen: at-Tahir al-Haddad und seine Schrift 'Die tunesische Frau in Gesetz und Gesellschaft', (Islamkundliche Untersuchungen Bd. 291), Berlin 2009.

[6]   1956 nahm der erste Staatspräsident des unabhängigen Tunesien, Habib Bourguiba, die Thesen von Tahar Haddad als Grundlage für die Ausarbeitung des modernsten arabischen Familienrechts in der arabischen Welt. Neben dem Polygamieverbot und dem Verbot von Zwangsehen beinhaltete es auch die prinzipielle juristische Gleichstellung von Mann und Frau bei Scheidungen, eine Regelung, die in den 1950er Jahren nicht nur für die arabische Welt vorbildlich war; vgl. hierzu allgemein Hajji (gesamt) sowie Claude Liauzu, Habib Bourgiba, Héretier de Tahar Haddad et des militants réformistes des années 1920?, in: Michel Camau/Jellal Abdelkafi, Habib Bourguiba, la trace et l'héritage, Paris 2004, S. 21-28.

[7]   Vgl. Höpp, Muhammed Ali, S. 24f.

[8]   Vgl. ebd., S. 26; gewerkschaftliche Betätigung war in den französischen Protektoriatsgebieten keineswegs verboten. Um die Belange der tunesischen Arbeitskräfte kümmerte sich – jedenfalls in der Theorie – die tunesische Sektion des führenden französischen Gewerkschaftsbundes, der CGT. In der Praxis setzte sich diese jedoch wohl vornehmlich für die schmale Schicht der französischen Arbeitskräfte ein, die häufig als Vorarbeiter und Kolonnenführer ihre tunesischen Kollegen zu beaufsichtigen hatten.

[9]   Ebenda.

[10] Vgl. hierzu wiederum Höpp, Muhammed Ali, S. 28f.

[11] Zu Hached vgl. Abdelaziz Barrouhi, „Justice pour Farhat Hached“, in: Jeune Afrique vom 2.4.2010 <http://www.jeuneafrique.com/Article/ARTJAJA2567p048-049.xml0/>.

[12] Vgl. hierzu Werner Plum, Gewerkschaft und soziale Lage in Tunesien, in: Gewerkschaftliche Monatshefte (GMH) 11/1958, S. 679-683.

[13] Ebd., S. 679.

[14] Vgl. Gewerkschaftsrundschau, in: GMH 1/1953, S. 59.

[15] Vgl. ebenda.

Am 14. Dezember 2010 übergoss sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi mit Benzin und setzte sich aus Protest gegen fortwährende Schikanen und Demütigungen der tunesischen Behörden in Brand. Am 4. Januar 2011 erlag er seinen Verletzungen. Seine Tat löste massive Proteste und Unruhen im ganzen Land aus und bildete den Auftakt zur tunesischen Revolution und damit zum Arabischen Frühling. Am 14. Januar 2011 setzte sich der tunesische Präsident Zine el-Abidine Ben Ali nach 23-jähriger Regentschaft fluchtartig nach Saudi-Arabien ab.

Maßgeblich für den raschen Erfolg der „Jasmin-Revolution“ war nach Ansicht vieler Beobachter nicht zuletzt das Engagement zahlreicher Funktionäre und Kader der in der „Union Générale des Travailleurs Tunisiens“ (UGTT) zusammengeschlossenen Gewerkschaftsbewegung des Landes.[1] Ihre lokalen und regionalen Gliederungen, insbesondere im Süden des Landes, hatte das Regime nie vollständig in den Griff bekommen. Am Tag des Sturzes von Ben Ali beteiligte sich die UGTT an einem zweistündigen Generalstreik, um gegen das gewaltsame Vorgehen der Regierung gegen den Volksaufstand zu protestieren.[2]

 

Der Artikel versucht in zwei Teilen einen Überblick über die bis in die 1920er Jahre zurückreichende Geschichte der tunesischen Gewerkschaftsbewegung zu geben, ohne den ihre Rolle als zivilgesellschaftlicher Akteur im neuen Tunesien nicht verstanden werden kann.

