Deutscher Gewerkschaftsbund

04.06.2019

Deng Xiaopings Sieg

Lange dachte man in den westlichen Staaten, dass freiheitliche Demokratie und Kapitalismus untrennbar miteinander verbunden seien. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Chinas illiberaler Kapitalismus hat sich seit dem Tian’anmen-Massaker 1989 zu einem attraktiven globalen Modell gemausert.

 

Von Ian Buruma

Platz des Himmlischen Friedes mit Touristen.

Heute flanieren Touristen über den Platz des Himmlischen Friedens und nichts erinnert daran, wie brutal Chinas Regime die Studentenproteste 1989 niederschlug. DGB/Saad Akhtar/Wikimedia Commons/CC BY 2.0

Chinas enorme Protestbewegung vom Frühjahr 1989 scheint die gescheiterte antikommunistische Revolte schlechthin zu sein. Während ihrer brutalen Niederschlagung am und nach dem 3. und 4. Juni erlangte Mitteleuropa seine politische Freiheit – zuerst Polen und Ungarn und anschließend auch die DDR und die Tschechoslowakei, Bulgarien und, gewaltsam zwar und relativ undemokratisch, Rumänien. Innerhalb der nächsten beiden Jahre fiel schließlich die von Michail Gorbatschows Reformen aufgebrochene Sowjetunion in sich zusammen.

Diese demokratischen Revolutionen folgten den nach "People Power" strebenden Rebellionen in Nordost- und Südostasien ein paar Jahre zuvor. Was war das Leben in jenen Tagen doch für eine Freude. Francis Fukuyama war nicht der einzige Amerikaner, der glaubte, die freiheitliche Demokratie hätte ein für alle Mal gewonnen. Es gäbe keine Alternative zur weithin als natürliche Symbiose betrachteten Verbindung zwischen Kapitalismus und offenen Gesellschaften; das eine könne ohne das andere nicht existieren. Wenn die Mittelschicht erst einmal ihre wirtschaftliche Freiheit hätte, würde die wahre Demokratie mit Sicherheit folgen.

Hatte in China 1989 wirklich der Kommunismus gesiegt?

So ausgeprägt war das Gefühl freiheitlichen Triumphes nach dem Kalten Krieg, dass viele westliche Länder – besonders die USA – keinen Grund mehr sahen, die animalischen Instinkte des freien Unternehmertums mit einer Menge staatlicher Regeln in Schranken zu halten. Dies war zugleich die Botschaft, die verschiedene Evangelisten des Neoliberalismus ins postkommunistische Europa trugen.

China schien der Sonderfall zu sein. Von hinterwäldlerischen Nestern wie Kuba und Nordkorea abgesehen hatte die kommunistische Herrschaft nur dort noch Bestand: China wurde weiter von der Kommunistischen Partei regiert. Doch war das wirklich ein Sieg des Kommunismus? In Wahrheit war, was 1989 aus dem Massaker an wehrlosen Studenten und anderen Bürgern hervorging, überhaupt kein Kommunismus, sondern Deng Xiaopings Version eines autoritären Kapitalismus.

Ein Mann steht vor Panzern auf der Straße am Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

In China bekommt am 30. Jahrestag des Massakers an Protestierenden niemand dieses ikonische Bild zu sehen. DGB/Archiv

Deng war im Westen bejubelt worden, weil er Jahrzehnten maoistischer Autarkie abgeschworen und China für globale Unternehmen geöffnet hatte. Er ließ das kapitalistische Unternehmertum mit den Worten von der Leine: "Lasst erst mal einige Leute reich werden" – eine Formulierung, die dann in der Abwandlung "Reich zu werden, ist glorreich" Verbreitung fand. Dies war die Ideologie, die man vor den Studenten verteidigen musste, die gegen die Korruption protestierten und politische Reformen verlangten; dies war der Grund, warum zur Niederschlagung der Revolte Panzer der Volksbefreiungsarmee eingesetzt wurden. Es war eine brutale Reaktion, aber eine, über die ein Mitglied der Parteiführung äußerte: "Was die Befürchtung angeht, dass die Ausländer nicht mehr investieren würden: Da mache ich mir keine Sorgen. Die ausländischen Kapitalisten wollen Geld verdienen, und sie werden einen für die Welt so bedeutenden Markt wie China niemals aufgeben."

