Deutscher Gewerkschaftsbund

09.10.2019

Solidarität – eine starke Idee schwächelt

Es ist nicht selbstverständlich, solidarisch zu sein. In diesen Zeiten des neoliberalen Dogmas weniger denn je. Der Soziologe Heinz Bude zeichnet in seinem jüngsten Buch Geschichte und Bedeutung des Begriffs Solidarität nach und fragt nach dessen heutiger Bedeutung. Das ist komplex, streitbar und sehr kurzweilig.

 

Von Peter Kern

Blick in eine Autofabrik, in der Roboter rechts und links eines Fließbandes Karosserien zusammensetzen.

Die Automatisierung der Fertigung ist schon weit vorangeschritten. Die Digitalisierung ermöglicht es aber auch, dass in den Angestelltenbüros immer mehr Aufgaben automatisiert werden. Was heißt das für die Solidarität? DGB/Simone M. Neumann

Der Unternehmensberater, Spezialist für schlanke Produktionsmethoden, schaut sich eine Weile all die Handgriffe der zehnköpfigen Montagegruppe an. Dann bedeutet er zwei Arbeitern, sich hinter die markierte Linie zu begeben, die den Arbeitsplatz des Teams gegen die vor- und nachgelagerten Bandabschnitte begrenzt. Nun fordert er die acht Monteure auf, die Jobs der beiden Aussortierten in ihre Abläufe zu integrieren. Lean production meets job rotation, so sein Kommentar. Der Kommentar der Opel-Arbeiter: Alle treten geschlossen hinter die Linie und zeigen so, dass sie ohne Karl-Heinz und Achmed am Vectra nicht weiterschrauben werden.

Solidarität stößt im wahrsten Sinne des Wortes immer öfter an Grenzen

Szenenwechsel: Die neue Autofabrik von General Motors/Opel im neuen EU-Land Polen ist hochgezogen und mit dem Modellwechsel sinken die Stückzahlen im Westen, während sie in dem osteuropäischen Land steigen. Die Gewerkschaft des gebeutelten deutschen Standorts tritt an ihre polnischen Kollegen heran: Share the gain, share the pain (Teile den Gewinn, teile das Leid) – so der Appell an die Solidarität. Wachsende Stückzahlen sollten beiden Fabriken zugutekommen, sinkende von beiden getragen werden.

Die Solidarność kann der Solidaritätsparole jedoch nichts abgewinnen. Den ehemaligen Gruben- und Stahlarbeitern Schlesiens, die eine Anstellung bei einem Autokonzern als Lottogewinn begreifen, hätte man schlecht Verzicht predigen können. An pain hatten sie in den langen Jahren der Arbeitslosigkeit genug; sogar Prostitution von Ehefrauen war ein Mittel, dem Elend zu entgehen. Vom Rahm, vom gain, etwas abzuschöpfen, kam nicht in Frage. Wer konnte es ihnen verdenken? Die Löhne in Gliwice machten zudem kaum ein Viertel der in Bochum gezahlten aus. Die grenzübergreifende Solidarität bei General Motors hat nicht funktioniert.

Modernes Großraumbüros, in dem die Angestellten in der Mitte auf Sesseln und einem Sofa sich gegenüber sitzen. Rechts im Hintergrund stehen Arbeitstische.

So sieht das moderne Büro in Start-ups aus. Nur zum "Kurzschlaf einladende Rückzugsorte mit meditativem Klangteppich" gibt es, anders als Bude vermutet, hier nicht. DGB/dotshock/123rf.com

Wie zustande kommt, was von Eigeninteresse ebenso gespeist wird wie von Mitgefühl, was mehr ist als ein Vertrag, aber weniger als Liebe, will der Soziologe Heinz Bude mit seinem Buch Solidarität zeigen. Das Elixier der Gewerkschaftsbewegung? Bude vermeidet souverän alle „ausgeleierten Begriffsschablonen.“ Es ist ein gelehrtes Buch, handelt von griechischer Philosophie, römischem Recht, sizilianischer Mafia, christlicher Bergpredigt, französischer Revolution, deutscher Sozialdemokratie, von den Proletariern aller Länder und von der Systemtheorie. Aber das Buch ermüdet nicht, weil es kurzweilig geschrieben ist. Begriffsgeschichte und Realgeschichte erhellen sich gegenseitig.

Wo soll Solidarität herkommen, wenn Gehalt sich nicht mehr dem Tarifvertrag verdankt?