 

Muhammed Ali El Hammi, Tahar Haddad und die erste Gründung einer tunesischen Gewerkschaftsorganisation[3]

Die organisatorischen Anfänge der tunesischen Gewerkschaften reichen bis in die 1920er Jahre zurück und sind aufs engste mit den Namen Muhammed Ali El Hammi (1890-1928) und Tahar Haddad (1899-1935) verknüpft. Der von den tunesischen Gewerkschaften heute noch als ihr „Gründervater“ angesehene Muhammed Ali wurde 1890 in El Hammi im Süden des Landes geboren und hatte seine berufliche Karriere 1908 als persönlicher Chauffeur des ungarischen Botschafters in Tunis begonnen. Zwischen 1911 und 1920 bereiste er die nordafrikanischen Staaten und die Türkei. 1920 kam er nach Berlin, um an der dortigen Friedrich-Wilhelms-Universität ein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften aufzunehmen. Seine Seminare belegte er bei einer Reihe sozialreformerischer, zum Teil der Sozialdemokratie nahestehender Hochschullehrer. Insbesondere mit den verschiedenen Formen der Selbsthilfe der Arbeiterschaft beschäftigte er sich intensiv, und die von August Müller abgehaltenen Kurse über das deutsche Genossenschaftswesen – besonders in der Landwirtschaft – übten einen nachhaltigen Einfluss auf ihn aus.[4]

Nach seiner Rückkehr nach Tunis im März 1924 knüpfte er Kontakte zu führenden Vertretern der tunesischen Unabhängigkeitsbewegung wie Habib Bourguiba und Tahar Sfar. Deren Ideen inspirierten ihn zunächst für die Gründung einer Kreditgenossenschaft. Besonders enge Kontakte verbanden ihn mit dem Religionsgelehrten und Journalisten Tahar Haddad, der in den folgenden Jahren mit bemerkenswert aufgeklärten Publikationen über die tunesische Arbeiterbewegung und über die Rolle der Frau in der tunesischen Gesellschaft in Erscheinung treten sollte.[5] Dem politischen Denken Haddads wird gerade in der 'Frauenfrage' eine erhebliche Fernwirkung zugeschrieben. Der nach der Unabhängigkeit im Jahr 1957 in Kraft getretene „Code du statut personnel (CSP) stellte einen Meilenstein in der juristischen Gleichstellung nicht nur der tunesischen Frauen dar und fußt in weiten Teilen auf den Forderungen, die Haddad 20 Jahre zuvor erhoben hatte.[6]

Noch im Jahr 1924 entstand auf Initiative der Gruppe unter Führung Muhammed Alis mit der „Mutuelle économique tunisienne“ die erste Genossenschaft des Landes.[7] Als im Sommer desselben Jahres die Hafenarbeiter von Tunis in einen Streik traten, um höhere Löhne zu erkämpfen, sahen Muhammed Ali und  Tahar Haddad die Stunde für die Gründung einer nationalen Gewerkschaftsbewegung gekommen. Obwohl Leon Jouhaux, der Generalsekretär der französischen Confédération Générale des Travailleurs (CGT), persönlich bei Muhammed Ali und seinen Freunden intervenierte, um sie von ihrem „separatistischen“ Projekt abzubringen,[8] wurde am 3. Dezember des Jahres die Confédération Générale des Travailleurs Tunisiens (CGTT) gegründet - der erste unabhängige Gewerkschaftsbund im französischen Kolonialreich überhaupt. Der Dachverband wollte die tunesischen Arbeitnehmer nach Branchen und Berufen zusammenfassen. Am 19. Januar 1925 hielt die CGTT ihren ersten Kongress ab, der sich umgehend mit dem zeitgleich ausgebrochenen Streik der Zementarbeiter von Hammam-Lif und einer Revolte der Landarbeiter solidarisierte.[9]

Unterdrückung der CGTT

Die Gründung der CGTT und ihre Unterstützung der Streikbewegungen provozierte allerdings eine umgehende Reaktion der französischen Kolonialverwaltung. Schon am 29. Januar 1925 kündigte der französische Ministerpräsident Herriot Maßnahmen gegen die CGTT und ihre Funktionäre an. Den Initiatoren der neuen Organisation wurden zugleich Spionage für Deutschland und kommunistische Umsturzversuche unterstellt. Wortführende Aktivisten wurden verhaftet, abgeurteilt und des Landes verwiesen. Muhammed Ali wurde zu einem zehnjährigen Exil verurteilt; er emigrierte schließlich nach mehreren Zwischenstationen auf die arabische Halbinsel, wo er 1928 in der Nähe von Dschidda bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen sein soll.[10]

Mit der Zerschlagung der CGTT endet das erste Kapitel der tunesischen Gewerkschaftsgeschichte; die Wiedergründung der Organisation im Jahr 1937 durch Belgacem Guenaoui scheiterte schon im April 1938 an einem neuerlichen Verbot der französischen Regierung. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelang unter veränderten politischen Rahmenbedingungen 1946 die Gründung der heutigen UGTT.

Gründung der UGTT

Nach der Kapitulation Frankreichs 1940 behinderte das Vichy-Regime auch in Tunesien jedwede gewerkschaftliche Betätigung. Erst die Niederlage der Achsenmächte in Nordafrika (nach der Schlacht von Tunesien im März 1943) bot auch den Gewerkschaften neue Entfaltungsmöglichkeiten. Im November 1944 kam es dann auf Initiative Farhat Hacheds[11] – der später zu einer im öffentlichen Bewusstsein der Tunesier fortlebenden Ikone des Unabhängigkeitskampfes avancieren sollte –  im Süden des Landes zur Gründung einer ersten unabhängigen, regionalen „Gewerkschaftsunion von Sfax“ (die Stadt bildet noch heute den wirtschaftlichen Mittelpunkt Südtunesiens). Kurz zuvor waren Hached und andere gewerkschaftliche Aktivisten aus der tunesischen Sektion der französischen CGT ausgetreten. Analog zu der Union von Sfax gründeten Hached und seine Mitstreiter 1945 in Tunis die „Union unabhängiger Gewerkschaften des Nordens“. Am 20. Januar 1946 vollzog der Gründungskongress der UGTT dann den Zusammenschluss dieser beiden Regionalorganisationen. Die versammelten Delegierten wählten Hached zum ersten Generalsekretär.

Arbeitskämpfe

In den ersten Jahren sah sich die UGTT vor die  Aufgabe gestellt, konkrete Verbesserungen der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Arbeiterschaft durchzusetzen. Tatsächlich führte bereits im Folgejahr eine ganze Streikserie zu hart erkämpften Lohnerhöhungen in verschiedenen Branchen.  Dann kam es in einigen Orten zu Zusammenstößen mit den französischen Kolonialtruppen. Bei Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und der Armee wurden allein in Sfax 30 Gewerkschafter getötet. Trotz des harten Vorgehens der Protektoratsverwaltung gegen die Arbeitsniederlegungen und der Verhaftung zahlreicher Gewerkschaftsaktivisten führten 1948 und 1950 neuerliche Streiks zu weiteren Lohnerfolgen. Erstmals gelang es dabei der UGTT auch die Lage der gerade im Süden des Landes in den ärmlichsten Verhältnissen lebenden Menschen zu verbessern.[12]Allein im November 1950 waren während der Erntezeit 23 Landarbeiterstreiks erfolgreich und führten zu fühlbaren Einkommenssteigerungen. Damit konnte die UGTT, deren Einfluss sich zunächst hauptsächlich auf die Hafen- und Bergarbeiter erstreckte, ihre Attraktivität auf die mit Abstand größte Gruppe der tunesischen Arbeiterschaft steigern.[13]

Kampf um die Unabhängigkeit

Auf der politischen Ebene entwickelte sich die UGTT parallel zur von Habib Bourguiba geführten Neo-Destour-Partei, dem wichtigsten Protagonisten im tunesischen Unabhängigkeitskampf. Farhat Hached unternahm im Auftrag seiner Organisation mehrere Reisen nach Europa und in die USA, um die Weltöffentlichkeit auf die Anliegen der tunesischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Den Anschluss der UGTT an den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) nutze Hached geschickt, um die Unterstützung der internationalen Gewerkschaftsbewegung für die Sache der Tunesier zu gewinnen. Als stellvertretendes Mitglied des Exekutivausschusses bot ihm der IBFG zudem einen gewissen Schutz vor Repressalien der französischen Besatzungsbehörden. Nach der Internierung Bourguibas und der Verhaftung von rund 150 führenden Mitgliedern der Destour-Partei im Januar 1952 kam es im ganzen Land zu Protesten, Unruhen und bewaffneten Attacken auf die Einrichtungen der Kolonialverwaltung und der Armee, die das ganze Jahr über dauerten. Hached avancierte spätestens jetzt zur unumstrittenen Führungsfigur, zur „Seele“ des tunesischen Unabhängigkeitskampfes.[14]