Haltet euch raus aus der Politik und werdet reich - das ist Chinas Deal

China blickte nie zurück - und zwar im Wortsinn wie bildlich, denn die Ereignisse vom 3. und 4. Juni zu erwähnen ist ein Tabu. Die Wirtschaft entwickelt sich bald mit Volldampf, und die gebildeten Schichten der Städte, aus denen die meisten der studentischen Demonstranten des Jahres 1989 stammten, profitierten enorm. Man machte ihnen mehr oder weniger dasselbe Angebot wie den wohlhabenderen Bürgern Singapurs oder sogar Japans (obwohl diese Länder keine Diktaturen sind): Haltet euch raus aus der Politik, stellt die Autorität des Einparteienstaates nicht in Frage, und wir schaffen die Voraussetzungen, damit ihr reich werdet.

Selbst gebildete junge Chinesen wissen heute wenig bis gar nichts über die Geschehnisse vor 30 Jahren. Und tun sie es doch, reagieren sie auf Ausländer, die das Thema ansprechen, häufig mit gereiztem Nationalismus, so als wäre es ein Zeichen einer chinafeindlichen Geisteshaltung, darüber zu reden. Vermutlich ist diese Abwehrhaltung das Ergebnis leichter Schuldgefühle. Viele Menschen haben von einem schäbigen Geschäft profitiert.

Im Jahr 2001 – ein Jahr, nachdem in Russland Wladimir Putin an die Macht kam – reiste ich von Peking nach Moskau und schrieb einen Artikel, in dem ich einen für Russland günstigen Vergleich des Landes zu China zog. Ich nahm damals an, dass Russland auf gutem Wege sei, eine offene Demokratie zu werden. Ich hatte Unrecht. Tatsächlich entwickelte sich Russland mehr in Richtung von Deng Xiaopings China, wenn auch zu einer weniger erfolgreichen Version. Einige wurden enorm reich. Teile Moskaus erwecken heute den Eindruck eines neuen "Gilded Age".

Menschen halten Kerzen hoch. Im Vordergrund ist eine Kerze scharf zu erkennen, die anderen Kerzen im Hintergrund sind nur als unscharfe Lichtkegel zu sehen.

An die Proteste von 1989 wird in Hongkong und anderen Orten mit Gedenkveranstaltungen erinnert. DGB/ryanne lai/Wikimedia Commons

Etwas Ähnliches passierte in den mitteleuropäischen Ländern. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán ist der lautstärkste ideologische Fürsprecher der "illiberalen Demokratie", eines Systems der repressiven Einparteienherrschaft, in der trotzdem der Kapitalismus florieren kann. Und es scheint, als würden die rechtspopulistischen Demagogen Westeuropas und selbst der USA diesem Beispiel gern folgen. Wie Donald Trump sind sie alle mehr oder weniger vorbehaltlose Bewunderer Putins.

Das war natürlich so nicht vorgesehen. Zu ausgeprägt war die Annahme – insbesondere in Amerika, aber auch in den meisten anderen westlichen Ländern –, dass freiheitliche Demokratie und Kapitalismus untrennbar miteinander verbunden seien. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Es ist ohne weiteres möglich, in einem Einparteienstaat, in dem grundlegende politische Freiheiten unterdrückt werden, ein reicher Unternehmer oder bloß ein wohlhabender Verbraucher aus der Mittelschicht zu sein.

Singapurs autoritärer Kapitalismus hätte uns eine Warnung sein müssen

Wir hätten das eigentlich von Anfang an wissen müssen. Singapur bot ein perfektes Beispiel für einen autoritären Kapitalismus. Dies wurde missachtet, weil Singapur zu klein war oder weil, wie Singapurs Herrscher unermüdlich betonen, „Asiaten“ kein Interesse an Demokratie hätten. Dass Letzteres nicht stimmte, bewies die chinesische Protestbewegung von 1989. Demokratische Reformen, die die Rede- und Versammlungsfreiheit garantieren, waren für die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens von großem Interesse.

Was in China nach Niederschlagung der Proteste passierte, deutet auf eine weitere Wahrheit hin. China war 1989 durchaus kein Sonderfall. Der illiberale Kapitalismus hat sich seitdem als attraktives Modell für Autokraten weltweit etabliert, und zwar auch in Ländern, die es vor 30 Jahren geschafft hatten, die kommunistische Herrschaft abzustreifen. Die Chinesen waren lediglich die Ersten.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Ian Buruma
ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Bis September 2018 leitete er die renommierte Zeitschrift New York Review of Books.
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