Deutscher Gewerkschaftsbund

16.08.2021

Die Zukunft der Automobilbranche

Das Klima dominiert den Wahlkampf und dies zurecht. Das sehen die in der Autobranche Beschäftigten so. Sie erteilen der IG Metall ein überzeugendes Mandat, mit einer Politik fortzufahren, die Arbeitsplätze sichert und den ökologischen Umbau vorantreibt. Es reicht allerdings nicht aus, nur aufs E-Auto zu setzen.

 

Von Peter Kern

Symbolische Darstelleung eines Autos mit Kabel und Stecker, auf Asphalt gemalt.

Der Umbruch weg vom Verbrennungsmotor ist unabdingbar, doch es gibt nicht nur einen Weg zum CO2-freien Autoverkehr. DGB/boarding1now/123rf.com

Die Schätzungen schwanken. Doch es geht um die Größenordnung von 100.000 Menschen. So viele könnten beim Wechsel vom konventionellen zum elektrisch betriebenen Automobil ihren Arbeitsplatz verlieren. Der Strukturwandel und die noch immer unbeherrschte Pandemie überlagern sich, und dann kommt noch der aktuelle Mangel an den unverzichtbaren Microchips dazu. Wer in der Automobilindustrie sein Geld verdient, durchlebt eine Phase höchster Anspannung.

Auch die Beschäftigten sind für den Umbau der Automobilindustrie

Die erste Welle der Entlassungen traf die befristetet Beschäftigten und die in Leiharbeit oder mit Werkvertrag Beschäftigten, darunter von sogenannten Ingenieurs-Dienstleistern zur Verfügung gestellte Fachleute. Es ist dem Instrument der Kurzarbeit zu verdanken, dass größere Entlassungswellen bisher zu verhindern waren. Zeitweilig wurden zwei Drittel der Belegschaft von Audi, BMW & Co nach Hause geschickt und vom Arbeitsamt alimentiert. Die Sorge um den Arbeitsplatz steckt seither tief in den Knochen: Ein Drittel der Stammbelegschaft und über 40 Prozent der in der Produktion Arbeitenden sieht den eigenen Arbeitsplatz gefährdet. Das ergab Umfrage der IG Metall

Die Skepsis gegen das E-Automobil ist hier groß, aber es ist kein grundsätzlicher Vorbehalt. Die auf Interviews mit Betriebsräten basierende Studie "E-Mobilität, ist das die Lösung?" der Rosa Luxemburg Stiftung belegt diesen Befund. Der Umbau ihrer Industrie ist unumgänglich, um der Abgasbelastung Herr zu werden und dem Klimawandel gegenzusteuern. Das sehen die in der Autobranche Beschäftigten, auch wenn ihnen häufig ein Strukturkonservatismus angedichtet wird; nur eine Minderheit ist gegenteiliger Meinung. Was von Teilen der Belegschaften angezweifelt wird, ist die ausschließliche Elektrifizierungs-Strategie, die schadstoffarmen Verbrennungsmotoren als Übergangslösung keine Chance einräumt.

 

Das Dilemma der fehlenden Ladestationen macht solche Pragmatik verständlich. Ihr Ausbau kommt nur im Schneckentempo voran, ebenso der Ausbau des regenerativen Stromnetzes, das die Ladesäulen mit sauberer Energie versorgen soll. Nicht einmal 20 Prozent der benötigten Stromtrassen sind realisiert; langjährige Genehmigungsverfahren verzögern den Netzausbau. Auf den deutschen Straßen sind bald 50 Millionen Autos unterwegs, davon eine Million Elektrofahrzeuge. Ihnen stehen aktuell nicht einmal 25.000 Aufladestationen gegenüber.

Text, in dem angekündigt wird, dass bald mehr Busse mit Srom fahren werden, mit einem gelben Bus daneben.

Die Mobilitätswende kann nur gelingen, wenn der Öffentliche Nahverkehr deutlich ausgebaut wird - und sich ebenfalls endlich von den Dieselmotoren verabschiedet. Die Berliner Verkehrsbetriebe versprechen das immerhin schon. DGB/BVG

Die Elektrifizierung des Verkehrs, die Durchdringung sämtlicher Unternehmensbereiche mit cyber-physikalischen System, Stichwort Industrie 4.0, wird deutlich mehr an Stromkapazität verlangen, wie der Bundeswirtschaftsminister errechnen ließ. Wie schnell lassen sich diese Mängel beheben, in fünf, in zehn Jahren? In diesen Zeiträumen könnten Modelle mit den neu entwickelten Verbrennungsmotoren, welche die Vorgaben der EU um den Faktor zehn unterschreiten, durchaus Sinn ergeben. Zur Skepsis der Beschäftigten trägt der Zustand des öffentlichen Verkehrsnetzes wesentlich bei. Es ist nicht nur oft gar nicht verfügbar, wenn man es braucht und abseits der großen Städte sein Häuschen hat, sondern bietet jede Menge Ärgernis: Zugausfall, Verspätung, überfüllte Abteile und hohe Preise. Es ist das über Jahrzehnte erlebte Unvermögen der Kommunal- und der Landespolitik einen kundenfreundlichen Mobilitätsservice zu schafften, und keine unverbrüchliche Treue zum Automobil, was vielfach die Ablehnung von Bus und Bahn motiviert.

Unternehmen drohen mit Stellenabbau, um Löhne zu drücken

Die 240.000 von der IG Metall Befragten – darunter 85.000 aus dem Fahrzeugbau – erteilen der IG Metall ein überzeugendes Mandat, mit einer Politik fortzufahren, die beides will: Arbeitsplätze sichern und den ökologischen Umbau mittragen. Die IG Metall kann es nicht dabei belassen, sich programmatisch der Nachhaltigkeit zu verschreiben; sie muss Vorschläge machen und durchsetzen, die dem hehren Begriff Realitätsgehalt verschaffen. Der an sie gerichteten Erwartung versucht sie mit großer Anstrengung zu entsprechen.

Sie hat sich mit Hilfe der befragten Beschäftigten ein Bild der Lage in den Unternehmen verschafft. 40 Prozent der Befragten vermissen demnach eine durchdachte Zukunftsstrategie ihrer Geschäftsleitung. Es ist ja keineswegs nur der Umbruch Richtung CO2-freie Produktion zu bewältigen. Dazu kommt der vom Internet of Things entfaltete Schub, der aufgegriffen werden muss, sollen nicht massiv Jobs verloren gehen. Deap Learning-Systeme kommen in den administrativen Bereichen schnell voran und bedrohen dort die typischen Angestelltentätigkeiten.

Trotz staatlicher Liquiditätshilfen bleiben die Unternehmen der Branche ihrer Haltung treu. Sie drohen, Produktion zu verlagern und Stellen abzubauen. Ihre Drohung soll zum Verzicht auf Teile des Gehalts und tariflicher Leistungen führen. Sie machen das Gegenteil dessen, was gegenwärtig nottäte: Vertrauen zu schaffen in das Gelingen des Umbruchs. Es gibt wenige Ausnahmen, aber dort, wo große Investitionen getätigt werden, wo ein Innovationsfonds eingerichtet wird, wo Qualifizierungsprogramme laufen, wächst das Vertrauen der Belegschaften in die Kraft, den Turnaround hinzubekommen.

Ein Arbeiter mit Laptop kontrolliert die Produktion.

Dort, wo große Investitionen getätigt werden, wo ein Innovationsfonds eingerichtet wird, wo Qualifizierungsprogramme laufen, wächst das Vertrauen der Belegschaften in die Kraft, den Turnaround in der Autoproduktion hinzubekommen. DGB/kinwun/123rf.com

Es ist nicht verwunderlich, wenn ein Drittel der Befragten des Automobilsektors seinen Arbeitsplatz als gefährdet sieht. Die IG Metall will ihnen neue Arbeitsplätze erstreiten. Verlagerte Tätigkeiten sollen rückverlagert, die Batteriezellen inhouse gefertigt und nicht zugekauft werden. Das Potential des auf Wasserstoff basierenden Motors für den Lkw-Verkehr soll weiter erforscht werden. Wichtig ist der Gewerkschaft der Erhalt des hohen Fachkräfteniveaus. Regionale Qualifizierungsverbünde erscheinen dafür hilfreich. Und neue Jobs sollen auch außerhalb der Autobranche entstehen. Ein effizientes Nahverkehrsnetz braucht Loks, Waggons und S-Bahnen, ein eng geknüpftes Energienetz erfordert einen Schub neuer Windräder.

Den rechten Demagogen muss mit innovativer Industriepolitik begegnet werden

Die IG Metall hat ihre Industriepolitik in den letzten Jahren stark aufgewertet. Neben der Tarif- und der Betriebspolitik ist sie die dritte tragende Säule. Industriepolitik ist auch eine Antwort auf die Politisierung, die die Autobranche erfahren hat. Vor den Werkstoren marschiert immer mal wieder die AfD auf; sie will sich an die Beschäftigten ranwanzen und wirbt mit dem plakatierten Stolz auf den deutschen Diesel. Den rechten Demagogen mit einem industriepolitisch aktiven Staat das Hetzgeschäft zu verderben, erscheint den Haupt- und Ehrenamtlichen der Gewerkschaft eine sinnvolle Strategie.

Das Klima dominiert den Wahlkampf und dies zurecht. Der gerade vorgelegte Bericht des Weltklimarats der Vereinten Nationen schockiert mit seiner Prognose. Die Erde erwärmt sich noch schneller als bisher errechnet. Den Ausstoß an Kohlendioxid drastisch zu reduzieren, muss in noch kürzer Zeit gelingen. Der Beitrag der Autoindustrie dazu ist dringlicher denn je. Die hier Beschäftigten wollen ihn leisten; daran hängt ihre berufliche Existenz. Ihre Berufsarbeit wollen sie aber auch tariflich abgesichert leisten. Der Klimaschutz darf nicht als Vorwand dienen, um an den Tarifen zu rütteln.


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Kurzprofil

Peter Kern
ist Leiter einer Schreibwerkstatt. Davor war langjährig politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall.
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