Am 5. Dezember 1952 wurde Hached bei einer Autofahrt in der Nähe von Tunis von Angehörigen der kolonialistischen Terrorgruppe „Rote Hand“ (Main Rouge) ermordet. Die – bis heute ungesühnte – Tat löste Proteste und Streiks von Kairo bis Casablanca aus.[15] Unterdrücken konnte die französische Regierung den Unabhängigkeitskampf der Tunesier nicht mehr. Am 3. Juni 1955 erhielt das ehemalige Protektorat die innere Autonomie, am 20. März 1956 erkannte Frankreich schließlich die Unabhängigkeit Tunesiens an. In die erste unabhängige Regierung unter Habib Bourguiba trat auch Ahmed ben Salah ein, der die UGTT zuvor beim IBFG in Brüssel vertreten hatte und der 1954 zum Generalsekretär der Organisation gewählt worden war. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Geschichte Tunesiens durch die UGTT in entscheidender Weise mitgeprägt. Dabei fungierten die tunesischen Gewerkschaften in den verschiedenen Phasen nach der Unabhängigkeit sowohl als Gegenmacht wie als Ordnungsfaktor eines schnell in den Autoritarismus abgleitenden Regimes.

Mit der Unabhängigkeit 1956 und im weiteren mit der Rolle der Gewerkschaften in der „Jasmin-Revolution“ geht es in Teil II in Kürze weiter.

 


[1]   Vgl. „UGTT, le syndicat qui a politisé la 'Révolution du jasmin'," in: Jeune Afrique vom 20.01.2011 <http://www.jeuneafrique.com/actu/20110120T150134Z20110120T150  023Z/>.

[2]   Vgl. hierzu z.B. die Nachricht der Internationale Union der Lebensmittel- und LandarbeitnehmerInnen (IUL) vom 18. Januar 2011: „Die UGTT unterstützt die Proteste in Tunesien mit Streiks“ <http://cms.iuf.org/?q=de/node/705>.

[3]   Zu Muhammed Ali vgl. Gerhard Höpp (édité et complété par Joshua Rogers et Kathrin Wittler), Muhammed Ali à Berlin, herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Tunis 2009. Die Broschüre findet sich auch im Internet:

http://festunis.org/media/2010/Publications/10_WEB_Pub_FES_Ali.pdf

[4]   Ebd., S. 23.

[5]   Zu Haddad vgl. die jüngst erschienene Biographie von Iman Hajji, Ein Mann spricht für die Frauen: at-Tahir al-Haddad und seine Schrift 'Die tunesische Frau in Gesetz und Gesellschaft', (Islamkundliche Untersuchungen Bd. 291), Berlin 2009.

[6]   1956 nahm der erste Staatspräsident des unabhängigen Tunesien, Habib Bourguiba, die Thesen von Tahar Haddad als Grundlage für die Ausarbeitung des modernsten arabischen Familienrechts in der arabischen Welt. Neben dem Polygamieverbot und dem Verbot von Zwangsehen beinhaltete es auch die prinzipielle juristische Gleichstellung von Mann und Frau bei Scheidungen, eine Regelung, die in den 1950er Jahren nicht nur für die arabische Welt vorbildlich war; vgl. hierzu allgemein Hajji (gesamt) sowie Claude Liauzu, Habib Bourgiba, Héretier de Tahar Haddad et des militants réformistes des années 1920?, in: Michel Camau/Jellal Abdelkafi, Habib Bourguiba, la trace et l'héritage, Paris 2004, S. 21-28.

[7]   Vgl. Höpp, Muhammed Ali, S. 24f.

[8]   Vgl. ebd., S. 26; gewerkschaftliche Betätigung war in den französischen Protektoriatsgebieten keineswegs verboten. Um die Belange der tunesischen Arbeitskräfte kümmerte sich – jedenfalls in der Theorie – die tunesische Sektion des führenden französischen Gewerkschaftsbundes, der CGT. In der Praxis setzte sich diese jedoch wohl vornehmlich für die schmale Schicht der französischen Arbeitskräfte ein, die häufig als Vorarbeiter und Kolonnenführer ihre tunesischen Kollegen zu beaufsichtigen hatten.

[9]   Ebenda.

[10] Vgl. hierzu wiederum Höpp, Muhammed Ali, S. 28f.

[11] Zu Hached vgl. Abdelaziz Barrouhi, „Justice pour Farhat Hached“, in: Jeune Afrique vom 2.4.2010 <http://www.jeuneafrique.com/Article/ARTJAJA2567p048-049.xml0/>.

[12] Vgl. hierzu Werner Plum, Gewerkschaft und soziale Lage in Tunesien, in: Gewerkschaftliche Monatshefte (GMH) 11/1958, S. 679-683.

[13] Ebd., S. 679.

[14] Vgl. Gewerkschaftsrundschau, in: GMH 1/1953, S. 59.

[15] Vgl. ebenda.


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Dr. Rainer Fattmann
Historiker und selbständiger wissenschaftlicher Publizist.
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