Deutscher Gewerkschaftsbund

14.10.2020
Podcast

Fremd in der Heimat mit oder ohne Maske

Podcast-Dauer: 6 min.
---
Diese Woche gibt es im Gegenblende Podcast die Kolumne ABC mit Renèe. Unsere Kolumnistin hat sich diese Woche den Buchstaben F vorgenommen, F wie Fremdheit oder auch F wie Flexibel bleiben. Das gilt für jeden und jede in die diesen Corona-Zeiten und beschäftigt sogar Philosophinnen, hat Renée Zucker festgestellt.

 


Kolumnentext:

Inzwischen haben sich die meisten von uns zwangsläufig an die Vermeidung oder Veränderung von Gesten unseres neuen Lebens gewöhnt: wir umarmen uns nicht mehr zur Begrüßung, wir schauen uns aufmerksam an, wenn wir im 2- Meter-Abstand voreinander stehen, wir nesteln vor dem Betreten der Schwimmhalle, Arztpraxis oder dem Geschäft nach der Maske und war es uns früher egal, wie jemand rumlief, den wir nicht kannten, so möchten wir ihn (denn es sind meistens ihmchen) heute darauf hinweisen, dass man die Maske über der oft kümmerlichen Nase trägt. Kurz, wir sind mit jeder Menge neuer Phänomene beschäftigt, die wir uns noch vor ein paar Monaten nicht hätten vorstellen können.
Dies, so habe ich jetzt gelernt, ist ein Mangel an Resilienz.

Akzeptieren, dass wir nichts unter Kontrolle haben

Resilienz nämlich, so erklärte es neulich die Philosophin Svenja Flaßpöhler im Fernsehen, ist nicht etwa, wenn man sich in Krisenzeiten so verhält wie man es im Normalalltag gelernt hat und darauf wartet, dass bald wieder die good old days zurückzukommen.
Resilienz ist vielmehr, sagte die Philosophin, wenn man die Kontingenz des Lebens akzeptiere - also: daß alles möglich ist hienieden und wir nichts wirklich unter Kontrolle haben. Kurz: das plötzlich Fremde annehmen und sich wie ein Flexitarier verhalten: nehmen, was geboten wird und offen für weiteres sein. Wir wissen ja: nichts bleibt wie es ist.

Als wir im Frühjahr noch keine Masken tragen, sondern nur Abstand halten sollten, (man erinnere sich, mit welcher Verachtung Weltärztebundoberst Montgomery über die "Lappen" sprach, die manche im Gesicht hätten, dabei waren genau die Lappenträger die im philosophischen Sinne resilienten, denn es gab ja gar keinen anderen Mundnasenschutz zu kaufen, mit denen wir uns alle wie Chirurgen hätten fühlen können) - damals also stellte ich mir Liebesgeschichten à la der zwei Königskinder vor, die einander von gegenüberliegenden Seeufern aus anschmachteten - in Tinderzeiten mal etwas ganz anderes, aber vermutlich ähnlich perspektivlos, ich habe bis jetzt jedenfalls keine happy ending Kennenlerngeschichte in Coronatagen gehört. Offenbar bleibt man sich gleich fremd bei zu viel oder zu wenig Nähe.

Man fühlt sich wie in einem Experiment

Dass man nicht mehr fremde Hände schütteln muss, dass im Supermarkt an der Ecke nur noch bis 23.00 eingekauft werden kann und es herrlich ruhig geworden ist; dass es vermutlich keine fetten Silvesterparties gibt und dass wegen zunehmender Kälte morgens nur noch halb so viele Jogger im verwunschen stillen und rauhreifglitzernden Park sind - das ist - , auch wenn es sich ungewohnt anfühlt und man sich manchmal wie ein Tourist in der eigenen Stadt vorkommt, wunderschön.

Man fühlt sich wie in einem Experiment und ist ehrlich gespannt darauf, wie es ausgeht. Oder wie der Postillon jubelte: die Deutschen sind bereit, dem Coronavirus eine zweite Chance zu geben.

Lektüretipp: Familiengeschichte und Gesellschaftskritik von Ayad Akhtar

Aber was lesen wir jetzt?

Unbedingt "Homeland Elegien" von Ayad Akhtar. Ein so trauriges wie wunderschönes Buch. Traurig, weil es gleich von einer doppelten Entwurzlung spricht, die das Ärztepaar aus Pakistan erlebt, das in die USA emigriert, während ihrem durch und durch amerikanischen Sohn, der Ich-Erzähler, seine Heimat seit dem 11. September 2001 zunehmend fremder wird. Die Mutter vergeht in schweigendem Heimweh und wegen einer unerfüllten Liebe; der Vater, ein anerkannter Kardiologe, verfängt sich in einer absurden Bewunderung für seinen ehemaligen Patienten Donald Trump. Gottseidank nicht für immer. Eine zu Herzen gehende Familiengeschichte, aber auch eine scharfe Gesellschaftskritik und eine unsentimentale, tiefe Beschäftigung mit einem Ich, das sich selbst durch unbekannte innere Orte folgt.

Das Wunderschöne an diesem Buch ist gewiss eine große Erzählkunst, aber vor allem die Unaufgeregtheit und beeindruckende Aufrichtigkeit des Pulitzer Theater-Preisträgers Ayad Akhtar - ein Roman, den man nicht nur einmal liest.


Nach oben

Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten