Deutscher Gewerkschaftsbund

17.05.2022
Corona-Pandemie

Die feinen Unterschiede

Ungleichheit nach Corona

Aus verschiedenen Perspektiven beschreiben Christoph Butterwegge und Sabine Rennefanz die sozialen Folgen der Pandemie. Sie richtet den Blick auf Frauen und Kinder, er auf Arme und Benachteiligte.

Sitzen verboten: Stühle an einem Flughafen während der Pandemie

Social Distance nach Corona: gesellschaftliche Abstände und Ungleichheiten werden größer. Pixabay/Michael Gaida

Nach gut zwei Jahren Pandemie häufen sich die Publikationen, die das politische Handeln in der Corona-Krise bilanzieren. Die Journalistin Sabine Rennefanz konzentriert sich in ihrer Rückschau auf die Konsequenzen für Frauen und Kinder, der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge beleuchtet sozialpolitische Auswirkungen. Ungleichheit ist für ihn “das Kardinalproblem unserer Gesellschaft, aus dem Armut, Prekarität und privater Reichtum erwachsen”. Daher müsse dies “auch im Mittelpunkt der Diskussion über die Pandemiefolgen stehen”. Das Virus habe die deutsche Gesundheitspolitik vor die “härteste Bewährungsprobe seit Jahrzehnten” gestellt. Wie im Brennglas seien soziale Schieflagen sichtbar, aber zu wenig dagegen unternommen worden.

Rennefanz: „für Frauen eine Wasserspritzpistole“

“Frauen und Kinder zuletzt” titelt Rennefanz und betont die geschlechtsspezifischen Unterschiede: “Am Anfang hieß es, wir sitzen alle in einem Boot, das Virus trifft uns alle gleich, aber das stimmt nicht.” Skandalös findet sie vor allem die Verteilung der milliardenschweren staatlichen Wirtschaftshilfen: Diese seien zu 73 Prozent an Betriebe mit überwiegend männlichen Beschäftigten gegangen. Nur 4,2 Prozent der Gelder flossen in Branchen, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten. Für Rennefanz ein klares Gender-Gefälle: “Warum gibt es für Männer, wenn es eng wird, eine Bazooka, und für Frauen eine Wasserspritzpistole?”

Hat Corona Fortschritte bei der Geschlechtergerechtigkeit zunichte gemacht? Die Universität Bielefeld und das Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung präsentierten im Juni 2020 auf der Basis des sozio-ökonomischen Panels Fakten. Das Wissenschaftlerteam hatte nachgefragt, wie viel Zeit Eltern mit minderjährigen Kindern während des ersten Lockdowns für Betreuung und Hausarbeit aufgewendet hatten. Mütter kamen auf 7,6 Stunden, Väter auf 4,2 Stunden pro Tag. Im Vergleich zu “vor Corona” errechneten sich zwei Stunden zusätzlich für beide Geschlechter. Die These vom Rückfall in alte Verhaltensmuster untermauert die Studie also nicht: Frauen leisteten nach wie vor mehr unbezahlte Sorgearbeit, doch die durch das Homeschooling entstandene Belastung teilten die Paare paritätisch unter sich auf.

Schon 2019 hatte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) die Zeitverwendung von Männern und Frauen im Homeoffice untersucht. Die Studie kam zu wenig ermutigenden Resultaten. Danach nutzten Väter die Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten eher für berufliche Überstunden als für familiäre Tätigkeiten.

Mehr Frauen haben über die Pandemie ihren Beruf aufgegeben oder sind in Teilzeit gegangen.

Vorwiegend Frauen haben während Pandemie ihre Arbeitszeiten reduziert oder Berufe aufgegeben. Das hat Auswirkungen auf den allgemeinen durchschnittlichen Stundenlohn von Frauen. WSI

Doch lässt sich dieses Ergebnis einfach auf die vergangenen zwei Jahre übertragen? Eine Erhebung des Wiesbadener Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) über “Eltern während der Corona-Krise” weist diese These explizit zurück, die Beteiligung der Männer an der Sorgearbeit habe während der Pandemie sogar zugenommen. Ihr Anteil sei von 33,3 Prozent auf 41,5 Prozent gestiegen. “Die Aufgabenteilung stellt sich egalitärer dar”, so das Fazit von BiB-Direktor Norbert Schneider. Ein Gleichstellungsreport des WSI zeigt allerdings, dass aktuell Frauen gegenüber Männern viermal so häufig in Teilzeit arbeiten. Das habe negative Auswirkungen auf den durchschnittlichen Stundenlohn von Frauen, der etwa 18,3 Prozent unter dem von Männern liegt.