So auch mit Blick auf die Nachkriegszeit: Der ehemalige Buchenwaldhäftling, Kommunist und Bezirksleiter der IG Metall trifft damals auf den früheren SS-Untersturmführer und später ermordeten Arbeitgeberpräsidenten. Beide sind dazu verdammt gemeinsam Verhandlungslösungen zu finden. Hier Willi Bleicher, der in der Kleiderkammer des Konzentrationslagers das Judenkind Stefan Jerzy Zweig versteckt und gerettet hat; dort Hans Martin Schleyer, der die 'Arisierung' von Unternehmen in Böhmen und Mähren vorangebracht hat. Gott in seinem Zorn habe die beiden zusammengeführt, so ein Zeitzeuge dieser Begegnungen. Den freien Samstag in der Metall- und Elektroindustrie hat Bleicher seinem Gegenüber mit Streiks und Streikdrohung abgerungen. Bude hat Bleicher ein Denkmal gesetzt.

Das Buch ist ein politischer Essay, der dem Gegenwartsproblem nicht aus dem Weg geht. Früher war die Fabrik der originäre Ort der Solidarität; hier fand das "Making of the working class" (Die Entstehung der Arbeiterklasse) statt, um es mit einem leicht abgewandelten Buchtitel des englischen Historikers E.P. Thompson zu sagen. Was bleibt von der Idee, wenn heutzutage das Büro der dominierende Arbeitsplatz ist, fragt Bude.

Mann mit Brille, leicht unscharf im Hintergrund, hält nach vorn eine Postkarte in die Kamera.

Die Gewerkschaften werben unermüdlich für Solidarität, so auch hier auf dem letzten Bundeskongress des DGB. Doch der Begriff hat nicht mehr die Strahlkraft, die er einst hatte. DGB/Simone M. Neumann

Nüchtern, ernüchternd sind die Abschnitte seines Buchs über die Angestellten. Wo soll Solidarität herkommen, wenn sich das Gehalt nicht mehr dem Tarifvertrag und vielleicht gar einem Streik verdankt? Wenn sich das Einkommen der Angestellten zunehmend aus einer Kombination von betrieblich vorgegebenem Gehalt, leistungsabhängigem Bonus und Dividende aus Aktienfonds zusammensetzt? Braucht es dann noch Gewerkschaften, rote Fahnen, Reden per Megaphon und Solidaritätsappelle? "So vergeht die gefährlich große Idee der Solidarität", schreibt Bude.

Bude warnt zu Recht davor, dass die Rechten den Begriff Solidarität instrumentalisieren

Die Passage über die Angestellten ist die wichtigste, aber zugleich die schwächste des Buchs, was nicht daran liegt, dass es am Positiven fehlt. Ein auf Optimismus getrimmtes Pamphlet braucht kein Mensch. Es fehlt an einer Soziologie der Büroarbeit, so wie es einmal eine von Horst Kern und Michael Schumann betriebene Soziologie der Industriearbeit gab. Bude sitzt literarischen Bildern auf, weiß von zum "Kurzschlaf einladenden Rückzugsorten mit meditativem Klangteppich" zu berichten. Niemand hat diese Orte je in Funktion gesehen, so wenig wie den sagenumwobenen, stets unbenutzten Tischkicker im Startup-Betrieb. Es fehlen realistische soziologische Innenaufnahmen der Call Center, Kompetenzzentren, Personalabteilungen und IT-Labors.

So bleibt ungeklärt, ob die Mehrheitsgesellschaft der Angestellten für Solidarität nicht doch empfänglich sein könnte. Was passiert, wenn der Algorithmus im Backoffice ähnlich vorankommt, wie die Automatisierung in der Fertigung? Keimt mehr als ein zartes Pflänzchen, wenn die Gewerkschaften an den technischen Universitäten allmählich Fuß fassen? Diese Fragen sind für die Zukunft dieser Gesellschaft ebenso wichtig wie die nach der gelingenden Mobilitäts- und Energiewende.

Bude ist kein Verkäufer auf dem Markt der neusten Selbstfindungsliteratur. Über Achtsamkeit wird man in seinem Buch nichts lesen, dafür aber über den Versuch, das gute Wort Solidarität zu kapern und es völkisch aufzuladen. Die Gewerkschaften haben allen Grund, sehr achtsam zu sein, wenn die Rechte mit der Rhetorik der Linken ein Wir gegen Die da oben aufstachelt, und es ihr mit dieser Demagogie gelingt, bis an den Rand politischer Macht vorzudringen. Das ist die größte, den Autor umtreibende Sorge. Sie nicht zu beschwichtigen, ist ein Verdienst seines Buchs.

 


 

Buchumschlag von Heinz Budes Buch "Solidarität".

Hanser Verlag

Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. Hanser Verlag, München 2019, 176 Seiten, 19 Euro.


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Kurzprofil

Peter Kern
ist Leiter einer Schreibwerkstatt. Davor war langjährig politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall.
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