Macht einen Unterschied: Eigenheim oder Arbeiterwohnung

Christoph Butterwegge moniert in seinem neuen Buch die ungleichen sozialen Folgen der Pandemie. Die Dekrete gegen die Ausbreitung des Virus ließen sich im bürgerlichen Eigenheim besser aushalten als in einer kleinen Arbeiterwohnung. Er benennt wichtige Aspekte, die in der oft naturwissenschaftlich geprägten Debatte zu kurz kamen. Es dauerte Monate, bis die psychosozialen Folgen der Eindämmungspolitik diskutiert wurden: verstörte Kinder und Jugendliche, überforderte Eltern; vereinsamte Heimbewohnerinnen ohne Besuch; durch verfehlte Hilfsprogramme im Stich gelassene Soloselbständige und Kleinunternehmer; psychische Erkrankungen bis hin zu klinischen Depressionen und Suiziden; nicht zuletzt die gravierenden Einbrüche im Betreuungs- und Bildungssystem, die vor allem die ohnehin Benachteiligten trafen.

Vorwiegend weibliche Ersatzlehrerinnen übernahmen den improvisierten Unterricht zu Hause. Als die öffentlichen Bildungseinrichtungen dichtmachten, mussten das vor allem die Mütter ausgleichen. Vieles deutet darauf hin, dass die männliche Nutzung des mobilen Arbeitens im Vergleich zum Beginn der Coronakrise wieder gesunken ist. Das Angebot Homeoffice wurde in vielen Unternehmen eingeschränkt oder gleich ganz abgeschafft. Die Bedeutung professioneller Heimarbeit wird ohnehin überschätzt: Selbst zu Beginn der Pandemie saßen maximal 40 Prozent der Erwerbstätigen zu Hause. Es handelte sich stets um ein Privileg meist gut situierter Wissensberufe, mobiles Arbeiten ist nur in stark “digitalisierten” Branchen möglich.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter, betont Sabine Rennefanz, sei kein “Accessoire für fette Jahre” und Homeoffice nicht das “feministische Paradies”. Sie kritisiert zu lange zugesperrte Schulen und die Konsequenzen für Kinder und Jugendliche. Nachbarländer wie Frankreich hielten ihre Bildungsinstitutionen stets offen, selbst als es noch keine Impfungen und nicht einmal Tests gab. Während die Politik darüber stritt, ob man die Tätigkeit von Baumärkten, Biergärten oder Bundesligisten unterbinden dürfe, gab es Christoph Butterwegge zufolge “fast keine vernehmbare Widerrede”, als Tagesstätten, Schulen und Jugendzentren geschlossen wurden. Die Corona-Krise habe bewusst gemacht, dass Bildungsorte “nicht bloß Institutionen der Wissensvermittlung, sondern auch wichtige Lebensräume und Kontaktbörsen junger Menschen jenseits des Unterrichtsalltags sind”. Er fordert eine verstärkte Kinder- und Jugendpolitik, die „vulnerable Gruppen wie Minderjährige sowie deren Familien“ unterstützt. Sonst habe die “in vielerlei Hinsicht zerrissene” nachwachsende Generation “ebenso wenig eine rosige Zukunft wie die auseinanderdriftende Gesellschaft, in der sie lebt”.

Trotz Beifall wenig konkrete Hilfe

Während Veranstaltungen unter freiem Himmel untersagt wurden oder strenge Auflagen erfüllen mussten, “standen viele Arbeiter/innen – manchmal sogar ohne medizinische, Alltags- oder FFP2-Maske – dichtgedrängt am Fließband, sofern der zuständige Betriebsrat nicht für die Einhaltung der nötigen Arbeitsschutzmaßnahmen sorgte”. Nach dem Beifall auf Balkonen für das Gesundheitspersonal folgte wenig konkrete Hilfe. Manche Beschäftigte in den sogenannten systemrelevanten Bereichen erhielten Sonderprämien; gravierende tarifliche Hochgruppierungen und damit Gehaltssprünge nach oben gab es selten. Eine Studie des DIW stellt fest, dass überdurchschnittlich viele Frauen während der Pandemie ihre Tätigkeit aufgaben. Wie in längst vergangenen Zeiten zogen sie sich zurück in die “stille Reserve”, wie das die Arbeitsmarktforschung nennt: Sie begnügten sich mit ihrer Rolle als Mütter, arbeiten seither als prekäre Minijobberinnen oder leben von der Grundsicherung.

Christoph Butterwegge: Die polarisierende Pandemie. Deutschland nach Corona. Beltz Juventa Verlag, Weinheim, 250 Seiten, 19,95 Euro.

Sabine Rennefanz: Frauen und Kinder zuletzt. Wie Krisen gesellschaftliche Gerechtigkeit herausfordern. Ch. Links Verlag Berlin, 144 Seiten, 18 Euro.


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Kurzprofil

Thomas Gesterkamp
Thomas Gesterkamp schreibt seit über 30 Jahren als Journalist über die Arbeitswelt und Familienpolitik.
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